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Ingrid Thurnher übernimmt ORF-Geschäftsführung nach Weißmann-Rücktritt

12. März 2026 um 17:53
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Nach dem überraschenden Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-Generaldirektor hat der Stiftungsrat am Donnerstag, dem 12. März 2026, eine schnelle Lösung gefunden: Die erfahrene Radiodirektorin Ing...

Nach dem überraschenden Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-Generaldirektor hat der Stiftungsrat am Donnerstag, dem 12. März 2026, eine schnelle Lösung gefunden: Die erfahrene Radiodirektorin Ingrid Thurnher übernimmt vorläufig die Geschäftsführung des österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die 62-jährige Journalistin steht damit vor einer der größten Herausforderungen ihrer langen ORF-Karriere – sie muss das Medienhaus durch eine turbulente Phase führen und gleichzeitig das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherstellen.

Historische Wende im Küniglberg: Erste Frau an der ORF-Spitze

Mit Ingrid Thurnher steht erstmals in der Geschichte des ORF eine Frau an der Spitze des größten Medienunternehmens Österreichs. Diese Personalentscheidung markiert einen bedeutsamen Wendepunkt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seit seiner Gründung im Jahr 1955 ausschließlich von männlichen Generaldirektoren geführt wurde. Der ORF-Stiftungsrat, das oberste Kontrollorgan des Unternehmens, traf diese Entscheidung unter dem Vorsitz von Heinz Lederer mit großer Mehrheit.

Der ORF-Stiftungsrat ist das zentrale Aufsichtsgremium des österreichischen Rundfunks und besteht aus 35 Mitgliedern, die von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen entsandt werden. Dazu gehören Vertreter der Bundesregierung, der Länder, der Sozialpartner sowie der Hörer- und Sehervertretung. Seine Hauptaufgaben umfassen die Wahl des Generaldirektors, die Genehmigung des Budgets sowie die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Als Kontrollorgan überwacht er die Einhaltung des öffentlich-rechtlichen Auftrags und die ordnungsgemäße Geschäftsführung.

Zweistufiges Ausschreibungsverfahren geplant

Die Bestellung Thurnhers ist zunächst auf die Zeit bis zum Jahresende 2026 befristet. Der Stiftungsrat hat ein zweistufiges Ausschreibungsverfahren beschlossen: Zunächst wird die Position bis Ende 2026 ausgeschrieben, danach folgt wie ursprünglich geplant die Ausschreibung für die reguläre Geschäftsführungsperiode ab 1. Januar 2027. Dieses Vorgehen soll sicherstellen, dass der ORF trotz der unerwarteten Führungskrise stabil weitergeführt werden kann.

Ingrid Thurnher: Vier Jahrzehnte ORF-Erfahrung

Die gebürtige Bludenzerin bringt eine beeindruckende Laufbahn mit: Seit 1985 prägt sie die österreichische Medienlandschaft maßgeblich mit. Ihre Karriere begann als Redakteurin im ORF-Landesstudio Niederösterreich, wo sie von 1986 bis 1991 im Aktuellen Dienst tätig war. Bereits in dieser frühen Phase moderierte sie bedeutende Formate wie "Land und Leute", "Österreich-Bild" und "Österreich heute".

Den entscheidenden Karriereschritt machte Thurnher 1991 mit dem Wechsel zur Radio-Innenpolitik, wo sie als Redakteurin und Moderatorin der Ö1-Journale fungierte. Diese Tätigkeit legte den Grundstein für ihre spätere Reputation als eine der profiliertesten politischen Journalistinnen des Landes. Von 1995 bis 2007 präsentierte sie die "ZIB 2", das Flaggschiff der ORF-Information, und etablierte sich als vertrauensvolle Stimme für Millionen von Österreicherinnen und Österreichern.

Vielseitiges Moderatorentalent

Nach ihrer Zeit bei der "ZIB 2" wechselte Thurnher 2007 kurzzeitig zur "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr, bevor sie von März 2008 bis Ende 2016 "IM ZENTRUM" und den "Runden Tisch" präsentierte. Diese Diskussionsformate prägten die österreichische Politiklandschaft nachhaltig und etablierten Thurnher als kompetente Gesprächsführerin bei brisanten gesellschaftspolitischen Themen.

Besondere Anerkennung erwarb sie sich bei der Moderation von Wahlkonfrontationen, insbesondere anlässlich der Nationalratswahl 2013 und der Bundespräsidentenwahl 2016. Als Gastgeberin der ORF-"Sommergespräche" von 2009 bis 2011 führte sie intensive Interviews mit führenden Politikern und trug zur politischen Meinungsbildung bei. Ab Januar 2017 übernahm sie die Chefredaktion von ORF III, dem Kultur- und Informationssender des ORF.

Österreichs Medienlandschaft im internationalen Vergleich

Die Personalentscheidung im ORF steht exemplarisch für die Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft in Europa. Während in Deutschland bereits seit Jahren Frauen wichtige Positionen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten innehaben – wie beispielsweise Patricia Schlesinger (ehemalige RBB-Intendantin) oder Katrin Müller-Hohenstein (ZDF-Moderatorin) – war Österreich bisher zurückhaltender bei der Besetzung von Spitzenpositionen mit weiblichen Führungskräften.

In der Schweiz hingegen führte bereits Gilles Marchand von 2017 bis 2022 die SRG SSR, während aktuell Nathalie Wappler als Direktorin des Schweizer Fernsehens fungiert. Die Ernennung Thurnhers zur vorläufigen ORF-Geschäftsführerin reiht sich damit in einen europäischen Trend ein, der eine stärkere Diversität in den Führungsebenen der öffentlich-rechtlichen Medien widerspiegelt.

Herausforderungen im digitalen Wandel

Der ORF steht wie alle traditionellen Medienunternehmen vor enormen Herausforderungen. Die Digitalisierung verändert das Mediennutzungsverhalten grundlegend: Während 2020 noch 78 Prozent der Österreicher täglich lineares Fernsehen schauten, sank dieser Wert bis 2025 auf 65 Prozent. Gleichzeitig stieg der Konsum von Streaming-Diensten und Online-Inhalten kontinuierlich an.

Die ORF-TVthek, die Online-Mediathek des österreichischen Rundfunks, verzeichnete 2025 über 180 Millionen Abrufe – ein Rekordwert, der die Bedeutung digitaler Angebote unterstreicht. Dennoch hinkt der ORF im Vergleich zu internationalen Streaming-Giganten wie Netflix oder Amazon Prime hinterher, die monatlich Milliarden von Streams generieren.

Konkrete Auswirkungen für die österreichische Bevölkerung

Die Führungskrise im ORF hat direkte Auswirkungen auf alle Österreicherinnen und Österreicher. Als öffentlich-rechtliches Medienunternehmen erfüllt der ORF einen verfassungsrechtlich verankerten Auftrag: Er muss zur Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung der Bevölkerung beitragen und dabei die Meinungsvielfalt sicherstellen. Jährlich zahlen österreichische Haushalte Rundfunkgebühren in Höhe von etwa 330 Euro – Geld, das eine qualitätsvolle und unabhängige Berichterstattung gewährleisten soll.

Konkret bedeutet dies für Familien in Oberösterreich, Kärnten oder Vorarlberg, dass sie sich darauf verlassen können, täglich aktuelle Nachrichten, Wetterinformationen und regionale Berichterstattung zu erhalten. Ein Pensionist in Graz nutzt beispielsweise die ORF-Radiothek, um verpasste Sendungen nachzuhören, während eine Studentin in Innsbruck über die ORF-TVthek ihre Lieblingsserie streamt.

Wirtschaftliche Dimensionen

Der ORF beschäftigt österreichweit rund 3.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von etwa 1,1 Milliarden Euro. Als einer der größten Medienarbeitgeber des Landes trägt das Unternehmen erheblich zur österreichischen Medien- und Kreativwirtschaft bei. Allein in Wien sind am Standort Küniglberg über 2.000 Menschen beschäftigt – von Journalisten und Technikern bis hin zu Verwaltungsangestellten und Sicherheitspersonal.

Die österreichische Filmförderung profitiert ebenfalls erheblich von ORF-Koproduktionen. Jährlich investiert der Sender etwa 25 Millionen Euro in heimische Produktionen, was hunderte Arbeitsplätze in der Film- und Fernsehbranche sichert. Produktionen wie "Vorstadtweiber" oder "Der Bockerer" wären ohne ORF-Beteiligung nicht möglich gewesen.

Compliance und Führungskultur im Fokus

Parallel zur Personalentscheidung hat der Stiftungsrat wichtige Beschlüsse zur Verbesserung der internen Strukturen gefasst. Zwei einstimmig verabschiedete Empfehlungen zeigen, dass das Gremium entschlossen ist, aus den jüngsten Ereignissen zu lernen: Bis zur Sondersitzung im April soll ein Konzept für eine Taskforce zur Führungskultur erstellt werden, das ein sicheres Arbeitsumfeld gewährleistet.

Compliance bezeichnet die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen, regulatorischer Standards und interner Richtlinien in einem Unternehmen. Im Medienbereich umfasst dies insbesondere die Beachtung von Mediengesetzen, Datenschutzbestimmungen, arbeitsrechtlichen Vorschriften und ethischen Grundsätzen des Journalismus. Eine funktionierende Compliance-Struktur soll Interessenskonflikte vermeiden, Korruption verhindern und die Unabhängigkeit der Berichterstattung sicherstellen.

Zusätzlich soll die ORF-Compliance-Stelle durch eine externe Firma mit entsprechenden Erfahrungen unterstützt werden. Diese Maßnahmen signalisieren den Willen zu umfassender Aufklärung und strukturellen Verbesserungen.

Anpassung der Geschäftsordnung

Der Stiftungsrat hat seine Geschäftsordnung grundlegend überarbeitet, um ein effizienteres Sitzungsmanagement zu gewährleisten. Die Rechte und Pflichten des Vorsitzenden orientieren sich nun an aktienrechtlichen Bestimmungen, was eine professionellere Führung des Gremiums ermöglichen soll. Neue Regelungen zu Redezeiten, Redezeitbeschränkungen und Ordnungsrufen sollen die Arbeitsfähigkeit des 35-köpfigen Gremiums verbessern.

Reaktionen und erste Statements

Ingrid Thurnher selbst zeigt sich dankbar für das entgegengebrachte Vertrauen und betont ihre Prioritäten: "Jetzt gilt es, rasch Verantwortung zu übernehmen und sicherzustellen, dass der ORF weiterhin das tut, wofür es ihn gibt", erklärte sie nach ihrer Bestellung. Besonders wichtig seien ihr dabei "Transparenz und Konsequenz" – zwei Begriffe, die angesichts der jüngsten Ereignisse besondere Bedeutung erhalten.

Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer würdigte Thurnher als "eine der renommiertesten Journalistinnen des Landes", die "mit allen relevanten Themen und Handlungsfeldern des ORF bestens vertraut" sei. Diese Kontinuität sei in der aktuellen Situation besonders wichtig, um "Ruhe in das Unternehmen zu bringen".

Stellvertretender Vorsitzender zeigt sich optimistisch

Auch der stellvertretende Stiftungsratsvorsitzende Gregor Schütze äußerte sich positiv zur Personalie: Thurnher stehe "für journalistische Qualität, Erfahrung und ein tiefes Verständnis für den öffentlich-rechtlichen Auftrag". Gerade in dieser schwierigen Phase werde sie den ORF "mit Professionalität, klarer Orientierung und großer Kompetenz führen".

Zukunftsperspektiven und strategische Herausforderungen

Die kommenden Monate werden entscheidend für die Zukunft des ORF sein. Thurnher muss nicht nur die aktuellen Turbulenzen bewältigen, sondern auch strategische Weichenstellungen für die digitale Transformation vorantreiben. Der Sender steht vor der Herausforderung, seine Relevanz in einer zunehmend fragmentierten Medienlandschaft zu behaupten und gleichzeitig jüngere Zielgruppen zu erreichen.

Besonders kritisch wird die Entwicklung der Reichweiten bei der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen beobachtet. Hier verzeichnet der ORF seit Jahren kontinuierliche Verluste, während Streaming-Dienste und Social-Media-Plattformen an Bedeutung gewinnen. Die neue Geschäftsführung muss innovative Strategien entwickeln, um diese Trends umzukehren.

Technologische Innovation als Schlüssel

Die Investitionen in neue Technologien werden eine zentrale Rolle spielen. Der ORF plant bereits den Ausbau seiner 5G-Übertragungskapazitäten und die Weiterentwicklung von KI-gestützten Produktionstools. Bis 2027 sollen etwa 50 Millionen Euro in die Digitalisierung der technischen Infrastruktur investiert werden – eine Summe, die die Modernisierung von Sendestudios, Übertragungswagen und IT-Systemen umfasst.

Parallel dazu muss der ORF seine Content-Strategie überdenken. Während traditionelle Formate wie "Zeit im Bild" weiterhin hohe Einschaltquoten erzielen, sind innovative Formate für digitale Plattformen gefragt. Podcasts, interaktive Dokumentationen und Social-Media-Content werden zunehmend wichtiger, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen.

Internationale Beobachtung und Medienpolitik

Die Ereignisse beim ORF werden auch auf europäischer Ebene aufmerksam verfolgt. Die European Broadcasting Union (EBU), der Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Europas, beobachtet die Entwicklungen in Wien mit Interesse. Österreich gilt als wichtiger Partner in der europäischen Medienlandschaft, und die Stabilität des ORF hat Auswirkungen auf internationale Kooperationsprojekte.

Die österreichische Medienpolitik steht ebenfalls vor wichtigen Entscheidungen. Die nächste Novelle des ORF-Gesetzes, die für 2027 geplant ist, könnte grundlegende Änderungen in der Finanzierung und Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit sich bringen. Thurnher und ihr Team müssen sich bereits jetzt auf diese politischen Diskussionen vorbereiten und Position beziehen.

Die vorläufige Übernahme der ORF-Geschäftsführung durch Ingrid Thurnher markiert einen historischen Moment in der österreichischen Mediengeschichte. Mit ihrer langjährigen Erfahrung und ihrem ausgezeichneten Ruf als Journalistin bringt sie optimale Voraussetzungen mit, um den Sender durch diese herausfordernde Phase zu führen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherzustellen und den ORF für die Zukunft zu rüsten. Eines ist sicher: Die Augen der österreichischen Medienlandschaft sind auf den Küniglberg gerichtet, wo sich entscheidet, wie sich der wichtigste Informationsanbieter des Landes weiterentwickelt.

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