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Aktivpension für Selbstständige: Österreich führt neues Modell ein

15. April 2026 um 12:07
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Österreich macht einen bedeutsamen Schritt in der Pensionsreform: Ab sofort können auch Selbstständige von der neuen Aktivpension profitieren. Diese Neuerung ermöglicht es Unternehmern und Freiberu...

Österreich macht einen bedeutsamen Schritt in der Pensionsreform: Ab sofort können auch Selbstständige von der neuen Aktivpension profitieren. Diese Neuerung ermöglicht es Unternehmern und Freiberuflern, neben ihrer Pension bis zu 15.000 Euro pro Jahr zusätzlich zu verdienen, ohne dass Abschläge drohen. Der Österreichische Wirtschaftsbund sieht darin einen wichtigen Erfolg im Kampf gegen den Fachkräftemangel und für mehr Leistungsgerechtigkeit.

Was bedeutet die Aktivpension für Österreichs Selbstständige?

Die Aktivpension stellt eine fundamentale Änderung im österreichischen Pensionssystem dar. Während bisher Pensionisten nur begrenzt hinzuverdienen konnten, ohne Kürzungen ihrer Pension befürchten zu müssen, schafft die neue Regelung deutlich mehr Spielraum. Konkret bedeutet dies: Pensionierte Selbstständige können künftig bis zu 15.000 Euro jährlich zusätzlich zur Pension verdienen, ohne dass diese gekürzt wird.

Diese Regelung unterscheidet sich grundlegend vom bisherigen System der Zuverdienstgrenzen. Früher war der Hinzuverdienst streng begrenzt und führte bei Überschreitung zu empfindlichen Pensionskürzungen. Das neue Modell hingegen setzt auf positive Anreize: Wer länger arbeitet, wird belohnt statt bestraft. Für die österreichische Wirtschaft bedeutet dies, dass wertvolles Know-how und jahrzehntelange Berufserfahrung nicht mehr automatisch mit dem Pensionsantritt verloren gehen.

Unterschiede zwischen Angestellten und Selbstständigen

Ein wesentlicher Aspekt der neuen Regelung ist, dass sie explizit auch Selbstständige einschließt. Dies war keineswegs selbstverständlich, da das österreichische Pensionssystem traditionell zwischen verschiedenen Berufsgruppen unterscheidet. Während Angestellte über die gesetzliche Pensionsversicherung abgesichert sind, fallen Selbstständige unter die Sozialversicherungsanstalt der Selbstständigen (SVS).

Die Erweiterung der Aktivpension auf Selbstständige schließt eine wichtige Gerechtigkeitslücke. Unternehmer und Freiberufler haben oft ein anderes Arbeitsverhalten als Angestellte – viele arbeiten auch im höheren Alter gerne weiter, sei es aus Leidenschaft für ihr Unternehmen oder aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die neue Regelung trägt diesen Realitäten Rechnung und schafft faire Bedingungen für alle Berufsgruppen.

Historische Entwicklung der Pensionsreformen in Österreich

Die Einführung der Aktivpension reiht sich in eine lange Geschichte von Pensionsreformen in Österreich ein. Bereits in den 1990er Jahren erkannte die Politik, dass das Pensionssystem angesichts des demografischen Wandels nicht nachhaltig finanzierbar war. Die große Pensionsreform 2005 führte das Pensionskonto ein und erhöhte schrittweise das faktische Pensionsantrittsalter.

Seitdem gab es zahlreiche Anpassungen: Die Harmonisierung der Pensionssysteme verschiedener Berufsgruppen, die Einführung der Schwerarbeiterpension und verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung der Frühpensionierung. Die Aktivpension stellt nun den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung dar, da sie erstmals konsequent auf positive Anreize setzt, statt nur Verschlechterungen zu implementieren.

International betrachtet ist Österreich damit nicht allein: Länder wie Deutschland, die Schweiz und die nordischen Staaten haben ähnliche Modelle bereits eingeführt oder erwägen deren Implementierung. Der demografische Wandel zwingt alle entwickelten Länder zu einem Umdenken in der Pensionspolitik.

Auswirkungen auf den österreichischen Arbeitsmarkt

Der Fachkräftemangel ist eine der größten Herausforderungen für die österreichische Wirtschaft. Laut Wirtschaftskammer fehlen bereits jetzt über 200.000 Fachkräfte, Tendenz steigend. In diesem Kontext kommt der Aktivpension eine besondere Bedeutung zu, da sie erfahrene Arbeitskräfte länger im System hält.

Besonders in Branchen wie dem Handwerk, der Technik oder im Dienstleistungssektor ist die Erfahrung älterer Arbeitskräfte unersetzlich. Ein Meister mit 40 Jahren Berufserfahrung verfügt über Wissen und Fähigkeiten, die nicht einfach durch jüngere Kollegen ersetzt werden können. Die Aktivpension ermöglicht es, dieses Wissen zu konservieren und gleichzeitig an die nächste Generation weiterzugeben.

Konkrete Beispiele aus der Praxis

Ein praktisches Beispiel verdeutlicht die Tragweite der Neuerung: Ein selbstständiger Handwerksmeister, der mit 65 Jahren in Pension geht, aber sein gut laufendes Unternehmen nicht aufgeben möchte, kann künftig bis zu 15.000 Euro jährlich erwirtschaften, ohne Pensionskürzungen befürchten zu müssen. Dies entspricht etwa 1.250 Euro monatlich – genug, um weiterhin beratend tätig zu sein oder kleinere Projekte zu übernehmen.

Ähnlich profitieren Freiberufler wie Ärzte, Rechtsanwälte oder Steuerberater, die oft auch im Pensionsalter noch gefragt sind. Ein erfahrener Anwalt könnte beispielsweise weiterhin komplexe Fälle bearbeiten, ohne dass seine Pension gekürzt wird. Dies ist nicht nur für den Einzelnen vorteilhaft, sondern stärkt auch die Versorgung mit hochqualifizierten Dienstleistungen.

Vergleich mit anderen Bundesländern und europäischen Nachbarn

Die österreichische Lösung ist durchaus innovativ, auch wenn ähnliche Modelle international bereits existieren. In Deutschland gibt es seit 2017 die sogenannte "Flexi-Rente", die ebenfalls Anreize für längeres Arbeiten schafft. Allerdings ist das deutsche System komplexer und weniger großzügig als die österreichische Variante.

Die Schweiz hat mit dem flexiblen Rentenalter bereits seit Jahren ein System, das längeres Arbeiten belohnt. Allerdings funktioniert das Schweizer Modell aufgrund der anderen Systemarchitektur (drei Säulen-System) grundlegend anders. Interessant ist, dass alle drei deutschsprachigen Länder erkannt haben, dass die reine Fokussierung auf Frühpensionierungsvermeidung nicht ausreicht – positive Anreize sind notwendig.

In den nordischen Ländern, die oft als Vorbilder für Sozialsysteme gelten, gibt es ebenfalls flexible Übergänge zwischen Erwerbs- und Pensionsphase. Schweden etwa hat ein System, das individuelle Wahlmöglichkeiten maximiert und längeres Arbeiten durch höhere Pensionen belohnt.

Die Rolle des Wirtschaftsbundes in der Umsetzung

Der Österreichische Wirtschaftsbund hat sich als treibende Kraft hinter der Aktivpension positioniert. Generalsekretärin Tanja Graf betont, dass die Einbeziehung der Selbstständigen ein besonderer Erfolg sei. Hier spielte Martha Schultz eine entscheidende Rolle, die durch intensive Verhandlungsarbeit sicherstellte, dass Selbstständige nicht benachteiligt werden.

Diese politische Arbeit zeigt, wie wichtig die Interessenvertretung verschiedener Berufsgruppen ist. Oft werden bei Reformen zunächst nur Angestellte berücksichtigt, während Selbstständige nachträglich einbezogen werden müssen. Die frühzeitige Einbeziehung aller Berufsgruppen in die Aktivpension zeigt eine neue Qualität der politischen Koordination.

Langfristige Systemwirkungen

Die Aktivpension wirkt auf mehreren Ebenen: Kurzfristig lindert sie den Fachkräftemangel und hält wertvolles Know-how im System. Mittelfristig könnte sie zu einer Kulturänderung führen, bei der längeres Arbeiten nicht mehr als Notlösung, sondern als positive Lebensentscheidung gesehen wird. Langfristig trägt sie zur Stabilisierung des Pensionssystems bei, da länger arbeitende Menschen sowohl länger einzahlen als auch später Pension beziehen.

Für das österreichische Pensionssystem bedeutet dies eine wichtige Entlastung. Jedes Jahr, das ein Mensch länger arbeitet, verbessert das Verhältnis von Beitragszahlern zu Pensionsbeziehern. Bei einer alternden Gesellschaft ist dies ein entscheidender Faktor für die langfristige Finanzierbarkeit des Systems.

Herausforderungen und kritische Stimmen

Nicht alle sehen die Aktivpension ausschließlich positiv. Kritiker befürchten, dass dadurch Druck auf ältere Arbeitskräfte entstehen könnte, länger zu arbeiten, auch wenn sie gesundheitlich nicht dazu in der Lage sind. Zudem wird argumentiert, dass die Maßnahme hauptsächlich gut verdienenden und gesunden Menschen zugutekommt, während körperlich belastete Arbeiter weniger profitieren.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt für jüngere Menschen. Wenn ältere Arbeitskräfte länger im System bleiben, könnten weniger Stellen für Berufseinsteiger verfügbar sein. Allerdings zeigen empirische Studien, dass dieser "Lump-of-Labor"-Effekt meist nicht eintritt, da erfahrene und jüngere Arbeitskräfte oft komplementäre Rollen erfüllen.

Implementierung und praktische Umsetzung

Die praktische Umsetzung der Aktivpension erfordert Anpassungen in der Verwaltung und bei den Sozialversicherungsträgern. Selbstständige müssen ihre Einkünfte entsprechend melden, und die Systeme müssen so angepasst werden, dass die 15.000-Euro-Grenze korrekt überwacht wird.

Für Unternehmen und Selbstständige bedeutet dies auch neue Planungsmöglichkeiten. Sie können ihre Tätigkeiten nach dem Pensionsantritt besser strukturieren und dabei sowohl ihre Erfahrung nutzen als auch jüngere Kollegen fördern. Dies könnte zu neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen den Generationen führen.

Zukunftsperspektiven und mögliche Weiterentwicklungen

Die Einführung der Aktivpension ist vermutlich nicht der Endpunkt der Pensionsreformen in Österreich. Angesichts der demografischen Entwicklung werden weitere Anpassungen notwendig sein. Denkbar wären eine schrittweise Erhöhung des Aktivitätsfreibetrags oder die Einführung weiterer flexibler Elemente im Pensionssystem.

Internationale Erfahrungen zeigen, dass erfolgreiche Pensionsreformen oft in mehreren Schritten implementiert werden. Die Aktivpension könnte der erste Schritt zu einem grundlegend flexibleren System sein, das individuelle Lebensentwürfe besser berücksichtigt. Möglich wären etwa variable Übergänge zwischen Teilzeit und Vollpension oder weitere Anreize für bestimmte Berufsgruppen.

Für die österreichische Wirtschaft eröffnet die Aktivpension neue Möglichkeiten im Umgang mit dem demografischen Wandel. Unternehmen können ihre Personalpolitik langfristiger planen und dabei sowohl auf die Erfahrung älterer als auch auf die Energie jüngerer Mitarbeiter setzen. Dies könnte zu einer neuen Qualität der Altersstruktur in österreichischen Betrieben führen, die internationale Wettbewerbsvorteile schafft.

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