Ministerin Schumann fordert umfassende Fachkräftestrategie für Österreich
Ende Februar sind 357.500 Menschen arbeitslos - gleichzeitig herrscht in vielen Branchen akuter Fachkräftemangel.
Die österreichische Arbeitsmarktsituation zeigt sich Ende Februar 2026 von ihrer widersprüchlichen Seite: Während die Arbeitslosenzahlen weiter steigen, kämpfen zahlreiche Branchen mit einem eklatanten Fachkräftemangel. Diese paradoxe Situation stellt Politik und Wirtschaft vor große Herausforderungen.
Die aktuellen Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) zeichnen ein besorgniserregendes Bild: Ende Februar 2026 waren rund 357.500 Menschen in Österreich arbeitslos - das entspricht einem Anstieg von 10.100 Personen oder 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Die Register-Arbeitslosenquote kletterte damit auf 8,3 Prozent, was einen Zuwachs von 0,2 Prozentpunkten bedeutet.
Besonders beunruhigend ist die Entwicklung bei der Beschäftigung: Diese sank gegenüber dem Vorjahr um geschätzte 4.000 Beschäftigungsverhältnisse. Gleichzeitig erreichte die Gesamtzahl der Arbeitslosen und AMS-Schulungsteilnehmenden im Februar 436.200 Personen - ein Anstieg von 6.200 Personen oder 1,4 Prozent.
Die Arbeitsmarktentwicklung trifft nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich stark. Während die Arbeitslosigkeit bei Frauen um 6,6 Prozent anstieg, war bei Männern nur ein Zuwachs von 0,5 Prozent zu verzeichnen. Diese Diskrepanz spiegelt die anhaltenden strukturellen Herausforderungen am österreichischen Arbeitsmarkt wider.
Auch die Jugendarbeitslosigkeit entwickelt sich negativ: Ende Februar waren 365 junge Menschen mehr arbeitslos als im Vorjahr, was einem Anstieg von einem Prozent entspricht. Besonders dramatisch zeigt sich die Situation bei den Lehrstellen: Während die Zahl der Lehrstellensuchenden um 10,8 Prozent auf 850 Personen stieg, ging das Angebot an offenen Lehrstellen um 1.012 zurück. Dies führt zu einer Lehrstellenlücke von 2.137 Stellen.
Ein besonders alarmierender Trend zeigt sich bei der Langzeitarbeitslosigkeit: Die Zahl der Personen, die seit mindestens einem Jahr beim AMS vorgemerkt sind, stieg auf 101.976 - das entspricht einem drastischen Anstieg von 12.466 Personen oder 13,9 Prozent. Diese Entwicklung ist nicht nur für die Betroffenen dramatisch, sondern belastet auch die Sozialversicherungssysteme erheblich.
Interessant ist die Entwicklung nach Staatsangehörigkeit: Während die Arbeitslosigkeit von Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft um 1,3 Prozent anstieg, erhöhte sich die Arbeitslosigkeit bei österreichischen Staatsbürgern um 4,0 Prozent.
Trotz der insgesamt schwierigen Situation gibt es auch einige positive Entwicklungen: Die Bestandszahl der beim AMS gemeldeten offenen Stellen lag Ende Februar bei 72.001, was zwar einen Rückgang von 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet, jedoch zeigt der Zugang an neuen offenen Stellen im Februar mit einem Plus von 4,1 Prozent bereits eine Verbesserung.
Regional unterscheidet sich die Arbeitsmarktentwicklung erheblich: Nur in Oberösterreich (-1,5 Prozent) und Kärnten (-0,8 Prozent) konnte der Anstieg der Arbeitslosigkeit gestoppt werden, während alle anderen Bundesländer weiterhin mit steigenden Zahlen kämpfen.
Arbeits- und Sozialministerin Korinna Schumann sieht in der aktuellen Situation einen dringenden Handlungsbedarf. "Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften wird in den nächsten Jahren weiter steigen. Deshalb ist es jetzt entscheidend, eine umfassende und langfristige Fachkräftestrategie auf den Weg zu bringen", erklärte die Ministerin.
Diese Strategie soll mehrere Säulen umfassen: Eine klare Qualifizierungsoffensive, eine Stärkung der Lehre und Berufsausbildung sowie verbesserte Rahmenbedingungen für internationale Fachkräfte. "Alle zentralen Politikfelder und Maßnahmen müssen gut aufeinander abgestimmt werden", betont Schumann.
Das Arbeitsmarktservice hat bereits konkrete Schritte zur Bekämpfung des Fachkräftemangels eingeleitet. Im Jahr 2025 nahmen insgesamt 74.500 Personen an einer vom AMS finanzierten Fachkräfteausbildung teil - das sind 3.600 mehr als im Vorjahr. Diese Ausbildungen umfassen Lehrausbildungen, höhere formale Ausbildungsformen sowie das Fachkräfte- und Pflegestipendium.
Die finanziellen Mittel für diese Programme wurden deutlich aufgestockt: 2025 investierte das AMS insgesamt 506 Millionen Euro in die Fachkräfteausbildung - das sind 34 Millionen Euro mehr als im Jahr 2024. Diese Investition zeigt den politischen Willen, dem Fachkräftemangel aktiv entgegenzuwirken.
Die aktuelle Arbeitsmarktlage offenbart ein fundamentales Problem der österreichischen Wirtschaft: Obwohl hunderttausende Menschen arbeitslos sind, können viele offene Stellen nicht besetzt werden. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich durch das Mismatch zwischen den Qualifikationen der Arbeitssuchenden und den Anforderungen der Arbeitgeber.
Besonders betroffen vom Fachkräftemangel sind technische Berufe, das Gesundheits- und Pflegwesen sowie das Handwerk. Hier treffen hohe Qualifikationsanforderungen auf einen Mangel an entsprechend ausgebildeten Bewerbern. Gleichzeitig sind viele Arbeitslose in Branchen tätig gewesen, in denen die Nachfrage zurückgeht oder die von der Digitalisierung betroffen sind.
Die Arbeitsmarktexperten erkennen in den jüngsten Zahlen eine "leichte Tendenz zur Verringerung des Zuwachses", was auf eine mögliche Verbesserung der Arbeitsmarktlage hindeuten könnte. Dennoch sind strukturelle Reformen unumgänglich, um das Paradox von hoher Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Fachkräftemangel zu lösen.
Neben der Qualifizierungsoffensive sind auch Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexiblere Arbeitsmodelle und eine Reform der Zuwanderungsbestimmungen für qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland notwendig. Nur durch ein koordiniertes Vorgehen aller Beteiligten - Politik, Wirtschaft, Sozialpartner und Bildungseinrichtungen - kann Österreich die aktuellen Herausforderungen am Arbeitsmarkt erfolgreich bewältigen.