Die Energiekrise holt österreichische Haushalte wieder ein. Während die Großhandelspreise für Strom seit März um mehr als 21 Prozent in die Höhe geschossen sind, haben Energieanbieter ihre Tarife f...
Die Energiekrise holt österreichische Haushalte wieder ein. Während die Großhandelspreise für Strom seit März um mehr als 21 Prozent in die Höhe geschossen sind, haben Energieanbieter ihre Tarife für Endkunden bisher nur um durchschnittlich 13,9 Prozent erhöht. Diese Schere deutet auf weitere Preisanstiege hin, warnen Experten. Verbraucher stehen vor der schwierigen Entscheidung: Jetzt noch schnell zu einem günstigen Fixpreistarif wechseln oder auf sinkende Preise hoffen?
Der österreichische Strommarkt befindet sich erneut in turbulenten Zeiten. Nach einer Phase relativer Entspannung im Winter 2023/24 ziehen die Preise wieder deutlich an. Seit dem 1. März 2024 verzeichnen die Großhandelspreise einen massiven Anstieg von 21,2 Prozent, während die günstigsten Neukundentarife "nur" um 13,9 Prozent gestiegen sind.
Diese Diskrepanz zwischen Großhandel und Endkundenpreisen ist kein Zufall. Energieanbieter kaufen Strom oft mit längerfristigen Verträgen ein und geben Preisänderungen zeitverzögert an ihre Kunden weiter. Stefan Spiegelhofer, Energieexperte beim Vergleichsportal durchblicker, erklärt: "Aktuelle Stromtarife bilden das Marktgeschehen nur unvollständig ab. Weitere Preisanpassungen sind daher wahrscheinlich."
Großhandelspreise sind die Preise, zu denen Energieversorger Strom an der Strombörse einkaufen. Sie werden durch verschiedene Faktoren beeinflusst: Angebot und Nachfrage, Verfügbarkeit erneuerbarer Energien, Wartungsarbeiten an Kraftwerken und geopolitische Ereignisse. In Österreich orientieren sich diese Preise hauptsächlich an der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig und der ICE Endex in Amsterdam.
Der aktuelle Preisanstieg basiert auf mehreren Faktoren: Erhöhte Nachfrage durch die wirtschaftliche Erholung, reduzierte Stromproduktion aus erneuerbaren Energien aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen und anhaltende geopolitische Spannungen, die die Energiemärkte verunsichern. Zusätzlich führen Wartungsarbeiten an wichtigen Kraftwerken in Europa zu Versorgungsengpässen.
Seit dem 1. April 2024 profitieren rund 290.000 österreichische Haushalte vom neuen gesetzlichen Sozialtarif. Diese Haushalte zahlen künftig nur noch 6 Cent netto pro Kilowattstunde für die ersten 2.900 Kilowattstunden pro Jahr. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Strompreis in Österreich liegt derzeit bei etwa 25 bis 30 Cent pro Kilowattstunde.
Berechtigt sind Haushalte, die Sozialhilfe, Ausgleichszulage oder andere bestimmte Sozialleistungen beziehen. Die Maßnahme soll verhindern, dass besonders vulnerable Gruppen durch steigende Energiepreise in existenzielle Nöte geraten. "Der Sozialtarif stabilisiert die Situation von besonders betroffenen Haushalten", betont Spiegelhofer.
Die Anmeldung zum Sozialtarif erfolgt über die örtlichen Netzbetreiber. Langfristig ist eine automatische Anmeldung geplant, bei der berechtigte Haushalte automatisch von dem reduzierten Tarif profitieren sollen. Bis dahin müssen Betroffene jedoch selbst aktiv werden und sich bei ihrem Netzbetreiber melden.
Österreich steht mit steigenden Strompreisen nicht allein da. In Deutschland verzeichnen Verbraucher ähnliche Entwicklungen, wobei die Preise dort traditionell höher liegen. Deutsche Haushalte zahlen durchschnittlich 35 bis 40 Cent pro Kilowattstunde, während österreichische Verbraucher bei 25 bis 30 Cent liegen.
Die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied hat durch ihre besonderen Handelsabkommen und die starke Position der Wasserkraft stabilere Preise. Schweizer Haushalte zahlen umgerechnet etwa 20 bis 25 Cent pro Kilowattstunde. Allerdings sind die Löhne in der Schweiz auch deutlich höher, wodurch sich die relative Belastung der Haushalte angleicht.
Während Österreich auf Marktmechanismen und gezielte Entlastungen wie den Sozialtarif setzt, verfolgen andere Länder unterschiedliche Strategien. Deutschland hat die Stromsteuer gesenkt und plant massive Investitionen in erneuerbare Energien. Italien deckelt Preise für Grundversorger, und Frankreich nutzt seine starke Atomenergie-Position für stabilere Tarife.
Für einen durchschnittlichen österreichischen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden bedeutet der Preisanstieg von 13,9 Prozent konkret etwa 130 bis 170 Euro Mehrkosten pro Jahr. Bei einem monatlichen Stromverbrauch von etwa 333 Kilowattstunden steigen die Kosten um rund 11 bis 14 Euro pro Monat.
Besonders betroffen sind Haushalte mit elektrischer Warmwasserbereitung oder Elektroheizung. Diese Haushalte verbrauchen oft 6.000 bis 8.000 Kilowattstunden pro Jahr und müssen mit Mehrkosten von 200 bis 300 Euro jährlich rechnen. Familie Müller aus Wien beispielsweise: Mit ihrem Jahresverbrauch von 5.200 kWh in einer 90-Quadratmeter-Wohnung steigen ihre Stromkosten von monatlich 108 Euro auf etwa 123 Euro.
Die Preisentwicklung verläuft in den österreichischen Bundesländern unterschiedlich. Während in Vorarlberg und Tirol die Wasserkraft für stabilere Preise sorgt, sind Haushalte in Wien und Niederösterreich stärker von Marktpreisschwankungen betroffen. Die Unterschiede können bis zu 3 Cent pro Kilowattstunde betragen.
Angesichts der unsicheren Marktlage empfehlen Experten besonders zwei Kundengruppen einen Tarifwechsel: Verbraucher, die seit Jahren den gleichen Tarif haben und möglicherweise überdurchschnittlich viel zahlen, sowie Haushalte mit variablen Tarifen, die Preisschwankungen direkt zu spüren bekommen.
Derzeit sind noch Fixpreisangebote mit Preisgarantie bis zum 1. Januar 2028 verfügbar. Diese Tarife schützen Verbraucher vor weiteren Preissteigerungen, kosten aber oft etwas mehr als variable Tarife. "Eine Preisgarantie schützt vor späteren Anpassungen. Wer jetzt wechselt, kann sich gegen mögliche weitere Erhöhungen absichern", rät Energieexperte Spiegelhofer.
Beim Vergleich von Stromtarifen sollten Verbraucher nicht nur auf den Preis pro Kilowattstunde achten, sondern auch auf Grundgebühren, Neukundenboni und Vertragslaufzeiten. Ein niedriger Kilowattstundenpreis kann durch hohe Grundgebühren wieder relativiert werden. Neukundenboni sind oft nur im ersten Jahr gültig und können zu bösen Überraschungen im zweiten Vertragsjahr führen.
Wichtig ist auch die Preisgarantie: Während manche Anbieter nur den Energiepreis garantieren, schließen andere auch Steuern und Abgaben ein. Verbraucher sollten außerdem auf die Kündigungsfrist achten – bei ungünstigen Entwicklungen sollte ein schneller Wechsel möglich sein.
Die Prognosen für die kommenden Monate sind gemischt. Während der Ausbau erneuerbarer Energien langfristig für stabilere und günstigere Preise sorgen könnte, belasten kurzfristige Faktoren die Märkte. Der European Network of Transmission System Operators (ENTSO-E) prognostiziert für den Winter 2024/25 eine angespannte Versorgungslage.
Experten rechnen mit weiteren Preisanpassungen im Herbst 2024, wenn die Heizperiode beginnt und die Nachfrage steigt. Besonders kritisch könnte ein kalter Winter werden, der sowohl den Stromverbrauch als auch die Preise nach oben treibt. Andererseits könnte ein milder Winter mit viel Wind und Sonne zu sinkenden Preisen führen.
Mittel- bis langfristig hängt die Preisentwicklung maßgeblich vom Ausbau erneuerbarer Energien ab. Österreich hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 den Stromverbrauch zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu decken. Derzeit liegt der Anteil bei etwa 78 Prozent, wobei Wasserkraft den größten Anteil ausmacht.
Der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft soll die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und Stromimporten reduzieren. Gleichzeitig investiert Österreich in Smart Grids und Speichertechnologien, um Schwankungen bei der Stromerzeugung auszugleichen. Diese Investitionen kosten zunächst Geld, könnten aber langfristig zu stabileren und günstigeren Preisen führen.
Angesichts der aktuellen Marktlage sollten Verbraucher ihre Stromverträge kritisch überprüfen. Besonders Haushalte, die noch beim örtlichen Grundversorger sind oder seit Jahren den gleichen Tarif haben, können oft durch einen Wechsel sparen. Ein Vergleich der verfügbaren Tarife lohnt sich in jedem Fall.
Darüber hinaus können Haushalte durch bewussteren Stromverbrauch ihre Kosten senken. Der Austausch alter Elektrogeräte gegen energieeffiziente Modelle, die Nutzung von LED-Beleuchtung und das Vermeiden von Standby-Verbräuchen können den Jahresverbrauch um 10 bis 15 Prozent reduzieren.
Die Installation einer Photovoltaikanlage kann langfristig eine lohnende Investition sein. Bei aktuellen Anlagenpreisen amortisiert sich eine PV-Anlage auf einem Einfamilienhaus in etwa 8 bis 12 Jahren und kann danach für Jahrzehnte günstigen Strom liefern.