Der Verein füruns warnt vor Pauschalverdacht gegenüber gemeinnützigen Organisationen. Entscheidend sind Transparenz, Koordination und verlässliche Rahmenbedingungen.
Freiwilliges Engagement lebt nicht nur vom guten Willen einzelner Menschen. Der Verein füruns macht deutlich, warum Organisationen, Beratung und Koordination für Ehrenamt unverzichtbar sind.
Freiwilliges Engagement klingt oft nach spontaner Hilfsbereitschaft, funktioniert in der Praxis aber selten ohne Struktur. Genau diesen Punkt stellt der Verein füruns in den Mittelpunkt seiner Stellungnahme zur Nationalratsdebatte über NGO-Finanzierung. Wer freiwilliges Engagement stärken wolle, müsse jene Organisationen stärken, die Freiwillige beraten, begleiten, qualifizieren und koordinieren. Die Botschaft richtet sich gegen einen Pauschalverdacht gegenüber gemeinnützigen Organisationen, aber auch gegen eine romantische Vorstellung vom Ehrenamt.
Österreich ist ein Land des freiwilligen Engagements. Das Sozialministerium verweist auf rund 3,7 Millionen Menschen, die außerhalb des eigenen Haushalts freiwillig tätig sind. Über 48 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren leisten demnach irgendeine Form von Freiwilligenarbeit. Ein Teil davon passiert informell, etwa in Nachbarschaftshilfe. Ein anderer Teil läuft über Vereine, Hilfsorganisationen, Initiativen, Feuerwehren, Sportclubs, Kulturvereine, kirchliche Einrichtungen, soziale Organisationen oder Plattformen. Gerade dieser organisierte Teil braucht verlässliche Rahmenbedingungen.
Freiwillige wollen etwas Sinnvolles tun. Damit daraus ein wirksamer Einsatz wird, müssen Aufgaben beschrieben, Zuständigkeiten geklärt, Versicherungsfragen beantwortet, Erwartungen besprochen und Grenzen gesetzt werden. Wer mit Kindern arbeitet, braucht andere Standards als jemand, der bei einer Kulturveranstaltung hilft. Wer geflüchtete Menschen begleitet, braucht andere Vorbereitung als jemand, der im Sportverein Getränke ausschenkt. Freiwilligenarbeit ist vielfältig, und genau deshalb ist Koordination kein Luxus.
Füruns beschreibt sich als Zentrum für Zivilgesellschaft und begleitet Menschen sowie Organisationen, die sich freiwillig engagieren oder Engagement ermöglichen. Dazu zählen Beratung, Vernetzung, Bildungsangebote, digitale Vermittlung und Projekte wie Extremismusprävention. Solche Angebote wirken im Hintergrund. Sie sind oft weniger sichtbar als der konkrete Einsatz am Sportplatz, im Pflegeheim oder bei einer Hilfsaktion, aber sie entscheiden darüber, ob Engagement nachhaltig und sicher gelingt.
Die Debatte über NGO-Finanzierung ist legitim. Öffentliche Mittel müssen nachvollziehbar verwendet werden, Förderungen brauchen Kontrolle, und Organisationen sollten transparent arbeiten. Problematisch wird es, wenn aus berechtigter Kontrolle ein Generalverdacht wird. Dann geraten auch jene Strukturen unter Druck, die freiwilliges Engagement erst ermöglichen. Für kleinere Vereine kann schon die Angst vor politischer Stigmatisierung, Bürokratie oder öffentlicher Misstrauenskultur abschreckend wirken.
Das ist nicht nur ein Imageproblem für NGOs. Es betrifft die gesamte Infrastruktur des Gemeinwesens. Wenn Organisationen weniger planen können, weniger Personal für Koordination haben oder Förderungen unsicher werden, spüren das am Ende die Freiwilligen und jene Menschen, die Unterstützung brauchen. Ein Verein kann neue Freiwillige nicht einfach „laufen lassen“. Er muss sie einführen, begleiten und im Zweifel auch schützen. Gute Struktur verhindert Überforderung.
Das Sozialministerium formuliert es deutlich: Freiwilliges Engagement ist für Österreich unverzichtbar, aber nicht selbstverständlich. Der 4. österreichische Freiwilligenbericht zeigt, dass sich rund 24 Prozent der Bevölkerung in Organisationen und Vereinen freiwillig und unbezahlt engagieren, während etwa 39 Prozent im informellen Bereich oder in der Nachbarschaftshilfe aktiv sind. Beide Formen sind wertvoll, haben aber unterschiedliche Bedürfnisse.
Informelle Hilfe lebt von Nähe und Vertrauen. Organisierte Freiwilligenarbeit braucht zusätzlich Administration, Räume, digitale Plattformen, Schulungen, Versicherungslösungen, Kinderschutz, Datenschutz und Ansprechpersonen. Je sensibler der Einsatzbereich, desto wichtiger sind professionelle Strukturen. Genau hier liegt der Kern der füruns-Botschaft: Wer Engagement will, muss die Infrastruktur dahinter ernst nehmen.
Füruns betreibt unter anderem die österreichweite Serviceplattform freiwillig-engagiert.at im Auftrag der ARGE Freiwilligenzentren. Die Plattform vernetzt Freiwilligenorganisationen, stellt Wissen bereit und soll Engagement sichtbarer machen. Zusätzlich steht mit mima eine App zur Verfügung, über die Menschen Engagementmöglichkeiten finden und Organisationen Freiwillige koordinieren können. Solche digitalen Werkzeuge lösen das Ehrenamt nicht von selbst, aber sie senken Hürden.
Gerade jüngere Menschen oder Personen ohne Vereinsbiografie brauchen oft eine einfache erste Orientierung: Welche Aufgaben gibt es in meiner Nähe? Wie viel Zeit muss ich mitbringen? Muss ich Vorerfahrung haben? Kann ich einmalig helfen oder langfristig? Gibt es eine Einschulung? Solche Fragen entscheiden darüber, ob aus Interesse tatsächlich Engagement wird. Gute Vermittlung kann aus einer diffusen Hilfsbereitschaft einen passenden Einsatz machen.
Eine starke Zivilgesellschaft braucht Vertrauen. Dieses Vertrauen entsteht aber nicht durch naive Unkontrolliertheit, sondern durch nachvollziehbare Abläufe. Fördergeber, Politik und Öffentlichkeit dürfen wissen wollen, wofür Mittel verwendet werden. Gleichzeitig sollten sie anerkennen, dass Koordination, Beratung und Verwaltung selbst Teil der Leistung sind. Wer nur die sichtbare Hilfe finanziert, aber die Organisation dahinter entwertet, schwächt das Ergebnis.
Ein Beispiel: Eine Freiwilligenorganisation, die Einsätze mit vulnerablen Gruppen koordiniert, braucht Zeit für Auswahl, Schulung, Krisenfälle, Dokumentation und Nachbesprechung. Diese Arbeit erzeugt keine spektakulären Fotos, verhindert aber Fehler. Wenn solche Tätigkeiten als „Overhead“ abgewertet werden, entsteht ein falsches Bild. Professionelle Begleitung ist kein Gegensatz zum Ehrenamt, sondern seine Schutzschicht.
NGOs bewegen sich oft dort, wo Staat, Markt und private Hilfe nicht ausreichen. Sie arbeiten mit Armut, Integration, Bildung, Gesundheit, Pflege, Umwelt, Menschenrechten, Katastrophenhilfe oder Demokratiebildung. Dadurch geraten sie zwangsläufig auch in politische Debatten. Das macht Kontrolle wichtig, aber auch Fairness. Nicht jede Organisation, die öffentliche Mittel erhält oder gesellschaftspolitisch arbeitet, ist parteipolitisch verdächtig. Und nicht jede Kritik an Förderpraxis ist automatisch ein Angriff auf Zivilgesellschaft.
Die produktive Frage lautet daher: Wie schafft man klare Regeln, ohne Engagement zu ersticken? Dazu gehören transparente Förderkriterien, nachvollziehbare Berichte, angemessene Bürokratie und Respekt vor der praktischen Arbeit vor Ort. Füruns plädiert letztlich für diese Balance: Vertrauen durch Strukturen, nicht Misstrauen durch Pauschalurteile.
Für einzelne Freiwillige klingt die Debatte über NGO-Finanzierung vielleicht weit weg. Tatsächlich beeinflusst sie aber ihre Erfahrung. Gute Strukturen sorgen dafür, dass Freiwillige wissen, was von ihnen erwartet wird, an wen sie sich wenden können und wo ihre Grenzen liegen. Sie verhindern, dass Menschen aus Idealismus zu viel übernehmen oder in Situationen geraten, für die sie nicht vorbereitet sind. Sie machen Engagement verlässlicher, inklusiver und längerfristig attraktiver.
Das ist der eigentliche Mehrwert der füruns-Stellungnahme. Sie erinnert daran, dass Ehrenamt nicht nur aus Herz besteht, sondern auch aus Handwerk. Österreich hat viele Menschen, die bereit sind, Zeit und Energie einzubringen. Ob dieses Potenzial wirksam wird, hängt davon ab, ob Organisationen die nötigen Rahmenbedingungen bekommen. Wer freiwilliges Engagement politisch lobt, sollte seine Infrastruktur nicht nebenbei schwächen.
Quellen: füruns - Zentrum für Zivilgesellschaft, füruns-Arbeitsbereiche und Projekte, freiwillig-engagiert.at und Sozialministerium zu freiwilligem Engagement in Österreich. Kontakt laut füruns: Zentrum für Zivilgesellschaft, info [at] fuer-uns.at.