Der österreichische Film erlebt einen bemerkenswerten Aufschwung: Nach dem Rekorderfolg bei der Berlinale 2026 mit zwölf heimischen Produktionen setzt der ORF seine Unterstützung für die heimische ...
Der österreichische Film erlebt einen bemerkenswerten Aufschwung: Nach dem Rekorderfolg bei der Berlinale 2026 mit zwölf heimischen Produktionen setzt der ORF seine Unterstützung für die heimische Filmszene konsequent fort. Bei der 202. Sitzung der Gemeinsamen Kommission von ORF und Österreichischem Filminstitut am 11. März 2026 wurden zehn neue Kinoprojekte mit Fördergeldern in der Gesamthöhe von rund 3,1 Millionen Euro bedacht. Die Auswahl aus 42 eingereichten Projekten zeigt die Vielfalt und Qualität der österreichischen Filmlandschaft und unterstreicht die Bedeutung des Film/Fernseh-Abkommens als zentrales Förderinstrument.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 42 Kinoprojekte wurden bei der jüngsten Sitzung der Gemeinsamen Kommission eingereicht – ein absoluter Rekord in der Geschichte des Film/Fernseh-Abkommens. Dieses Interesse zeigt nicht nur die Vitalität der österreichischen Filmszene, sondern auch das Vertrauen der Branche in die Unterstützung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das Film/Fernseh-Abkommen, das bereits seit den 1980er Jahren besteht, hat sich zu einem der wichtigsten Finanzierungsinstrumente für österreichische Produktionen entwickelt.
Die Gemeinsame Kommission, bestehend aus Vertretern des ORF und des Österreichischen Filminstituts, trifft ihre Entscheidungen nach strengen künstlerischen und wirtschaftlichen Kriterien. Dabei spielen sowohl die Qualität der eingereichten Drehbücher als auch die Erfahrung der beteiligten Filmschaffenden eine entscheidende Rolle. Die hohe Zahl der Einreichungen zeigt, dass österreichische Produzenten und Regisseure zunehmend professionell arbeiten und internationale Standards erfüllen.
Der Triumph bei der Berlinale 2026 unterstreicht die Wirksamkeit der ORF-Filmförderung. Insgesamt zwölf österreichische Produktionen waren bei dem renommierten Festival vertreten, sechs davon wurden vom ORF im Rahmen des Film/Fernseh-Abkommens kofinanziert. Besonders hervorzuheben ist die Auszeichnung von Sandra Hüller mit dem Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle für ihre Rolle in dem ORF-kofinanzierten Drama "Rose".
Diese Erfolge sind kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langfristig angelegten Förderstrategie. Der ORF investiert nicht nur Geld, sondern bringt auch seine Expertise in der Programmgestaltung und sein weitreichendes Distributionsnetzwerk ein. Dadurch entstehen Synergien, die österreichischen Filmen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu größerer Sichtbarkeit verhelfen.
Die Berlinale-Erfolge haben konkrete wirtschaftliche Auswirkungen auf die österreichische Filmbranche. Internationale Aufmerksamkeit führt zu Co-Produktionsmöglichkeiten, Verkaufserlösen im Ausland und erhöhtem Interesse von internationalen Verleihern. Dies wiederum stärkt die Finanzierungsbasis für künftige Projekte und schafft Arbeitsplätze in der heimischen Kreativwirtschaft.
Die zehn ausgewählten Projekte spiegeln die thematische und stilistische Bandbreite des österreichischen Kinos wider. Sechs Spielfilme und vier Dokumentarfilme erhalten Unterstützung, wobei sich die Themen von gesellschaftskritischen Auseinandersetzungen bis hin zu familienfreundlicher Unterhaltung erstrecken.
Johanna Moders "Blinde Kuh" widmet sich der aktuellen Problematik der österreichischen Landwirtschaft. Der Film untersucht die Not der heimischen Bauern und hinterfragt die Verantwortung von Politik und Gesellschaft. Gerade in Zeiten des Klimawandels und steigender Lebensmittelpreise ist dieses Thema von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Die österreichische Landwirtschaft kämpft mit strukturellen Problemen: Höfesterben, Preisdruck durch internationale Konkurrenz und die Herausforderungen der Klimakrise.
Sebastian Meises "Empire of Sentiment" schafft eine Gegenerzählung zur kolonialistischen Geschichtsschreibung rund um den britischen Entdecker David Livingstone. Der Film beleuchtet die afrikanische Perspektive und stellt die Frage nach der Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit – ein Thema, das auch in österreichischen Geschichtsbüchern oft zu kurz kommt.
Tizza Covis hybrides Dokudrama "Hier ist die Nacht dunkel" erzählt die Geschichte eines römischen Vaters im Hausarrest, der sich um seinen verschwundenen Sohn sorgt. Diese Produktion zeigt die internationale Verflechtung österreichischer Filmproduktionen und die Fähigkeit heimischer Regisseure, universelle Themen zu behandeln.
Thomas Stipsits kehrt nach dem Erfolg von "Griechenland" mit "Italien – Non Mio Esolo" zurück auf die Leinwand. Unter der Regie von Daniel Geronimo Prochaska entsteht eine Komödie über einen abgehalfterten Schlagersänger, der versucht, seine Karriere zu retten. Solche Produktionen zeigen, dass österreichisches Kino nicht nur artistisch anspruchsvoll, sondern auch publikumswirksam sein kann.
Der Animationsfilm "Mission Granny" von Toni Weiss richtet sich an Familien und erzählt die Geschichte zweier Geschwister, die bei ihrer ehemaligen Spionin-Großmutter ein Abenteuer erleben. Familienfilme sind ein wichtiges Segment, das oft vernachlässigt wird, aber großes Potenzial für österreichische Produktionen bietet.
Mit "Woodwalkers 3" wird die erfolgreiche Jugendfilmreihe fortgesetzt. Solche Fortsetzungen zeigen, dass österreichische Produzenten lernen, erfolgreiche Marken zu entwickeln und zu pflegen – ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigen Filmindustrie.
Die vier geförderten Dokumentarfilme behandeln aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und zeigen die Stärke des österreichischen Dokumentarfilmschaffens. Inna Shevchenkos "Superhumans" widmet sich dem hochaktuellen Thema der Ukraine-Krise und begleitet Kriegsüberlebende in einer Rehabilitationsklinik. Solche Produktionen verdeutlichen die Rolle des Dokumentarfilms als Medium der gesellschaftlichen Aufklärung.
"Liebe Freundinnen" von Ivette Löcker setzt sich mit dem Älterwerden auseinander – ein Thema, das angesichts der demografischen Entwicklung in Österreich von großer Bedeutung ist. Mit einer zunehmend alternden Gesellschaft wird die Frage nach selbstbestimmtem Leben im Alter immer drängender.
Lotte Schreibers "Unser Haus!" behandelt das Problem leistbaren Wohnens, das besonders in Wien und anderen österreichischen Städten virulent ist. Der Film begleitet ein gemeinschaftliches Wohnprojekt und hinterfragt die aktuellen Strukturen des Wohnungsmarktes.
Die 3,1 Millionen Euro Fördergelder haben einen wichtigen Multiplikatoreffekt: Sie lösen weitere Investitionen von Koproduzenten, Landesförderungen und privaten Investoren aus. Experten schätzen, dass jeder vom ORF investierte Euro zusätzliche drei bis vier Euro an Investitionen generiert. Dies bedeutet, dass die aktuelle Förderrunde Gesamtinvestitionen von über zwölf Millionen Euro auslösen könnte.
Diese Investitionen kommen nicht nur der Filmbranche direkt zugute, sondern haben auch positive Auswirkungen auf verwandte Branchen: Hotels und Restaurants profitieren von Dreharbeiten, technische Dienstleister werden beauftragt, und Locations erhalten Mieteinnahmen. Die österreichische Filmwirtschaft beschäftigt direkt und indirekt mehrere tausend Menschen.
Jede Filmproduktion schafft temporäre, aber gut bezahlte Arbeitsplätze für verschiedene Gewerke: von der Regie über die Kamera bis hin zu Kostüm und Maske. Besonders wichtig ist die Förderung auch für junge Talente, die durch die Mitarbeit an professionellen Produktionen wertvolle Erfahrungen sammeln können. Österreich hat in den letzten Jahren mehrere Filmhochschulen und Ausbildungsprogramme entwickelt, deren Absolventen auf solche Produktionsmöglichkeiten angewiesen sind.
Ein Beispiel für den erfolgreichen Weg vom Kino ins Fernsehen ist Anja Salomonowitz' Filmbiografie "Mit einem Tiger schlafen" über die österreichische Ausnahme-Malerin Maria Lassnig, verkörpert von Birgit Minichmayr. Der Film wird am 15. März um 23.05 Uhr als ORF-2-Premiere ausgestrahlt und ist bereits 24 Stunden vorab auf ORF ON verfügbar.
Maria Lassnig (1919-2014) war eine der bedeutendsten österreichischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie entwickelte das Konzept der "Body Awareness" und schuf Werke, die den eigenen Körper als zentrales Motiv behandelten. Ihre internationale Karriere führte sie nach Paris und New York, bevor sie nach Wien zurückkehrte und als erste Frau eine Professur für Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst erhielt.
Die Verfügbarkeit auf ORF ON zeigt, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine digitale Strategie vorantreibt. Streaming-Plattformen werden für die Verbreitung österreichischer Inhalte immer wichtiger, besonders für jüngere Zielgruppen. Die 24-stündige Vorab-Verfügbarkeit ist ein Beispiel dafür, wie traditionelle Medien auf veränderte Sehgewohnheiten reagieren.
Diese digitale Präsenz ist auch international bedeutsam: ORF ON macht österreichische Produktionen für die Auslandsösterreicher zugänglich und kann potentiell auch internationale Zuschauer erreichen. Dies ist besonders wichtig für die Sichtbarkeit österreichischer Kultur im Ausland.
Das österreichische Film/Fernseh-Abkommen gilt international als vorbildliches Fördermodell. Während andere Länder oft getrennte Förderstrukturen für Kino und Fernsehen haben, schafft die österreichische Lösung Synergien zwischen beiden Bereichen. Deutschland hat mit dem ähnlich strukturierten Filmförderungsgesetz ein vergleichbares System, allerdings mit höherem Budget aufgrund der Marktgröße.
Die Schweiz setzt stärker auf direkte staatliche Förderung durch das Bundesamt für Kultur, während Österreich mit dem ORF einen starken Medienpartner in die Finanzierung einbindet. Dies hat den Vorteil, dass bereits bei der Projektentwicklung die spätere Auswertung im Fernsehen mitgedacht wird.
Die kontinuierlich steigenden Einreichungszahlen und internationalen Erfolge zeigen, dass die österreichische Filmförderung auf dem richtigen Weg ist. Für die Zukunft stehen jedoch neue Herausforderungen an: Die Digitalisierung verändert Produktions- und Distributionsprozesse grundlegend, internationale Streaming-Dienste konkurrieren um Talente und Inhalte, und die Produktionskosten steigen kontinuierlich.
Der ORF wird seine Förderstrategie entsprechend anpassen müssen. Dazu gehört möglicherweise eine verstärkte Unterstützung für serielle Formate, die international stark nachgefragt werden, sowie für innovative Erzählformen, die speziell für digitale Plattformen entwickelt werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Nachhaltigkeit der Filmproduktion. Umweltfreundliche Dreharbeiten, die Förderung von Diversität vor und hinter der Kamera sowie die Unterstützung unterrepräsentierter Gruppen werden zunehmend wichtige Förderkriterien. Die geförderten Projekte zeigen bereits, dass gesellschaftliche Themen und diverse Perspektiven verstärkt Beachtung finden.
Die Förderung von zehn neuen Filmprojekten mit 3,1 Millionen Euro ist somit nicht nur eine Investition in die österreichische Filmwirtschaft, sondern auch ein Beitrag zur kulturellen Identität des Landes und zur gesellschaftlichen Diskussion über wichtige Zukunftsthemen. Der Erfolg wird sich nicht nur an Besucherzahlen und Auszeichnungen messen lassen, sondern auch daran, ob es gelingt, das österreichische Kino als wichtige kulturelle Stimme im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus zu etablieren.