Das Research Institute – Digital Human Rights Center in Wien hat eine umfassende Online-Plattform zur Navigation im komplexen EU-Digitalrecht veröffentlicht. Das ATLAWS-Wiki soll Unternehmen und Or...
Das Research Institute – Digital Human Rights Center in Wien hat eine umfassende Online-Plattform zur Navigation im komplexen EU-Digitalrecht veröffentlicht. Das ATLAWS-Wiki soll Unternehmen und Organisationen dabei helfen, sich im Dickicht der europäischen Digitalisierungsgesetze zurechtzufinden – ein Thema, das für österreichische Betriebe zunehmend geschäftskritisch wird.
Die Flut an EU-Digitalgesetzen der vergangenen Jahre hat bei österreichischen Unternehmen zu erheblicher Verunsicherung geführt. Während große Konzerne eigene Compliance-Abteilungen unterhalten, stehen kleine und mittlere Betriebe – das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft – oft ratlos vor Fragen wie: Bin ich von der DSGVO, dem Digital Services Act oder der KI-Verordnung betroffen? Welche konkreten Pflichten ergeben sich? Und vor allem: Welche Sanktionen drohen bei Nichteinhaltung?
Diese Rechtsunsicherheit ist teuer. Laut Schätzungen der Wirtschaftskammer Österreich investieren heimische Unternehmen jährlich mehrere hundert Millionen Euro in Compliance-Maßnahmen – oft ohne zu wissen, ob diese tatsächlich notwendig sind. Gleichzeitig riskieren sie Bußgelder in Millionenhöhe, wenn sie wichtige Bestimmungen übersehen.
Hier setzt ATLAWS an – ein Akronym für "Atlas for Tracking Law And Watching Standards". Das System funktioniert nach dem Prinzip digitaler Landkarten: Je nach Bedarf können Nutzer in verschiedene Detailebenen hineinzoomen. Vom schnellen Überblick bis zur detaillierten Analyse einzelner Rechtsbestimmungen.
Die Plattform ist als Wiki konzipiert und strukturiert das komplexe EU-Digitalrecht in vier thematische Cluster:
Das ATLAWS-Wiki beantwortet systematisch vier Kernfragen, die für Unternehmen entscheidend sind: Erstens die Betroffenheit – ist meine Organisation überhaupt von einem bestimmten EU-Rechtsakt erfasst? Diese Frage ist oft schwieriger zu beantworten, als es scheint. Viele Gesetze enthalten komplexe Schwellenwerte oder Ausnahmeregelungen.
Zweitens werden die konkreten Kernpflichten aufgelistet. Statt sich durch hunderte Seiten Gesetzestext zu kämpfen, erhalten Nutzer eine prägnante Zusammenfassung der wesentlichen Verpflichtungen. Drittens informiert das System über Konsequenzen bei Nichteinhaltung – von Bußgeldern über Haftungsrisiken bis zu Übergangsfristen.
Viertens zeigt ATLAWS Überschneidungen zwischen verschiedenen Rechtsakten auf. Dies ist besonders wertvoll, da viele EU-Gesetze sich überlappen oder ergänzen. Ein Unternehmen, das die DSGVO befolgt, hat möglicherweise bereits wichtige Schritte für die Einhaltung anderer Bestimmungen getan.
Das Projekt entstand durch eine Kooperation führender österreichischer Institutionen. Beteiligt waren unter anderem der Gaia-X Hub Austria, das Austrian Institute of Technology (AIT), die Österreichische Universitätenkonferenz (uniko) sowie mehrere Bundesministerien. Diese breite Unterstützung unterstreicht die Bedeutung des Vorhabens für den Wirtschaftsstandort Österreich.
Die wissenschaftliche Leitung liegt beim Research Institute – Digital Human Rights Center, das für seine interdisziplinäre Herangehensweise bekannt ist. "Wir denken konsequent aus der Praxis heraus", erklärt Projektleiterin Mirjam Tercero. "So finden Nutzer rasch, was ihnen im Arbeitsalltag tatsächlich weiterhilft."
Diese praxisnahe Ausrichtung unterscheidet ATLAWS von rein akademischen Publikationen. Die Inhalte werden kontinuierlich aktualisiert – Ende 2025 wurden bereits das neue österreichische NIS-Gesetz und der Omnibus-Entwurf der EU-Kommission eingearbeitet.
Ein besonderer Vorzug des ATLAWS-Wiki ist seine Offenheit. Die Inhalte stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz und sind damit für alle kostenfrei zugänglich. Dies ist bemerkenswert, da vergleichbare juristische Datenbanken oft mehrere tausend Euro jährlich kosten.
"Wir wollten bewusst eine offene und übersichtliche Grundlage schaffen", betont der wissenschaftliche Leiter Christof Tschohl. "Das System ist auch für Nicht-Juristen intuitiv zugänglich und spiegelt die interdisziplinären Perspektiven unseres Teams wider."
Das österreichische Projekt könnte internationale Nachahmer finden. Während andere EU-Länder ähnliche Herausforderungen bei der Umsetzung von Digital-Gesetzen haben, gibt es bislang keine vergleichbare systematische Aufbereitung. Deutschland etwa verlässt sich hauptsächlich auf kostenpflichtige Rechtsdatenbanken privater Anbieter, die für kleinere Unternehmen oft unerschwinglich sind.
In der Schweiz wiederum konzentriert sich die Diskussion stark auf die Übernahme von EU-Recht, ohne die praktischen Umsetzungsaspekte ausreichend zu beleuchten. Das österreichische Modell könnte hier als Blaupause dienen.
Die Bedeutung des ATLAWS-Wiki wird in den kommenden Jahren noch steigen. Die EU-Kommission hat weitere Digitalisierungsgesetze angekündigt, darunter Regelungen zu Quantencomputing, Blockchain-Technologien und digitalen Währungen. Das österreichische Research Institute plant bereits entsprechende Erweiterungen der Plattform.
Für österreichische Unternehmen bedeutet dies: Sie erhalten nicht nur Hilfe bei aktuellen Compliance-Herausforderungen, sondern auch einen verlässlichen Kompass für zukünftige Entwicklungen. In einer Zeit, in der digitale Transformation und rechtliche Compliance gleichermaßen geschäftskritisch sind, könnte sich das ATLAWS-Wiki als unverzichtbares Werkzeug für den heimischen Mittelstand erweisen.
Die Plattform ist unter wiki.atlaws.eu erreichbar. Weitere Informationen zum Projekt finden sich unter www.atlaws.eu.