Österreichs Notrufnummer für junge Menschen führte rund 40.500 Beratungsgespräche – Anfragen zu körperlicher und psychischer Gewalt in Familien stiegen um bis zu 19 Prozent
Die Notrufnummer 147 von Rat auf Draht verzeichnete 2025 deutliche Zuwächse bei Gewalt- und Angstthemen. Auch das School Shooting in Graz beschäftigte viele junge Menschen.
Die Zahlen des Jahresrückblicks 2025 von Rat auf Draht zeichnen ein besorgniserregendes Bild: Rund 40.500 Mal suchten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Hilfe bei Österreichs einziger Notrufnummer für junge Menschen. Besonders alarmierend sind die deutlichen Zuwächse bei den Themen Gewalt und Angst – ein Trend, der sich auch bei den hilfesuchenden Eltern widerspiegelt.
Nicht nur die Anzahl der Beratungsgespräche ist gestiegen, auch deren Dauer hat im Vergleich zum Vorjahr erneut zugenommen – diesmal um 6,3 Prozent. Im Jahr 2024 lag der Anstieg noch bei 5,2 Prozent. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie komplex und belastend die Situationen sind, mit denen sich junge Menschen an die Beratungsstelle wenden.
"Besonders bei den Themen Gesundheit, Familie, Gewalt und dem persönlichen Befinden dauern die Gespräche länger. Hier sind die Belastungen meist sehr hoch und es braucht daher auch länger, bis sich junge Menschen öffnen und sich jemand anvertrauen können", erklärt Birgit Satke, Leiterin des Beratungsteams von Rat auf Draht.
Die Statistik des vergangenen Jahres offenbart beunruhigende Trends bei den Beratungsthemen. Die stärksten Anstiege im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten:
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen weiterhin auf einem hohen Niveau bleiben. Die Zunahme bei Gewaltthemen innerhalb der Familie ist besonders besorgniserregend und zeigt, dass häusliche Gewalt nach wie vor ein gravierendes gesellschaftliches Problem darstellt.
Die meisten Anfragen auf der Notrufnummer 147 betrafen auch im Jahr 2025 die "Auskunft zur psychosozialen Versorgung". Dies unterstreicht den enormen Bedarf an niederschwelligen Hilfsangeboten für junge Menschen in Österreich. Auf den weiteren Plätzen folgen familiäre Probleme sowie der Themenbereich Suizidalität. An vierter Stelle stehen Anfragen zu Freundschaft und Peer Group.
Einen Lichtblick gibt es dennoch: Die allgemeine Stimmung unter jungen Menschen hat sich tendenziell verbessert. "Dies zeigt sich unter anderem daran, dass es bei klassischen Teenager-Themen wie Freundschaft, Peer Group oder Liebeskummer im Vergleich zum Vorjahr mehr Beratungsanfragen gibt", berichtet Satke. Anfragen zum Thema Liebeskummer nahmen 2025 um rund acht Prozent zu – ein Zeichen dafür, dass sich Jugendliche wieder verstärkt mit alltäglichen Herausforderungen des Heranwachsens beschäftigen können.
Ein einschneidendes Ereignis prägte das Jahr 2025 maßgeblich: Das School Shooting in Graz erschütterte ganz Österreich und führte zu einem sprunghaften Anstieg der Beratungsanfragen. In der Zeit vom 10. bis 22. Juni 2025 stiegen die Gespräche im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um über 15 Prozent auf 1.824 Beratungen an.
Bei vielen dieser Gespräche war der Amoklauf direktes Thema. Die Anruferinnen und Anrufer holten sich Ratschläge, wie sie am besten mit ihrer Angst umgehen können, und äußerten große Sorge, dass so etwas auch an ihrer eigenen Schule passieren könnte. Auch der Umgang mit der Flut an Informationen und den teils verstörenden Bildern, die auf Social Media verbreitet wurden, sowie das Thema Fake News wurden intensiv besprochen.
"Mehrere Anrufer:innen brauchten Unterstützung, die Erlebnisse einzuordnen und mit ihrem Schock und der Trauer umzugehen. Natürlich war es auch für unser Team eine sehr belastende Zeit, wir sind aber froh und stolz, so vielen jungen Menschen geholfen zu haben", schildert Satke die herausfordernde Situation.
Die Erkenntnisse aus dieser fordernden Situation führten zu einer wichtigen Neuerung: In Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium wurde die "Chateria Speciale" ins Leben gerufen. Dieses digitale Chatangebot richtet sich speziell an junge Menschen und fokussiert auf das Thema mentale Gesundheit. Damit reagiert Rat auf Draht auf den steigenden Bedarf an niederschwelligen, digitalen Beratungsformaten.
Eine weitere bedeutende Neuerung des Jahres 2025 ist der Trusted Flagger Status von Rat auf Draht. Diese Funktion ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, direkt über die Rat auf Draht-Website rechtswidrige Inhalte auf Online-Plattformen zu melden. Die gemeldeten Inhalte müssen dann von den jeweiligen Diensten priorisiert behandelt werden.
Das Angebot wird bereits gut angenommen: Seit seinem Bestehen wurden 157 Anfragen eingereicht. Dies zeigt, dass junge Menschen ein Werkzeug benötigen, um gegen problematische Online-Inhalte vorzugehen – und dass sie dieses auch aktiv nutzen, wenn es niederschwellig zur Verfügung steht.
Nicht nur für Kinder und Jugendliche war das Jahr 2025 fordernd – auch für Eltern und Bezugspersonen. Rund 1.200 Videochatberatungen auf elternseite.at, dem Beratungsangebot von Rat auf Draht speziell für Erwachsene, verdeutlichen den hohen Unterstützungsbedarf.
Die häufigsten Themen, mit denen sich Eltern an die Beratungsstelle wandten, waren:
Besonders alarmierend ist jedoch der Anstieg beim Thema Gewalt um über 34 Prozent. "Anders ausgedrückt: Jeden zweiten Tag meldet sich bei uns ein Elternteil von einem Kind, das Mobbing-Gewalt in der Schule, psychische Gewalt oder körperliche Gewalt erlebt hat", fasst Satke die bedrückende Situation zusammen.
Diese Zahlen zeigen, dass Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ein allgegenwärtiges Problem ist, das nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Familien schwer belastet. Die Tatsache, dass sich Eltern zunehmend Hilfe suchen, kann jedoch auch als positives Signal gewertet werden: Das Bewusstsein für die Problematik steigt, und Bezugspersonen scheuen sich weniger, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Für das kommende Jahr rechnet Rat auf Draht mit anhaltend hohem Beratungsbedarf. Die Prognose der Expertinnen und Experten ist eindeutig: Psychische Belastungen und mentale Gesundheit werden weiterhin sehr präsent sein.
"Wir rechnen auch damit, dass Herausforderungen im Bereich der digitalen Medien inklusive KI zunehmen werden", prognostiziert Satke. Die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz bringt neue Herausforderungen mit sich – von Deepfakes bis hin zu KI-generiertem Cybermobbing. Junge Menschen sind diesen Entwicklungen oft als Erste ausgesetzt und benötigen entsprechende Unterstützung.
Darüber hinaus werden voraussichtlich auch Zukunftsängste, Leistungsdruck in Schule und Ausbildung sowie globale Krisen wieder verstärkt Thema sein. Die Klimakrise, geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheiten belasten junge Menschen in besonderem Maße, da sie ihre Zukunftsperspektiven direkt betreffen.
Die Zahlen des Jahresrückblicks unterstreichen eindrücklich, wie wichtig niederschwellige Beratungsangebote wie Rat auf Draht für junge Menschen in Österreich sind. Die Notrufnummer 147 bietet rund um die Uhr eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Not – anonym, kostenlos und ohne Hemmschwelle.
Dass die Beratungsgespräche länger werden und die Anfragen zu schweren Themen wie Gewalt und Suizidalität zunehmen, zeigt allerdings auch, dass der Bedarf an psychosozialer Versorgung für junge Menschen in Österreich bei weitem nicht gedeckt ist. Lange Wartezeiten auf Therapieplätze und ein Mangel an niederschwelligen Angeboten führen dazu, dass Einrichtungen wie Rat auf Draht oft die erste und manchmal einzige Anlaufstelle für Betroffene sind.
Um die wichtige Arbeit fortsetzen und ausbauen zu können, ist Rat auf Draht auf Unterstützung angewiesen. Mit dem neu gegründeten Rat auf Draht Club können Interessierte die Organisation als Mitglieder unterstützen und so dazu beitragen, dass auch in Zukunft keine Anfrage unbeantwortet bleibt.
Die Notrufnummer 147 ist rund um die Uhr erreichbar – für alle jungen Menschen in Österreich, die jemanden zum Reden brauchen, sich Sorgen machen oder sich in einer akuten Krise befinden. Denn manchmal ist ein Gespräch der erste und wichtigste Schritt zur Besserung.