Internationales Forschungsteam um Wiener Wissenschaftler entdeckt: 150 Millionen Jahre alter Hai passt in kein bekanntes Schema
Ein fossiler Hai aus Bayern mit ungewöhnlichem Sinnesorgan lässt sich keiner heute existierenden Haiordnung zuordnen und stellt bisherige Annahmen zur Evolution infrage.
Was vor rund 150 Millionen Jahren durch die urzeitlichen Meere der heutigen bayerischen Region schwamm, gibt Forscherinnen und Forschern im Jahr 2025 noch immer Rätsel auf. Ein internationales Team um den Wiener Paläontologen Sebastian Stumpf hat einen Urzeithai untersucht, der sich hartnäckig weigert, in die gängigen Kategorien der Hai-Systematik zu passen. Die Erkenntnisse, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Communications Biology veröffentlicht wurden, könnten unser gesamtes Verständnis der Evolution moderner Haie grundlegend verändern.
Der Protagonist dieser wissenschaftlichen Detektivgeschichte hört auf den Namen Bavariscyllium – ein Verweis auf seinen Fundort in Bayern. Mit seinen bescheidenen 25 Zentimetern Länge würde er heute in jedem Aquarium übersehen werden. Doch was diesem schlanken, langgestreckten Tier an Größe fehlt, macht es durch seine wissenschaftliche Bedeutung mehr als wett.
Die Fossilien stammen aus den weltberühmten Solnhofener Plattenkalken, einer Lagerstätte, die Paläontologen regelmäßig ins Schwärmen bringt. Die feinen Kalkschichten haben über Jahrmillionen hinweg Fossilien in außergewöhnlicher Detailtreue konserviert. Hier wurde auch der Urvogel Archaeopteryx gefunden, eines der bedeutendsten Fossilien der Wissenschaftsgeschichte überhaupt.
Das auffälligste Merkmal von Bavariscyllium ist ein bartelartiges Sinnesorgan im Bereich der Kehle. Sebastian Stumpf vom Naturhistorischen Museum Wien und der Universität Wien vermutet, dass dieses Organ eine mechanosensorische Funktion erfüllte – es konnte also auf physikalische Reize wie Druck, Berührung oder Wasserbewegungen reagieren.
Solche Kehlenbartel sind in der heutigen Haiwelt extrem selten. Sie kommen ausschließlich bei wenigen Arten der Kragenteppichhaie vor, einer kleinen Gruppe innerhalb der Ordnung der Ammenhaiartigen. Zu dieser Ordnung gehört übrigens auch der Walhai, jener sanfte Riese, der mit bis zu 18 Metern Länge der größte lebende Fisch unseres Planeten ist. Die Vorstellung, dass der winzige Bavariscyllium mit diesem Giganten verwandt sein könnte, ist durchaus verblüffend.
Doch damit nicht genug der Verwirrung: Bavariscyllium zeigt auch Merkmale, die stark an heutige Katzenhaie erinnern. Diese gehören allerdings zu einer völlig anderen Gruppe, nämlich den Grundhaien. Die Grundhaie sind heute die artenreichste Haiordnung überhaupt und umfassen so unterschiedliche Vertreter wie die spektakulären Hammerhaie, den gefürchteten Tigerhai oder eben die eher unscheinbaren Katzenhaie.
Aufgrund dieser Ähnlichkeiten mit den Katzenhaien wurde Bavariscyllium ursprünglich den Grundhaien zugeordnet. Die neue Studie stellt diese Einordnung nun grundlegend infrage.
„Unsere Studie zeigt, dass Bavariscyllium Merkmale aufweist, die sowohl an Grundhaie als auch an Ammenhaiartige erinnern, aber nicht ausreichen, um ihn eindeutig einer dieser Gruppen zuzuordnen