Die österreichische Wirtschaft steht vor herausfordernden Zeiten: Der seit Ende Februar 2026 andauernde Krieg im Nahen und Mittleren Osten wirft dunkle Schatten auf die Konjunkturprognosen der Oest...
Die österreichische Wirtschaft steht vor herausfordernden Zeiten: Der seit Ende Februar 2026 andauernde Krieg im Nahen und Mittleren Osten wirft dunkle Schatten auf die Konjunkturprognosen der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Was als hoffnungsvoller Start ins neue Jahr begann, wurde durch geopolitische Spannungen und explodierende Energiepreise jäh unterbrochen. Die heute präsentierte Zwischenprognose zeichnet ein Bild gedämpfter Erwartungen und erhöhter Unsicherheit für die kommenden Jahre.
Die OeNB musste ihre Wachstumserwartungen für 2026 um beträchtliche 0,3 Prozentpunkte nach unten korrigieren. Statt der ursprünglich prognostizierten 0,8 Prozent wird nun nur noch mit einem mageren Wachstum von 0,5 Prozent gerechnet. Diese Revision spiegelt die unmittelbaren Auswirkungen des am 28. Februar 2026 ausgebrochenen Konflikts wider, der die globalen Energiemärkte in Aufruhr versetzt hat.
"Nach einer zweijährigen Rezession verzeichnete Österreich im vergangenen Jahr wieder ein moderates Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent", erklärt OeNB-Gouverneur Martin Kocher die Ausgangslage. Der positive Trend zu Jahresbeginn 2026, der sich in robusten Monatsdaten für Jänner und Februar niederschlug, wurde durch den Kriegsausbruch abrupt gestoppt. Die deutlich gestiegenen Energiepreise bringen erneut große Unsicherheit mit sich und trüben die wirtschaftlichen Aussichten signifikant.
Trotz der aktuellen Dämpfung bleibt die OeNB für die Jahre 2027 und 2028 optimistisch. Die Prognose sieht für 2027 ein Wachstum von 1,0 Prozent vor, das sich 2028 auf 1,1 Prozent beschleunigen soll. Diese Einschätzung basiert auf der Annahme, dass die Energierohstoffpreise gemäß den aktuellen Markterwartungen in der zweiten Jahreshälfte 2026 wieder deutlich vom hohen Niveau sinken werden.
Die Teuerungsrate wird 2026 erheblich über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent liegen. Mit 2,7 Prozent für das Gesamtjahr 2026 überschreitet die Inflationsprognose die Komfortzone der Geldpolitiker deutlich. Besonders dramatisch wird die Entwicklung im Mai 2026 erwartet, wenn die Inflationsrate auf knapp über drei Prozent ansteigen könnte.
Die Inflationsdynamik wird wesentlich von den gestiegenen Rohstoffpreisen getrieben. Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten hat einen Inflationseffekt von 0,6 Prozentpunkten zur Folge, was die ursprünglichen Erwartungen erheblich übertrifft. Erst ab der zweiten Jahreshälfte 2026 soll sich die Teuerungsrate wieder normalisieren und bis Jahresende auf rund 2,5 Prozent zurückgehen.
Für die Folgejahre prognostiziert die OeNB eine graduelle Entspannung der Inflationslage. 2027 soll die Teuerungsrate auf 2,3 Prozent sinken und 2028 mit 2,1 Prozent wieder in die Nähe des EZB-Zielwerts von zwei Prozent gelangen. Diese Prognose steht jedoch unter dem Vorbehalt, dass sich die geopolitische Lage nicht weiter verschärft und die Energiepreise wie erwartet sinken.
Trotz der konjunkturellen Herausforderungen zeigt sich der österreichische Arbeitsmarkt relativ stabil. Die Arbeitslosenquote wird 2026 bei 7,5 Prozent verharren, was angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit als durchaus positiv zu bewerten ist. Diese Stabilität spiegelt die strukturelle Robustheit des österreichischen Arbeitsmarktes wider, der sich in den vergangenen Jahren als widerstandsfähig gegenüber externen Schocks erwiesen hat.
Die Fiskalprognose der OeNB zeigt weiterhin erhebliche Defizite auf. Für 2025 wird ein Budgetsaldo von -4,5 Prozent des nominellen BIP prognostiziert, der sich in den Folgejahren nur geringfügig verbessert. 2026 und 2027 werden jeweils -4,2 Prozent erwartet, während für 2028 sogar eine leichte Verschlechterung auf -4,4 Prozent prognostiziert wird.
Diese Zahlen unterstreichen die Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung. Die OeNB betont, dass ohne strukturelle Reformen und Einsparungen das Defizit auf einem kritisch hohen Niveau verharren wird. Gleichzeitig wurden seit der letzten Prognose bereits weitere Belastungen beschlossen, darunter die Absenkung der Elektrizitätsabgabe und der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel.
Die anhaltend hohen Budgetdefizite haben unmittelbare Auswirkungen auf die österreichische Staatsschuldenquote. Mit einem schwächeren Wirtschaftswachstum als ursprünglich erwartet wird es schwieriger, das Verhältnis von Staatsschuld zu Bruttoinlandsprodukt zu stabilisieren. Dies könnte mittelfristig zu Problemen bei der Einhaltung der europäischen Fiskalregeln führen.
"Die weitere Entwicklung des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten und seine Auswirkungen auf die Energiepreise, die Finanzmärkte und das Vertrauen der Wirtschaftsakteure sind aktuell höchst unsicher", warnt Gouverneur Kocher. Um dieser außergewöhnlichen Unsicherheit Rechnung zu tragen, hat die OeNB alternative Szenarien entwickelt, die von verschiedenen Eskalationsstufen des Konflikts ausgehen.
In einem pessimistischeren Szenario mit einem Ölpreis von 100 US-Dollar pro Barrel und einem Erdgaspreis von 70 Euro pro Megawattstunde im Jahresschnitt würde das Wirtschaftswachstum 2026 auf lediglich 0,2 Prozent schrumpfen. Gleichzeitig würde die Inflation dramatisch auf 3,8 Prozent ansteigen, was die Kaufkraft der österreichischen Verbraucher erheblich belasten würde.
Das düsterste Szenario der OeNB geht von einer besonderen Verschärfung der Lage aus. Höhere Risikoprämien, anhaltend hohe geopolitische Unsicherheit, schwächere Exportnachfrage und steigende Düngemittelpreise könnten die österreichische Wirtschaft 2026 sogar in eine leichte Rezession führen. Die Wirtschaftsleistung würde um 0,2 Prozent schrumpfen, während die Inflation auf alarmierende 4,2 Prozent ansteigen könnte.
Die Europäische Zentralbank hat in ihrer Sitzung vom 19. März 2026 betont, weiterhin entschlossen dafür zu sorgen, dass sich die Inflation mittelfristig beim Zielwert von zwei Prozent stabilisiert. Mit einer aktuellen Inflationsrate von knapp zwei Prozent, langfristig verankerten Inflationserwartungen bei zwei Prozent und einem nominellen kurzfristigen Zinsniveau von zwei Prozent sieht sich das Eurosystem in einer guten Position, um auf Herausforderungen zu reagieren.
Entscheidend für die geldpolitische Reaktion werden die sogenannten Zweitrunden-Effekte der Energiepreisanstiege sein. Dabei handelt es sich um Preisanpassungen in anderen Wirtschaftsbereichen als Reaktion auf höhere Energiekosten. Der EZB-Rat wird seinen datengestützten Ansatz fortsetzen und von Sitzung zu Sitzung über die angemessene geldpolitische Ausrichtung entscheiden.
Trotz anhaltender Verluste verzeichnet die Oesterreichische Nationalbank einen positiven Trend bei ihrem Geschäftsergebnis. Der Jahresfehlbetrag für 2025 beträgt -1.023 Millionen Euro und ist damit nur noch halb so hoch wie im Vorjahr. "Im Jahr 2025 sehen wir erstmals wieder einen Aufwärtstrend", erklärt Vize-Gouverneurin Edeltraud Stiftinger.
Das negative Ergebnis resultiert aus der unterschiedlichen Verzinsung der geldpolitischen Aktiva und Passiva. Während der Krisen bis 2022 erwarb die OeNB als geldpolitische Maßnahme zahlreiche Wertpapiere und Staatsanleihen mit niedrigen oder negativen Zinsen. Diese Maßnahmen trugen wesentlich dazu bei, eine Deflation zu verhindern und den Finanzplatz stabil zu halten, brachten der OeNB allerdings nur geringe Erträge ein.
Gleichzeitig stiegen durch den zur Inflationsbekämpfung angehobenen Leitzins die Zinsen, die die OeNB an Banken zahlt, die bei ihr Geld einlegen. Dieser Zinsaufwand machte in den vergangenen Jahren ein Vielfaches dessen aus, was die OeNB durch die geldpolitischen Ankaufprogramme einnahm. "Im Jahr 2025 hat sich der Zinsaufwand an die Kommerzbanken jedoch bereits halbiert", berichtet Stiftinger optimistisch.
Unter Berücksichtigung des Verlustvortrags aus den Vorjahren resultiert ein Bilanzverlust für 2025 von insgesamt -5.207 Millionen Euro. Dieser wird zur Gänze in das Geschäftsjahr 2026 vorgetragen. Die Finanzkraft der OeNB bleibt jedoch unbeeinflusst, und die Handlungsfähigkeit ist in keiner Weise eingeschränkt.
Die Bilanzsumme der OeNB erreichte zum 31. Dezember 2025 einen Umfang von 256 Milliarden Euro und stieg damit gegenüber dem Vorjahr um 19 Milliarden Euro oder acht Prozent an. Den Höchststand hatte die Bilanzsumme im Jahr 2021 mit 275 Milliarden Euro erreicht. Das Abreifen der Wertpapiere für geldpolitische Zwecke hatte die Bilanzsumme bis 2024 kontinuierlich sinken lassen.
Der erneute Anstieg 2025 ist zu einem wesentlichen Teil auf den hohen Goldpreis zurückzuführen, der Auswirkungen auf die Bewertung des seit Jahrzehnten unveränderten Goldbestands der OeNB von 280 Tonnen hat. Die Gewinne durch den Preisanstieg werden, wie im Eurosystem üblich, nicht in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung vereinnahmt, sondern bleiben als Bewertungsreserven in der Bilanz.
Trotz der angespannten Geschäftslage setzt die OeNB ihre Förderung der österreichischen Forschungslandschaft fort. Die positive Performance der für die Forschung gewidmeten Veranlagung ermöglichte 2025 eine Ausschüttung von 50 Millionen Euro an die Nationalstiftung Forschung, Technologie und Entwicklung (FTE-Nationalstiftung).
Insgesamt förderte die OeNB im Jahr 2025 Forschung in Österreich mit über 60 Millionen Euro. Diese Mittel flossen unter anderem in die Unterstützung heimischer Wirtschaftsforschungsinstitute sowie den Jubiläumsfonds für Forschungsprojekte, wobei besonderer Fokus auf die wissenschaftliche Nachwuchsentwicklung und Grundlagenforschung gelegt wurde.
Die kommenden Jahre werden für die österreichische Wirtschaft von hoher Unsicherheit geprägt sein. Die Abhängigkeit von geopolitischen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten macht deutlich, wie verwundbar auch eine diversifizierte Volkswirtschaft wie Österreich gegenüber externen Schocks sein kann. Die OeNB-Prognosen zeigen sowohl die Risiken als auch die Chancen auf, die sich aus der aktuellen Situation ergeben.
Während die kurzfristigen Aussichten durch den Krieg getrübt sind, bleibt die mittelfristige Perspektive moderat optimistisch. Entscheidend wird sein, wie schnell sich die geopolitische Lage stabilisiert und ob die Energiepreise wie erwartet wieder sinken. Für Unternehmen und Verbraucher bedeutet dies eine Phase erhöhter Wachsamkeit und vorsichtiger Planung, während die Politik gefordert ist, sowohl die konjunkturelle Entwicklung als auch die Budgetkonsolidierung im Blick zu behalten.