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ÖGK-Kürzungen: 34 Millionen Euro weniger für Versicherte

6. März 2026 um 14:50
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Die österreichischen Krankenversicherten müssen sich auf drastische Einschnitte bei ihren Leistungen einstellen. Mit 1. März 2026 hat die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) weitreichende Kürzun...

Die österreichischen Krankenversicherten müssen sich auf drastische Einschnitte bei ihren Leistungen einstellen. Mit 1. März 2026 hat die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) weitreichende Kürzungen in Kraft gesetzt, die laut Arbeiterkammer Oberösterreich jährlich mindestens 34 Millionen Euro weniger Leistungen für die Versicherten bedeuten. Die Maßnahmen treffen besonders Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie deren Familien hart und verschärfen die ohnehin angespannte Situation im österreichischen Gesundheitssystem erheblich.

Historischer Tiefstand bei Zufriedenheit mit Gesundheitssystem

Eine aktuelle Befragung der Arbeiterkammer offenbart das ganze Ausmaß der Misere: Nur noch 36 Prozent der AK-Mitglieder in Oberösterreich zeigen sich mit dem Gesundheitssystem zufrieden – ein historischer Tiefstand, der die dramatische Verschlechterung der Situation verdeutlicht. Diese Zahl spiegelt die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Qualität und Verfügbarkeit von Gesundheitsleistungen wider.

Gleichzeitig steigen die privaten Gesundheitsausgaben kontinuierlich an und machen mittlerweile fast ein Viertel der gesamten Gesundheitsausgaben in Österreich aus. Diese Entwicklung bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger immer häufiger selbst in die Tasche greifen müssen, um ihre Gesundheitsversorgung sicherzustellen. "Die Versicherten werden bereits jetzt durch Selbstbehalte zur Kasse gebeten. Nun werden auch noch weitere Leistungen der ÖGK gekürzt. Das trifft vor allem Arbeitnehmer:innen und deren Familien", warnt AK-Präsident Andreas Stangl.

Konkrete Auswirkungen der Leistungskürzungen im Detail

Die seit 1. März geltenden Kürzungen betreffen verschiedene Bereiche der Gesundheitsversorgung und haben direkte finanzielle Auswirkungen auf die Versicherten. Die gravierendsten Änderungen im Überblick:

Streichung des Familienzuschlags beim Krankengeld

Eine der bedeutendsten Kürzungen betrifft den Familienzuschlag zum Krankengeld. Bisher erhielten Versicherte ab dem 43. Krankheitstag einen Zuschlag von zehn Prozent, wenn sie Familienmitglieder zu versorgen hatten. Diese Unterstützung für Familien in schwierigen Zeiten fällt nun komplett weg. Besonders betroffen sind dabei Alleinverdiener-Haushalte und Familien mit niedrigem Einkommen, die auf diese zusätzliche Unterstützung während längerer Krankheitsphasen angewiesen waren.

Das Krankengeld selbst beträgt in Österreich normalerweise 50 Prozent des Entgelts ab dem vierten Krankheitstag, wobei es nach einer bestimmten Zeit auf 60 Prozent ansteigt. Der wegfallende Familienzuschlag bedeutet für eine Familie mit durchschnittlichem Einkommen monatliche Mehrbelastungen von mehreren hundert Euro bei längeren Krankenständen.

Verschärfungen bei Transportkosten

Die Übernahme von Transportkosten wurde drastisch eingeschränkt. Künftig werden diese nur noch bei medizinisch begründeter Gehunfähigkeit übernommen. Zusätzlich wurde die Leistung von Sekundärtransporten – also Transporte zwischen verschiedenen Behandlungseinrichtungen – komplett gestrichen. Diese Maßnahme trifft insbesondere ältere Menschen und Personen mit chronischen Erkrankungen, die regelmäßig auf medizinische Transporte angewiesen sind.

In ländlichen Gebieten Oberösterreichs, wo die Wege zu Fachärzten und Spitälern oft weit sind, bedeutet diese Kürzung eine erhebliche finanzielle Mehrbelastung für die Betroffenen. Taxi- oder Krankentransportkosten von 50 bis 100 Euro pro Fahrt müssen nun selbst getragen werden.

Höhere Zuzahlungen bei Zahnersatz

Die Zuzahlung der Versicherten für unentbehrlichen Zahnersatz wurde von 25 auf 30 Prozent erhöht. Diese scheinbar geringe Erhöhung um fünf Prozentpunkte hat in der Praxis erhebliche Auswirkungen. Bei einer Zahnbehandlung von 2.000 Euro bedeutet dies zusätzliche Kosten von 100 Euro für die Patienten.

Zahngesundheit gilt als wichtiger Indikator für die allgemeine Gesundheit und soziale Teilhabe. Die höheren Eigenanteile könnten dazu führen, dass Menschen mit geringem Einkommen notwendige Zahnbehandlungen aufschieben oder ganz darauf verzichten, was langfristig zu schwerwiegenderen gesundheitlichen Problemen führen kann.

Einschränkungen bei Kieferregulierungen

Bei Kieferregulierungen wurden zwei maßgebliche Kriterien als Voraussetzungen für die Kostenübernahme massiv verschärft. Diese Änderung betrifft vor allem Kinder und Jugendliche, deren Eltern nun häufiger selbst für kieferorthopädische Behandlungen aufkommen müssen. Eine vollständige Kieferregulierung kann Kosten von mehreren tausend Euro verursachen – eine erhebliche finanzielle Belastung für Familien.

Hintergrund: Die Fusion der Krankenkassen und ihre Folgen

Um die aktuellen Kürzungen zu verstehen, muss man einen Blick auf die strukturellen Veränderungen der vergangenen Jahre werfen. Die Fusion der österreichischen Krankenkassen zur ÖGK im Jahr 2020 war eine der größten Reformen im österreichischen Sozialversicherungssystem seit Jahrzehnten. Aus neun verschiedenen Krankenkassen entstand eine zentrale Organisation, die heute rund 7,3 Millionen Versicherte betreut.

Diese Strukturreform brachte nicht nur organisatorische Veränderungen mit sich, sondern veränderte auch die Machtverhältnisse in der Selbstverwaltung grundlegend. Vor der Fusion hatten Arbeitnehmervertreter in den meisten regionalen Krankenkassen die Mehrheit. Nach der Zusammenlegung wurde dieses Gleichgewicht zugunsten der Arbeitgeberseite verschoben.

Die Selbstverwaltung in der österreichischen Sozialversicherung funktioniert nach dem Prinzip der Sozialpartnerschaft: Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgebern entscheiden gemeinsam über die Verwendung der Beitragsmittel und die Ausgestaltung der Leistungen. Traditionell hatten dabei die Arbeitnehmervertreter, die auch die Mehrheit der Versicherten repräsentieren, eine stärkere Position.

Österreich im europäischen Vergleich

Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass die österreichische Entwicklung keineswegs zwangsläufig ist. Deutschland beispielsweise hat sein System der gesetzlichen Krankenversicherung in den vergangenen Jahren eher ausgebaut als gekürzt. Die deutschen Krankenkassen bieten heute vielfach zusätzliche Leistungen an, um im Wettbewerb um Versicherte zu bestehen.

In der Schweiz, wo das Gesundheitssystem stärker privatwirtschaftlich organisiert ist, sind die Eigenanteile der Versicherten zwar höher, jedoch sind die Leistungen in der Grundversicherung klar definiert und werden nicht gekürzt. Frankreich wiederum hat sein solidarisches Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren gestärkt und die Eigenanteile für bestimmte Behandlungen sogar reduziert.

Diese Beispiele zeigen, dass Leistungskürzungen nicht der einzige Weg sind, um finanzielle Herausforderungen im Gesundheitswesen zu bewältigen. Alternative Ansätze wie eine bessere Finanzierung durch höhere Beiträge der Besserverdienenden oder eine stärkere Beteiligung des Staates an den Gesundheitskosten wären durchaus denkbar.

Auswirkungen auf verschiedene Bevölkerungsgruppen

Die Kürzungen treffen nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich stark. Besonders betroffen sind:

  • Familien mit Kindern: Der wegfallende Familienzuschlag beim Krankengeld und die höheren Kosten für Kieferregulierungen belasten Familienhaushalte überproportional.
  • Ältere Menschen: Sie sind häufiger auf Transporte zu medizinischen Behandlungen angewiesen und benötigen öfter Zahnersatz.
  • Chronisch Kranke: Regelmäßige Transporte zu Fachärzten und häufigere Behandlungen führen zu höheren Eigenkosten.
  • Menschen in ländlichen Gebieten: Längere Wege zu medizinischen Einrichtungen bedeuten höhere Transportkosten.
  • Geringverdiener: Sie können sich private Zusatzversicherungen seltener leisten und sind stärker auf die Kassenleistungen angewiesen.

Konkrete Beispiele aus dem Alltag

Ein alleinerziehender Vater aus Linz, der aufgrund einer chronischen Erkrankung längere Zeit krankgeschrieben ist, verliert durch den wegfallenden Familienzuschlag monatlich etwa 200 Euro Einkommen. Gleichzeitig muss er für regelmäßige Fahrten zum Facharzt in Wien nun 60 Euro pro Fahrt selbst bezahlen – Kosten, die bisher die Kasse übernommen hätte.

Eine Familie aus dem Mühlviertel steht vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die 3.000 Euro für die Kieferregulierung ihres 14-jährigen Sohnes aufbringen kann, nachdem die Kasse die Kostenübernahme aufgrund der verschärften Kriterien abgelehnt hat. Früher wäre diese Behandlung problemlos bewilligt worden.

Finanzielle Dimension und Einsparungspotential

Die von der AK genannten 34 Millionen Euro jährliche Einsparungen sind nur die Spitze des Eisbergs. Experten schätzen, dass die tatsächlichen Einsparungen für die ÖGK noch höher liegen könnten, wenn man die Folgekosten aufgeschobener Behandlungen berücksichtigt. Gleichzeitig bedeuten diese Einsparungen für die Versicherten und ihre Familien eine entsprechende Mehrbelastung.

Umgelegt auf die rund 7,3 Millionen ÖGK-Versicherten entspricht dies durchschnittlich knapp fünf Euro weniger Leistungen pro Person und Jahr. Allerdings sind die Auswirkungen sehr ungleich verteilt – während manche Versicherte gar nicht betroffen sind, müssen andere Mehrkosten von mehreren hundert Euro pro Jahr verkraften.

Politische Reaktionen und Forderungen

Die Arbeiterkammer Oberösterreich fordert nicht nur die sofortige Rücknahme der Kürzungen, sondern auch strukturelle Reformen. Kern der AK-Forderungen ist die Wiederherstellung einer klaren Arbeitnehmermehrheit in der Selbstverwaltung der ÖGK. "Wenn die Arbeitgeberseite in der ÖGK das Sagen hat, geht das auf Kosten der Versicherten. Damit muss jetzt Schluss sein. Die ÖGK muss wieder zurück in die Hände der Versicherten gegeben werden", erklärt AK-Präsident Stangl.

Diese Forderung zielt auf eine grundlegende Reform der Entscheidungsstrukturen ab. Die AK argumentiert, dass die Beiträge der Versicherten dort verwaltet werden sollen, wo diese arbeiten und leben – also wieder stärker dezentral und mit mehr Mitspracherecht der Betroffenen.

Langfristige Folgen für das Gesundheitssystem

Gesundheitsökonomen warnen vor den langfristigen Auswirkungen der aktuellen Kürzungen. Wenn Menschen aufgrund höherer Eigenkosten auf notwendige Behandlungen verzichten, können daraus später teurere Folgeerkrankungen entstehen. Aufgeschobene Zahnbehandlungen führen beispielsweise oft zu aufwendigeren Eingriffen, verschleppte chronische Leiden zu teuren Notfallbehandlungen.

Zudem verstärken die Kürzungen die bereits bestehende Zwei-Klassen-Medizin in Österreich. Wer sich private Zusatzversicherungen leisten kann, ist weniger betroffen. Menschen mit geringem Einkommen hingegen erhalten faktisch eine schlechtere Gesundheitsversorgung. Diese Entwicklung widerspricht dem Grundprinzip der solidarischen Krankenversicherung, die allen Versicherten unabhängig von ihrem Einkommen gleichwertigen Zugang zu medizinischer Versorgung garantieren sollte.

Internationale Erfahrungen mit Gesundheitsreformen

Andere Länder haben gezeigt, dass es auch alternative Wege gibt. In Deutschland wurden ähnliche Kürzungspläne nach massiven Protesten zurückgenommen und stattdessen die Finanzierung über höhere Beiträge und Steuerzuschüsse verbessert. Frankreich investierte zusätzliche Milliarden in sein Gesundheitssystem, um die Qualität zu erhalten.

Auch die skandinavischen Länder beweisen, dass eine hochwertige, universelle Gesundheitsversorgung finanzierbar ist – allerdings erfordert dies den politischen Willen, entsprechende Mittel bereitzustellen und faire Finanzierungsmodelle zu entwickeln.

Zukunftsperspektiven und mögliche Lösungsansätze

Die aktuellen Kürzungen könnten nur der Anfang weiterer Einschnitte sein, wenn nicht gegengesteuert wird. Experten diskutieren verschiedene Reformansätze, die sowohl die Finanzierungsprobleme lösen als auch die Qualität der Versorgung erhalten könnten.

Denkbare Maßnahmen umfassen die Anhebung der Höchstbeitragsgrundlage, sodass auch höhere Einkommen stärker zur Finanzierung beitragen, die Einbeziehung aller Einkommensarten in die Beitragspflicht oder eine stärkere Beteiligung des Bundes an den Gesundheitskosten. Auch eine Reform der Selbstverwaltung mit mehr direkter Beteiligung der Versicherten wird diskutiert.

Entscheidend wird sein, ob die Politik bereit ist, diese strukturellen Reformen anzugehen oder ob weitere Kürzungen zu erwarten sind. Die nächsten Monate werden zeigen, wie sich die öffentliche Meinung entwickelt und ob der Druck auf die Entscheidungsträger ausreicht, um eine Kehrtwende zu bewirken.

Für die Millionen ÖGK-Versicherten in Österreich steht fest: Die aktuellen Kürzungen bedeuten eine spürbare Verschlechterung ihrer Situation. Ob diese Entwicklung gestoppt oder sogar umgekehrt werden kann, hängt nicht zuletzt vom öffentlichen Druck und der politischen Bereitschaft zu grundlegenden Reformen ab. Die Zeit drängt – denn jeder Tag, an dem die Kürzungen bestehen bleiben, bedeutet für tausende Versicherte konkrete finanzielle Mehrbelastungen in ohnehin schwierigen Zeiten.

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