Klimastadtrat Czernohorszky und Tierschutzorganisationen rufen zu ruhigem Jahreswechsel auf – Pyrotechnik in der Stadt verboten
Die Stadt Wien bittet um einen ruhigen Jahreswechsel: Feuerwerk belastet Umwelt, Klima und versetzt Haus- sowie Wildtiere in Panik.
Der Countdown läuft, die Sektflaschen stehen bereit, und während sich viele Wienerinnen und Wiener auf eine ausgelassene Silvesternacht freuen, gibt es jene, für die der Jahreswechsel puren Stress bedeutet. Gemeint sind nicht nur lärmempfindliche Menschen, sondern vor allem die tierischen Mitbewohner der Bundeshauptstadt – von der Hauskatze bis zum Reh im Wienerwald.
Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky macht unmissverständlich klar, worum es geht: „Silvesterknallerei ist nicht nur eine Belastung für Kinder, ältere Menschen, Haus- und Wildtiere, sondern auch schlecht für Umwelt und Klima. Zu Silvester sollte deshalb auf jede Art von Knallerei verzichtet werden!" Eine Forderung, die in Wien bereits seit Jahren rechtliche Grundlage hat: Innerhalb der Stadtgrenzen gilt ein generelles Verbot von Knallern, Feuerwerksraketen und anderer Pyrotechnik.
Die Gründe für dieses Verbot sind vielfältig und wissenschaftlich fundiert. Feuerwerkskörper setzen erhebliche Mengen an Luftschadstoffen frei. Feinstaub, Schwefel- und Stickstoffoxide sowie Schwermetalle gelangen binnen weniger Minuten in die Atmosphäre. Was für manche ein kurzes, buntes Spektakel am Himmel darstellt, hinterlässt nicht nur chemische Spuren in der Luft, sondern auch Berge von Müll auf Straßen, in Parks und Grünanlagen.
Besonders dramatisch gestaltet sich die Silvesternacht für Haustiere. Ruth Jily, Leiterin des Wiener Veterinäramts, erklärt die Problematik: „Tiere hören deutlich besser als der Mensch und reagieren auf lautes Knallen und Lichtblitze mit Angst oder sogar Panik." Was für menschliche Ohren bereits unangenehm laut ist, potenziert sich für Hunde und Katzen um ein Vielfaches.
Während sich viele Haustiere in der Wohnung verkriechen und zitternd die Nacht überstehen, besteht beim Spaziergang mit dem Hund eine besondere Gefahr. In Panik geratene Tiere können entlaufen und orientierungslos durch die Stadt irren. Die Veterinäramtsleiterin gibt daher konkrete Empfehlungen: „Führen Sie Ihren Hund an der Leine und lassen Sie auch Freigängerkatzen rund um Silvester möglichst wenig nach draußen."
Sollte trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein Tier entlaufen, rät Jily zu schnellem Handeln: „Wer sein Tier verloren hat, sollte unbedingt immer wieder auf der Fundtierseite des Veterinäramts vorbeischauen und das Fundtierservice unter 01 4000 8060 kontaktieren." In solchen Situationen zeigt sich der unschätzbare Wert von Mikrochip und korrekter Registrierung. Während jeder Hund in Österreich verpflichtend gechippt sein muss, gilt dies für Katzen als dringende Empfehlung. Nur so können entlaufene Tiere schnell wieder zu ihren Besitzerinnen und Besitzern zurückgebracht werden.
Das TierQuarTier Wien, das jährlich zahlreiche Tiere während der Silvesternacht betreut, hat einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit verängstigten Vierbeinern gesammelt. Betriebsleiter Thomas Benda teilt bewährte Strategien: „Halten Sie Fenster und Rolläden geschlossen, drehen Sie eventuelle entspannende Musik auf und schaffen Sie ruhige und eventuell abgedunkelte Rückzugsorte für Ihr Tier."
Diese einfachen Maßnahmen können den Stress für Haustiere erheblich reduzieren. Ein geschlossener Raum mit gedämpftem Licht, eine Lieblingsdecke und die vertraute Musik oder Fernsehgeräusche im Hintergrund können wahre Wunder wirken. Manche Tierhalterinnen und Tierhalter berichten auch von positiven Erfahrungen mit speziellen Höhlen oder Boxen, in die sich die Tiere zurückziehen können.
Die Tierschutzombudsstelle Wien bietet online umfassende Informationen zum Thema Tierwohl rund um den Jahreswechsel an. Tierschutzombudsfrau Eva Persy betont einen oft unterschätzten Aspekt: „Schaffen Sie geschützte Ruheinseln für Ihr Tier. Versuchen Sie selber Gelassenheit auszustrahlen und lassen Sie verängstigte Tiere bitte keinesfalls über Nacht alleine!"
Tatsächlich übertragen sich menschliche Emotionen stark auf Haustiere. Wer selbst nervös oder aufgeregt ist, verstärkt damit unbewusst die Angst des Tieres. Ruhiges, souveränes Verhalten der Bezugsperson kann hingegen beruhigend wirken. Experten empfehlen, die Tiere nicht übermäßig zu trösten oder zu bemitleiden, da dies das Angstverhalten verstärken kann. Stattdessen sollte man Normalität ausstrahlen und dem Tier signalisieren, dass keine Gefahr besteht.
Für Tierhalterinnen und Tierhalter, deren Vierbeiner besonders sensibel auf Lärm reagieren, gibt es professionelle Unterstützung. Manfred Hochleithner, Präsident der Landesstelle Wien der Österreichischen Tierärztekammer, erklärt die Möglichkeiten: „Wer sein Tier kennt und weiß, dass es besonders ängstlich ist, sollte rechtzeitig tierärztlichen Rat einholen. Verhaltenstraining, Nahrungsergänzungsmittel oder – wenn nötig – Medikamente können in der schwierigen Situation unterstützen."
Allerdings betont Hochleithner nachdrücklich den zeitlichen Aspekt: „Alle diese Maßnahmen müssen frühzeitig begonnen werden, am 31. Dezember ist es dafür in jedem Fall zu spät!" Wer also weiß, dass der eigene Hund oder die eigene Katze an Silvester regelmäßig in Panik gerät, sollte bereits Wochen vorher das Gespräch mit dem Tierarzt oder der Tierärztin suchen. Bestimmte Präparate müssen über einen längeren Zeitraum verabreicht werden, um ihre volle Wirkung zu entfalten.
Noch dramatischer als für Haustiere gestaltet sich die Silvesternacht für Wildtiere. Während Hund und Katze zumindest den Schutz einer Wohnung genießen, sind Rehe, Füchse, Vögel und andere Wildtiere dem Spektakel schutzlos ausgeliefert. Günther Annerl, Leiter des Wildtierservice der MA 49, beschreibt die Problematik eindringlich: „Sie können sich nicht verkriechen und sind den Lichtblitzen und dem Lärm hilflos ausgeliefert."
Was viele nicht bedenken: Der Winter ist für Wildtiere ohnehin eine Zeit der Entbehrung. Jede Kalorie muss sorgfältig eingeteilt werden, um bis zum Frühjahr zu überleben. „Eigentlich müssen sie ihre Energiereserven im Winter so effizient wie möglich einsetzen, doch nur allzu oft fliehen sie in Panik vor den Knallgeräuschen. Ein Entkommen ist nur schwer möglich und jede Flucht verbraucht Kraft, die Wildtiere im Winter dringend zum Überleben brauchen