Zurück
OTS-MeldungWKÖ/Melina Schneider-Lugger/Bildungspolitik/Fachkräfte/Bildung

Österreichs Schüler schlecht vorbereitet: WKÖ fordert Reform

17. März 2026 um 14:34
Teilen:

Eine alarmierende Zahl schreckt Bildungsexperten auf: Zwei von drei österreichischen Schülerinnen und Schülern fühlen sich unzureichend auf ihre Berufs- und Bildungswahl vorbereitet. Diese Erkenntn...

Eine alarmierende Zahl schreckt Bildungsexperten auf: Zwei von drei österreichischen Schülerinnen und Schülern fühlen sich unzureichend auf ihre Berufs- und Bildungswahl vorbereitet. Diese Erkenntnis bringt die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) dazu, eine fundamentale Reform der Bildungs- und Berufsorientierung zu fordern. Melina Schneider-Lugger, Leiterin der Abteilung Bildungspolitik in der WKÖ, sieht dringenden Handlungsbedarf und verlangt verpflichtende Berufsinfo im Unterricht sowie in der Ausbildung des Lehrpersonals.

Das komplexe österreichische Bildungssystem überfordert

Die Herausforderung ist gewaltig: Mehr als 230 Lehrberufe, 3.600 Studienangebote und 30 Schultypen mit über 100 Schwerpunkten stehen zur Auswahl. Diese Vielfalt, die eigentlich ein Vorteil des österreichischen Bildungssystems darstellt, wird für Jugendliche und ihre Eltern zur schier unlösbaren Aufgabe. "Wenn sich zwei Drittel der jungen Menschen nicht ausreichend für ihre wichtigste Zukunftsentscheidung vorbereitet fühlen, dann muss uns das aufrütteln", betont Schneider-Lugger.

Das österreichische Bildungssystem hat sich über Jahrzehnte zu einem hochkomplexen Gefüge entwickelt. Während in den 1970er Jahren noch überschaubare Bildungswege existierten, entstanden durch zahlreiche Reformen immer mehr Spezialisierungen und Wahlmöglichkeiten. Was als Verbesserung gedacht war, führt heute oft zu Orientierungslosigkeit bei den Betroffenen.

Bildungs- und Berufsorientierung (BBO) erklärt

Bildungs- und Berufsorientierung, kurz BBO, umfasst alle Maßnahmen zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern bei ihrer Bildungs- und Berufswahl. Dazu gehören Informationsveranstaltungen, Betriebserkundungen, Potentialanalysen und individuelle Beratungsgespräche. BBO soll Jugendlichen helfen, ihre Interessen, Fähigkeiten und Neigungen zu erkennen und diese mit den Anforderungen verschiedener Berufe abzugleichen. Derzeit ist BBO in Österreich nur teilweise verpflichtend und wird oft als Randthema behandelt, obwohl sie für die Zukunft der Jugendlichen entscheidend ist.

Lehrer als unterschätzte Berufsorientierungs-Experten

Ein Kernpunkt der WKÖ-Forderung betrifft die Ausbildung von Lehrkräften. "Lehrer sind besonders wichtige ‚Influencer', wenn es um die Berufswahl ihrer Schüler geht", erklärt Schneider-Lugger. Deshalb müsse die Basisbildung zur Bildungs- und Berufsorientierung in allen Lehramtsstudien integriert werden – von den Pädagogischen Hochschulen über die BAFEPs (Bundesanstalten für Elementarpädagogik) bis hin zu den Universitäten.

Diese Forderung ist nicht neu, aber bislang unerhört geblieben. Während Lehrkräfte in Deutschland bereits seit Jahren verpflichtende Module zur Berufsorientierung absolvieren müssen, hinkt Österreich hinterher. In der Schweiz gehört die Berufskunde sogar zu den Grundkompetenzen jeder Lehrperson, unabhängig vom Fachgebiet.

Vergleich mit anderen deutschsprachigen Ländern

Deutschland hat bereits 2017 eine nationale Strategie zur Berufsorientierung eingeführt. Dort müssen alle Lehramtsstudierenden mindestens ein Modul zur Berufsorientierung absolvieren. Die Schweiz geht noch weiter: Hier ist Berufsorientierung bereits ab der 7. Klasse Pflichtfach, und Lehrpersonen werden speziell dafür ausgebildet. Die Ergebnisse sprechen für sich: Schweizer Jugendliche fühlen sich zu 80 Prozent gut auf ihre Berufswahl vorbereitet, in Deutschland sind es 70 Prozent – in Österreich nur 33 Prozent.

Fachkräftemangel als treibende Kraft

Hinter der WKÖ-Initiative steht ein drängendes wirtschaftliches Problem: der Fachkräftemangel. Laut einer aktuellen WIFO-Studie gehen bis 2029 in Österreich rund 51.000 Menschen mit Lehrabschluss mehr in Pension als nachrücken. Besonders betroffen sind technische und handwerkliche Berufe – genau jene Bereiche, die für die österreichische Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind.

Der Fachkräftemangel ist dabei kein rein quantitatives Problem. Viele Jugendliche wählen nur innerhalb eines sehr kleinen Spektrums an Möglichkeiten und orientieren sich oft an veralteten Berufsbildern oder gesellschaftlichen Vorurteilen. So entscheiden sich jährlich Hunderte für überfüllte Bereiche wie Bürokaufmann oder Einzelhandel, während innovative Technikberufe oder zukunftsträchtige Dienstleistungsberufe unbesetzt bleiben.

Konkrete Auswirkungen auf Österreichs Bürger

Die mangelnde Berufsorientierung hat weitreichende Folgen für die österreichische Gesellschaft. Fehlentscheidungen bei der Berufswahl führen zu höheren Abbruchquoten in der Ausbildung, längeren Suchzeiten nach der passenden Karriere und letztendlich zu geringerer Arbeitszufriedenheit. Eine Studie des AMS zeigt, dass 40 Prozent der Ausbildungsabbrüche auf falsche Berufsvorstellungen zurückzuführen sind. Dies kostet nicht nur die Betroffenen wertvolle Lebenszeit, sondern verursacht auch volkswirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe durch verschwendete Ausbildungsressourcen und Arbeitslosigkeit.

Für Familien bedeutet eine schlechte Berufsorientierung oft zusätzliche finanzielle Belastungen. Wenn Jugendliche mehrmals die Ausbildung wechseln oder nach der Matura noch Jahre brauchen, um ihren Weg zu finden, entstehen Kosten für Lebensunterhalt und weitere Ausbildungen. Gleichzeitig verzögert sich der Berufseinstieg, was sich auf das lebenslange Einkommen auswirkt.

WKÖ-Initiativen: Umfassende Unterstützung trotz Defiziten im System

Während das Bildungssystem noch nachhinkt, hat die Wirtschaftskammer bereits ein umfassendes Netzwerk zur Berufsorientierung aufgebaut. In allen neun Bundesländern existieren Berufsinfo- und Talentezentren, die verschiedenste Services anbieten. Das Herzstück sind die jährlich 40.000 TalenteChecks für 13- bis 14-jährige Schülerinnen und Schüler. Seit 2010 wurden bereits knapp eine Million dieser Tests durchgeführt.

Besonders innovativ sind die digitalen Angebote der WKÖ. Die Plattform "BOs Welt" hat seit Herbst 2023 mehr als 10.000 individuelle Interessenprofile für Schülerinnen und Schüler erstellt. Das Online-Portal BIC.at verzeichnet über 600.000 Zugriffe pro Jahr und bietet umfassende Informationen zu Bildungs- und Berufswegen.

Virtuelle Realität revolutioniert Berufsorientierung

Ein besonders zukunftsweisender Ansatz ist das "Virtuelle Berufe-Schnuppern" über die Plattform www.berufe-vr.at. Mehr als 80 Lehrberufe können mittlerweile mit VR-Brillen oder via Smartphone als 3D-Video erlebt werden. Diese Technologie ermöglicht es Jugendlichen, realistische Einblicke in Berufe zu bekommen, ohne physisch vor Ort sein zu müssen. Besonders in ländlichen Gebieten, wo bestimmte Betriebe nicht verfügbar sind, eröffnet dies völlig neue Möglichkeiten.

Die Virtual-Reality-Technologie in der Berufsorientierung ist noch relativ neu, zeigt aber bereits beeindruckende Ergebnisse. Studien belegen, dass Jugendliche, die Berufe virtuell "geschnuppert" haben, eine realistischere Vorstellung von den Tätigkeiten entwickeln als jene, die nur traditionelle Informationsveranstaltungen besucht haben.

Social Media als neuer Kanal zur Jugend

Mit der TikTok-Kampagne "Lehre? Karriere!" beschreitet die WKÖ auch völlig neue Wege in der Jugendansprache. Über soziale Medien werden Lehrberufe zeitgemäß und authentisch präsentiert. Mehr als 50 SkillsHeroes – junge Fachkräfte, die als Botschafter ihrer Berufe fungieren – besuchen Schulen und teilen ihre Erfahrungen.

Diese moderne Herangehensweise ist notwendig, da traditionelle Informationskanäle bei Jugendlichen immer weniger Beachtung finden. Social-Media-Kampagnen erreichen die Zielgruppe dort, wo sie sich täglich aufhält, und können komplexe Berufsinformationen niederschwellig und unterhaltsam vermitteln.

Regionale Unterschiede und bundesweite Herausforderungen

Die Situation der Berufsorientierung variiert erheblich zwischen den österreichischen Bundesländern. Während Wien und Niederösterreich auf umfassende Infrastrukturen zurückgreifen können, stehen ländliche Gebiete vor besonderen Herausforderungen. In Vorarlberg beispielsweise führt die Nähe zur Schweiz zu einer besonderen Dynamik, da viele Jugendliche auch schweizerische Ausbildungsmöglichkeiten in Betracht ziehen.

Tirol hat als erstes Bundesland ein verpflichtende Berufsorientierung in der 7. und 8. Schulstufe eingeführt, allerdings nur mit einer Wochenstunde. Oberösterreich setzt verstärkt auf Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben, während die Steiermark innovative Online-Tools entwickelt hat. Diese unterschiedlichen Ansätze zeigen sowohl das Potential als auch die Notwendigkeit einer bundesweiten Koordination.

Österreich im internationalen Vergleich

Im internationalen Vergleich hinkt Österreich bei der systematischen Berufsorientierung deutlich hinterher. Während Länder wie Dänemark oder die Niederlande bereits ab der Grundschule spielerische Berufsorientierung anbieten und in Finnland Berufsorientierung zum Lehrplan jeder Schulstufe gehört, ist sie in Österreich meist auf wenige Stunden in der 7. und 8. Schulstufe beschränkt.

Diese mangelnde Systematik rächt sich: Österreichische Jugendliche wechseln häufiger ihre Ausbildung, haben längere Orientierungsphasen und sind oft unzufriedener mit ihrer Berufswahl als ihre Altersgenossen in anderen europäischen Ländern. Gleichzeitig führt der Fachkräftemangel zu wirtschaftlichen Nachteilen im internationalen Standortwettbewerb.

Die Rolle der Eltern und gesellschaftliche Vorurteile

Ein oft übersehener Aspekt der Berufsorientierung sind gesellschaftliche Vorurteile und der Einfluss der Eltern. Viele Eltern, selbst unsicher über moderne Berufsbilder, drängen ihre Kinder in vermeintlich sichere Akademikerlaufbahnen, obwohl handwerkliche oder technische Berufe oft bessere Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten bieten.

Die WKÖ-Initiativen versuchen auch hier gegenzusteuern. KarriereChecks und spezielle Maturanten-Beratungen zeigen auf, dass eine Lehre nach der Matura durchaus eine attraktive Option darstellt. Auf knapp 150 regionalen Bildungsmessen wird verstärkt auch Elternarbeit geleistet, um überholte Berufsbilder zu korrigieren.

Zukunftsperspektiven und notwendige Reformen

Die WKÖ-Forderungen sind ambitioniert, aber realistisch umsetzbar. Eine Integration der Berufsorientierung in alle Lehramtsstudien würde binnen fünf Jahren spürbare Verbesserungen bringen. Parallel dazu sollte die Berufsorientierung als eigenständiges Fach mit ausreichenden Stunden im Lehrplan verankert werden.

Digitale Tools und Virtual Reality werden dabei eine immer wichtigere Rolle spielen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Bildungsinstitutionen digitalisieren können, wenn der Druck groß genug ist. Diese Dynamik sollte für eine umfassende Modernisierung der Berufsorientierung genutzt werden.

Experten prognostizieren, dass sich der Fachkräftemangel ohne strukturelle Reformen bis 2030 dramatisch verschärfen wird. Gleichzeitig entstehen durch Digitalisierung und Klimawandel völlig neue Berufsfelder, die den Jugendlichen heute noch unbekannt sind. Eine zeitgemäße Berufsorientierung muss daher nicht nur über bestehende Berufe informieren, sondern auch Kompetenzen für den Umgang mit sich wandelnden Arbeitswelten vermitteln.

Konkrete Handlungsempfehlungen

Neben den WKÖ-Forderungen sind weitere Maßnahmen notwendig: Schulen sollten verbindliche Partnerschaften mit regionalen Betrieben eingehen, um regelmäßige Schnuppermöglichkeiten zu schaffen. Die Berufsorientierung muss bereits in der Volksschule beginnen und kontinuierlich bis zur Matura oder zum Lehrabschluss fortgeführt werden.

Besonders wichtig ist auch die Einbeziehung von Menschen mit Migrationshintergrund und deren Familien. Hier bestehen oft andere Berufsvorstellungen und Informationsdefizite, die gezielt angegangen werden müssen. Mehrsprachige Informationsmaterialien und kultursensible Beratung sind dabei unerlässlich.

Die Bemühungen der Wirtschaftskammer Österreich zeigen bereits Wirkung, aber sie können die strukturellen Defizite des Bildungssystems nicht allein kompensieren. Die Politik ist gefordert, die notwendigen Reformen anzugehen, um Österreichs Jugend optimal auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten. Nur so kann der Wirtschaftsstandort Österreich seine Konkurrenzfähigkeit langfristig sichern und gleichzeitig jungen Menschen die bestmöglichen Zukunftschancen eröffnen. Die Zeit drängt – zwei Drittel unzureichend vorbereiteter Schüler sind zwei Drittel zu viel.

Weitere Meldungen

OTS
Pröll

ID Austria wird zur digitalen Wirtschaftsplattform ausgebaut

17. März 2026
Lesen
OTS
WKÖ

Fairness-Büro entschärft Konflikte im Lebensmittelhandel erfolgreich

16. März 2026
Lesen
OTS
WKÖ

WKÖ fordert faire Strompreise durch EU-Marktreform

16. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen