Das österreichische Parlament wurde am gestrigen Internationalen Frauentag zum Schauplatz einer bemerkenswerten politischen Einigkeit. Während sich die Parteien sonst oft unversöhnlich gegenüberste...
Das österreichische Parlament wurde am gestrigen Internationalen Frauentag zum Schauplatz einer bemerkenswerten politischen Einigkeit. Während sich die Parteien sonst oft unversöhnlich gegenüberstehen, herrschte bei einem Thema vollkommene Harmonie: Alle Frauensprecherinnen der Parlamentsfraktionen sprachen sich einstimmig für verpflichtende Lohntransparenz aus. Die Veranstaltung "Demokratie braucht Frauen" brachte nicht nur überraschende Übereinstimmungen, sondern auch kontroverse Diskussionen über Frauenquoten und Wehrdienst hervor.
Es ist ein seltenes Bild in der österreichischen Politik: Rosa Ecker (FPÖ), Juliane Bogner-Strauß (ÖVP), Sabine Schatz (SPÖ), Lisa Aldali (NEOS) und Meri Disoski (Grüne) hielten gemeinsam ihre "Ja"-Schilder in die Höhe. Das Thema Lohntransparenz schaffte, was sonst kaum gelingt – parteiübergreifende Einigkeit. Auch das Publikum, bestehend aus überwiegend jungen Frauen, stimmte mit überwältigenden 95 Prozent für die Offenlegung von Gehältern in Betrieben.
"Es muss endlich Schluss sein mit der Geheimniskrämerei", brachte SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz die Stimmung auf den Punkt. Die Grünen-Vertreterin Meri Disoski sieht in der Lohntransparenz den Schlüssel zum Schmelzen des Gender-Pay-Gaps – jener Lohnschere zwischen Männern und Frauen, die in Österreich nach wie vor bei durchschnittlich 12,7 Prozent liegt.
Trotz der grundsätzlichen Einigkeit zeigten sich bei den Umsetzungsdetails durchaus unterschiedliche Herangehensweisen. ÖVP-Frauensprecherin Juliane Bogner-Strauß plädierte für eine schrittweise Einführung, beginnend bei größeren Unternehmen. Ähnlich argumentierte FPÖ-Vertreterin Rosa Ecker, die Sorgen um eine Überlastung kleiner und mittlerer Betriebe durch zusätzliche Dokumentationspflichten äußerte.
Diese Bedenken sind nicht von der Hand zu weisen: Österreichs Wirtschaftsstruktur basiert zu 99,7 Prozent auf kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die weniger als 250 Mitarbeiter beschäftigen. Für diese Betriebe könnte eine umfassende Lohntransparenz zunächst einen erheblichen bürokratischen Aufwand bedeuten.
Weniger harmonisch verlief die Diskussion über verpflichtende Frauenquoten in Führungspositionen. Während drei Viertel des Publikums dafür stimmten, zeigte sich bei den Politikerinnen ein differenzierteres Bild. Vier der fünf Frauensprecherinnen hielten ihr "Ja"-Schild hoch – allerdings fügte NEOS-Vertreterin Lisa Aldali ein resigniertes "leider" hinzu.
Rosa Ecker von der FPÖ blieb als einzige bei ihrer ablehnenden Haltung: "Keine Frau will eine ‚Quotenfrau' sein", argumentierte sie. Dem widersprach SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz vehement: "Frauen machen 50 Prozent der Bevölkerung aus und sollten deshalb paritätisch auch dort sitzen, wo es um Macht geht und Entscheidungen getroffen werden."
Die Zahlen geben Schatz recht: Derzeit erfüllt kein einziger österreichischer Landtag eine 50-Prozent-Quote. Im Nationalrat liegt der Frauenanteil bei 38,9 Prozent, in den Landtagen schwankt er zwischen 27 Prozent in Oberösterreich und 45 Prozent in Wien. In der Privatwirtschaft ist die Situation noch dramatischer: In den ATX-Unternehmen beträgt der Frauenanteil in Vorständen nur 15,6 Prozent, in Aufsichtsräten 30,8 Prozent.
Diese Unterrepräsentation hat konkrete Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung in Politik und Wirtschaft. Studien zeigen, dass diverse Teams bessere Ergebnisse erzielen und innovativer sind. Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in Führungspositionen weisen durchschnittlich eine um 25 Prozent höhere Rentabilität auf.
Während bei Lohntransparenz Einigkeit herrschte, zeigte sich bei der Frage des Wehrdienstes für Frauen ein klares Nein aller Frauensprecherinnen – im Gegensatz zu zwei Dritteln des Publikums, die ebenfalls ablehnend stimmten. ÖVP-Frauensprecherin Bogner-Strauß begründete ihre Haltung mit der noch nicht erreichten realen Gleichberechtigung: "Frauen sind zwar auf dem Papier gleichberechtigt, aber in der realen Welt noch nicht. Solange das nicht erreicht ist, darf es auch keinen Wehrdienst für Frauen geben."
Diese Position spiegelt eine komplexe gesellschaftliche Realität wider. Österreich ist eines der wenigen EU-Länder mit allgemeiner Wehrpflicht für Männer. Die Diskussion über eine Ausweitung auf Frauen kommt regelmäßig auf, stößt aber auf unterschiedliche Reaktionen. Befürworter argumentieren mit der Gleichberechtigung, Kritiker verweisen auf die nach wie vor ungleiche Verteilung von Care-Arbeit und familiären Verpflichtungen.
Fast einhellige Zustimmung fanden zwei weitere Themen: Die gezielte Förderung von Mädchen in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) erhielt von nahezu 100 Prozent des Publikums Unterstützung. Nur FPÖ-Frauensprecherin Ecker äußerte Bedenken: Mädchen sollten selbst anhand ihrer Interessen und Begabungen entscheiden, welchen Beruf sie ergreifen möchten.
Diese Diskussion ist von großer gesellschaftlicher Relevanz: Trotz gleicher oder sogar besserer schulischer Leistungen von Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern ist der Frauenanteil in MINT-Berufen nach wie vor gering. In Österreich liegt er bei nur 15,6 Prozent in technischen Berufen und 29,9 Prozent in naturwissenschaftlichen Bereichen.
Ebenfalls einstimmig war die Forderung nach besserer Bezahlung in Pflege- und Erziehungsberufen. Diese Berufe, die während der Corona-Pandemie als systemrelevant erkannt wurden, leiden unter chronischem Personalmangel und vergleichsweise niedrigen Löhnen. In Österreich verdienen Pflegekräfte im Durchschnitt 2.800 Euro brutto monatlich, Elementarpädagoginnen etwa 2.500 Euro – deutlich weniger als der österreichische Durchschnittslohn von 3.500 Euro.
Konkrete Hilfestellung für junge Frauen am Karrierestart bot Bianca Khalil, Abteilungsleiterin bei den Wiener Linien. In ihrer Keynote betonte sie die Bedeutung der Sichtbarkeit: "Leistung alleine ist zu wenig. Frauen müssen sicherstellen, dass ihre Leistung auch gesehen wird." Khalil empfahl, früh das persönliche Profil zu schärfen und ein starkes Netzwerk aufzubauen.
Besonders wichtig sei es, Chancen zu ergreifen und "Ja" zu sagen, wenn sich Führungsverantwortung biete. Gleichzeitig müssten Frauen aber auch lernen, "Nein" zu sagen – besonders bei Aufgaben, die sie nicht weiterbringen. Als Beispiel nannte sie das oft unbedachte Übernehmen von organisatorischen Tätigkeiten wie dem Schreiben von Flipcharts bei Gruppenarbeiten.
Khalils wichtigster Rat betraf das Thema Gehaltsverhandlungen: Frauen müssten lernen, gerechte Entlohnung "laut und selbstbestimmt" einzufordern. Diese Fähigkeit ist besonders relevant, da Studien zeigen, dass Frauen seltener nach Gehaltserhöhungen fragen und weniger aggressiv verhandeln als ihre männlichen Kollegen.
Die Wiener Linien, Khalils Arbeitgeber, gelten als Vorzeigeunternehmen in Sachen Frauenförderung im öffentlichen Verkehr. Der Frauenanteil liegt dort bei 22 Prozent – überdurchschnittlich hoch für die Transportbranche, wo österreichweit nur 15 Prozent der Beschäftigten weiblich sind.
Die Veranstaltung markierte eine Premiere: Erstmals richtete die Parlamentsdirektion selbst eine Veranstaltung zum Internationalen Frauentag aus. Parlamentsdirektor Harald Dossi kündigte an, dass es sich um den Auftakt eines jährlichen Formats handle. "Ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben von Frauen ist kein Randthema. Es ist ein Fundament unserer Demokratie", betonte Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures in einer Videobotschaft.
Diese institutionelle Verankerung ist von symbolischer Bedeutung: Das Parlament als Ort der demokratischen Willensbildung signalisiert damit, dass Geschlechtergerechtigkeit nicht nur Sache einzelner Parteien oder Aktivistinnen ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellt.
Im internationalen Vergleich steht Österreich bei der Gleichstellung gemischt da. Der Global Gender Gap Report 2023 des Weltwirtschaftsforums platziert Österreich auf Rang 45 von 146 Ländern – ein mittelmäßiges Ergebnis. Besonders schlecht schneidet Österreich bei der wirtschaftlichen Partizipation ab (Rang 82), während die politische Teilhabe (Rang 28) deutlich besser bewertet wird.
Nachbarländer wie Deutschland (Rang 7) oder die Schweiz (Rang 13) liegen deutlich vor Österreich. Dies verdeutlicht, dass trotz der positiven Signale vom gestrigen Parlamentstag noch erheblicher Handlungsbedarf besteht.
Die Veranstaltung im Parlament sendete wichtige Signale, doch entscheidend wird sein, ob den Worten auch Taten folgen. Die einstimmige Befürwortung der Lohntransparenz durch alle Frauensprecherinnen könnte Bewegung in die entsprechende Gesetzgebung bringen. Derzeit arbeitet die EU an einer Richtlinie zur Entgeltgleichheit, die bis 2026 in nationales Recht umgesetzt werden muss.
Für junge Frauen in Österreich bedeuten die diskutierten Themen konkrete Verbesserungen ihrer Berufschancen. Eine transparente Entlohnung würde Gehaltsverhandlungen erleichtern, gezielte MINT-Förderung neue Karrierewege eröffnen und die Aufwertung der Care-Berufe traditionelle Frauenberufe attraktiver machen.
Die Botschaft des gestrigen Tages ist klar: Demokratie braucht Frauen – nicht nur als Wählerinnen, sondern als gleichberechtigte Teilnehmerinnen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Ob Österreich diese Erkenntnis in konkrete Politik umsetzt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die jungen Frauen im Publikum haben jedenfalls deutlich gemacht: Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft mitzugestalten.