Während Österreichs Verbraucher hofften, dass die Inflationsrate endlich sinken würde, droht bereits die nächste wirtschaftliche Belastungswelle. Der eskalierende Konflikt im Iran könnte die Weltwi...
Während Österreichs Verbraucher hofften, dass die Inflationsrate endlich sinken würde, droht bereits die nächste wirtschaftliche Belastungswelle. Der eskalierende Konflikt im Iran könnte die Weltwirtschaft erneut in Turbulenzen stürzen und die Energiepreise massiv ansteigen lassen. Holger Bonin, Direktor des renommierten Instituts für Höhere Studien (IHS), wird am 15. März 2026 in der ORF-Pressestunde zu diesen brisanten Entwicklungen Stellung nehmen und dabei auch die umstrittenen Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung zur Sprache bringen.
"Der Spritpreis ist ein sehr politischer Preis", so die klare Einschätzung von Holger Bonin, der als einer der führenden Wirtschaftsexperten Österreichs gilt. Diese Aussage ist keineswegs eine Übertreibung, wenn man die komplexen Mechanismen hinter der Preisbildung an den Tankstellen betrachtet. Das IHS untersucht derzeit im direkten Auftrag des Wirtschaftsministers die Entwicklung der Treibstoffpreise und deren Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft.
Die Bezeichnung "politischer Preis" bezieht sich auf die Tatsache, dass Treibstoffpreise nicht ausschließlich durch Marktmechanismen bestimmt werden. Vielmehr fließen staatliche Steuern, Abgaben, strategische Reserven und politische Entscheidungen maßgeblich in die Preisgestaltung ein. In Österreich beispielsweise macht die Mineralölsteuer einen erheblichen Anteil des Endpreises aus – konkret sind es derzeit 48,2 Cent pro Liter Benzin und 39,7 Cent pro Liter Diesel. Hinzu kommen die Mehrwertsteuer von 20 Prozent sowie verschiedene kleinere Abgaben und Zuschläge.
Der aktuelle Konflikt im Iran stellt eine ernsthafte Bedrohung für die weltweite Energieversorgung dar. Als einer der größten Ölproduzenten der Welt spielt Iran eine Schlüsselrolle auf dem globalen Energiemarkt. Das Land verfügt über die viertgrößten Ölreserven weltweit und ist traditionell ein wichtiger Lieferant für Europa und Asien. Bereits geringfügige Unterbrechungen der iranischen Ölproduktion können zu dramatischen Preissprüngen auf den internationalen Märkten führen.
Die historische Erfahrung zeigt, dass geopolitische Krisen in ölproduzierenden Regionen regelmäßig zu Versorgungsängsten und Preisspitzen führen. So führte beispielsweise die Islamische Revolution 1979 im Iran zu einem Anstieg des Ölpreises von 14 auf über 35 Dollar pro Barrel binnen weniger Monate. Ähnliche Entwicklungen waren während des ersten Golfkriegs 1980-1988 und später während verschiedener Sanktionsperioden zu beobachten.
Österreich ist bei der Energieversorgung stark von Importen abhängig. Rund 64 Prozent des gesamten Energiebedarfs werden durch Importe gedeckt. Bei Erdöl liegt die Importabhängigkeit sogar bei nahezu 100 Prozent, da die heimische Förderung minimal ist. Die wichtigsten Lieferländer für österreichische Ölimporte sind derzeit Kasachstan, Irak und Libyen – allesamt Regionen, die als politisch instabil gelten.
Diese hohe Importabhängigkeit macht Österreich besonders verwundbar gegenüber Preisschwankungen auf den internationalen Märkten. Eine Unterbrechung der Lieferketten oder politische Spannungen in den Förderregionen können binnen kürzester Zeit zu erheblichen Kostensteigerungen führen, die direkt an die Verbraucher weitergegeben werden.
Die von der österreichischen Bundesregierung kürzlich beschlossenen Maßnahmen zur Dämpfung der Treibstoffpreise gehen vielen Kritikern nicht weit genug. Während die Regierung auf moderate Eingriffe wie die temporäre Senkung der Mineralölsteuer und verstärkte Marktbeobachtung setzt, fordern Oppositionsparteien und Interessensgruppen drastischere Schritte. Insbesondere die Einführung eines Preisdeckels für Treibstoffe wird intensiv diskutiert.
Ein Preisdeckel würde bedeuten, dass der Staat einen Höchstpreis für Benzin und Diesel festlegt und eventuelle Differenzen zum Marktpreis durch Subventionen ausgleicht. Dieses Instrument wurde bereits in anderen europäischen Ländern eingesetzt, allerdings mit gemischten Ergebnissen. Während kurzfristig die Verbraucher entlastet werden, können langfristig Marktverzerrungen und hohe Kosten für den Staatshaushalt entstehen.
Holger Bonin steht einem Preisdeckel für Treibstoffe kritisch gegenüber. Diese Haltung basiert auf wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen über die Funktionsweise von Märkten und die langfristigen Auswirkungen staatlicher Eingriffe. Preisdeckel können zu verschiedenen unerwünschten Nebeneffekten führen, darunter Versorgungsengpässe, Schwarzmärkte und eine Verzögerung notwendiger Anpassungsprozesse.
Die Erfahrungen anderer Länder mit Preisdeckeln zeigen ein gemischtes Bild. Während Frankreich in der Vergangenheit zeitweise erfolgreich Preisobergrenzen eingesetzt hat, führten ähnliche Maßnahmen in anderen Staaten zu erheblichen Problemen. In Venezuela beispielsweise haben jahrelange Preiskontrollen zu chronischen Treibstoffengpässen und einem florierenden Schwarzmarkt geführt.
Steigende Energiepreise wirken wie ein Katalysator für die gesamte Inflationsentwicklung. Treibstoffe beeinflussen nicht nur direkt die Kosten für Mobilität, sondern auch indirekt die Preise für nahezu alle anderen Güter und Dienstleistungen. Transportkosten schlagen sich in den Preisen für Lebensmittel, Konsumgüter und Dienstleistungen nieder. Diese sogenannte "Zweitrundeneffekte" können eine Inflationsspirale in Gang setzen, die schwer zu stoppen ist.
Die österreichische Inflationsrate lag zuletzt bei 2,8 Prozent und damit deutlich über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent. Ein erneuter Anstieg der Energiepreise könnte diese Rate auf vier Prozent oder höher treiben. Für durchschnittliche österreichische Haushalte würde dies eine zusätzliche Belastung von mehreren hundert Euro pro Jahr bedeuten.
Die Belastung durch steigende Treibstoffpreise trifft verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark. Besonders betroffen sind Berufspendler in ländlichen Gebieten, die mangels öffentlicher Verkehrsalternativen auf das Auto angewiesen sind. Eine Familie aus dem Waldviertel, die täglich 50 Kilometer zur Arbeit pendelt, kann bei einem Preisanstieg von 20 Cent pro Liter mit Mehrkosten von über 600 Euro pro Jahr rechnen.
Auch Unternehmen des Transportgewerbs und der Logistikbranche sind unmittelbar betroffen. Speditionen müssen höhere Treibstoffkosten entweder in ihre Preise einkalkulieren oder durch Effizienzsteigerungen kompensieren. Dies kann zu Konkursdruck bei kleineren Unternehmen führen und gleichzeitig die Inflation in anderen Bereichen anheizen.
Im internationalen Vergleich nimmt Österreich bei den Treibstoffpreisen eine mittlere Position ein. Während die Preise in Deutschland traditionell etwas höher liegen, sind sie in der Schweiz deutlich teurer. Interessant ist der Vergleich mit Ländern wie Norwegen, die trotz hoher Steuern auf fossile Brennstoffe durch konsequente Förderung alternativer Antriebe eine erfolgreiche Energiewende vorantreiben.
Die Schweiz hat mit einem differenzierten System aus Lenkungsabgaben und Rückverteilungsmechanismen interessante Erfahrungen gemacht. Höhere Steuern auf fossile Energieträger werden teilweise über reduzierte Sozialversicherungsbeiträge an die Bevölkerung zurückgegeben. Dadurch entstehen Anreize für energieeffizientes Verhalten, ohne die Gesamtbelastung der Haushalte unverhältnismäßig zu erhöhen.
Deutschland hat in der jüngsten Vergangenheit drastische Erfahrungen mit Energiekrisen gemacht, insbesondere im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt. Die Abhängigkeit von russischen Energieimporten führte zu erheblichen Verwerfungen auf den Märkten und zwang die Regierung zu umfassenden Interventionen. Das deutsche Modell der Energiepreisbremse könnte als Vorbild für österreichische Maßnahmen dienen.
Die deutsche Energiepreisbremse funktioniert nach dem Prinzip der gestaffelten Entlastung. Für einen Grundverbrauch werden subventionierte Preise garantiert, während darüber hinausgehender Verbrauch zu Marktpreisen abgerechnet wird. Dieses System schafft Entlastung für Verbraucher bei gleichzeitigen Sparanreizen.
Das Institut für Höhere Studien (IHS) spielt eine zentrale Rolle in der österreichischen Wirtschaftspolitik. Als unabhängige Forschungseinrichtung erstellt das IHS regelmäßig Prognosen und Analysen, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen. Die aktuelle Untersuchung der Treibstoffpreisentwicklung im Auftrag des Wirtschaftsministers unterstreicht die Bedeutung wissenschaftlich fundierter Politikberatung.
Das 1963 gegründete Institut beschäftigt rund 100 Wissenschaftler und gilt als eine der renommiertesten wirtschaftswissenschaftlichen Einrichtungen Österreichs. Neben Konjunkturprognosen erstellt das IHS auch Studien zu arbeitsmarktpolitischen, bildungsökonomischen und umweltökonomischen Fragestellungen. Die Unabhängigkeit des Instituts wird durch eine diversifizierte Finanzierung aus öffentlichen und privaten Quellen gewährleistet.
Die Frage nach den richtigen Instrumenten zur Inflationsbekämpfung wird in den kommenden Monaten entscheidend sein. Neben kurzfristigen Maßnahmen zur Preisdämpfung müssen langfristige Strategien zur Reduktion der Energieabhängigkeit entwickelt werden. Der Ausbau erneuerbarer Energien, die Förderung der Elektromobilität und Investitionen in die Energieeffizienz sind zentrale Bausteine einer nachhaltigen Energiepolitik.
Österreich hat sich das Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Dies erfordert eine grundlegende Transformation des Energiesystems und kann gleichzeitig die Abhängigkeit von volatilen internationalen Märkten reduzieren. Der aktuelle Preisschock könnte als Katalysator für beschleunigte Investitionen in alternative Technologien wirken.
Die sich abzeichnende Energiekrise bietet wichtige Lektionen für die künftige österreichische Energiepolitik. Erstens zeigt sie die Verwundbarkeit von Volkswirtschaften, die stark von Energieimporten abhängig sind. Zweitens verdeutlicht sie die Notwendigkeit diversifizierter Lieferketten und strategischer Energiereserven. Drittens unterstreicht sie die Bedeutung einer aktiven Kommunikation zwischen Politik, Wirtschaft und Bürgern in Krisenzeiten.
Die ORF-Pressestunde am 15. März mit Holger Bonin wird zeigen, welche konkreten Empfehlungen das IHS der Politik gibt und wie die Balance zwischen kurzfristiger Krisenreaktion und langfristiger struktureller Reform aussehen könnte. Die Sendung verspricht wichtige Einblicke in die Denkweise eines der einflussreichsten Wirtschaftsexperten des Landes zu bieten.