Die VBKÖ-Ausstellung Technologies of Togetherness verbindet Augustin-Verkäufer:innen, Schwarze Frauen Community, Performance, Super-8-Film und Poesie. Interessant ist vor allem, wie hier Kunst als gemeinsamer Prozess statt als fertiges Objekt verstanden wird.
Die Ausstellung und Performance „Technologies of Togetherness“ bei der VBKÖ in Wien klingt zunächst nach einem kleinen Kunsttermin. Tatsächlich erzählt sie aber eine größere Geschichte: Wer darf Kunst produzieren, wessen Wissen zählt, und wie verändert sich eine Ausstellung, wenn sie nicht nur fertige Werke zeigt, sondern gemeinsame Prozesse sichtbar macht? Im Zentrum stehen Augustin-Straßenverkäufer:innen, Mitglieder der Schwarze Frauen Community, das Künstler:innenduo Drága Cardo und die Künstlerin Mihret Kebede.
Die Veranstaltung begann am Samstag, dem 30. Mai 2026, mit Performance und Vernissage. Die ursprüngliche Meldung nennt zwei Arbeiten: „An Herbal Narrative“, entwickelt von Drága Cardo mit Verkäufer:innen der Straßenzeitung Augustin, und „Where Our Voices Meet“, entwickelt von Mihret Kebede mit Mitgliedern der Schwarze Frauen Community. Beide Arbeiten drehen sich nicht um klassische Repräsentation von außen, sondern um gemeinsame Autor:innenschaft. Das ist der entscheidende Punkt.
Die VBKÖ beschreibt das Projekt als gemeinschaftsbasiert und an der Schnittstelle von Performance und Ausstellung. Das ist mehr als ein kuratorisches Etikett. Gemeinschaftsbasierte Kunst verschiebt die Rolle der Beteiligten: Menschen treten nicht nur als Thema, Motiv oder Publikum auf, sondern bringen Erfahrungen, Sprache, Körperwissen, Erinnerungen und Entscheidungen in den künstlerischen Prozess ein.
Das kann politisch sein, ohne plakativen Aktivismus zu werden. Wenn Straßenverkäufer:innen mit Pflanzen, Super-8-Film und gemeinsamem Filmen arbeiten, entsteht ein anderer Blick auf den öffentlichen Raum. Wer sonst oft als Teil eines sozialen Problems gesehen wird, erscheint hier als Mitproduzent:in von Wahrnehmung. Die Ausstellung wird damit zu einem Ort, an dem Stadt, Armut, Migration, Körper und Erinnerung neu verhandelt werden.
Der Augustin ist seit Jahrzehnten mehr als eine Straßenzeitung. Er ist Vertriebsmodell, Stimme gegen soziale Ausgrenzung und ein Medium, das Menschen mit Armutserfahrung Sichtbarkeit gibt. In diesem Projekt wird diese Rolle erweitert: Verkäufer:innen sind nicht nur Teil eines sozialen Mediums, sondern Teil einer künstlerischen Forschung. Das verändert die Blickrichtung. Die Frage lautet nicht mehr nur, wie Öffentlichkeit über Armut spricht, sondern wie Menschen, die im öffentlichen Raum arbeiten, ihn selbst lesen, filmen, performen und gestalten.
Gerade die Arbeit mit Super-8-Film und Pflanzen ist dafür interessant. Super-8 verweist auf analoge Bilder, Materialität und Zeitlichkeit. Pflanzen verweisen auf das, was in der Stadt wächst, oft übersehen wird und dennoch Teil des urbanen Lebens ist. Wenn diese Elemente gemeinsam verwendet werden, entsteht eine poetische Methode: Der öffentliche Raum wird nicht nur dokumentiert, sondern mit anderen Sinnen und anderen Beziehungen erforscht.
Die Schwarze Frauen Community ist eine wichtige Selbstorganisation in Wien. In „Where Our Voices Meet“ geht es laut Projektbeschreibung um kollektive Poesie, Schreiben, Zuhören, Austausch, Spoken Word, Rhythmus und Stille. Das ist nicht zufällig. Poesie kann dort eine Form von Wissen werden, wo offizielle Sprache oft zu grob ist: Sie kann Erinnerung, Diaspora-Erfahrung, Mehrsprachigkeit und Verletzlichkeit zusammenhalten, ohne alles in eine einzige Erklärung zu zwingen.
Die Bezugnahme auf Audre Lordes Gedanken, dass Poesie kein Luxus ist, gibt dem Projekt zusätzlichen Kontext. Gemeint ist: Sprache ist nicht nur Schmuck, sondern Überlebens-, Erkenntnis- und Verbindungspraxis. In einer Ausstellung kann daraus ein Raum entstehen, in dem persönliche Stimmen nicht vereinzelt bleiben, sondern sich zu einer gemeinsamen Form verdichten. Genau hier liegt die Stärke des Projekts: Es zeigt Zusammenkommen als Arbeit, nicht als idyllisches Bild.
Die VBKÖ ist historisch ein Ort, an dem Fragen von Sichtbarkeit, Geschlecht und Ausschluss in der Kunst verhandelt werden. Für „Technologies of Togetherness“ ist das passend, weil auch das Projekt nach Zugängen fragt: Wer hat Zugang zu künstlerischen Räumen? Wer wird eingeladen, nicht nur anwesend zu sein, sondern mitzugestalten? Und welche Formen von Wissen werden in einer Ausstellung ernst genommen?
Das Projekt ist damit kein klassischer Galerietermin, bei dem Werke an der Wand hängen und Besucher:innen schweigend vorbeigehen. Es ist eher ein Labor. Die Meldung selbst verwendet diesen Begriff für die Ausstellung: Ein Labor für chemische Prozesse, aber auch für neue Formen des Miteinanders. Genau dieser doppelte Laborbegriff macht die Sache interessant. Es geht um Filmchemie, aber auch um soziale Chemie.
Bei partizipativer Kunst besteht immer die Gefahr, dass Beteiligung nur dekorativ eingesetzt wird: Menschen werden eingeladen, aber die künstlerische Entscheidung bleibt vollständig woanders. „Technologies of Togetherness“ wirkt deshalb stärker, weil der Prozess selbst als künstlerisches Material beschrieben wird. Sammeln, Filmen, Schreiben, Zuhören und gemeinsames Auftreten sind nicht bloß Vorbereitung auf ein fertiges Werk, sondern Teil der Arbeit.
Das macht auch die Frage der Verantwortung wichtig. Wer mit Menschen arbeitet, die von Armut, Migration oder Rassismus betroffen sind, muss vermeiden, ihre Erfahrungen nur als ästhetischen Rohstoff zu verwenden. Gute partizipative Projekte schaffen daher Räume, in denen Mitwirkende nicht nur sichtbar werden, sondern Einfluss auf Form, Ton und Bedeutung haben. Genau daran wird sich messen lassen, ob eine Ausstellung wie diese über einen gut klingenden Projekttitel hinaus trägt. Für Besucher:innen bedeutet das: genauer hinsehen, wer spricht, wer rahmt und wer am Ende Autor:in bleibt.
Der Titel lässt sich als Technologien oder Praktiken des Miteinanders lesen. Gemeint sind künstlerische Methoden, die Gemeinschaft nicht behaupten, sondern durch gemeinsames Arbeiten, Zuhören, Filmen, Schreiben und Performen herstellen.
Sie sind nicht nur Gegenstand der Ausstellung, sondern an der Entwicklung von „An Herbal Narrative“ beteiligt. Ihre Erfahrung mit dem öffentlichen Raum fließt in die künstlerische Arbeit ein.
Poesie erlaubt verdichtete, mehrstimmige Ausdrucksformen. Im Kontext der Schwarze Frauen Community kann sie Erfahrung, Sprache, Erinnerung und Solidarität verbinden.
Gerade die Trennung ist hier wenig hilfreich. Das Projekt nutzt künstlerische Mittel, um soziale Beziehungen und geteiltes Wissen sichtbar zu machen. Sein Wert liegt in dieser Verbindung.