Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gerät zunehmend unter Druck: Während die Harvard University bereits gehandelt und den österreichischen Wissenschaftler Martin Nowak suspendiert...
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gerät zunehmend unter Druck: Während die Harvard University bereits gehandelt und den österreichischen Wissenschaftler Martin Nowak suspendiert hat, herrscht in Wien weiterhin Stillschweigen. Der Grund: Nowaks enge Verbindungen zu Jeffrey Epstein, dem verurteilten Sexualstraftäter und Menschenhändler. Die FPÖ wirft der staatlich finanzierten Institution nun vor, als "Schutzzone" für Epsteins Vertraute zu fungieren und fordert umgehende Konsequenzen.
Martin Nowak, ein renommierter Evolutionsbiologe und Mathematiker, stand bereits seit Jahren im Fokus der Kritik wegen seiner Verbindungen zu Jeffrey Epstein. Epstein war ein US-amerikanischer Finanzier, der 2008 wegen der Förderung der Prostitution Minderjähriger verurteilt wurde und 2019 unter mysteriösen Umständen in seiner Gefängniszelle starb, während er auf seinen Prozess wegen Menschenhandels wartete.
Die Harvard University hat nun die Reißleine gezogen und Nowak suspendiert. In Österreich jedoch, wo Nowak Mitglied der prestigeträchtigen Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist, passiert seit Wochen nichts. Dies, obwohl die ÖAW bereits am 11. Februar 2024 über die neuen Vorwürfe gegen Nowak informiert wurde.
Die ÖAW ist Österreichs führende wissenschaftliche Institution und wurde 1847 gegründet. Sie fungiert nicht nur als Gelehrtengesellschaft, sondern auch als außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit über 1.700 Mitarbeitern. Besonders brisant: Die Akademie dient als wichtiges Beratergremium der Bundesregierung in wissenschaftlichen Fragen und wird mit erheblichen Steuermitteln finanziert. Das jährliche Budget beträgt über 500 Millionen Euro – eine Steigerung von 28 Prozent gegenüber früheren Jahren.
Unter der Leitung des ehemaligen ÖVP-Bildungsministers Heinz Faßmann, der seit 2021 Präsident der ÖAW ist, sollte die Institution höchste wissenschaftliche und ethische Standards verkörpern. Umso brisanter erscheint das aktuelle Zögern im Fall Nowak.
Die Verbindungen zwischen Martin Nowak und Jeffrey Epstein gehen weit über eine oberflächliche Bekanntschaft hinaus. E-Mail-Verkehr, der in verschiedenen Gerichtsverfahren bekannt wurde, zeichnet ein Bild enger Zusammenarbeit und regelmäßigen Kontakts zwischen beiden Männern.
Besonders belastend: Nowak soll Epstein nach dessen Verurteilung 2008 ein Büro an der Harvard University verschafft haben. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als Epsteins kriminelle Machenschaften bereits öffentlich bekannt waren. Im Testament des Milliardärs war Nowak mit mehreren Millionen Dollar bedacht – ein Hinweis auf die Intensität ihrer Beziehung.
Aus der E-Mail-Korrespondenz zwischen Nowak und Epsteins Umfeld ergeben sich weitere beunruhigende Details. So belegen Nachrichten Reisen Nowaks auf Epsteins berüchtigte Privatinsel, die als Tatort für schwere Sexualverbrechen gilt. In anderen E-Mails bedankte sich Nowak bei Ghislaine Maxwell, Epsteins Komplizin und späterer Mittäterin, mit den Worten, er sei froh, "niemanden umgebracht zu haben" – eine Formulierung, die angesichts des Kontexts mehr als fragwürdig erscheint.
Besonders problematisch ist der Austausch über junge Studentinnen. E-Mails dokumentieren, wie Corina Tarnita, damals im Umfeld von Nowaks Harvard-Programm tätig, Epsteins Mitarbeitern Bankdaten für Überweisungen übermittelte. In einer weiteren Nachricht erkundigte sich Epsteins Assistentin nach dem "Namen der Universität in Rumänien, von der Sie die Leute hatten". Nowak leitete die Anfrage an Tarnita weiter, die antwortete, die beiden Studentinnen seien von der Universität Iași.
FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz übt scharfe Kritik am Verhalten der ÖAW. "Dass ausgerechnet die höchste wissenschaftliche Institution dieses Landes zur Schutzzone für einen Mann wird, der engste Kontakte zu Jeffrey Epstein gepflegt hat, ist skandalös", erklärte Schnedlitz in einer Presseaussendung.
Die Freiheitlichen hatten bereits am 11. Februar bei der ÖAW nachgefragt und auf die "schiefe Optik" der engen Beziehungen Nowaks zu Epstein hingewiesen. Die Antwort der Akademie war ausweichend: Man verwies darauf, dass ein Ethikkomitee sich mit dem Fall befasse und dass Harvard Nowak ja weiter beschäftige. Seither ist ein Monat vergangen, ohne dass weitere Schritte bekannt geworden wären.
Während Österreich zögert, haben andere Länder und Institutionen bereits Konsequenzen gezogen. In den USA läuft nicht nur das Verfahren gegen Nowak an der Harvard University, sondern verschiedene Institutionen haben ihre Verbindungen zu Personen aus Epsteins Umfeld kritisch überprüft.
In Frankreich wurde eine Sondereinheit der Justiz eingerichtet, um die Epstein-Akten systematisch auf Bezüge zu französischen Staatsbürgern und Institutionen zu prüfen. Deutschland hat ähnliche Schritte eingeleitet. Österreich hingegen überlässt die Ermittlungen bislang ausschließlich den Medien, wie Schnedlitz kritisiert.
Die finanzielle Dimension macht den Fall besonders brisant. Die ÖAW erhält jährlich über 500 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln – Geld der österreichischen Steuerzahler. Diese Summe wurde in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht, unter anderem um die Forschungskapazitäten auszubauen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Mit diesen Mitteln finanziert werden nicht nur Forschungsprojekte, sondern auch die Gehälter der Akademiemitglieder und die Verwaltung. Dass eine Institution, die derart mit öffentlichen Geldern ausgestattet ist, möglicherweise einen Mann in ihren Reihen duldet, der in schwerste Verbrechen verstrickt war, sorgt für erhebliche öffentliche Empörung.
Verschärft wird die Situation durch die Beraterfunktion der ÖAW für die Bundesregierung. In wissenschaftlichen Fragen, bei der Bewertung von Forschungsvorhaben und in ethischen Grundsatzfragen konsultiert die Regierung regelmäßig die Expertise der Akademie. Diese enge Verflechtung mit der Politik macht es umso problematischer, wenn die Institution nicht entschieden gegen Mitglieder vorgeht, die in kriminelle Machenschaften verstrickt waren.
Jeffrey Epstein war ein US-amerikanischer Finanzier und verurteilter Sexualstraftäter, der von 1953 bis 2019 lebte. Zunächst als erfolgreicher Investmentbanker und Vermögensverwalter bekannt, baute Epstein über Jahrzehnte ein Netzwerk auf, das bis in höchste gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Kreise reichte.
2008 bekannte sich Epstein in Florida schuldig, die Prostitution einer Minderjährigen gefördert zu haben, und wurde zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt – eine aus Sicht vieler Beobachter viel zu milde Strafe. 2019 wurde er erneut festgenommen, diesmal wegen Menschenhandels und sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Bevor es zum Prozess kommen konnte, starb Epstein unter ungeklärten Umständen in seiner Gefängniszelle.
Epsteins Einfluss reichte weit über seine kriminellen Aktivitäten hinaus. Mit seinem enormen Vermögen – geschätzt auf mehrere hundert Millionen Dollar – finanzierte er wissenschaftliche Projekte, Universitäten und Think Tanks. Dadurch konnte er Zugang zu renommierten Wissenschaftlern, Politikern und anderen einflussreichen Persönlichkeiten erlangen.
Besonders problematisch war Epsteins Interesse an der Eugenik und pseudowissenschaftlichen Theorien zur menschlichen Vererbung. Er finanzierte Forschungen, die seine Weltanschauung stützten, und nutzte seine Position, um wissenschaftliche Diskurse zu beeinflussen. Dies wirft Fragen über die Integrität der von ihm finanzierten Forschung auf.
Die FPÖ vermutet, dass Martin Nowak nur "die Spitze des Eisbergs" darstellt. Aus den veröffentlichten Epstein-Akten geht hervor, dass der Menschenhändler auch in Österreich gut vernetzt war. E-Mails dokumentieren Treffen in Wien und Kontakte zu verschiedenen österreichischen Persönlichkeiten.
Schnedlitz stellt die brisanten Fragen: "Wer hat ihn gedeckt? Wer hat profitiert? Und in welche österreichischen Institutionen und Kanäle reicht der Arm von Epstein noch hinein?" Diese Fragen sind berechtigt, denn Epstein pflegte systematisch Beziehungen zu einflussreichen Personen in aller Welt, um seine Geschäfte abzusichern und seinen Einfluss auszubauen.
Die FPÖ fordert nun die Einrichtung einer Sondereinheit der österreichischen Justiz, analog zum Vorgehen in Frankreich. Diese solle die Epstein-Akten systematisch auf Österreich-Bezüge prüfen und gegebenenfalls Ermittlungen einleiten. Bislang, so der Vorwurf, würden die Ermittlungen ausschließlich Journalisten überlassen, während Justizministerin Alma Zadić untätig bleibe.
"Warum wurden die Akten vom US-Justizministerium noch nicht angefordert?", fragt Schnedlitz. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier bewusst weggeschaut wird, weil die Spuren womöglich bis in höchste diplomatische und politische Kreise unseres Landes führen."
Schnedlitz zieht Parallelen zum sogenannten "Porno-Botschafter-Skandal" im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten (BMEIA). Auch dort sei zunächst versucht worden, "schönzureden, auszusitzen und zu vertuschen". Die FPÖ hatte damals durch hartnäckige parlamentarische Anfragen und öffentlichen Druck schließlich Aufklärung erzwungen.
"Das ist im BMEIA-Botschafter-Skandal nicht gelungen und wird rund um Epstein erst recht nicht gelingen", kündigt Schnedlitz an. Die Freiheitlichen wollen parlamentarische Schritte einleiten und eigene Recherchen aufnehmen, um Licht in die österreichischen Verbindungen zu Epsteins Netzwerk zu bringen.
Der Fall hat das Potenzial, das Vertrauen der österreichischen Bevölkerung in öffentliche Institutionen nachhaltig zu beschädigen. Wenn sich herausstellen sollte, dass staatlich finanzierte Einrichtungen wie die ÖAW tatsächlich Personen decken, die in schwere Verbrechen verstrickt waren, würde dies einen enormen Vertrauensschaden bedeuten.
Bereits jetzt zeigen Umfragen, dass das Vertrauen der Österreicher in politische und wissenschaftliche Institutionen gesunken ist. Skandale wie dieser könnten diesen Trend verstärken und langfristige Auswirkungen auf die demokratische Kultur des Landes haben.
Der Fall erregt auch international Aufmerksamkeit. Medien in den USA, Deutschland und anderen Ländern berichten über die österreichischen Verbindungen zu Epstein und die zögerliche Reaktion der Behörden. Dies könnte dem Ruf Österreichs als verlässlichem Partner in der internationalen Staatengemeinschaft schaden.
Besonders problematisch ist dies vor dem Hintergrund, dass Österreich sich als neutrales Land oft als Vermittler und Gastgeber für internationale Verhandlungen anbietet. Wenn der Eindruck entsteht, dass das Land nicht entschieden gegen Kriminalität vorgeht, könnte dies seine Glaubwürdigkeit in der internationalen Arena untergraben.
Der Druck auf die ÖAW und die Bundesregierung wächst täglich. Während Harvard bereits gehandelt hat und andere internationale Institutionen ihre Verbindungen zu Epsteins Netzwerk kritisch überprüfen, kann sich Österreich ein weiteres Zögern kaum leisten.
Experten erwarten, dass in den kommenden Wochen weitere belastende Details über Epsteins österreichische Verbindungen bekannt werden könnten. Die US-Justiz hat angekündigt, weitere Dokumente freizugeben, die zusätzliche Erkenntnisse über das internationale Netzwerk des Menschenhändlers liefern könnten.
Die FPÖ hat bereits angekündigt, parlamentarische Anfragen zu stellen und das Thema im Nationalrat aufzugreifen. Andere Oppositionsparteien zeigen ebenfalls Interesse am Fall und könnten sich den Forderungen nach Aufklärung anschließen. Dies würde zusätzlichen politischen Druck auf die Regierung ausüben.
Auch zivilgesellschaftliche Organisationen und Wissenschaftler fordern zunehmend Transparenz. Eine Petition, die die sofortige Suspendierung Nowaks aus der ÖAW fordert, hat bereits mehrere tausend Unterstützer gefunden.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Österreich den Mut findet, dem internationalen Beispiel zu folgen und entschieden gegen die Verstrickungen in Epsteins kriminelles Netzwerk vorzugehen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die wissenschaftlichen und politischen Institutionen des Landes steht auf dem Spiel – ebenso wie Österreichs Ruf als rechtsstaatliche Demokratie, die auch vor einflussreichen Personen nicht zurückschreckt, wenn es um die Aufklärung schwerer Verbrechen geht.