Gesundheit

Studie: Gewalt gegen Frauen und weibliche Suizidrate

Analyse von Daten aus 37 Ländern der WHO‑Europaregion liefert neue Erkenntnisse

23. Juli 2026

MedUni-Wien-Studie vergleicht VAWI-Werte und altersstandardisierte weibliche Suizidraten aus 37 Ländern; Unterschiede in Datenerfassung werden betont.

Ein Forschungsteam der Medizinischen Universität Wien hat nationale Daten aus 37 Ländern der WHO‑Region Europa analysiert und berichtet erstmals über einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt und den altersstandardisierten weiblichen Suizidraten auf Bevölkerungsebene. Die Ergebnisse sind aktuell im Journal of Interpersonal Violence veröffentlicht worden und basieren auf einem Vergleich des "Violence against Women Index" (VAWI) mit nationalen Suizidraten.

Die Untersuchung ergänzt bisherige Einzeltudien auf individueller Ebene, die zeigen, dass Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erleben, häufiger an psychischen Erkrankungen leiden und ein erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten aufweisen. Nach Angaben der Forschenden liefert die vorgestellte multinationale Ökologie‑Analyse neue Einsichten in den Zusammenhang zwischen verschiedenen Formen geschlechtsspezifischer Gewalt und Suizidraten auf Länderebene.

Medizinische Universität Wien: Multinationale Analyse in 37 Ländern

Das Forschungsteam um Armin Trojer, Daniel König‑Castillo und Stephan Listabarth (Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, MedUni Wien) wertete nationale Daten aus 37 Ländern der WHO‑Region Europa aus. Die Studie wurde unter dem Titel "Analyzing the association of gender‑based violence on national suicide rates – a multinational ecological study" veröffentlicht; AutorInnen sind Armin Trojer, Thomas Waldhoer, Lea Sommer, Sabine Weber, Antonia Renner, Marion C. Aichberger, Sophia Geßner, Benjamin Vyssoki, Daniel König und Stephan Listabarth.

Die Publikation ist im Journal of Interpersonal Violence erschienen; die Autoren vergleichen dabei Länderkennzahlen zu Gewalt gegen Frauen mit altersstandardisierten weiblichen Suizidraten und berücksichtigen zusätzliche Einflussfaktoren.

Methoden: VAWI, altersstandardisierte Suizidraten und Kontrollvariablen

Als Basis für das Maß an geschlechtsspezifischer Gewalt dienten die Forschenden dem international etablierten "Violence against Women Index" (VAWI). Der VAWI erfasst das Ausmaß an geschlechtsspezifischer Gewalt in Ländern anhand von elf Indikatoren aus vier übergeordneten Gewaltformen: körperliche, sexuelle und psychische Gewalt sowie sozioökonomische Formen der Benachteiligung, die Frauen in ihrer wirtschaftlichen Selbstständigkeit einschränken.

Die VAWI‑Werte wurden mit den altersstandardisierten weiblichen Suizidraten der jeweiligen Länder verglichen. Um mögliche Störfaktoren zu berücksichtigen, bezogen die Forschenden zudem weitere Variablen ein, die Suizidraten beeinflussen können, darunter das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf, die Arbeitslosenquote sowie Kennzahlen zur Gesundheitsversorgung und zur Kriminalität.

Zentrale Ergebnisse: Zusammenhang zwischen VAWI‑Werten und weiblichen Suizidraten

Die Analysen zeigen laut Studie einen signifikanten Zusammenhang: VAWI‑Werte ab einem mittleren Bereich gingen mit höheren weiblichen Suizidraten einher. Im Bereich niedriger VAWI‑Werte zeigte sich hingegen ein gegenteiliger Zusammenhang, wie die AutorInnen berichten.

Zu den möglichen Erklärungen für diese Beobachtungen verweist Co‑Studienleiter Daniel König‑Castillo auf Unterschiede in der Datenerfassung: „Dieses Ergebnis könnte sich aus den Unterschieden in der Erfassung von Gewalt gegen Frauen und von Suiziden zwischen den Ländern erklären. Beide Faktoren können statistische Analysen auf Bevölkerungsebene beeinflussen“, erklärt Co‑Studienleiter Daniel König‑Castillo.

Die Studie setzt damit einen Fokus auf die Interpretation multinationale Vergleiche unter Berücksichtigung landesspezifischer Datenqualität und Erfassungspraktiken.

Zahlenbeispiele: VAWI‑ und Suizidwerte in Europa und Österreich

Die zwischen 0 und 1 angegebenen VAWI‑Werte der untersuchten Länder reichen in der Studie von 0,035 in Norwegen bis 0,292 in Moldawien. Die altersstandardisierten weiblichen Suizidraten variieren demnach zwischen 1,24 Todesfällen pro 100.000 Frauen in Griechenland und 8,54 pro 100.000 Frauen in Belgien.

Für Österreich nennt die Untersuchung einen VAWI‑Wert von 0,096. Mit 5,74 Todesfällen pro 100.000 Frauen liegt die weibliche Suizidrate in Österreich laut Studie vergleichsweise hoch im internationalen Vergleich der untersuchten Länder.

Begriffserklärungen: VAWI, Altersstandardisierung, sozioökonomische Gewalt, WHO

Violence against Women Index (VAWI): Der VAWI ist ein Index, der in der Studie als Maß für geschlechtsspezifische Gewalt verwendet wurde. Er besteht aus elf Indikatoren, die vier übergeordnete Gewaltformen abdecken: körperliche, sexuelle, psychische und sozioökonomische Gewalt.

Altersstandardisierte Suizidrate: Altersstandardisierung ist ein Verfahren, um Sterberaten zwischen Populationen mit unterschiedlichen Altersstrukturen vergleichbar zu machen. Die Studie verwendet altersstandardisierte weibliche Suizidraten, um ländervergleichbare Kennzahlen zu erhalten.

Sozioökonomische Gewalt: In der Untersuchung umfasst dieser Begriff Formen der Benachteiligung, die Frauen in ihrer wirtschaftlichen Selbstständigkeit einschränken. Solche Indikatoren bilden einen Teil des VAWI und spiegeln wirtschaftliche Abhängigkeiten und Einschränkungen wider.

WHO‑Region Europa: Die betrachteten Länder stammen aus der WHO‑Region Europa, wie in der Studie angegeben. Die Weltgesundheitsorganisation wird in der Aussendung zudem mit einer Schätzung zitiert, wonach etwa jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen ist.

Was die Studie zur Datenerfassung festhält

Die AutorInnen betonen in der Aussendung die Bedeutung einer möglichst vollständigen und international vergleichbaren Datenerhebung. Studienleiter Stephan Listabarth wird zitiert: „Gleichzeitig macht unsere Studie deutlich, wie wichtig eine möglichst vollständige und international vergleichbare Datenerhebung ist. Gewalt gegen Frauen und Suizide werden nach wie vor nicht überall gleichermaßen erfasst.

„Verbesserungen in diesem Bereich würden nicht nur die Datenlage für weitere Forschung stärken, sondern auch dazu beitragen, das Thema zu enttabuisieren und die Planung von gezielten Präventionsmaßnahmen zu erleichtern“, sagt Studienleiter Stephan Listabarth. Damit verweist die Untersuchung auch auf methodische Aspekte und auf die Relevanz vergleichbarer Datengrundlagen für künftige Analysen.

FAQ zur Studie

Was wurde in der Studie untersucht?

Die Studie analysierte den Zusammenhang zwischen einem nationalen Maß geschlechtsspezifischer Gewalt (VAWI) und den altersstandardisierten weiblichen Suizidraten in 37 Ländern der WHO‑Region Europa. Zusätzlich berücksichtigten die Forschenden Einflussfaktoren wie BIP pro Kopf, Arbeitslosenquote sowie Kennzahlen zur Gesundheitsversorgung und Kriminalität.

Welche Datenbasis wurde für das Ausmaß an Gewalt verwendet?

Als Grundlage diente der international etablierte "Violence against Women Index" (VAWI), der elf Indikatoren aus vier Gewaltformen kombiniert: körperliche, sexuelle, psychische und sozioökonomische Gewalt. Die VAWI‑Werte liegen auf einer Skala von 0 bis 1.

Welche Bandbreite an Werten wurde in den Ländern beobachtet?

Die VAWI‑Werte in der Studie reichen von 0,035 in Norwegen bis 0,292 in Moldawien. Die altersstandardisierten weiblichen Suizidraten reichen von 1,24 Todesfällen pro 100.000 Frauen in Griechenland bis 8,54 pro 100.000 Frauen in Belgien.

Was sagen die AutorInnen zu möglichen Erklärungen der Ergebnisse?

Co‑Studienleiter Daniel König‑Castillo weist auf Unterschiede in der Erfassung von Gewalt gegen Frauen und Suiziden zwischen den Ländern hin: „Dieses Ergebnis könnte sich aus den Unterschieden in der Erfassung von Gewalt gegen Frauen und von Suiziden zwischen den Ländern erklären. Beide Faktoren können statistische Analysen auf Bevölkerungsebene beeinflussen“, so König‑Castillo.

Welche Bedeutung hat die Studie laut den AutorInnen?

Die AutorInnen heben hervor, dass die Untersuchung eine multinationale Analyse auf Bevölkerungsebene liefert, die verschiedene Dimensionen geschlechtsspezifischer Gewalt berücksichtigt. Zugleich wird die Notwendigkeit einer besseren und international vergleichbaren Datenerfassung betont, um Forschung und Planung von Präventionsmaßnahmen zu unterstützen.

Wer hat die Studie verfasst und wo ist sie erschienen?

AutorInnen der Studie sind Armin Trojer, Thomas Waldhoer, Lea Sommer, Sabine Weber, Antonia Renner, Marion C. Aichberger, Sophia Geßner, Benjamin Vyssoki, Daniel König und Stephan Listabarth. Die Publikation erschien im Journal of Interpersonal Violence.

Publikation und Kontakt

Publikation: Analyzing the association of gender‑based violence on national suicide rates – a multinational ecological study. Armin Trojer, Thomas Waldhoer, Lea Sommer, Sabine Weber, Antonia Renner, Marion C. Aichberger, Sophia Geßner, Benjamin Vyssoki, Daniel König, Stephan Listabarth. Online verfügbar: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/08862605261463256

Kontakt (Medizinische Universität Wien): Mag. Johannes Angerer, Leiter Unternehmenskommunikation. Telefon: +43 (0)664 80016-11501. E‑Mail: presse [at] meduniwien.ac.at. Sitz: Spitalgasse 23, 1090 Wien. Webseite: www.meduniwien.ac.at

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