Das österreichische Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI) macht Ernst mit der Gleichstellung: Während in vielen Bereichen der Technik- und Mobilitätsbranche noch imm...
Das österreichische Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI) macht Ernst mit der Gleichstellung: Während in vielen Bereichen der Technik- und Mobilitätsbranche noch immer Männer dominieren, zeigt das Ministerium vor, wie es anders geht. Alle vier Sektionen werden von Frauen geführt, 42 Prozent der Leitungspositionen sind weiblich besetzt und bei den Mitarbeitenden wurde echte Parität erreicht. Diese Zahlen sind mehr als symbolisch – sie sind Teil einer strategischen Neuausrichtung, die Frauen als entscheidenden Innovationsfaktor begreift.
Minister Peter Hanke bringt es auf den Punkt: "Innovation entsteht durch den Austausch von Ideen und den Wechsel von Perspektiven. Doch diese sind leider noch zu oft männlich geprägt – und damit einseitig." Seine Worte anlässlich des Internationalen Frauentages verdeutlichen ein Problem, das weit über Österreichs Grenzen hinausreicht und dessen Lösung zur Chefsache erklärt wurde.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Mobilitätsbereich liegt der Frauenanteil bei lediglich 26 Prozent, in Führungspositionen sogar nur bei 23 Prozent. Diese Unterrepräsentation ist kein österreichisches Einzelphänomen, sondern spiegelt ein europaweites Problem wider. In Deutschland zeigen sich ähnliche Tendenzen mit einem Frauenanteil von etwa 28 Prozent in technischen Berufen, während die Schweiz mit 32 Prozent etwas besser abschneidet.
Die Ursachen für diese Schieflage sind vielschichtig und beginnen bereits bei der Berufsorientierung. Studien des Bildungsministeriums belegen, dass nur die Hälfte der Jugendlichen vor der Matura ausreichend über Studienmöglichkeiten informiert ist. Die Berufswahl bleibt stark von familiären Erfahrungen und traditionellen Rollenbildern geprägt. Besonders problematisch: Mädchen wählen nach wie vor seltener MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), obwohl sie in diesen Bereichen gleich gute oder sogar bessere Leistungen erbringen als ihre männlichen Mitschüler.
Die Geschichte der Frauen in technischen Berufen in Österreich ist geprägt von Auf und Ab. Während der beiden Weltkriege stieg der Frauenanteil in technischen Bereichen deutlich an – aus der Not heraus, da Männer im Kriegsdienst waren. Nach Kriegsende folgte jedoch meist eine Rückkehr zu traditionellen Rollenmustern. Erst seit den 1970er Jahren gibt es kontinuierliche Bemühungen, mehr Frauen für technische Berufe zu gewinnen.
Ein Wendepunkt war das Jahr 1995, als Gender Mainstreaming in der österreichischen Bundesverfassung verankert wurde. Diese Strategie verpflichtet alle Bundesministerien dazu, bei ihren Maßnahmen die unterschiedlichen Auswirkungen auf Frauen und Männer zu berücksichtigen. Dennoch blieben die Fortschritte in technischen Bereichen lange Zeit bescheiden. Der Frauenanteil in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen stagnierte jahrzehntelang bei etwa 20 Prozent.
Erst in den letzten Jahren ist Bewegung in die Statistiken gekommen. Zwischen 2010 und 2020 stieg der Frauenanteil in IT-Studiengängen von 18 auf 24 Prozent, in der Elektrotechnik von 12 auf 16 Prozent. Diese Entwicklung zeigt: Veränderung ist möglich, braucht aber Zeit und gezielte Maßnahmen.
Mit dem neuen "Go! Tech"-Programm beschreitet das BMIMI innovative Wege. Ab 2026 werden über die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) drei- bis sechsmonatige Orientierungspraktika für AHS-Absolventinnen und -Absolventen in Schlüsseltechnologien angeboten. Diese Initiative zielt besonders darauf ab, junge Frauen für Berufsfelder zu begeistern, in denen sie traditionell unterrepräsentiert sind.
Die FFG, als zentrale Förderagentur des Bundes für angewandte Forschung und Entwicklung, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie verfügt über ein Budget von jährlich rund 800 Millionen Euro und unterstützt Forschungsprojekte in Unternehmen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Durch die Integration von "Go! Tech" in das FFG-Portfolio erhält das Programm nicht nur finanzielle Stabilität, sondern auch Zugang zu einem breiten Netzwerk von Technologieunternehmen und Forschungseinrichtungen.
Die Praktika sind strategisch wichtig, weil sie jungen Menschen die Möglichkeit geben, "hinter die Kulissen der Industrie" zu blicken, wie Minister Hanke betont. Oft entstehen Vorurteile und falsche Vorstellungen über technische Berufe durch mangelnde Informationen. Ein Praktikum in einem Robotik-Unternehmen, bei einem Software-Entwickler oder in der Elektromobilitäts-Forschung kann diese Barrieren durchbrechen und zeigen, wie kreativ und vielseitig technische Arbeit tatsächlich ist.
Österreichs Ansatz reiht sich in eine Reihe europäischer Bemühungen ein, mehr Frauen für technische Berufe zu gewinnen. In Deutschland läuft seit 2001 der "Girls' Day", der jährlich rund 100.000 Schülerinnen erreicht. Die Schweiz setzt mit "Nationaler Zukunftstag" auf ein ähnliches Konzept. Frankreich geht mit seinem "Plan Mixité" noch einen Schritt weiter und hat finanzielle Anreize für Unternehmen geschaffen, die den Frauenanteil in technischen Berufen erhöhen.
Was Österreichs Ansatz besonders macht, ist die Kombination aus früher Berufsorientierung und langfristiger Begleitung. Während viele Programme bei eintägigen Schnupperaktionen bleiben, bietet "Go! Tech" mit seiner drei- bis sechsmonatigen Laufzeit die Möglichkeit, wirklich tief in technische Arbeitsfelder einzutauchen.
Neben der Nachwuchsförderung setzt das BMIMI auf einen Kulturwandel in den Unternehmen selbst. Die Initiative "Diversitec" unterstützt Forschungs-, Technologie- und Innovationsunternehmen (FTI-Unternehmen) dabei, Vielfalt als strategischen Erfolgsfaktor zu erkennen und zu nutzen. Diese Herangehensweise basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, die zeigen, dass diverse Teams bessere Entscheidungen treffen und innovativere Lösungen entwickeln.
FTI-Unternehmen sind dabei ein besonders wichtiges Zielgruppe, da sie oft Vorreiter für technologische Entwicklungen sind und als Multiplikatoren wirken können. In Österreich sind etwa 4.000 Unternehmen in diesem Sektor tätig, die zusammen über 300.000 Menschen beschäftigen. Ihr Einfluss auf die gesamte Wirtschaft ist erheblich: FTI-Unternehmen erwirtschaften rund 15 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts.
Das Besondere an "Diversitec" ist der ganzheitliche Ansatz. Es geht nicht nur darum, mehr Frauen einzustellen, sondern eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der alle Talente ihr volles Potenzial entfalten können. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, moderne Führungsmodelle, faire Bezahlung und Karriereentwicklungsmöglichkeiten für alle Geschlechter.
Die Maßnahmen des BMIMI haben bereits heute spürbare Auswirkungen auf den österreichischen Arbeitsmarkt. Unternehmen, die bei "Diversitec" mitmachen, berichten von einer höheren Attraktivität als Arbeitgeber, geringerer Fluktuation und verbesserter Innovationskraft. Ein Beispiel ist das Wiener Technologieunternehmen "InnoTech Solutions", das nach der Teilnahme am Programm seinen Frauenanteil von 15 auf 35 Prozent steigern konnte.
Für Arbeitnehmerinnen bedeuten diese Entwicklungen konkret: bessere Karrierechancen in zukunftssicheren Branchen, höhere Gehälter – technische Berufe sind in der Regel überdurchschnittlich entlohnt – und die Möglichkeit, an innovativen Projekten mitzuarbeiten, die gesellschaftlichen Impact haben. Ein Beispiel: Eine Softwareentwicklerin in Wien verdient durchschnittlich 20 Prozent mehr als ihre Kollegin in einem traditionellen Frauenberuf wie der Sozialen Arbeit.
Besonders im Mobilitätssektor zeigt sich, wie wichtig weibliche Perspektiven sind. Frauen nutzen Verkehrsmittel anders als Männer: Sie fahren häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kombinieren verschiedene Transportmittel und haben andere Sicherheitsbedürfnisse. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse fließen jedoch oft nicht in die Planung von Verkehrssystemen ein, weil die entsprechenden Entscheidungspositionen männlich dominiert sind.
Die EU-weite Plattform "Women in Transport", an der sich das BMIMI beteiligt, arbeitet daran, dies zu ändern. Konkret geht es darum, die Sichtbarkeit von Frauen in Mobilitätsunternehmen zu erhöhen und Best-Practice-Beispiele zu sammeln. Ein erfolgreiches Beispiel aus Österreich sind die Wiener Linien, die in den letzten Jahren gezielt Frauen für technische Berufe wie Straßenbahnfahrerin oder U-Bahn-Technikerin gewonnen haben.
Die Bedeutung weiblicher Perspektiven in der Mobilitätsplanung zeigt sich auch bei konkreten Projekten. Als in Graz eine neue Straßenbahnlinie geplant wurde, führte die Einbeziehung von Frauen in den Planungsprozess dazu, dass Haltestellen besser beleuchtet und Warteräume sicherer gestaltet wurden. Solche Details machen den Unterschied zwischen einem Verkehrssystem, das nur für einen Teil der Bevölkerung funktioniert, und einem, das allen dient.
Im internationalen Vergleich gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Mobilitätssektor. In Stockholm wurde das Konzept des "Gender Mainstreaming" konsequent auf die Verkehrsplanung angewandt. Resultat: Gehwege werden genauso oft geräumt wie Straßen, weil berücksichtigt wurde, dass Frauen häufiger zu Fuß gehen oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
In Barcelona führte die Einbeziehung von Frauen in die Stadtplanung zur Entwicklung von "Superblocks" – verkehrsberuhigten Bereichen, die das Leben im Quartier verbessern und besonders Familien zugutekommen. Diese Beispiele zeigen: Wenn Frauen mitplanen, entstehen Lösungen, die für alle besser sind.
Mit dem neuen Leitfaden "Geschlechtergerecht fair-walten" macht das BMIMI seine eigenen Erfahrungen mit Gender Mainstreaming für andere Verwaltungseinheiten nutzbar. Gender Mainstreaming bedeutet dabei, dass bei allen politischen Maßnahmen systematisch geprüft wird, wie sie sich unterschiedlich auf Frauen und Männer auswirken.
Ein praktisches Beispiel: Wenn eine neue Förderung für Start-ups entwickelt wird, wird vorab analysiert, ob Gründerinnen gleich guten Zugang haben wie Gründer. Falls nicht, werden die Förderkriterien angepasst. Oder bei der Planung einer neuen Verkehrsinfrastruktur wird geprüft, ob sie den Mobilitätsbedürfnissen aller Geschlechter gleichermaßen gerecht wird.
Diese systematische Herangehensweise hat in den letzten 25 Jahren zu messbaren Verbesserungen geführt. Der Frauenanteil in der österreichischen Bundesverwaltung ist von 35 Prozent (1990) auf heute 56 Prozent gestiegen. In Führungspositionen der Verwaltung liegt er bei 42 Prozent – deutlich höher als in der Privatwirtschaft, wo nur etwa 28 Prozent der Führungskräfte weiblich sind.
Die Förderung von Frauen in technischen Berufen ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Studien der OECD zeigen, dass Länder mit höherem Frauenanteil in MINT-Berufen stärkeres Wirtschaftswachstum verzeichnen. Für Österreich bedeutet das konkret: Wenn es gelänge, den Frauenanteil in technischen Berufen von derzeit 28 auf 40 Prozent zu steigern, könnte das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 2,5 Prozent wachsen.
Dieser ökonomische Effekt entsteht durch verschiedene Mechanismen: Erstens führt die bessere Nutzung des Arbeitskräftepotenzials zu höherer Produktivität. Zweitens entstehen durch diverse Teams innovativere Produkte und Dienstleistungen, die neue Märkte erschließen. Drittens sinkt der Fachkräftemangel in technischen Bereichen, der österreichische Unternehmen jährlich mehrere Milliarden Euro kostet.
Die Maßnahmen des BMIMI wirken sich unterschiedlich auf verschiedene Wirtschaftssektoren aus. In der Automobilindustrie, einem der wichtigsten Industriezweige Österreichs mit über 180.000 Beschäftigten, führt mehr Diversität zu Produkten, die besser auf die Bedürfnisse aller Nutzergruppen abgestimmt sind. Beispiel: Die Entwicklung sichererer Kindersitze oder ergonomischerer Fahrzeuginterieurs profitiert erheblich von weiblichen Designperspektiven.
In der IT-Branche, die in Österreich über 130.000 Menschen beschäftigt, können mehr Frauen dazu beitragen, dass Software und Apps nutzerfreundlicher werden. Studien zeigen, dass gemischtgeschlechtliche Entwicklungsteams weniger Bugs produzieren und benutzerfreundlichere Interfaces entwickeln.
Auch in der Energiewirtschaft, die vor der Herausforderung der Klimawende steht, sind weibliche Perspektiven wertvoll. Frauen priorisieren oft andere Aspekte bei Energielösungen – etwa Nachhaltigkeit und soziale Verträglichkeit – was zu ganzheitlicheren Lösungen führt.
Trotz aller Fortschritte bleiben Herausforderungen bestehen. Eine der größten ist die sogenannte "Leaky Pipeline" – der Umstand, dass Frauen zwar zunehmend MINT-Studiengänge wählen, aber später häufiger aus technischen Berufen aussteigen als Männer. Die Gründe dafür sind vielfältig: unflexible Arbeitszeiten, männlich geprägte Unternehmenskulturen, fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder auch subtile Formen der Diskriminierung.
Das BMIMI begegnet diesen Herausforderungen mit einem ganzheitlichen Ansatz. Neben der Nachwuchsförderung durch "Go! Tech" und dem Kulturwandel durch "Diversitec" setzt das Ministerium auch bei strukturellen Rahmenbedingungen an. Dazu gehört die verpflichtende Berücksichtigung von Gleichstellungszielen in Leistungs- und Finanzierungsvereinbarungen mit Organisationen wie dem Austrian Institute of Technology (AIT) oder der Silicon Austria Labs (SAL).
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Förderung von Role Models. Wenn junge Frauen sehen, dass andere Frauen erfolgreich in technischen Berufen arbeiten, steigt ihre eigene Motivation erheblich. Deshalb unterstützt das BMIMI gezielt die Sichtbarkeit von Frauen in Führungspositionen und als Projektleiterinnen.
Die Maßnahmen des BMIMI positionieren Österreich als Vorreiter bei der Gleichstellung in technischen Bereichen. Wenn die geplanten Programme erfolgreich umgesetzt werden, könnte Österreich bis 2030 einen Frauenanteil von 35 Prozent in technischen Berufen erreichen – das wäre europäische Spitze.
Besonders vielversprechend ist die Kombination verschiedener Ansätze: Die frühe Berufsorientierung durch "Go! Tech" kann dazu führen, dass mehr junge Frauen technische Studien wählen. "Diversitec" sorgt dafür, dass diese Frauen später in Unternehmen landen, die ihre Talente schätzen und fördern. Die Vorbildwirkung des BMIMI selbst zeigt, dass Geschlechterparität in Führungspositionen möglich ist.
Internationale Beobachter verfolgen Österreichs Ansatz bereits mit Interesse. Die EU-Kommission hat angekündigt, erfolgreiche nationale Modelle in ihre europaweite Strategie für mehr Frauen in MINT-Berufen einfließen zu lassen. Österreich könnte somit nicht nur national, sondern auch international Standards setzen.
Die Digitalisierung und der Klimawandel werden die Nachfrage nach technischen Fähigkeiten in den kommenden Jahren weiter steigen lassen. Länder, die es schaffen, alle Talente – unabhängig vom Geschlecht – für diese Herausforderungen zu mobilisieren, werden im internationalen Wettbewerb die Nase vorn haben. Mit seiner konsequenten Gleichstellungspolitik legt Österreich den Grundstein dafür, zu diesen Gewinnern zu gehören.
Minister Peter Hanke bringt die Langfristigkeit dieses Vorhabens treffend auf den Punkt: "Gleichstellung ist kein Projekt, das man 'fertig' macht. Es ist eine Haltung." Diese Haltung, verbunden mit konkreten Maßnahmen und messbaren Zielen, macht Österreich zu einem Modell für andere europäische Länder und zeigt: Echte Gleichstellung in technischen Berufen ist nicht nur wünschenswert, sondern auch erreichbar.