Nach erfolgreicher Altersfreundlichkeits-Umfrage folgt digitale Erhebung
Wien startet eine Befragung zu Digitalisierung im Alter. Menschen ab 60 können schildern, welche digitalen Anwendungen helfen, wo Unsicherheit entsteht und welche Unterstützung gebraucht wird.
Wien will von Menschen ab 60 wissen, wie sie digitale Angebote im Alltag erleben. Die neue Befragung zur Digitalisierung knüpft an die Arbeit der Senior:innenbeauftragten und an die erste Wiener Senior:innenstrategie an. Im Mittelpunkt stehen keine abstrakten Zukunftsversprechen, sondern konkrete Alltagserfahrungen: Welche digitalen Anwendungen nutzen ältere Menschen? Wo fühlen sie sich sicher? Wo entstehen Hürden? Und welche Unterstützung würde helfen, damit digitale Teilhabe nicht an Formularen, Apps oder fehlender Beratung scheitert?
Die Stadt sammelt die Rückmeldungen über die Beteiligungsplattform „Fit für die digitale Zukunft“. Dort werden Wienerinnen und Wiener ab 60 ausdrücklich eingeladen, ihre Erfahrungen einzubringen. Die Ergebnisse sollen laut Plattform ab Juni 2026 veröffentlicht werden. Damit ist die Befragung mehr als ein Stimmungsbild: Sie kann Hinweise liefern, welche digitalen Angebote funktionieren, welche unverständlich sind und wo analoge Alternativen weiterhin nötig bleiben.
Digitalisierung ist längst Teil der Daseinsvorsorge. Termine, Informationen, Bankgeschäfte, Behördenwege, Mobilitätsangebote, Gesundheitskommunikation und soziale Kontakte laufen immer häufiger über digitale Kanäle. Für viele Menschen ist das praktisch. Für andere bedeutet es zusätzlichen Aufwand, Unsicherheit oder Ausschluss. Gerade ältere Menschen sind keine einheitliche Gruppe: Manche nutzen Smartphone, Videotelefonie und Onlinebanking selbstverständlich, andere haben kaum digitale Erfahrung oder vermeiden bestimmte Anwendungen aus Sorge vor Fehlern, Betrug oder Datenmissbrauch.
Eine altersfreundliche Stadt muss beide Realitäten ernst nehmen. Sie darf digitale Angebote ausbauen, muss sie aber verständlich, sicher und unterstützend gestalten. Dazu gehören einfache Sprache, klare Navigation, barrierearme Oberflächen, persönliche Anlaufstellen und Schulungsangebote. Ebenso wichtig ist die Garantie, dass zentrale Leistungen nicht ausschließlich digital erreichbar sind. Wer keinen Onlinezugang hat, darf dadurch nicht aus Beratung, Pflege, Kultur, Mobilität oder Verwaltung gedrängt werden.
Die Befragung steht im Kontext der ersten Senior*innen-Strategie für Wien. Die Stadt beschreibt darin Handlungsfelder wie Wohnen, Gesundheit, soziale Teilhabe, Mobilität, Versorgung, Kommunikation und Digitalisierung. Diese Felder hängen zusammen. Digitale Kompetenz kann etwa helfen, Verkehrsinfos abzurufen, mit Familie in Kontakt zu bleiben oder Informationen zu Pflege- und Unterstützungsangeboten zu finden. Fehlende digitale Sicherheit kann dagegen Einsamkeit, Abhängigkeit oder Informationslücken verstärken.
Die Stadt Wien stellte die Strategie im Mai 2026 auch öffentlich vor. In der offiziellen Meldung „Wien präsentiert erste Senior*innen-Strategie“ wird die Rolle der Senior:innenbeauftragten und des Fonds Soziales Wien beschrieben. Entscheidend ist dabei der Grundsatz, ältere Menschen nicht nur als Zielgruppe von Betreuung zu betrachten, sondern als aktive Bürgerinnen und Bürger, deren Erfahrungen in Stadtentwicklung und Servicegestaltung einfließen sollen.
Eine Befragung löst digitale Hürden nicht automatisch. Sie kann aber sichtbar machen, wo Probleme tatsächlich liegen. Häufig wird über ältere Menschen gesprochen, ohne sie nach ihren konkreten Erfahrungen zu fragen. Dabei unterscheiden sich die Bedürfnisse stark: Eine Person braucht vielleicht Hilfe beim Einrichten einer App, eine andere möchte wissen, wie sie Betrugsversuche erkennt, eine dritte wünscht sich weiterhin eine Telefonnummer statt eines Onlineformulars. Gute digitale Stadtpolitik beginnt mit solchen Unterschieden.
Für Wien kann die Auswertung zeigen, welche Angebote ausgebaut werden sollten. Denkbar sind etwa Schulungen in Grätzeln, verständlichere Schritt-für-Schritt-Anleitungen, digitale Sprechstunden, Unterstützung in Pensionist:innenklubs, bessere Barrierefreiheit oder klarere Informationen zu Datenschutz und Sicherheit. Auch für städtische Stellen ist das relevant: Wenn viele ältere Menschen an denselben Formularen oder Logins scheitern, liegt das Problem nicht bei den Nutzerinnen und Nutzern allein, sondern beim Design des Angebots.
Der Kern der Debatte ist nicht „digital gegen analog“. Eine altersfreundliche Stadt braucht beides. Digitale Dienste können Wege sparen, Selbstständigkeit fördern und Informationen schnell verfügbar machen. Analoge Zugänge bleiben aber unverzichtbar, wenn Menschen Unterstützung brauchen, kein geeignetes Gerät besitzen, Einschränkungen haben oder bewusst nicht alles online erledigen wollen. Digitalisierung darf Servicequalität nicht nur verlagern, sondern muss sie verbessern.
Für Angehörige, Nachbarschaften und soziale Einrichtungen kann die Befragung ebenfalls wichtig sein. Sie zeigt, wo Unterstützung im Alltag gebraucht wird und welche Ängste ernst zu nehmen sind. Wer älteren Menschen digitale Teilhabe ermöglichen will, braucht Geduld, Wiederholung und Vertrauen. Ein einmaliger Kurs reicht oft nicht; hilfreich sind leicht erreichbare Orte, an denen Fragen ohne Beschämung gestellt werden können.
Ein wiederkehrendes Thema bei Digitalisierung im Alter ist Sicherheit. Viele ältere Menschen haben nicht grundsätzlich Angst vor Technik, sondern vor konkreten Risiken: falsche Klicks, betrügerische Nachrichten, unklare Passwortregeln, missverständliche Warnfenster oder das Gefühl, bei Problemen niemanden fragen zu können. Eine Stadt, die digitale Teilhabe fördern will, muss deshalb nicht nur Gerätekompetenz vermitteln, sondern Vertrauen aufbauen. Dazu gehören verlässliche Ansprechpersonen, wiederkehrende Übungsmöglichkeiten und Informationen, die nicht beschämend wirken.
Die Befragung kann hier wichtige Hinweise liefern. Wenn viele Teilnehmende dieselben Unterstützungswünsche nennen, lassen sich Angebote zielgenauer planen. Vielleicht braucht es mehr persönliche Beratung in Grätzeln, vielleicht bessere Erklärvideos, vielleicht niedrigschwellige Kurse in Pensionist:innenklubs oder Bibliotheken. Entscheidend ist, ältere Menschen nicht als „digital abgehängt“ zu etikettieren. Viele nutzen digitale Werkzeuge kompetent, wollen aber bei sensiblen Themen wie Zahlungen, Gesundheitsdaten oder Behördenwegen besonders klare Sicherheit.
Für die Auswertung wird außerdem wichtig sein, Unterschiede innerhalb der Gruppe 60+ sichtbar zu machen. Eine 61-jährige berufstätige Person hat andere digitale Routinen als eine 85-jährige Person mit Pflegebedarf. Gute Maßnahmen müssen diese Spannweite abbilden, sonst entstehen Angebote, die statistisch gut klingen, aber an konkreten Lebenslagen vorbeigehen.
Wer kann teilnehmen?
Die Befragung richtet sich an Wienerinnen und Wiener ab 60 Jahren. Die Teilnahme läuft über die Beteiligungsplattform der Stadt Wien.
Worum geht es inhaltlich?
Gefragt wird nach genutzten digitalen Anwendungen, Unsicherheiten, Unterstützungsbedarf und hilfreichen Angeboten für den digitalen Alltag.
Warum ist das für die Stadt wichtig?
Die Rückmeldungen können zeigen, wo digitale Services besser, verständlicher oder ergänzend analog gestaltet werden müssen.
Wie passt die Befragung zur Senior:innenstrategie?
Digitalisierung ist eines der Themen altersfreundlicher Stadtpolitik. Die Befragung liefert dazu konkrete Erfahrungen der Zielgruppe.
Der Wert der Befragung liegt auch darin, dass ältere Menschen nicht erst am Ende eines digitalen Projekts um Rückmeldung gebeten werden. Wenn Bedürfnisse früh sichtbar werden, können Services verständlicher geplant werden. Das betrifft Schriftgrößen, Sprache, Login-Verfahren, Hilfetexte, persönliche Beratung und die Frage, welche Leistungen zusätzlich offline erreichbar bleiben müssen. Beteiligung ist damit kein Symbol, sondern eine Methode, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.