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Wirtschaft

Investoren verlieren Vertrauen in Osteuropa – wiiw-Bericht

Angekündigte Neuinvestitionen auf niedrigstem Stand seit sechs Jahren; Rumänien mit starkem Plus, Ukraine mit Rückgang; China größte Quelle neuer Projekte

16. Juni 2026
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wiiw: Direktinvestitionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa stiegen 2025 auf ~91 Mrd. €, doch Neuinvestitionen und Greenfield-Projekte sinken deutlich.

Der Abwärtstrend bei den ausländischen Direktinvestitionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa setzte sich 2025 laut einem neuen Bericht des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in den meisten Ländern fort. Insgesamt stiegen die ausländischen Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment, FDI) in der Region zwar von rund 75 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf gut 91 Milliarden Euro 2025, doch dieser Anstieg beruhe vor allem auf Zuwächsen in Russland und Rumänien, heißt es im Bericht.

Mehrere Indikatoren deuten zugleich auf ein schwächeres Vertrauen ausländischer Investoren in die Region hin: Die Zahl der neu angekündigten Greenfield-Projekte und das dafür zugesagte Kapital sind im laufenden Beobachtungszeitraum deutlich zurückgegangen. Der wiiw-Bericht benennt dabei konkrete nationale Unterschiede und nennt Veränderungen bei Herkunftsländern der Investitionen.

Investitionsboom in Rumänien

Innerhalb der östlichen EU-Länder fällt Rumänien 2025 als Ausreißer mit einem starken Zuwachs auf: Die Direktinvestitionen stiegen laut wiiw um 45%. Auch Bulgarien (+32%), Slowenien (+19%) und Polen (+10%) verzeichneten zweistellige Wachstumsraten, während Länder wie die Slowakei (-79%), Estland (-95%) und Lettland (-83%) massive Rückgänge erlebten.

Zur Einordnung sagt Olga Pindyuk, Ökonomin am wiiw und Autorin des Berichts: "Das starke Plus bei den Direktinvestitionen in Rumänien von 45% verdeutlicht die Attraktivität des Landes für Investoren, trotz der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Krise im Land". Nach Angaben des wiiw lagen die Zuflüsse nach Rumänien 2025 damit fast auf dem Niveau Tschechiens, einem jahrzehntelang wichtigen Ziel für Direktinvestitionen in Osteuropa.

Ukraine schwächelt, hat aber großes Potenzial

Die von Russland angegriffene Ukraine verzeichnete 2025 weiterhin signifikante Rückgänge: Die ausländischen Direktinvestitionen sanken von 3,2 Milliarden Euro im Jahr 2024 um 29% auf 2,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Olga Pindyuk, die auch als Ukraine-Expertin des wiiw fungiert, sagt: "Der Krieg schreckt ausländische Investoren natürlich ab, auch wenn das Land über ein enormes wirtschaftliches Potenzial verfügt. In Kombination mit den Aussichten auf einen lukrativen Wiederaufbau könnten die Direktinvestitionen in der Ukraine bei einem Kriegsende daher boomen, wofür es auch bereits erste Anzeichen gibt."

Angekündigte Neuinvestitionen geringer als während Covid-Pandemie

Für die nahe Zukunft erwartet das wiiw eine weitere Abschwächung der Investitionsflüsse in die Region. Die Zahl der neu angekündigten Greenfield-Projekte — also Betriebsansiedlungen oder -erweiterungen "auf der grünen Wiese" — brach im ersten Quartal 2026 gegenüber dem ersten Quartal 2025 um 44% ein; das zugesagte Kapital sank um 35%. Nach Angaben des Berichts sind das die niedrigsten Werte der letzten sechs Jahre.

Olga Pindyuk kommentiert dazu: "Damit liegt der Schluss nahe, dass ausländische Investoren derzeit noch weniger Vertrauen in Osteuropa haben als zu Beginn der Covid-Pandemie und der russischen Invasion in der Ukraine." Sie fügt hinzu: "Die Auswirkungen des Iran-Krieges sind hier noch nicht voll eingepreist."

Deutsche Investoren wenden sich ab, österreichische agieren verhalten

Traditionell zählen deutsche und österreichische Unternehmen zu den größten Investoren in der Region. Der Bericht dokumentiert jedoch eine anhaltende Zurückhaltung bei Neuinvestitionen. Die Anzahl der angekündigten Projekte aus Deutschland verringerte sich zwischen dem zweiten Quartal 2025 und dem ersten Quartal 2026 gegenüber der Vergleichsperiode 2024/2025 von 213 auf 144 Projekte — ein Rückgang von 32%. Das dafür zugesagte Kapital sank um 5% auf rund 4,6 Milliarden Euro, nach einem vorherigen Rückgang von 9,5 auf 4,9 Milliarden Euro in der vorangegangenen Periode.

Investoren aus Österreich gaben im betrachteten Zeitraum Kapitalzusagen über rund 1,3 Milliarden Euro ab, kaum mehr als in der Vergleichsperiode davor (1,2 Milliarden Euro). Sie kündigten 35 neue Greenfield-Projekte in der Region an. Das entspreche dem Niveau der vorangegangenen vier Quartale, liege jedoch unter der zuvor verzeichneten Anzahl von 49 Projekten, so das wiiw.

China größter Neuinvestor

China bleibt laut wiiw der größte Neuinvestor in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Das zugesagte Investitionsvolumen chinesischer Neuprojekte erhöhte sich fast von 9 Milliarden Euro auf rund 16,5 Milliarden Euro und näherte sich damit wieder dem hohen Wert der Vergleichsperiode 2023/2024 (18,3 Milliarden Euro).

Olga Pindyuk führt als Beispiele an: "Viel chinesisches Geld fließt einerseits in den Aufbau einer Produktionsstätte für CO2-neutrales Aluminium in Kasachstan und andererseits in den Ausbau der Elektromobilität und Batterieproduktion in Ostmitteleuropa." Gleichzeitig macht das wiiw darauf aufmerksam, dass die chinesischen Neuinvestitionen nach wie vor nur etwas mehr als 1% der vorhandenen Investitionsbestände in der Region ausmachen. Rund 70% der Investitionsbestände stammen laut wiiw-Datenbank weiterhin aus den EU-Staaten, allen voran aus Deutschland.

Wie die Zahlen im Bericht zustande kommen

Der wiiw-Bericht fasst nach Angaben der Aussendung Daten zu Direktinvestitionen, angekündigten Greenfield-Projekten und zugesagtem Investitionskapital zusammen. Der Text nennt absolute Zahlen und prozentuale Veränderungen für ausgewählte Länder und Herkunftsregionen (etwa EU-Staaten, China). Spezielle Effekte, wie in Russland die sanktionsbedingte Umstrukturierung von Auslandsvermögen, werden im Bericht als Erklärungsfaktoren für außergewöhnliche Veränderungen genannt.

Zum Beispiel wird für Russland angeführt, dass Direktinvestitionen von einem sehr tiefen Niveau aus wieder angezogen haben, dies aber auf einen Sondereffekt durch die Rückverlagerung von Auslandsvermögen russischer Staatsbürger aus Offshore-Destinationen nach Russland zurückzuführen sei. Der Bericht betont zugleich, dass es wegen der Sanktionen kaum neue Projekte westlicher Investoren in Russland gebe und das schwierige wirtschaftliche Umfeld dadurch nicht aufgehoben sei.

Begriffe erklärt

Direktinvestitionen (FDI): Direkte Auslandsinvestitionen sind Kapitalanlagen, bei denen ein Investor in einem fremden Land eine beträchtliche Beteiligung an einem Unternehmen erwirbt oder ein Unternehmen gründet. Im Bericht werden sowohl Bestände als auch jährliche Zuflüsse in Euro ausgewiesen.

Greenfield-Projekte: Im Bericht werden Greenfield-Projekte als Betriebsansiedlungen oder -erweiterungen "auf der grünen Wiese" bezeichnet. Zur Messung zählen sowohl die Anzahl der angekündigten Projekte als auch das dafür zugesagte Kapital.

Investitionsbestände: Damit sind laut wiiw die bereits vorhandenen kumulierten Direktinvestitionen in einer Region gemeint. Der Bericht weist darauf hin, dass chinesische Neuinvestitionen relativ klein sind im Verhältnis zu den bestehenden Beständen (etwa etwas mehr als 1%).

Verlängerte Werkbank: Der Bericht erwähnt einen Strukturwandel in hochindustrialisierten EU-Mitgliedern, bei dem sich Unternehmen angesichts stark gestiegener Löhne vom Modell der "verlängerten Werkbank" — also günstiger Fertigung in der Region — abwenden.

Sondereffekt durch Umstrukturierung von Auslandsvermögen: Für Russland führt das wiiw als Erklärung für den Anstieg der Direktinvestitionen 2025 eine sanktionsbedingte Umstrukturierung an, bei der Vermögen aus Offshore-Destinationen zurücktransferiert wurde.

FAQ zur Entwicklung der Direktinvestitionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa

Warum stiegen die Direktinvestitionen in der Region 2025 trotz des allgemeinen Abwärtstrends?

Das wiiw nennt als Grund, dass die aggregierten Zuflüsse 2025 von rund 75 Milliarden Euro auf gut 91 Milliarden Euro anstiegen, weil vor allem Russland und Rumänien deutliche Zuwächse verzeichneten. Für Russland wird der Anstieg allerdings teilweise als Sondereffekt infolge sanktionsbedingter Umstrukturierungen von Auslandsvermögen angegeben.

Was erklärt den starken Anstieg in Rumänien?

Rumänien verzeichnete 2025 ein Plus von 45% bei den Direktinvestitionen. Olga Pindyuk sagt, dieses starke Plus verdeutliche die Attraktivität des Landes für Investoren — trotz einer gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Krise, wie sie im Bericht festhält.

Wie stark wurde die Ukraine getroffen?

Die Ukraine verzeichnete einen Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen um 29% von 3,2 Milliarden Euro 2024 auf 2,3 Milliarden Euro 2025. Der wiiw-Bericht führt den Rückgang auf den eskalierenden Krieg zurück, nennt aber zugleich das ökonomische Potenzial des Landes und mögliche Wiederaufbauchancen bei einem Kriegsende.

Was sagen die Zahlen zu Greenfield-Projekten?

Im ersten Quartal 2026 sank die Zahl neu angekündigter Greenfield-Projekte gegenüber dem ersten Quartal 2025 um 44%, das zugesagte Kapital um 35%. Das sind laut wiiw die niedrigsten Werte der vergangenen sechs Jahre, was das Institut als Hinweis auf ein schwächeres Vertrauen der Investoren interpretiert.

Welche Rolle spielen Deutschland, Österreich und China als Herkunftsländer der Neuinvestitionen?

Deutschland bleibt laut wiiw ein wichtiger Herkunftsstaat, verzeichnete aber einen Rückgang der angekündigten Projekte von 213 auf 144 zwischen den Vergleichsperioden und einen Rückgang des zugesagten Kapitals auf rund 4,6 Milliarden Euro. Österreichische Investoren gaben Kapitalzusagen über rund 1,3 Milliarden Euro ab und kündigten 35 neue Greenfield-Projekte an. China erhöhte sein zugesagtes Neuinvestitionsvolumen von etwa 9 Milliarden Euro auf rund 16,5 Milliarden Euro.

Quellen und Kontakt

Quelle: Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Der neue Bericht zu den Direktinvestitionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa steht auf Anfrage zur Verfügung und ist für wiiw-Mitglieder kostenlos.

Kontakt: Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw); Mag. Andreas Knapp; Telefon: +43 680 1342 785; E-Mail: knapp [at] wiiw.ac.at.

Schlagworte

#Direktinvestitionen#Osteuropa#wiiw#Rumänien#Ukraine#China#Österreich#Greenfield#Deutschland#CEE#Industrie#Volkswirtschaft#Konjunktur#Außenhandel#Unternehmensstrategie

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