In Österreich ist Gewalt gegen Frauen ein tief verwurzeltes Problem, das nicht nur individuelle Schicksale betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft. Am 24. November 2025 macht der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) im Rahmen der internationalen Kampagne „16 Tage ge
In Österreich ist Gewalt gegen Frauen ein tief verwurzeltes Problem, das nicht nur individuelle Schicksale betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft. Am 24. November 2025 macht der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) im Rahmen der internationalen Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ auf die gravierenden psychischen Folgen aufmerksam, die oft übersehen werden. Diese Kampagne läuft jährlich vom 25. November bis 10. Dezember und zielt darauf ab, weltweit auf die Gewalt gegen Frauen hinzuweisen.
Ein Blick zurück auf die Geschichte zeigt, dass die Gleichberechtigung in Österreich noch relativ jung ist. Frauen erhielten erst 1918 das allgemeine Wahlrecht. Bis 1975 war häusliche Gewalt kein automatischer Scheidungsgrund, und Misshandlungen in der Ehe wurden häufig als Privatsache abgetan. Das erste Frauenhaus eröffnete 1978 in Wien, initiiert durch die Frauenbewegung. Erst 1989 wurde Vergewaltigung in der Ehe strafbar, und mit dem Gewaltschutzgesetz von 1997 erhielt die Polizei die Befugnis, Täter häuslicher Gewalt aus der gemeinsamen Wohnung zu verweisen.
Diese späten Fortschritte zeigen, wie tief das vermeintliche „Recht des Mannes“ über den Körper einer Frau in unserer Kulturgeschichte verwurzelt war. Frauen mussten in Österreich bis in die 1990er-Jahre um rechtlichen Schutz im eigenen Zuhause kämpfen. Diese Vergangenheit wirkt bis heute fort: in Denkweisen, in Sprache, in gesellschaftlichen Erwartungen.
Gewalt gegen Frauen zeigt sich nicht nur körperlich. Viele erleben emotionale Kontrolle, Erniedrigung oder soziale Isolation – Formen psychischer Gewalt, die tiefe seelische Wunden hinterlassen können. Diese Art der Gewalt führt häufig zu intensiven Ängsten, massivem Selbstwertverlust und starken Gefühlen von Schuld und Scham. Die psychischen Störungen, die daraus resultieren können, umfassen Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen.
Studien zeigen, dass auch Kinder, die häusliche Gewalt miterleben, psychisch stark betroffen sind. Gewalt hinterlässt Spuren in Familien, Beziehungen und gesellschaftlichen Haltungen. Trotz alarmierender Zahlen bleibt echter Wandel aus. Bis November 2025 wurden in Österreich 14 Frauen ermordet – getötet, weil sie Frauen waren. Weitere 32 Frauen überlebten Mordversuche oder wurden Opfer schwerer Gewalt.
Ein Blick auf internationale Vergleiche zeigt, dass in Ländern, in denen Gleichstellung gelebt wird, die Toleranz gegenüber Gewalt sinkt. In skandinavischen Ländern ist Gleichstellungspolitik eng mit Gewaltprävention verknüpft. Gewaltprävention beginnt dort bereits in der Schule – Kinder und Jugendliche lernen früh, was Respekt, Konsens und Gleichberechtigung bedeuten. In Schweden sind Unterrichtseinheiten zu sexueller Integrität und Gleichstellung seit 2015 fixer Bestandteil des Lehrplans.
Die Zusammenarbeit von Polizei, Gesundheitsdiensten, Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen ist in Nordeuropa eng vernetzt, um Gewaltfälle rasch und systematisch zu behandeln. Psychologische Unterstützung für Betroffene ist flächendeckend, niedrigschwellig und entstigmatisierend vorhanden. Länder mit geringeren Einkommensunterschieden und stärker gelebter Gleichstellung fördern nicht nur wirtschaftliche Unabhängigkeit, sondern auch psychische Sicherheit.
Der BÖP fordert eine tiefgreifende psychologische Prävention: Sensibilisierung für Geschlechterrollen und Gleichberechtigung bereits im Kindes- und Jugendalter, Medienverantwortung bei der Darstellung von Beziehungen und Körperbildern sowie flächendeckende psychologische Unterstützung für Gewaltbetroffene und deren Familien. „Jede Form von Gewalt beginnt im Kopf – und kann auch dort beendet werden. Solange patriarchale Strukturen fortbestehen, wird sich an den Zahlen wenig ändern“, so a.o. Univ.-Prof.in Dr.in Wimmer-Puchinger.
Da Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, wird ihre systematische Prävention und strategische Verankerung im Regierungsprogramm 2025-2029 der österreichischen Bundesregierung ausdrücklich festgehalten – ein Auftrag, der Hoffnung macht und langfristig zu mehr Sicherheit und Gleichberechtigung führen soll.
Die Herausforderung bleibt, diese Strategien in die Praxis umzusetzen und nachhaltig zu verankern. Die Erziehung neuer Generationen mit einem Bewusstsein für Gleichberechtigung und Respekt ist der Schlüssel zu einer gewaltfreien Zukunft.
Weitere Informationen und Unterstützung finden Betroffene auf den Seiten des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen.