MedUni Wien-Studie dokumentiert 72 unterschiedliche Definitionen und Auswirkungen auf Diagnose und Therapie
Eine Studie der MedUni Wien analysiert 72 Definitionen der atrialen funktionellen Mitralklappeninsuffizienz und vergleicht sie mit Daten von mehr als 10.500 Patient:innen (2010–2020).
Eine Untersuchung der Medizinischen Universität Wien kommt zu dem Ergebnis, dass die Diagnose der atrialen funktionellen Mitralklappeninsuffizienz (AfMR) bislang uneinheitlich erfolgt. Die Forschenden zeigen, dass unterschiedliche Definitionen zu erheblichen Abweichungen bei Klassifikation, morphologischer Einordnung und Einschätzung der Prognose führen.
Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin Journal of the American College of Cardiology veröffentlicht und liefern laut MedUni Wien erstmals eine systematische wissenschaftliche Grundlage für eine einheitliche, morphologisch fundierte Definition der Erkrankung.
Die Arbeit mit dem Titel „Atrial Functional Mitral Regurgitation: Effect of Phenotype Definition on Classification, Valve Features, and Prognosis“ ist im Journal of the American College of Cardiology erschienen. Als Erstautorin wird Sophia Koschatko genannt; Letztautor ist Philipp E. Bartko. Die Publikation listet weitere Koautorinnen und Koautoren und ist mit der DOI-Angabe 10.1016/j.jacc.2026.01.057 ausgewiesen.
Im Rahmen einer umfassenden Literaturanalyse identifizierten die Forschenden 72 unterschiedliche Definitionen der atrialen funktionellen Mitralklappeninsuffizienz. Anschließend verglichen sie diese Definitionsvarianten mit den Daten von mehr als 10.500 Patient:innen, bei denen zwischen 2010 und 2020 eine Herzultraschalluntersuchung (Echokardiographie) durchgeführt worden war.
Die Autor:innen berichten, dass bereits kleine Unterschiede in den Diagnosekriterien zu erheblichen Unterschieden in der klinischen Einordnung führten. In der Mitteilung zur Studie wird ausgeführt, dass diese Differenzen nicht nur die Frage betreffen, wer überhaupt als AfMR-Patient:in gilt, sondern auch die morphologische Einordnung und die Einschätzung des Sterberisikos beeinflussen.
Laut MedUni Wien stellt die strukturelle Vergrößerung des linken Vorhofs das zentrale Merkmal der Erkrankung dar. Demgegenüber reicht das bloße Vorliegen von Vorhofflimmern allein nicht aus, um AfMR verlässlich zu diagnostizieren.
Die Studie hebt außerdem hervor, dass die von der Fachgesellschaft American College of Cardiology (ACC) verwendete Definition besonders starke prognostische Aussagekraft zeigte; diese Definition berücksichtigt nach Angaben der Autor:innen auch Patient:innen mit eingeschränkt beweglichen Herzklappen.
In der Aussendung betonen die Autor:innen die unmittelbare Relevanz der Ergebnisse für die Herzklappenmedizin und die Forschung: Eine einheitliche, morphologisch begründete Definition ermögliche nach Auffassung der Forschenden konkretere Aussagen über Klassifikation, Therapieoptionen und Prognose. Die MedUni Wien weist darauf hin, dass die bisherige Uneinheitlichkeit zu deutlich variierenden Prävalenzangaben und Bewertungskriterien geführt hat.
Die Studie wird von den Autor:innen in der Mitteilung als Grundlage für die Weiterentwicklung internationaler Leitlinien genannt. In der Aussendung heißt es, dass klarere Definitionsgrundlagen auch die Vergleichbarkeit klinischer Studien verbessern würden, weil unterschiedliche Definitionskonzepte bisher zu inkonsistenten Ergebnissen geführt haben.
Die Aussendung nennt drei unmittelbare Bereiche mit Bedeutung: Diagnostik, Therapieplanung und Leitlinienentwicklung. Demnach beeinflusst die Wahl der Kriterien, welche Patient:innen als AfMR klassifiziert werden, wie morphologische Klappenveränderungen eingeordnet werden und welche Aussagen zur Prognose getroffen werden können.
Ferner betonen die Autor:innen, dass eine morphologisch fundierte Definition Auswirkungen auf die Auswahl interventioneller und chirurgischer Verfahren haben kann und die Vergleichbarkeit von Studien erleichtert. Die MedUni Wien stellt dies als Voraussetzung dar, um Therapieentscheidungen und Forschungsergebnisse vergleichbarer zu machen.
Atriale funktionelle Mitralklappeninsuffizienz (AfMR)
Die AfMR wird in der Studie als ein Phänotyp der funktionellen Mitralklappeninsuffizienz beschrieben, bei dem strukturelle Veränderungen des linken Vorhofs eine zentrale Rolle spielen. Die Erkrankung ist laut Mitteilung seit einigen Jahren als eigener Phänotyp anerkannt, jedoch bislang ohne internationalen Konsens über eine einheitliche Definition.
Prävalenzangaben (2–62 Prozent)
Die Mitteilung nennt eine breite Spanne bei berichteten Prävalenzangaben: Je nach verwendeter Definition tritt AfMR bei zwei bis 62 Prozent der Patient:innen mit Herzklappenerkrankung auf. Diese Varianz wird in der Studie als deutliches Indiz für den bisherigen Klärungsbedarf interpretiert.
Literaturanalyse
Die Forschenden führten eine systematische Literaturanalyse durch, in deren Rahmen sie 72 unterschiedliche Definitionsvarianten der AfMR identifizierten. Solche Analysen fassen vorhandene Veröffentlichungen zusammen, ordnen Kriterien und Ergebnisse ein und ermöglichen einen vergleichenden Blick auf unterschiedliche Definitionskonzepte.
Echokardiographie (Herzultraschalluntersuchung)
Als Datenbasis dienten Echokardiographien von mehr als 10.500 Patient:innen aus dem Zeitraum 2010 bis 2020. Die Echokardiographie ist ein bildgebendes Verfahren, das mit Ultraschall die Herzstruktur und -funktion abbildet und in der Studie zur Zuordnung von Definitionskriterien zu morphologischen Merkmalen genutzt wurde.
American College of Cardiology (ACC)
Das American College of Cardiology wird in der Mitteilung als eine führende US-Fachgesellschaft für Kardiologie genannt. Die Studie berichtet, dass die von der ACC verwendete Definition der AfMR eine besonders starke Aussagekraft hinsichtlich der Prognose zeigte.
Die Untersuchung dokumentiert, dass die Wahl der Definitionskriterien unmittelbaren Einfluss auf zentrale klinische Einschätzungen hat: Wer als AfMR-Patient:in gilt, wie morphologische Veränderungen der Mitralklappe und des Vorhofs eingeordnet werden und welche Aussagen zum Sterberisiko getroffen werden können, hängt demnach von der verwendeten Definition ab. Die MedUni Wien beschreibt dies als weitreichende Folgen für Diagnosestellung, Einschätzung des Schweregrads, morphologische Einordnung sowie Prognose.
Vor diesem Hintergrund fordern die Autor:innen laut Aussendung eine einheitliche, morphologisch fundierte Definition, damit Therapieentscheidungen, der Einsatz interventioneller und chirurgischer Verfahren sowie die Vergleichbarkeit von Studien klarer begründet werden können.
AfMR steht für atriale funktionelle Mitralklappeninsuffizienz, eine Form der funktionellen Mitralklappeninsuffizienz, bei der laut Studie die strukturelle Vergrößerung des linken Vorhofs ein zentrales Merkmal darstellt. Die AfMR wird seit einigen Jahren als eigenes Phänotypenkonzept betrachtet, jedoch gab es bislang keinen einheitlichen internationalen Konsens zur Definition. Die MedUni Wien beschreibt die einheitliche Definition als Voraussetzung für vergleichbare Diagnosen und Studienergebnisse.
Die Forschenden identifizierten in ihrer Literaturanalyse 72 unterschiedliche Definitionen der AfMR. Diese Vielzahl an Definitionskriterien wurde anschließend mit realen Echokardiographie-Daten verglichen, um die praktischen Folgen der Uneinheitlichkeit zu untersuchen. Die Analyse macht deutlich, dass unterschiedliche Kriterien zu stark variierenden Klassifikationen führen können.
Für den Vergleich wurden Daten von mehr als 10.500 Patient:innen herangezogen, bei denen zwischen 2010 und 2020 eine Echokardiographie durchgeführt wurde. Die Studie setzte die definierten Kriterien aus der Literatur mit diesen Bildgebungsdaten in Beziehung, um Klassifikation, Klappenmerkmale und Prognose zu analysieren. Die MedUni Wien nutzt diese Datenbasis, um die praktischen Folgen unterschiedlicher Definitionslinien zu quantifizieren.
Die Studie stellt fest, dass das bloße Vorliegen von Vorhofflimmern nicht ausreicht, um AfMR verlässlich zu diagnostizieren. Entscheidend sei vielmehr die strukturelle Vergrößerung des linken Vorhofs als zentrales morphologisches Merkmal, so die dargestellten Ergebnisse. Damit wird in der Mitteilung die Bedeutung morphologischer Befunde gegenüber rein rhythmologischen Befunden betont.
Die von der American College of Cardiology verwendete Definition wird in der Mitteilung als besonders prognostisch aussagekräftig beschrieben; sie berücksichtigt nach Angaben der Autor:innen auch Patient:innen mit eingeschränkt beweglichen Herzklappen. Die Studie hebt diese Definition als eine mit starker Aussagekraft bezüglich der Prognose hervor. Das Ergebnis wird in der Aussendung als Hinweis gewertet, welche Kriterien in künftigen Definitionen berücksichtigt werden sollten.
Die Arbeit ist im Journal of the American College of Cardiology publiziert. Titel und Autor:innen sind in der Veröffentlichung genannt; die DOI-Angabe lautet 10.1016/j.jacc.2026.01.057. In der Aussendung verweist die MedUni Wien auf die Publikation als zentrale Grundlage der dargestellten Befunde.
Publikation: Atrial Functional Mitral Regurgitation: Effect of Phenotype Definition on Classification, Valve Features, and Prognosis. Sophia Koschatko et al.; Journal of the American College of Cardiology. DOI: 10.1016/j.jacc.2026.01.057. https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacc.2026.01.057
Kontakt MedUni Wien: Mag. Johannes Angerer, Leiter Unternehmenskommunikation, Tel.: +43 (0)664 80016-11501, E-Mail: presse [at] meduniwien.ac.at. Weitere Information: http://www.meduniwien.ac.at