Die Lichter gehen aus, der Strom fällt aus – in solchen Momenten zählt jede Minute. Für das westliche Versorgungsgebiet der Wiener Netze ist seit kurzem eine hochmoderne Betriebseinsatzzentrale in ...
Die Lichter gehen aus, der Strom fällt aus – in solchen Momenten zählt jede Minute. Für das westliche Versorgungsgebiet der Wiener Netze ist seit kurzem eine hochmoderne Betriebseinsatzzentrale in Purkersdorf im Einsatz, die genau für solche Notfälle konzipiert wurde. Nach 15 Monaten Bauzeit haben die Wiener Netze ihr neues Betriebsgebäude an der Stadlhütte am Wienerwaldsee offiziell eröffnet und damit 7 Millionen Euro in die Versorgungssicherheit der Region investiert.
Die bisherige Betriebsstelle an der Wienzeile 9 hatte ausgedient. Was einst als funktionaler Standort galt, entpuppte sich über die Jahrzehnte als zunehmend problematisch. Rund um das Gebäude hatte sich ein dichtes Wohngebiet entwickelt, wodurch die An- und Abfahrten der Betriebsfahrzeuge zur Belastung für die Anrainerinnen und Anrainer wurden. Die veralteten Räumlichkeiten entsprachen längst nicht mehr den Anforderungen eines modernen Netzbetreibers, der rund um die Uhr für die Stromversorgung von mehr als zwei Millionen Kundinnen und Kunden verantwortlich ist.
"Der neue Standort bietet ideale Bedingungen für unser Betriebsteam hier in Purkersdorf", erklärt Gerhard Fida, Vorsitzender der Geschäftsführung bei den Wiener Netzen. "Wir sind nun außerhalb des Wohngebiets angesiedelt und stören bei Zu- und Abfahrten keine Anrainerinnen und Anrainer." Die Lösung fanden die Wiener Netze in enger Zusammenarbeit mit der MA 31 Wiener Wasser, die das Gelände eines nicht mehr genutzten Absetzbeckens veräußerte.
Das neue Betriebsgelände am Wienerwaldsee ist ein Musterbeispiel für nachhaltige Flächennutzung in Österreich. Anstatt neue Flächen zu versiegeln, nutzen die Wiener Netze ein ehemaliges Betriebsgelände der Wiener Wasserwerke nach. Diese Art der Kreislaufwirtschaft bei Industrieflächen ist in Österreich noch nicht weit verbreitet, gewinnt aber angesichts des steigenden Flächendrucks zunehmend an Bedeutung.
In Deutschland und der Schweiz sind solche Nachnutzungsprojekte bereits etablierter. Die Deutsche Bahn beispielsweise hat in den vergangenen Jahren hunderte stillgelegte Bahnhofsgelände einer neuen Nutzung zugeführt. In der Schweiz werden ehemalige Industrieareale systematisch für neue Infrastrukturprojekte erschlossen. Österreich hinkt hier noch hinterher, obwohl das Potenzial enorm ist: Allein in Wien gibt es dutzende brachliegende Betriebsflächen, die für ähnliche Projekte genutzt werden könnten.
Eine Betriebseinsatzzentrale ist das Herzstück der Stromversorgung einer Region. Hier laufen alle Fäden zusammen, wenn es um die Überwachung und Steuerung des Stromnetzes geht. Von diesem Standort aus koordinieren die Technikerinnen und Techniker der Wiener Netze sämtliche Einsätze bei Störungen, Wartungsarbeiten und Netzausbaumaßnahmen im westlichen Wiener Umland.
Für die Bevölkerung bedeutet eine moderne, gut ausgestattete Betriebszentrale vor allem eines: kürzere Ausfallzeiten bei Stromunterbrechungen. Wenn beispielsweise ein Bagger bei Bauarbeiten ein Erdkabel beschädigt oder ein Sturm Freileitungen zum Einsturz bringt, können die Teams deutlich schneller reagieren. Wo früher möglicherweise Stunden vergingen, bis die Reparaturteams vor Ort waren, sind es jetzt oft nur noch Minuten.
Konkret profitieren davon rund 500.000 Menschen in den Bezirken westlich von Wien. Dazu gehören nicht nur Privathaushalte, sondern auch Krankenhäuser, Schulen, Produktionsbetriebe und kritische Infrastruktur wie Ampeln oder Bahnhöfe. Ein Stromausfall von nur einer Stunde kann in diesem Gebiet volkswirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe verursachen.
Das neue Betriebsgebäude setzt Maßstäbe in puncto nachhaltiger Bauweise. Auf 1.600 Quadratmetern Grundfläche vereint es modernste Büroarbeitsplätze, großzügige Lagerflächen, Garagen für die Betriebsfahrzeuge sowie speziell ausgestattete Bereiche für die Vorbereitung von Einsätzen.
Die Holz-Betonbauweise ist in Österreich für Industriebauten noch relativ ungewöhnlich, gilt aber als zukunftsweisend. Holz bindet CO2 und reduziert damit den ökologischen Fußabdruck des Gebäudes erheblich. Besonders bemerkenswert: Ein großer Teil des Altbetons der vormaligen Wasserwerksanlagen wurde recycelt und in den Neubau integriert. Diese Wiederverwendung von Baumaterialien spart nicht nur Kosten, sondern reduziert auch den Bedarf an neuen Rohstoffen.
Die Energieversorgung des Gebäudes ist vollständig klimaneutral konzipiert. Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe sorgt für die Heizung, während der benötigte Strom aus einer eigenen Photovoltaikanlage auf dem begrünten Flachdach stammt. Dieses System macht das Gebäude nahezu energieautark – ein wichtiger Baustein für die Energiewende in Österreich.
Die Kühlung erfolgt über ein innovatives Fußbodensystem, ergänzt durch Kühlregister in der Lüftungsanlage, Kühlsegel und spezielle Umluftkühler für die Server- und Elektrotechnikräume. Diese Kombination verschiedener Kühlsysteme sorgt für optimalen Komfort bei minimalem Energieverbrauch.
Die Wiener Netze sind weit mehr als nur ein Stromversorger. Als Österreichs größter Kombinetzbetreiber verantworten sie die Versorgung mit Strom, Gas, Fernwärme und Daten für über zwei Millionen Kundinnen und Kunden. Das Unternehmen betreibt ein Leitungsnetz von insgesamt über 35.000 Kilometern – das entspricht fast der Strecke von Wien nach Sydney.
Jährlich investieren die Wiener Netze mehr als 440 Millionen Euro in den Ausbau und die Instandhaltung ihrer Netze. Diese Investitionen sind essentiell für die Energiewende: Bis 2030 soll Österreich klimaneutral werden, was massive Investitionen in Smart Grids, E-Mobilität-Infrastruktur und den Ausbau erneuerbarer Energien erfordert.
Im Vergleich zu anderen europäischen Netzbetreibern nehmen die Wiener Netze eine Spitzenposition ein. Die Versorgungsqualität in Wien gehört zu den besten weltweit – durchschnittlich nur 30 Minuten Stromausfall pro Jahr und Kunde. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 45 Minuten, in Frankreich sogar über 90 Minuten.
Der Ausbau von Wind- und Solarenergie stellt Netzbetreiber vor neue Herausforderungen. Anders als konventionelle Kraftwerke produzieren erneuerbare Energien wetterabhängig und schwankend. Das erfordert intelligente Netze, die flexibel auf diese Schwankungen reagieren können. Betriebszentralen wie die neue in Purkersdorf spielen dabei eine Schlüsselrolle als Steuerungszentren.
Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch die Elektrifizierung von Mobilität und Heizung kontinuierlich. Experten prognostizieren bis 2040 eine Verdoppelung des Strombedarfs in Österreich. Diese zusätzliche Nachfrage muss durch den Ausbau der Netzkapazitäten bewältigt werden – weitere Investitionen in Milliardenhöhe werden notwendig sein.
Das neue Betriebsgebäude in Purkersdorf schafft direkt 25 hochqualifizierte Arbeitsplätze für Elektrotechnikerinnen und Elektrotechniker, Netzingenieure und Disponenten. Diese Fachkräfte überwachen rund um die Uhr das Stromnetz, koordinieren Wartungsarbeiten und leiten bei Störungen sofortige Gegenmaßnahmen ein.
Indirekt profitiert die gesamte Region von der Investition. Lokale Handwerksbetriebe waren am Bau beteiligt, Zulieferer aus der Umgebung beliefern den Standort mit Materialien und Dienstleistungen. Die verbesserte Versorgungssicherheit macht das Gebiet auch für Unternehmen attraktiver, die auf zuverlässige Stromversorgung angewiesen sind.
Die Eröffnung in Purkersdorf ist nur der Auftakt einer umfassenden Modernisierungsoffensive der Wiener Netze. In den kommenden Jahren sollen weitere Betriebsstellen erneuert und an die Anforderungen der digitalen Energiewende angepasst werden. Besonders im Fokus stehen dabei die Integration von Elektromobilität und die Vorbereitung auf Wasserstoff als Energieträger der Zukunft.
"Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, der unsere gesamte Branche verändert", so Geschäftsführer Fida. "Betriebsstellen wie die in Purkersdorf sind die Kommandozentralen dieser Energiewende." Bis 2030 sind weitere Investitionen in Höhe von über 100 Millionen Euro in die Modernisierung der Betriebsinfrastruktur geplant.
Die neue Betriebsstelle Purkersdorf zeigt exemplarisch, wie sich Österreichs Energieinfrastruktur für die Zukunft rüstet. Nachhaltiges Bauen, intelligente Technik und strategische Standortplanung verschmelzen zu einem Gesamtkonzept, das sowohl ökologischen als auch ökonomischen Anforderungen gerecht wird. Für die Bürgerinnen und Bürger der Region bedeutet das vor allem eines: eine noch zuverlässigere und umweltfreundlichere Energieversorgung für die kommenden Jahrzehnte.