Neue Ausbildungswege und Versorgungsherausforderungen im Fokus
Erstmals österreichweite Daten zur Wirksamkeit von Psychotherapie - neue Masterstudien ab 2026 und Versorgungsengpässe diskutiert.
Ein Viertel der österreichischen Bevölkerung ist aktuell von psychischen Erkrankungen betroffen, doch die Versorgung hält mit dem tatsächlichen Bedarf nicht Schritt. Bei einer Pressekonferenz in Salzburg präsentierten Experten nun erstmals österreichweite Daten zur Wirksamkeit ambulanter Psychotherapie sowie neue Entwicklungen in der Ausbildungslandschaft.
Die POPP-Studie („Prozess und Outcome in Psychotherapeutischen Praxen") liefert erstmals konkrete Belege für die Wirksamkeit von Psychotherapie unter realen Alltagsbedingungen in Österreich. Die Untersuchung basiert auf Daten von 87 Psychotherapeuten aus allen vier Hauptorientierungen und 163 Patienten.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Depressive und Angstsymptome gehen deutlich zurück, während Funktionsfähigkeit und Lebenszufriedenheit der Patienten steigen. "Psychotherapie wirkt auch unter komplexen Alltagsbedingungen mit vielfältigen Krankheitsbildern – und über alle untersuchten Psychotherapierichtungen hinweg", erklärt Elke Humer, Assoziierte Professorin für Biopsychosoziale Gesundheit an der Universität für Weiterbildung Krems.
Diese Studienergebnisse sind besonders bedeutsam, da sie nicht unter idealen Laborbedingungen entstanden, sondern die tatsächliche Praxis widerspiegeln. "Psychotherapie ist eine der wirksamsten Interventionen für psychische Gesundheit und ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Gesundheitssystems", betont Humer.
Ab Oktober 2026 steht ein grundlegender Wandel in der österreichischen Psychotherapieausbildung bevor. Das neue Psychotherapiegesetz 2024 etabliert ein ordentliches Masterstudium Psychotherapie an öffentlichen Universitäten mit österreichweit 500 Studienplätzen pro Jahr.
Die Universität Salzburg nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein und wird 50 dieser Studienplätze anbieten. Thomas Probst, Universitätsprofessor für Psychotherapie und -forschung sowie Gründungsdirektor der Universitätsambulanz für Psychotherapie an der Universität Salzburg, sieht darin einen "Paradigmenwechsel": "Der Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg nimmt im Zuge der Vorbereitungen auf das neue Studium österreichweit eine führende Rolle ein."
Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), betont, dass die Neuerungen auf bewährten Strukturen aufbauen: "Seit über 35 Jahren steht die psychotherapeutische Ausbildung in Österreich für hohe Qualität, wissenschaftliche Fundierung und praxisnahe Kompetenzentwicklung. Die neue Ausbildungsstruktur baut auf diesem starken Fundament auf."
Die neue Struktur verbindet universitäre Exzellenz mit bewährter fachgesellschaftlicher Spezialisierung. Nach dem Masterstudium folgt eine postgraduale Fachausbildungsphase bei Fachgesellschaften, die mit einer staatlichen Approbationsprüfung abgeschlossen wird.
Aktuell befinden sich bereits über 11.000 Kollegen in der Ausbildung, davon 3.000 in der Fachausbildung. Insgesamt stehen 13.021 Psychotherapeuten und 3.000 in Fachausbildung unter Lehrsupervision als Nahversorger für psychische Gesundheit zur Verfügung.
Während die Wirksamkeit von Psychotherapie wissenschaftlich belegt ist, zeigt sich bei der Versorgung ein anderes Bild. Rund 23 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind derzeit von psychischen Erkrankungen betroffen. Mehr als 900.000 Menschen suchen jährlich aufgrund psychischer Belastungen das Gesundheitssystem auf.
Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) stellt aktuell Leistungen für rund 1,3 Prozent ihrer Versicherten bereit, obwohl internationale Empfehlungen auf einen höheren Versorgungsbedarf hinweisen. Die regionalen Unterschiede sind dabei erheblich.
Andreas Huss, Obmann der ÖGK, präsentierte beeindruckende Zahlen der aktuellen Versorgungsleistung: "Im Vertragsbereich wurden 77.977 Patienten mit 1.064.946 Psychotherapieeinheiten und Gesamtaufwendungen von 95.285.197 Euro versorgt." Zusätzlich erhielten 81.745 Patienten Kostenzuschüsse in Höhe von 26.444.432 Euro.
Besonders bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich der Bedarf deutlich: Rund 11,5 Prozent der abgerechneten Einheiten wurden 2024 von dieser Altersgruppe in Anspruch genommen. Huss fordert daher "ein flächendeckendes Netz an Kinder- und Jugendversorgung sowie multidisziplinäre psychosoziale Versorgungszentren".
Salzburg gilt österreichweit als Benchmark für gelungene psychotherapeutische Versorgung. Das "Salzburger Modell" konnte sogar die Pensionierungen wegen psychischer Erkrankungen geringer halten. Ines Gstrein, Geschäftsführerin der ARGE Psychotherapie Salzburg, sieht darin einen wichtigen Beweis: "Österreich verfügt über eine starke psychotherapeutische Personalbasis, und Beispiele wie Salzburg beweisen, dass Versorgung wirksam ausgebaut werden kann."
Dennoch mahnt sie weitere Schritte an: "Jetzt braucht es den nächsten Schritt – eine österreichweit einheitliche Versorgung mit Psychotherapie auf e-card, kostendeckende Rahmenbedingungen und den konsequenten Ausbau der Angebote."
Ein zentraler Aspekt der Diskussion ist die soziale Gerechtigkeit. Huss von der ÖGK bringt es auf den Punkt: "Psychosoziale Versorgung sollte weder vom Konto noch vom Wohnort abhängen." Die flächendeckende Psychotherapie auf Kassenkosten soll daher weiter ausgebaut werden.
Die neue Ausbildungsform und die Ambulanz der Universität Salzburg werden nach Einschätzung der Experten "noch mehr Qualität und soziale Gerechtigkeit in die Versorgung bringen". Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass psychische Erkrankungen in der Versorgung "immer noch nicht den Status einer 'normalen' Krankheit haben, die behandelt werden muss".
Die Pressekonferenz macht deutlich, dass Österreich in der Psychotherapie vor einem entscheidenden Wendepunkt steht. Mit den neuen wissenschaftlichen Belegen zur Wirksamkeit, der akademisierten Ausbildung und den Bemühungen um eine bessere Versorgung werden wichtige Weichen gestellt.
Die Herausforderung liegt nun darin, diese drei Säulen – Wissenschaft, Ausbildung und Versorgung – optimal zu verknüpfen. Die 500 neuen Masterstudienplätze pro Jahr sind ein wichtiger Schritt zur Deckung des Personalbedarfs, doch die Umsetzung einer flächendeckenden, sozial gerechten Versorgung bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe.
Besonders für Kinder und Jugendliche, aber auch für unterversorgte Regionen müssen konkrete Lösungen gefunden werden. Die Erfahrungen aus Salzburg zeigen, dass dies möglich ist – nun gilt es, diese Erfolgsmodelle österreichweit zu etablieren.
Die wissenschaftlich belegte Wirksamkeit von Psychotherapie sollte dabei als starkes Argument für Investitionen in die psychische Gesundheitsversorgung dienen. Denn wie die POPP-Studie zeigt: Psychotherapie wirkt – nicht nur in der Theorie, sondern auch im realen Versorgungsalltag.