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Wien investiert in Sturzprävention für Senioren – 150 Experten diskutieren Lösungen

2. April 2026 um 11:52
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Stürze sind eine der häufigsten Unfallursachen bei älteren Menschen in Österreich – und Wien geht das Problem jetzt systematisch an. Am 24. März 2026 versammelten sich rund 150 Fachleute aus Gesund...

Stürze sind eine der häufigsten Unfallursachen bei älteren Menschen in Österreich – und Wien geht das Problem jetzt systematisch an. Am 24. März 2026 versammelten sich rund 150 Fachleute aus Gesundheit, Stadtplanung und Sozialwesen im Wiener Rathaus, um über moderne Sturzprävention zu diskutieren. Das große Interesse an der Fachtagung "Sicher gesund in Wien" zeigt: Das Thema brennt unter den Nägeln, denn die österreichische Bevölkerung altert rapide.

Dramatische Zahlen: Warum Sturzprävention Leben retten kann

Die Statistik spricht eine klare Sprache: Jährlich ereignen sich in Österreich rund 85.000 Stürze bei Menschen über 65 Jahren, die zu Krankenhausaufenthalten führen. Etwa 1.000 Menschen sterben sogar an den Folgen eines Sturzes. In Wien leben derzeit über 300.000 Menschen, die älter als 60 Jahre sind – Tendenz stark steigend. Bis 2030 wird sich diese Zahl auf etwa 380.000 erhöhen, was die Dringlichkeit präventiver Maßnahmen verdeutlicht.

Dennis Beck, Geschäftsführer der Wiener Gesundheitsförderung (WiG), erklärt die Motivation hinter der Initiative: "Mit unserem neuen Projekt 'Sicher gesund in Wien' setzen wir einen Schwerpunkt für ältere Menschen und wollen Senior*innen, ihnen nahestehende Personen, aber auch Mitarbeiter*innen aus dem Gesundheits- und Betreuungsbereich ermuntern, sich bewusst mit dem Thema Stürze und Sturzprävention auseinanderzusetzen."

Was bedeutet verhältnisorientierte Sturzprävention?

Der Fachbegriff "verhältnisorientierte Sturzprävention" steht im Zentrum des Wiener Projekts und beschreibt einen ganzheitlichen Ansatz. Im Gegensatz zur verhaltensorientierten Prävention, die sich auf das individuelle Verhalten konzentriert (wie Bewegungstraining oder Aufklärung), zielt die verhältnisorientierte Prävention auf die Veränderung der Lebensumstände ab. Das bedeutet konkret: Stolperfallen in öffentlichen Räumen beseitigen, bessere Beleuchtung installieren, rutschfeste Bodenbeläge verwenden oder barrierefreie Zugänge schaffen.

Diese Herangehensweise ist besonders effektiv, weil sie alle Menschen einer bestimmten Umgebung schützt, nicht nur jene, die aktiv an Präventionsmaßnahmen teilnehmen. Ein gut beleuchteter, rutschfester Gehweg hilft allen Senioren, unabhängig davon, ob sie an einem Sturzpräventionskurs teilgenommen haben oder nicht.

Erfolgreiche Modelle aus anderen Regionen

International gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für verhältnisorientierte Sturzprävention. In den Niederlanden konnte durch systematische Verbesserungen der städtischen Infrastruktur die Anzahl sturzbedingter Verletzungen bei Senioren um 23 Prozent reduziert werden. Besonders erfolgreich waren Maßnahmen wie die Installation von Handläufen an kritischen Stellen, die Verbesserung der Straßenbeleuchtung und die Beseitigung von Unebenheiten in Gehwegen.

Auch in Deutschland zeigen Städte wie München oder Hamburg vor, wie systematische Sturzprävention funktioniert. Hamburg investierte beispielsweise 2,5 Millionen Euro in seniorengerechte Stadtgestaltung und konnte dadurch die Krankenhauseinweisungen aufgrund von Stürzen um 18 Prozent senken.

Wiener Gesundheitsförderung: Pioneer in der Präventionsarbeit

Die Wiener Gesundheitsförderung – WiG wurde 1998 als gemeinnützige GmbH gegründet und ist seither die zentrale Anlaufstelle für Gesundheitsförderung in der Bundeshauptstadt. Mit einem jährlichen Budget von etwa 8 Millionen Euro entwickelt und koordiniert die Organisation zahlreiche Programme zur Verbesserung der Gesundheit der Wiener Bevölkerung. Von Bewegungsförderung in Parks bis hin zu psychischer Gesundheit in Schulen – die WiG deckt ein breites Spektrum ab.

Das aktuelle Projekt "Sicher gesund in Wien" läuft bis Ende 2026 und wird aus dem Landesgesundheitsförderungsfonds (LGFF) finanziert. Dieser Fonds wurde im Rahmen der österreichischen Gesundheitsreform eingerichtet und wird gemeinsam von der Sozialversicherung und der Stadt Wien getragen. Die Finanzierung zeigt, dass Sturzprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird, die sowohl kommunale als auch bundesweite Unterstützung benötigt.

Konkrete Auswirkungen auf den Wiener Alltag

Für die Wiener Bevölkerung bedeutet das Projekt konkrete Verbesserungen im Alltag. Bereits jetzt werden Workshops in Kooperation mit dem Kuratorium für Verkehrssicherheit und dem Präventionsteam der Wiener Linien durchgeführt. Diese Schulungen richten sich an Mitarbeiter im öffentlichen Verkehr, in Seniorenheimen und in der häuslichen Pflege.

Ein besonders innovativer Ansatz ist die geplante Web-App zur Sturzprävention, die in Zusammenarbeit mit Wiener Wohnen und dem Fonds Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser entwickelt wird. Diese App soll älteren Menschen dabei helfen, Risikofaktoren in ihrer Wohnung zu identifizieren und zu beseitigen. Nutzer können beispielsweise Fotos ihrer Wohnung hochladen und erhalten dann maßgeschneiderte Empfehlungen zur Sturzprävention.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg

Besonders bemerkenswert an dem Wiener Ansatz ist die breite interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wie bei der Fachtagung deutlich wurde, müssen verschiedene Bereiche der Stadtverwaltung Hand in Hand arbeiten: Gesundheitswesen, Stadtplanung, Verkehr, Wohnen und Soziales. Diese ganzheitliche Herangehensweise ist neu und versprechend.

MMag.a Agnes Streissler-Führer, Landesstellenausschuss-Vorsitzende der Österreichischen Gesundheitskasse in Wien, betonte bei der Tagung: "Stürze im Alter sind kein unvermeidbares Schicksal. Mit gezielter Prävention, Bewegung und einem sicheren Umfeld können wir die Lebensqualität älterer Menschen nachhaltig verbessern, ihre Selbstständigkeit länger erhalten und zusätzlich noch Kosten im Gesundheitssystem reduzieren."

Digitale Innovationen und demenzsensible Räume

Ein weiterer Schwerpunkt der Fachtagung waren digitale Technologien bei der Sturzerkennung und -prävention. Moderne Sensoren können bereits heute erkennen, wenn eine Person gestürzt ist, und automatisch Hilfe rufen. Solche Systeme werden bereits in mehreren Wiener Seniorenheimen getestet und könnten bald auch in privaten Haushalten zum Einsatz kommen.

Besonders innovativ ist auch die Beschäftigung mit demenzsensiblen Räumen. Menschen mit Demenz haben ein deutlich erhöhtes Sturzrisiko, da ihre räumliche Orientierung und Bewegungskoordination beeinträchtigt sind. Spezielle Gestaltungskonzepte können helfen: Kontrastreiche Farbgebung macht Stufen und Kanten besser erkennbar, rutschfeste Bodenbeläge reduzieren das Sturzrisiko, und eine durchdachte Beleuchtung kann Schatten eliminieren, die als Hindernisse wahrgenommen werden könnten.

Kosten und volkswirtschaftlicher Nutzen

Die finanziellen Dimensionen des Themas sind beträchtlich. In Österreich entstehen durch sturzbedingte Verletzungen bei Senioren jährlich Kosten von etwa 350 Millionen Euro. Allein in Wien belaufen sich diese Kosten auf rund 80 Millionen Euro pro Jahr. Diese Summe umfasst Krankenhausaufenthalte, Rehabilitation, häusliche Pflege und oft auch dauerhafte Betreuung.

Im Vergleich dazu sind die Investitionen in die Prävention bescheiden: Das Wiener Projekt "Sicher gesund in Wien" kostet etwa 1,2 Millionen Euro über zwei Jahre. Wenn dadurch nur fünf Prozent der sturzbedingten Verletzungen verhindert werden können, amortisieren sich diese Investitionen bereits nach einem Jahr durch eingesparte Behandlungskosten.

Internationale Vergleiche zeigen Handlungsbedarf

Im internationalen Vergleich steht Österreich bei der Sturzprävention noch am Anfang. Länder wie Finnland oder Australien haben bereits in den 1990er Jahren systematische Programme entwickelt. Finnland konnte durch eine nationale Sturzpräventionsstrategie die Anzahl sturzbedingter Todesfälle bei Senioren um 40 Prozent reduzieren.

Auch Deutschland ist Österreich in diesem Bereich voraus: Dort gibt es bereits seit 2013 nationale Leitlinien zur Sturzprävention, und viele Krankenkassen übernehmen die Kosten für Präventionsmaßnahmen. In der Schweiz wurde 2019 ein nationales Programm "sicher gehen" gestartet, das ähnliche Ziele wie das Wiener Projekt verfolgt.

Die Rolle der Stadtplanung bei der Sturzprävention

Sabine Hofer-Gruber, MBA, Senior*innenbeauftragte der Stadt Wien, betonte bei der Tagung die Bedeutung einer altersgerechten Stadtplanung: "Als Senior*innenbeauftragte der Stadt Wien ist es mir ein wichtiges Anliegen, dass Senior*innen möglichst lange sicher, gesund und selbstbestimmt in ihrer vertrauten Umgebung leben können."

Konkret bedeutet das für Wien eine Überprüfung und Anpassung der städtischen Infrastruktur. Gehwege müssen ebener werden, Beleuchtung verstärkt, Handläufe an kritischen Stellen installiert und öffentliche Toiletten barrierefreier gestaltet werden. Auch die Gestaltung von Parkanlagen spielt eine wichtige Rolle: Gut gepflegte Wege, ausreichende Sitzmöglichkeiten und sichere Übergänge zwischen verschiedenen Bereichen können das Sturzrisiko erheblich reduzieren.

Zukunftsausblick: Wien als Modell für andere Städte

Das Wiener Projekt "Sicher gesund in Wien" könnte zum Modell für andere österreichische Städte werden. Bereits jetzt zeigen Graz, Linz und Salzburg Interesse an ähnlichen Programmen. Die systematische Herangehensweise Wiens, die verschiedene Bereiche der Stadtverwaltung einbezieht, könnte als Blaupause für eine nationale Strategie dienen.

Besonders vielversprechend ist die geplante Evaluierung des Projekts. Durch die systematische Erfassung von Sturzereignissen vor, während und nach der Implementierung der Maßnahmen können konkrete Erfolge gemessen werden. Diese Daten werden nicht nur für Wien wertvoll sein, sondern können auch anderen Städten als Grundlage für eigene Programme dienen.

Die Fachtagung im Wiener Rathaus war somit mehr als nur eine Informationsveranstaltung – sie war der Startschuss für einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit dem Thema Stürze bei Senioren. Mit der wachsenden Zahl älterer Menschen in Österreich wird die Bedeutung solcher Programme in den kommenden Jahren noch weiter steigen.

Das Wiener Modell zeigt: Sturzprävention ist nicht nur eine medizinische, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur durch die Zusammenarbeit verschiedener Bereiche erfolgreich bewältigt werden kann. Die 150 Teilnehmer der Fachtagung sind die ersten Botschafter dieser neuen Herangehensweise – und Wien könnte damit zum Vorreiter für altersgerechte Stadtgestaltung in ganz Europa werden.

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