Eva-Maria Holzleitner steht als Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung vor großen Herausforderungen. Am Internationalen Frauentag, dem 8. März 2026, stellt sie sich um 11:05 Uhr in...
Eva-Maria Holzleitner steht als Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung vor großen Herausforderungen. Am Internationalen Frauentag, dem 8. März 2026, stellt sie sich um 11:05 Uhr in der ORF-"Pressestunde" den kritischen Fragen von Anna Thalhammer (profil) und Peter Unger (ORF). Nach einem Jahr im Amt präsentiert die SPÖ-Politikerin ambitionierte Pläne für mehr Geschlechtergerechtigkeit, während gleichzeitig Kritik von verschiedenen Seiten laut wird.
Die Ministerin hat eine neue Kampagne ins Leben gerufen, die unter dem Motto "Mehr Gerechtigkeit" steht. Diese Initiative kommt zu einem Zeitpunkt, da die Gleichstellung von Frauen in Österreich weiterhin erhebliche Defizite aufweist. Laut dem aktuellen Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums liegt Österreich bei der Geschlechtergleichstellung nur auf Platz 57 von 146 Ländern weltweit. Besonders problematisch ist die Situation bei der Lohngleichheit, wo österreichische Frauen im Durchschnitt noch immer 18,8 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.
Die Kampagne zielt darauf ab, strukturelle Benachteiligungen von Frauen in verschiedenen Lebensbereichen anzugehen. Dabei geht es nicht nur um arbeitsrechtliche Aspekte, sondern auch um gesellschaftliche Normen und Erwartungen, die Frauen nach wie vor in traditionelle Rollen drängen. Die Initiative soll das Bewusstsein für diese Problematik schärfen und konkrete Veränderungen anstoßen.
Ein zentraler Baustein von Holzleitners Politik ist der geplante Unterstützungsfonds für Alleinerziehende. In Österreich sind etwa 230.000 Familien Ein-Eltern-Haushalte, wobei 85 Prozent davon von Frauen geführt werden. Diese Gruppe ist überdurchschnittlich oft von Armut betroffen – fast jede dritte alleinerziehende Familie gilt als armutsgefährdet.
Der Fonds soll gezielt finanzielle Unterstützung bieten und praktische Hilfen ermöglichen. Dazu gehören Kinderbetreuungsplätze, flexible Arbeitszeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten. Experten sehen in solchen Maßnahmen einen wichtigen Schritt zur Bekämpfung der Feminisierung der Armut, einem Phänomen, bei dem Frauen überproportional häufig von Armut betroffen sind.
Die Kosten für den Fonds werden auf etwa 150 Millionen Euro jährlich geschätzt. Die Finanzierung soll durch eine Umschichtung im Sozialbudget sowie durch EU-Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds Plus erfolgen. Kritiker bemängeln jedoch, dass konkrete Details zur Ausgestaltung noch fehlen und warnen vor bürokratischen Hürden bei der Antragstellung.
Andere europäische Länder zeigen, wie erfolgreiche Unterstützung für Alleinerziehende aussehen kann. In Schweden beispielsweise erhalten alleinerziehende Eltern automatisch einen Unterhaltsvorschuss vom Staat, wenn der andere Elternteil nicht zahlt. Frankreich bietet umfassende Kinderbetreuung bereits ab dem dritten Lebensmonat, was es alleinerziehenden Müttern ermöglicht, früher in den Beruf zurückzukehren.
Deutschland hat mit dem Unterhaltsvorschuss bereits positive Erfahrungen gemacht. Seit der Reform 2017 können alleinerziehende Eltern diese Leistung ohne zeitliche Begrenzung und unabhängig vom Alter des Kindes erhalten. Diese Maßnahme führte zu einer merklichen Verbesserung der wirtschaftlichen Situation betroffener Familien.
Ein weiterer Schwerpunkt von Holzleitners Arbeit liegt in der Weiterentwicklung des Sexualstrafrechts. Österreich hat bereits 2019 das Prinzip "Nein heißt Nein" im Strafgesetzbuch verankert, doch Frauenorganisationen fordern weitere Verschärfungen. Besonders im Fokus stehen dabei die Bereiche Stalking, Cybergewalt und häusliche Gewalt.
Statistiken des Bundeskriminalamts zeigen, dass die Anzeigen wegen Stalking in den letzten fünf Jahren um 25 Prozent gestiegen sind. Gleichzeitig hat sich Cybergewalt gegen Frauen zu einem wachsenden Problem entwickelt. Laut einer Studie der EU-Grundrechteagentur haben 23 Prozent der österreichischen Frauen bereits Erfahrungen mit Online-Gewalt gemacht.
Die geplanten Verschärfungen sollen auch den Bereich der "digitalen Gewalt" umfassen. Dazu gehören das unerlaubte Teilen intimer Bilder ("Revenge Porn"), Cyber-Mobbing und die digitale Überwachung durch Ex-Partner. Diese Formen der Gewalt haben während der Corona-Pandemie deutlich zugenommen, da sich das Leben verstärkt in den digitalen Raum verlagert hat.
Neben den rechtlichen Verschärfungen setzt die Ministerin auf verstärkte Präventionsarbeit. Dazu gehören Aufklärungskampagnen in Schulen, Sensibilisierung von Polizei und Justiz sowie der Ausbau von Beratungsstellen. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser berichtet von einem kontinuierlichen Anstieg der Hilfesuchenden – 2025 wurden über 3.200 Frauen und Kinder in Frauenhäusern betreut.
Die Wartelisten für Plätze in Frauenhäusern sind lang, und viele Einrichtungen arbeiten am Limit ihrer Kapazitäten. Die Istanbul-Konvention, die Österreich 2014 ratifiziert hat, fordert einen Familienplatz in einem Frauenhaus pro 7.500 Einwohner. Österreich erreicht diesen Standard derzeit nicht und liegt bei etwa einem Platz pro 10.000 Einwohner.
Im Sommer 2026 soll die EU-Lohntransparenz-Richtlinie in österreichisches Recht umgesetzt werden. Diese Richtlinie verpflichtet Unternehmen zu mehr Transparenz bei der Entlohnung und soll helfen, geschlechtsspezifische Lohnunterschiede aufzudecken und zu beseitigen.
Konkret müssen Arbeitgeber künftig bereits bei Stellenausschreibungen das Gehaltsniveau angeben. Beschäftigte erhalten das Recht, Informationen über die Entlohnung von Kollegen in vergleichbaren Positionen zu erfragen. Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten müssen regelmäßig über ihre Lohnstruktur berichten und bei einem Lohngefälle von mehr als fünf Prozent eine Lohnanalyse durchführen.
Die Wirtschaftskammer Österreich zeigt sich skeptisch gegenüber den neuen Regelungen und warnt vor zusätzlicher Bürokratie. Kleinere Unternehmen befürchten einen erhöhten Verwaltungsaufwand. Gleichzeitig begrüßen Gewerkschaften und Frauenorganisationen die Maßnahmen als längst überfälligen Schritt zur Lohngerechtigkeit.
Studien aus anderen EU-Ländern zeigen gemischte Ergebnisse der Lohntransparenz-Maßnahmen. In Island, das bereits 2018 ein strenges Lohntransparenz-Gesetz eingeführt hat, konnte der Gender Pay Gap deutlich reduziert werden. Unternehmen berichten jedoch von erhöhten Kosten für die Compliance und gelegentlichen Spannungen unter den Beschäftigten.
In Deutschland haben erste Erfahrungen mit dem Entgelttransparenzgesetz von 2017 gezeigt, dass die Nutzung durch Arbeitnehmer zunächst verhalten war. Viele Beschäftigte scheuen sich, ihr Auskunftsrecht geltend zu machen, aus Angst vor negativen Konsequenzen am Arbeitsplatz. Österreichische Arbeitsrechtler empfehlen daher einen behutsamen Umgang bei der Umsetzung.
Trotz der angekündigten Maßnahmen steht Holzleitner von verschiedenen Seiten unter Druck. Die Grünen, ehemalige Regierungspartner, kritisieren das Tempo der Reformen als zu langsam. Sie fordern konkretere Schritte zur Schließung des Gender Pay Gaps und mehr Investitionen in die Kinderbetreuung.
Frauenorganisationen beklagen Kürzungen im sozialen Bereich, die ihre Arbeit erschweren. Der Dachverband österreichischer Frauenorganisationen berichtet von reduzierten Förderungen für Beratungsstellen und Präventionsprojekte. Besonders betroffen sind kleinere Vereine in ländlichen Gebieten, die oft die einzige Anlaufstelle für hilfesuchende Frauen darstellen.
Die Kritik richtet sich auch gegen die Kommunikationsstrategie der Ministerin. Während große Kampagnen und Ankündigungen medial gut ankommen, vermissen Praktiker konkrete Verbesserungen in ihrer täglichen Arbeit. Ein Beispiel ist die Finanzierung von Frauenhäusern, die trotz steigender Nachfrage nicht entsprechend erhöht wurde.
Die finanziellen Spielräume für neue Sozialprogramme sind begrenzt. Österreichs Staatsschulden sind während der Corona-Pandemie stark angestiegen, und die EU-Fiskalregeln setzen der Neuverschuldung Grenzen. Das Frauenbudget macht derzeit nur etwa 0,1 Prozent des Gesamtbudgets aus, was im internationalen Vergleich relativ gering ist.
Schweden investiert beispielsweise etwa 0,8 Prozent seines Staatshaushalts in spezifische Gleichstellungsmaßnahmen. Norwegen hat mit seinem staatlichen Pensionsfonds für Frauen im Alter deutlich bessere Vorsorgemöglichkeiten geschaffen. Diese Beispiele zeigen, dass ambitionierte Frauenpolitik entsprechende finanzielle Ressourcen benötigt.
Die ORF-Pressestunde findet zu einem politisch brisanten Zeitpunkt statt. Die SPÖ befindet sich in einer schwierigen Phase mit internen Diskussionen über die Parteispitze und die strategische Ausrichtung. Der anstehende Parteitag soll Klarheit in diese Fragen bringen und die Partei für kommende Wahlkämpfe stärken.
Holzleitner gilt als loyale Unterstützerin der aktuellen Parteilinie, steht aber auch im Spannungsfeld verschiedener SPÖ-Fraktionen. Ihre Arbeit als Ministerin wird dabei durchaus als Erfolg gesehen, auch wenn die Umsetzung vieler Vorhaben Zeit braucht. Die Balance zwischen Regierungsverantwortung und Parteipolitik erweist sich als anspruchsvolle Aufgabe.
Innerhalb der SPÖ gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie stark feministische Themen in den Vordergrund gestellt werden sollen. Während urbane Wählergruppen progressive Frauenpolitik schätzen, befürchten manche Funktionäre, traditionellere Wähler zu verlieren. Diese Diskussion spiegelt einen gesellschaftlichen Wandel wider, den viele Parteien in Europa durchleben.
Die größten Hürden bei der Gleichstellung liegen nach Ansicht von Experten in tief verwurzelten gesellschaftlichen Strukturen. Trotz rechtlicher Gleichstellung bestehen kulturelle und soziale Barrieren fort. Die Verteilung von Care-Arbeit ist nach wie vor ungleich: Frauen übernehmen 66 Prozent der unbezahlten Arbeit in Haushalt und Familie.
Diese Ungleichverteilung hat weitreichende Folgen für Berufswahl, Karriereverläufe und Alterssicherung von Frauen. Die Teilzeitquote bei Frauen liegt in Österreich bei 47 Prozent, eine der höchsten in der EU. Viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit nach der Geburt von Kindern und kehren nie mehr zu einer Vollzeitbeschäftigung zurück.
Die demografische Entwicklung verstärkt diese Problematik zusätzlich. Mit einer alternden Gesellschaft steigt der Bedarf an Pflege und Betreuung, was traditionell von Frauen übernommen wird. Ohne strukturelle Veränderungen droht sich die Situation von Frauen am Arbeitsmarkt weiter zu verschlechtern.
Studien zeigen, dass Geschlechterungleichstellung erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursacht. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) schätzt, dass Österreich durch die unvollständige Nutzung des weiblichen Arbeitskräftepotenzials jährlich etwa 3,2 Milliarden Euro entgehen. Diese Summe entspricht etwa einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in Führungspositionen zeigen nachweislich bessere Geschäftsergebnisse. Die Boston Consulting Group ermittelte, dass Unternehmen mit diverseren Führungsteams 21 Prozent höhere Gewinne erzielen. Trotz dieser Erkenntnisse liegt der Frauenanteil in österreichischen Vorständen nur bei 15 Prozent.
Die anstehende Pressestunde wird zeigen, wie Ministerin Holzleitner auf diese Herausforderungen reagiert und welche konkreten Schritte sie für die Zukunft plant. Besonders spannend wird die Diskussion über die Finanzierung ihrer ambitionierten Vorhaben und den Umgang mit der Kritik aus den eigenen Reihen. Die Sendung verspricht wichtige Einblicke in die aktuelle österreichische Frauenpolitik und deren Grenzen zu geben.