Pfotenhilfe fordert generelles Feuerwerksverbot und strengere Kontrollen – Rehe springen vor Autos, Hunde laufen davon
Die Knallerei zu Silvester beginnt immer früher und wird intensiver. Tierschützer berichten von panischen Wildtieren und fordern ein umfassendes Verkaufs- und Verwendungsverbot.
Die Tage vor dem Jahreswechsel werden für Haus- und Wildtiere in Österreich zunehmend zur Tortur. Bereits seit dem Weihnachtswochenende häufen sich Berichte über entlaufene Hunde und in Panik geratene Wildtiere. Tierschutzorganisationen schlagen Alarm und fordern ein konsequentes Durchgreifen der Behörden sowie ein generelles Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper.
Was Johanna Stadler, Geschäftsführerin des Vereins Pfotenhilfe, am vergangenen Samstag erlebte, verdeutlicht die Dramatik der Situation. Auf ihrer Heimfahrt sprangen ihr gleich zweimal Rehe direkt vor das Auto – jeweils unmittelbar nach dem Zünden von Böllern in der Umgebung. Nur ihre vorausschauende Fahrweise verhinderte schwere Unfälle.
"Die Tiere geraten durch die lauten Knallgeräusche in blanke Panik und verlieren jegliche Orientierung", erklärt Stadler. "Sie rennen kopflos los, ohne auf den Verkehr zu achten. Das ist nicht nur für die Tiere lebensgefährlich, sondern auch für Autofahrer."
Besonders besorgniserregend ist aus Sicht der Tierschützer, dass die Böllerei in diesem Jahr deutlich früher eingesetzt hat als in vergangenen Jahren. Bereits am Heiligen Abend wurden in vielen Regionen Österreichs Feuerwerkskörper gezündet. Am Abend des vergangenen Samstags erlebte Stadler in unmittelbarer Nähe ihres Tierschutzhofs das Abfeuern einer Feuerwerksbatterie – minutenlanges Dauerfeuer, das die dort untergebrachten Tiere in Angst und Schrecken versetzte.
"Die Tiere am Tierschutzhof fürchten sich zu Tode", berichtet die Tierschützerin. "Viele von ihnen haben ohnehin traumatische Erfahrungen hinter sich. Die Knallerei verschlimmert ihren Zustand erheblich."
Die Auswirkungen der vorzeitigen Silvesterknallerei zeigen sich auch in den sozialen Medien und auf Vermisstenportalen. Seit Tagen häufen sich dort Suchmeldungen nach entlaufenen Hunden, die durch plötzliche Böller erschreckt wurden und in Panik davonliefen. Selbst an der Leine geführte Hunde können sich in solchen Momenten losreißen, wenn die Knallgeräusche sie unvorbereitet treffen.
Für Hundehalter bedeutet dies eine Zeit der Angst und verzweifelten Suche. Manche Tiere werden erst nach Tagen wiedergefunden – andere gar nicht. Die psychischen Folgen für die Tiere, die den Weg nach Hause finden, können langanhaltend sein und sich in Form von Angststörungen manifestieren.
Ein wesentlicher Teil des Problems ist aus Sicht der Pfotenhilfe die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Feuerwerkskörpern. Stadler nennt als Beispiel die oberösterreichische Stadt Mattighofen, wo auf einer Strecke von nur 100 Metern vier Verkaufsstände Pyrotechnik anbieten. Die überwiegende Mehrheit der verkauften Produkte sind dabei Knallkörper – leise Alternativen wie reine Lichteffekte oder Raketen ohne Knall fristen ein Nischendasein.
"Sind die eigene Gesundheit, das viele Geld, die Umwelt und die Tiere wirklich nicht genug Gründe, endlich vernünftig zu werden?", fragt Stadler rhetorisch. "So kurz nach dem Fest des Friedens wird mit aller Gewalt Unfrieden gestiftet."
In Österreich existieren bereits verschiedene Einschränkungen für das Abbrennen von Feuerwerk. Innerhalb von Ortsgebieten ist Pyrotechnik grundsätzlich verboten, ebenso in unmittelbarer Nähe von Tierheimen, Kirchen, Krankenhäusern und Seniorenheimen. Doch diese Regelungen greifen offenbar zu kurz.
Die Kontrolle der bestehenden Verbote ist lückenhaft, Verstöße werden selten geahndet. Viele Menschen scheinen die Regelungen schlicht nicht zu kennen oder ignorieren sie bewusst. Die Polizei steht vor der praktisch unlösbaren Aufgabe, in der Silvesternacht flächendeckend zu kontrollieren.
Die Pfotenhilfe fordert daher einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der österreichischen Pyrotechnik-Politik. Anstelle der aktuellen, schwer durchsetzbaren Einzelregelungen sollte ein generelles Verbot treten – sowohl für den Verkauf als auch für die Verwendung von Knallkörpern.
"Es gibt keinen vernünftigen Grund, der diese Tierquälerei rechtfertigen würde", argumentiert Stadler. Sie verweist dabei auf das in der österreichischen Verfassung verankerte Staatsziel Tierschutz, das nach ihrer Interpretation über dem Vergnügen Einzelner stehen müsse.
Sollte ein Verkaufsverbot politisch nicht durchsetzbar sein, fordert die Tierschutzorganisation zumindest eine massive Verschärfung der Kontrollen und der Strafdrohungen. Nur wenn Verstöße tatsächlich Konsequenzen haben, werde sich das Verhalten der Menschen ändern.
Als abschreckendes Beispiel für die Gefahren von Pyrotechnik verweist die Pfotenhilfe auf die aktuellen Waldbrände an der Nordkette bei Innsbruck. Dort kämpft die Feuerwehr seit Tagen gegen Flammen, die mutmaßlich durch Feuerwerkskörper ausgelöst wurden. Die trockene Witterung und der Wind erschweren die Löscharbeiten erheblich.
Die Kritik an der Silvesterknallerei beschränkt sich nicht auf den Tierschutz. Auch aus medizinischer Sicht mehren sich die Warnungen. Jedes Jahr werden in österreichischen Krankenhäusern Dutzende Menschen mit teils schweren Verletzungen durch Feuerwerkskörper behandelt – von Verbrennungen über Gehörschäden bis hin zu abgetrennten Fingern.
Für Menschen mit Atemwegserkrankungen bedeutet die Feinstaubbelastung in der Silvesternacht eine erhebliche Gesundheitsgefährdung. Die Konzentration von Schadstoffen in der Luft kann in den Stunden nach Mitternacht ein Vielfaches der normalen Werte erreichen.
Tierschützer und Umweltorganisationen werben seit Jahren für Alternativen zur privaten Böllerei. Professionelle Feuerwerke an zentralen Orten, die mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen und Vorankündigungen durchgeführt werden, könnten den Wunsch nach einem spektakulären Jahreswechsel erfüllen, ohne die unkontrollierte Knallerei im gesamten Siedlungsgebiet.
Lasershow und andere Lichtinstallationen bieten ebenfalls beeindruckende optische Effekte ohne die negativen Begleiterscheinungen traditioneller Pyrotechnik. Einige österreichische Städte experimentieren bereits mit solchen Formaten.
Der Blick ins Ausland zeigt, dass strenge Regulierungen durchaus möglich sind. In den Niederlanden gilt seit 2020 ein weitgehendes Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper. In zahlreichen deutschen Städten wurden Böllerverbotszonen eingerichtet, die zumindest in den Innenstädten für etwas mehr Ruhe sorgen.
Ob Österreich diesem Beispiel folgen wird, bleibt abzuwarten. Die politische Diskussion um Feuerwerksverbote flammt zwar jedes Jahr aufs Neue auf, konkrete Verschärfungen der Gesetzeslage sind bislang jedoch ausgeblieben.
Bis sich an der rechtlichen Situation etwas ändert, können Tierhalter nur versuchen, ihre Schützlinge so gut wie möglich durch die Silvesternacht zu bringen. Experten empfehlen:
Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Appelle der Tierschützer Gehör finden – oder ob die Knallerei bis zum Jahreswechsel weiter zunimmt. Für die Tiere in Österreichs Wäldern, auf den Straßen und in den Haushalten bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Menschen in diesem Jahr auf lautstarke Pyrotechnik verzichten.