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Tierschutz-Skandal: VGT protestiert gegen Rinderexporte nach Algerien

1. April 2026 um 12:10
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In der niederösterreichischen Berglandhalle im Bezirk Melk fand heute eine Rinderversteigerung statt, die zum Schauplatz eines Tierschutz-Protests wurde. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) demonst...

In der niederösterreichischen Berglandhalle im Bezirk Melk fand heute eine Rinderversteigerung statt, die zum Schauplatz eines Tierschutz-Protests wurde. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) demonstrierte vor der Halle gegen den Export schwangerer Kühe in sogenannte Tierschutz-Hochrisikostaaten wie Algerien. Die Demonstration wirft ein Schlaglicht auf ein brisantes Thema, das die österreichische Landwirtschaft zunehmend unter Druck setzt.

Versteigerungen als Startpunkt für problematische Tiertransporte

Die heutige Versteigerung war keine gewöhnliche Veranstaltung. Neben regulären Käufern aus der Region waren auch Exportfirmen anwesend, die gezielt nach schwangeren Kalbinnen aus Milchbetrieben suchen. Diese Tiere werden anschließend auf wochenlange Transportwege in Drittländer geschickt, wo sie unter oft katastrophalen Bedingungen gehalten und geschlachtet werden.

Der Begriff "Kalbinnen" bezeichnet junge weibliche Rinder, die bereits gekalbt haben, aber noch nicht vollständig ausgewachsen sind. In der Milchwirtschaft werden diese Tiere oft verkauft, wenn sie nicht mehr den Leistungsanforderungen entsprechen oder wenn Betriebe ihre Bestände reduzieren müssen. Was viele Konsumenten nicht wissen: Ein erheblicher Teil dieser Tiere landet nicht auf österreichischen Höfen oder in heimischen Schlachthöfen, sondern wird über komplexe Handelswege in Länder exportiert, wo europäische Tierschutzstandards nicht gelten.

Laut aktuellen Zahlen des TRACES-Berichts 2025 der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) wurden allein im vergangenen Jahr 8.860 Kalbinnen nach Algerien transportiert. Diese Zahl macht deutlich, welche Dimensionen der Handel mit lebenden Rindern mittlerweile erreicht hat.

Algerien als neues Hauptziel nach Türkei-Stopp

Noch bis September 2024 war die Türkei das Hauptziel österreichischer Rinderexporte. Der Ausbruch der Blauzungenkrankheit führte jedoch zu einem faktischen Exportstopp in das Land. Die Blauzungenkrankheit ist eine Viruserkrankung, die hauptsächlich Schafe und Rinder befällt und durch Mücken übertragen wird. Obwohl sie für Menschen ungefährlich ist, kann sie bei Tieren zu schweren Symptomen und im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Nach dem Wegfall der Türkei als Abnehmerland rückte Algerien in den Fokus der Exporteure. Das nordafrikanische Land gilt jedoch aus veterinärmedizinischer Sicht als besonders problematisch. Expert:innen der Veterinärmedizin stufen Algerien aufgrund des Umgangs mit Tieren beim Transport, während der Haltung und bei der Schlachtung als "Tierschutz-Hochrisikostaat" ein.

Die Problematik liegt vor allem in den dort üblichen Schlachtmethoden. Anders als in der Europäischen Union, wo eine vorherige Betäubung der Tiere gesetzlich vorgeschrieben ist, erfolgen Schlachtungen in Algerien häufig ohne Betäubung. Diese als Schächtung bezeichnete Methode führt zu erheblichen Schmerzen und Leiden bei den betroffenen Tieren, da das Bewusstsein während des Tötungsvorgangs erhalten bleibt.

Österreich im europäischen Vergleich

Im Vergleich zu anderen EU-Ländern nimmt Österreich beim Export von Lebendvieh eine durchaus bedeutende Position ein. Während Länder wie Deutschland und die Niederlande ihre Lebendvieh-Exporte in Drittländer in den vergangenen Jahren deutlich reduziert haben, blieben die österreichischen Ausfuhren auf konstantem Niveau. Dies liegt zum Teil an der strukturellen Beschaffenheit der österreichischen Landwirtschaft, die von kleineren Betrieben geprägt ist, welche weniger Möglichkeiten zur regionalen Vermarktung haben.

In der Schweiz beispielsweise sind Tiertransporte über acht Stunden grundsätzlich verboten, was faktisch Exporte in weit entfernte Drittländer unmöglich macht. Deutschland hat seine Genehmigungspraxis für Tiertransporte in Risikoländer deutlich verschärft und erteilt nur noch in Ausnahmefällen entsprechende Bewilligungen.

Der Fall Spiridon II und die Firma Klinger

Besondere Brisanz erhält das Thema durch den aktuellen Skandal um die Exportfirma Klinger aus dem Waldviertel. Das Unternehmen steht im Verdacht, für den Skandal rund um das Tiertransportschiff "Spiridon II" mitverantwortlich zu sein. Bei diesem Vorfall gerieten massive Tierschutzverletzungen während eines Schiffstransports an die Öffentlichkeit.

Schiffstransporte von Lebendvieh gelten als besonders problematisch, da die Tiere wochenlang auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Die Versorgung mit Futter und Wasser ist schwierig, und bei schlechtem Wetter leiden die Tiere unter Seekrankheit. Immer wieder kommt es zu hohen Verlustquoten während solcher Transporte.

Die Firma Klinger war laut VGT-Angaben bis vor kurzem regelmäßig auf Versteigerungen in der Berglandhalle aktiv, um Kalbinnen für den Export zu erwerben. Ob das Unternehmen auch bei der heutigen Versteigerung anwesend war, blieb unklar, da der Zugang streng kontrolliert wurde.

Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen bei Versteigerungen

Auffällig bei der heutigen Veranstaltung waren die verschärften Zugangskontrollen. Nur Personen mit gültiger Betriebsnummer und Registrierung für die Versteigerung erhielten Zutritt zur Berglandhalle. Der VGT sieht in diesen Maßnahmen einen direkten Zusammenhang mit der angekündigten Demonstration und dem aktuellen Medieninteresse an der Exportproblematik.

Karl Zottl, Geschäftsführer der NÖ Genetik, die als Veranstalter fungiert, äußerte sich gegenüber den Niederösterreichischen Nachrichten vorrangig kritisch zur Wortwahl der Tierschützer, anstatt auf die dokumentierten Missstände beim Umgang mit den Tieren einzugehen. Diese Reaktion verdeutlicht die Spannungen zwischen der traditionellen Landwirtschaft und den Tierschutzorganisationen.

Neue Aufnahmen zeigen brutalen Umgang mit Rindern

Erst gestern veröffentlichte der VGT neue Videoaufnahmen, die den Umgang mit Rindern auf verschiedenen österreichischen Versteigerungen dokumentieren. Die Bilder zeigen, wie Tiere mit Elektrotreibern malträtiert, geschlagen und grob behandelt werden. Solche Praktiken verstoßen gegen das österreichische Tierschutzgesetz, werden aber offenbar bei Versteigerungen toleriert oder übersehen.

Die Aufnahmen entstanden bei verdeckten Recherchen auf verschiedenen Versteigerungsplätzen in ganz Österreich. Sie belegen systematische Tierschutzverletzungen, die über Einzelfälle hinausgehen. Besonders problematisch ist der Einsatz von Elektrotreibern, die bei Rindern zu Stress, Panik und Verletzungen führen können.

Wirtschaftliche Hintergründe des Rinderexports

Der Export lebender Rinder ist für viele österreichische Milchbetriebe zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Schwangere Kalbinnen erzielen auf internationalen Märkten deutlich höhere Preise als in der heimischen Schlachtung. Ein trächtiges Tier kann bis zu 2.000 Euro einbringen, während der Schlachtwert oft unter 1.000 Euro liegt.

Diese Preisdifferenz entsteht durch die hohe Nachfrage in Ländern wie Algerien, wo Milchkühe für den Aufbau lokaler Milchwirtschaft benötigt werden. Gleichzeitig sind die Tierschutzstandards in diesen Ländern deutlich geringer, was die Haltungskosten reduziert und höhere Gewinnmargen ermöglicht.

Für kleinere österreichische Betriebe kann der Verkauf einzelner Tiere an Exporteure den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust bedeuten. Dies erklärt, warum sich viele Landwirte trotz der ethischen Bedenken für den Verkauf an Exportfirmen entscheiden.

Rechtliche Situation und EU-Regulierung

Tiertransporte in Drittländer unterliegen der EU-Tiertransportverordnung, die maximale Transportzeiten und Mindeststandards für die Behandlung der Tiere festlegt. Allerdings sind die Kontrollen oft unzureichend, und die Bestimmungen gelten nur bis zur EU-Außengrenze.

Was nach der Ankunft in Drittländern mit den Tieren geschieht, fällt nicht mehr unter europäische Jurisdiktion. Dies führt zu der paradoxen Situation, dass Tiere, die unter strengsten EU-Standards aufgewachsen sind, nach dem Export oft unter katastrophalen Bedingungen gehalten und getötet werden.

Verschiedene EU-Mitgliedstaaten haben bereits nationale Regelungen eingeführt, die über die EU-Standards hinausgehen. Die Niederlande haben Tiertransporte in bestimmte Risikoländer komplett untersagt, Deutschland hat seine Genehmigungspraxis verschärft.

Auswirkungen auf Konsument:innen und Handel

Für österreichische Konsument:innen bleiben die Praktiken des Lebendviehexports oft unsichtbar. Milch und Fleisch aus heimischer Produktion erwecken den Eindruck einer nachhaltigen und tierfreundlichen Landwirtschaft. Dass Teile der Milchviehherde regelmäßig unter problematischen Umständen exportiert werden, ist den wenigsten bewusst.

Einzelne Handelsketten und Molkereien beginnen jedoch, ihre Lieferanten zu verpflichten, auf Lebendviehexporte in Risikoländer zu verzichten. Diese Entwicklung könnte mittelfristig zu einer Veränderung der Praktiken führen, da wirtschaftlicher Druck oft effektiver ist als gesetzliche Regelungen.

Verbraucherschutzorganisationen fordern eine bessere Kennzeichnung von Produkten aus Betrieben, die an Lebendviehexporten beteiligt sind. Bisher gibt es jedoch keine verpflichtende Deklaration dieser Praktiken.

Forderungen nach politischen Konsequenzen

VGT-Campaignerin Isabell Eckl brachte die Kernforderung ihrer Organisation auf den Punkt: "Es ist erschreckend, dass österreichische Milchbetriebe regelmäßig schwangere Rinder in Tierschutz-Hochrisiko-Staaten wie Algerien exportieren lassen und die Rinderzuchtverbände diesen Handel auch noch begünstigen."

Der VGT fordert konkret einen kompletten Stopp von Tiertransporten in Drittländer sowie eine maximale Transportdauer von acht Stunden für alle Tiertransporte. Diese Forderung würde faktisch alle Exporte in weit entfernte Länder unmöglich machen.

Eine entsprechende Petition hat bereits mehrere tausend Unterschriften gesammelt. Politische Parteien zeigen sich jedoch zurückhaltend bei der Umsetzung entsprechender Gesetzesverschärfungen, da sie Widerstand aus der Landwirtschaft befürchten.

Zukunftsperspektiven und mögliche Lösungsansätze

Die Debatte um Lebendviehexporte wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter verschärfen. Tierschutzorganisationen mobilisieren zunehmend die öffentliche Meinung gegen diese Praktiken, während die Landwirtschaft auf wirtschaftliche Notwendigkeiten verweist.

Mögliche Kompromisslösungen könnten in der Förderung regionaler Vermarktungsstrukturen liegen. Wenn österreichische Milchbetriebe bessere Preise für ihre Tiere im Inland erzielen können, würde der Anreiz für Exporte in Drittländer sinken.

Gleichzeitig arbeitet die EU an einer Überarbeitung der Tiertransportverordnung, die schärfere Kontrollen und kürzere Transportzeiten vorsehen könnte. Ob diese Reformen ausreichen werden, um die dokumentierten Missstände zu beenden, bleibt abzuwarten.

Die Entwicklung in anderen EU-Ländern zeigt, dass ein Umdenken möglich ist. Entscheidend wird sein, ob Österreich den Mut aufbringt, strengere Standards durchzusetzen, auch wenn dies kurzfristig wirtschaftliche Einbußen für einzelne Betriebe bedeuten könnte. Das heutige Protest in der Berglandhalle war jedenfalls ein deutliches Signal, dass die Zivilgesellschaft nicht länger bereit ist, diese Praktiken stillschweigend hinzunehmen.

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