Die angekündigten 100-Prozent-Zölle der USA auf bestimmte Arzneimittelimporte könnten Österreichs Pharmaindustrie in eine existenzielle Krise stürzen. Alexander Herzog, Generalsekretär der PHARMIG,
Die angekündigten 100-Prozent-Zölle der USA auf bestimmte Arzneimittelimporte könnten Österreichs Pharmaindustrie in eine existenzielle Krise stürzen. Alexander Herzog, Generalsekretär der PHARMIG, warnt vor einer drohenden Abwanderung von Forschung und Produktion nach Amerika – mit dramatischen Folgen für die heimische Medikamentenversorgung und tausende Arbeitsplätze.
Die jüngste Ankündigung der US-Administration markiert einen potenziellen Wendepunkt in der globalen Pharmalandschaft. Ein Zoll von 100 Prozent bedeutet eine Verdopplung der Preise für europäische Medikamente auf dem amerikanischen Markt – ein Schlag, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit österreichischer und europäischer Pharmaunternehmen fundamental bedroht.
Um die Tragweite dieser Maßnahme zu verstehen, muss man den Begriff Handelsbeschränkungen näher betrachten: Dabei handelt es sich um politische Instrumente, mit denen Staaten den grenzüberschreitenden Warenverkehr regulieren. Zölle sind dabei die direkteste Form – sie verteuern importierte Produkte durch Aufschläge und sollen heimische Produzenten schützen. Bei pharmazeutischen Produkten ist dies besonders heikel, da es sich um lebensnotwendige Güter handelt, deren Verfügbarkeit und Preisgestaltung direkten Einfluss auf die Gesundheitsversorgung haben.
Die österreichische Pharmaindustrie beschäftigt derzeit rund 46.000 Menschen und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von etwa 4,8 Milliarden Euro. Etwa 60 Prozent der in Österreich produzierten Medikamente werden exportiert, wobei die USA einen wichtigen Absatzmarkt darstellen. Die PHARMIG vertritt als Interessensverband 120 Mitgliedsfirmen, die gemeinsam 95 Prozent des heimischen Medikamentenmarktes abdecken.
Herzog kritisiert scharf die europäische Preispolitik bei Arzneimitteln: „Mit einer Niedrigpreispolitik wird man weder den Standort noch die Versorgung stärken." Diese Aussage trifft den Kern eines strukturellen Problems der europäischen Gesundheitssysteme. Während in den USA innovative Medikamente deutlich höhere Preise erzielen können, drücken die europäischen Gesundheitssysteme durch Erstattungsverhandlungen und Referenzpreissysteme die Preise nach unten.
Der Begriff generischer Bereich bezeichnet dabei Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist und die als kostengünstige Nachahmerprodukte produziert werden können. Diese Generika leiden besonders unter dem Preisdruck, da sie in einem intensiven Konkurrenzkampf um die niedrigsten Kosten stehen. In Österreich liegt der Generikaanteil bei etwa 35 Prozent aller verschriebenen Medikamente, deutlich niedriger als in Deutschland (78 Prozent) oder den Niederlanden (71 Prozent).
Der innovative Sektor umfasst Medikamente, die noch unter Patentschutz stehen und oft bahnbrechende Therapieansätze bieten. Herzog beklagt, dass „der Wert und Nutzen innovativer Medikamente nicht im entsprechenden Maß gewürdigt" wird. Tatsächlich entstehen etwa 70 Prozent aller neuen Medikamente in den USA, wo Pharmaunternehmen für ihre Forschungsinvestitionen höhere Renditen erwarten können.
Die Forschungs- und Entwicklungskosten für ein neues Medikament belaufen sich durchschnittlich auf 1,3 bis 2,8 Milliarden US-Dollar und erstrecken sich über einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren. Diese enormen Investitionen müssen durch entsprechende Marktpreise refinanziert werden – ein Mechanismus, der in Europa durch die restriktive Preispolitik der Gesundheitssysteme erschwert wird.
Ein Lichtblick könnte die im August 2024 vereinbarte Obergrenze von 15 Prozent für Zölle auf pharmazeutische Produkte zwischen der EU und den USA sein. Diese Vereinbarung ist jedoch noch nicht bindend und muss erst auf EU-Ebene implementiert werden. Herzog drängt: „Um zu verhindern, dass wir langfristig Forschung und Produktion im Pharmabereich an die USA verlieren, sollte die EU zügig handeln."
Die Bedeutung dieser Vereinbarung wird durch einen historischen Vergleich deutlich: Bis zur aktuellen Krise waren pharmazeutische Produkte traditionell von Zöllen ausgenommen – eine Praxis, die die lebensnotwendige Natur dieser Güter anerkannte. Die Wiedereinführung von Zöllen markiert daher einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der internationalen Handelspolitik.
Herzog betont die strategische Dimension der Medikamentenversorgung: „Die Versorgung mit Medikamenten und deren Entwicklung ist auch eine Frage strategischer Sicherheit." Diese Einschätzung gewann besonders während der COVID-19-Pandemie an Bedeutung, als Lieferengpässe und Abhängigkeiten von einzelnen Produktionsstandorten offenbar wurden.
Der Begriff strategische Sicherheit im Pharmabereich umfasst mehrere Dimensionen: erstens die Gewährleistung einer kontinuierlichen Versorgung mit lebensnotwendigen Medikamenten, zweitens die Aufrechterhaltung von Forschungskapazitäten für zukünftige Gesundheitskrisen und drittens die Reduzierung von Abhängigkeiten von geopolitisch instabilen Regionen oder Handelspartnern.
Österreich steht mit seinen Herausforderungen nicht allein da. Deutschland, traditionell Europas stärkster Pharmastandort, kämpft mit ähnlichen Problemen. Dort sind in den letzten zehn Jahren etwa 40 Prozent der Wirkstoffproduktion ins Ausland abgewandert, hauptsächlich nach Asien. Die Schweiz hingegen konnte ihre Position als Pharma-Exportnation stärken, profitiert aber von einem anderen regulatorischen Umfeld und höheren Medikamentenpreisen.
In den Niederlanden führte die aggressive Preispolitik bei Generika dazu, dass mehrere Produktionsstätten geschlossen wurden. Frankreich wiederum versucht mit staatlichen Investitionsprogrammen, Pharmaunternehmen zur Rückverlagerung der Produktion zu bewegen – mit bisher mäßigem Erfolg.
Die Folgen der beschriebenen Entwicklungen treffen österreichische Patienten direkt. Bereits heute sind etwa 2.000 Medikamente zeitweise nicht verfügbar – Tendenz steigend. Bei lebensnotwendigen Krebsmedikamenten können solche Engpässe fatale Folgen haben. Ein konkretes Beispiel: Das Diabetesmedikament Metformin war 2023 monatelang nicht verfügbar, was tausende Patienten zwang, auf teurere Alternativen umzusteigen oder ihre Therapie anzupassen.
Für Familien bedeutet die Medikamentenknappheit oft stundenlange Suche nach verfügbaren Präparaten in verschiedenen Apotheken. Ältere Patienten, die auf mehrere Medikamente angewiesen sind, sind besonders betroffen. Die Österreichische Apothekerkammer registriert monatlich etwa 15.000 Anfragen zu nicht verfügbaren Medikamenten.
Die österreichische Pharmaindustrie ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die direkten und indirekten Beschäftigungseffekte umfassen etwa 120.000 Arbeitsplätze. Jeder Arbeitsplatz in der Pharmaindustrie sichert statistisch 1,6 zusätzliche Stellen in vor- und nachgelagerten Bereichen. Die Forschungsintensität liegt bei durchschnittlich 8,5 Prozent des Umsatzes – deutlich über dem österreichischen Durchschnitt von 3,1 Prozent.
Die Wertschöpfung pro Beschäftigtem in der Pharmaindustrie beträgt etwa 180.000 Euro jährlich, verglichen mit 85.000 Euro im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Diese hohe Produktivität resultiert aus der wissensintensiven Natur der Branche und den hohen Qualifikationsanforderungen.
Österreichs Pharmaindustrie ist stark exportorientiert. 2023 wurden Arzneimittel im Wert von 2,9 Milliarden Euro exportiert, hauptsächlich in EU-Länder (65 Prozent) und die USA (18 Prozent). Diese Exportabhängigkeit macht die Branche besonders anfällig für Handelsbeschränkungen und Zölle.
Die USA importieren jährlich pharmazeutische Produkte im Wert von etwa 200 Milliarden US-Dollar, wovon etwa 15 Prozent aus der EU stammen. Österreichische Unternehmen haben dabei einen Marktanteil von rund 3 Prozent, was einem Volumen von etwa 900 Millionen Euro entspricht.
Die Lösung der strukturellen Probleme erfordert einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der europäischen Pharmapolitik. Herzog fordert „adäquate Medikamentenpreise und eine umfassende, langfristige Strategie zur Stärkung der pharmazeutischen Industrie". Dies würde bedeuten, dass innovative Medikamente höhere Preise erzielen können müssen, um Forschungsinvestitionen zu rechtfertigen.
Ein möglicher Ansatz wäre die Einführung von wertbasierten Preismodellen, bei denen der Preis eines Medikaments an seinen nachweislichen Nutzen für Patienten und Gesundheitssystem gekoppelt wird. Solche Modelle werden bereits in England und Italien erprobt und könnten auch in Österreich implementiert werden.
Experten empfehlen mehrere Maßnahmen zur Stärkung des Pharmastandorts Österreich: Erstens sollten steuerliche Anreize für Forschung und Entwicklung ausgebaut werden. Zweitens könnte ein staatliches Investitionsprogramm für die Produktion kritischer Medikamente aufgelegt werden. Drittens wären europäische Kooperationen bei der Arzneimittelzulassung zu intensivieren, um Kosten zu senken und Verfahren zu beschleunigen.
Die Digitalisierung der Gesundheitssysteme bietet zusätzliche Chancen. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medikamentenentwicklung könnten Kosten gesenkt und Entwicklungszeiten verkürzt werden. Österreich verfügt mit seinen IT-Unternehmen und Forschungseinrichtungen über gute Voraussetzungen, in diesem Bereich eine Vorreiterrolle zu übernehmen.
Die Herausforderungen der Pharmaindustrie können nur durch verstärkte internationale Kooperationen gelöst werden. Die EU arbeitet bereits an einer gemeinsamen Pharmastrategie, die eine stärkere Koordination der nationalen Politiken vorsieht. Auch Kooperationen mit der Schweiz und dem Vereinigten Königreich könnten ausgebaut werden, um einen europäischen Pharmaraum zu schaffen.
Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass internationale Zusammenarbeit bei der Medikamentenentwicklung nicht nur möglich, sondern auch hocheffizient sein kann. Die Entwicklung der mRNA-Impfstoffe gelang durch die Kooperation europäischer und amerikanischer Unternehmen in Rekordzeit.
Die angekündigten US-Zölle sind nur der Auslöser für eine längst überfällige Debatte über die Zukunft der europäischen Pharmaindustrie. Österreich muss jetzt die Weichen stellen, um seine Position als innovativer Pharmastandort zu behaupten. Dies erfordert mutige politische Entscheidungen, Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie eine ehrliche Diskussion über die Kosten und den Wert von Gesundheit.
Die Zeit drängt: Jeder Monat, in dem keine Reformen eingeleitet werden, schwächt die Position österreichischer Unternehmen im globalen Wettbewerb. Die Frage ist nicht, ob sich die Pharmaindustrie verändern wird, sondern ob Österreich aktiv mitgestaltet oder passiv zusieht, wie Forschung und Produktion abwandern. Die Entscheidung liegt bei der Politik – und sie muss schnell getroffen werden, bevor es zu spät ist.