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March-Thaya-Auen in akuter Klimakrise: Österreichs Naturjuwel droht auszutrocknen

9. März 2026 um 13:48
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Die March-Thaya-Auen, eines der bedeutendsten Naturschutzgebiete Österreichs, stehen vor einer existenziellen Bedrohung. Während Experten bereits seit Jahren vor den dramatischen Folgen des Klimawa

Die March-Thaya-Auen, eines der bedeutendsten Naturschutzgebiete Österreichs, stehen vor einer existenziellen Bedrohung. Während Experten bereits seit Jahren vor den dramatischen Folgen des Klimawandels warnen, zeigt sich nun das wahre Ausmaß der Krise: Flüsse führen immer weniger Wasser, der Grundwasserspiegel sinkt kontinuierlich und die einzigartigen Auenlandschaften beginnen auszutrocknen. Am 17. März 2026 wird der renommierte Wasserwirtschaftsexperte Dipl.-Ing. Jurrien Westerhof im Otto-Mauer-Zentrum in Wien über die alarmierenden Entwicklungen und mögliche Lösungsansätze sprechen.

Jahrhundertelange Eingriffe verstärken Klimakrise dramatisch

Die akuelle Situation in den March-Thaya-Auen ist das Resultat einer verhängnisvollen Kombination aus natürlichen und menschengemachten Faktoren. Während der Klimawandel als Haupttreiber der Trockenheit gilt, spielen historische Eingriffe eine ebenso entscheidende Rolle. Die systematische Flussregulierung im 19. und 20. Jahrhundert sowie der massive Ausbau der Wasserkraft haben die natürlichen Flusssysteme grundlegend verändert.

Die March-Thaya-Auen erstrecken sich über eine Fläche von rund 9.300 Hektar und bilden das größte zusammenhängende Auengebiet Mitteleuropas. Diese einzigartige Landschaft beherbergt über 500 Wirbeltierarten und mehr als 800 Pflanzenarten, darunter zahlreiche stark gefährdete Spezies. Das Gebiet fungiert als natürlicher Hochwasserschutz, Grundwasserspeicher und Kohlenstoffspeicher von enormer Bedeutung für das österreichische Ökosystem.

Flussregulierung als historisches Erbe mit dramatischen Folgen

Die Regulierung der March und ihrer Nebenflüsse begann bereits im 19. Jahrhundert mit dem Ziel, landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen und die Schifffahrt zu verbessern. Zwischen 1870 und 1930 wurden die Flüsse begradigt, vertieft und durch Dämme eingeengt. Diese Maßnahmen führten zu einer drastischen Beschleunigung des Wasserabflusses und verhinderten die natürlichen Überflutungen, die für Auenlandschaften lebensnotwendig sind.

Die Sohlenerosion, also die fortschreitende Vertiefung der Flussbetten, ist eine direkte Folge dieser Regulierungsmaßnahmen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich die March seit Beginn der Regulierung um durchschnittlich zwei bis vier Meter eingetieft hat. Dieser Prozess beschleunigt sich durch die geringeren Wassermengen infolge des Klimawandels zusätzlich.

Grundwasserkrise bedroht gesamtes Ökosystem

Besonders alarmierend ist der kontinuierliche Rückgang des Grundwasserspiegels in der Region. Messungen des Hydrographischen Dienstes Österreich belegen einen Rückgang von durchschnittlich 30 bis 50 Zentimetern in den vergangenen zwei Jahrzehnten. In Trockenjahren wie 2022 und 2023 wurden sogar Rückgänge von über einem Meter dokumentiert.

Die Auenvegetation ist auf regelmäßige Wasserversorgung angewiesen. Charakteristische Baumarten wie Stieleiche, Esche und verschiedene Weidenarten können ohne ausreichende Grundwasserversorgung nicht überleben. Bereits jetzt zeigen sich massive Schäden: Baumsterblichkeitsraten von über 40 Prozent in besonders betroffenen Bereichen, das Verschwinden typischer Auenpflanzen und die Ausbreitung trockenheitsresistenter Arten, die das ursprüngliche Ökosystem verdrängen.

Tierwelt unter enormem Anpassungsdruck

Die Fauna der March-Thaya-Auen steht unter beispiellosem Stress. Der Seeadler, Österreichs Wappentier, dessen Population sich in den Auen erfolgreich erholt hatte, findet immer weniger geeignete Nahrungsgewässer. Fischarten wie der Huchen und die Äsche, die auf saubere, sauerstoffreiche Gewässer angewiesen sind, verzeichnen dramatische Bestandsrückgänge von über 60 Prozent seit dem Jahr 2000.

Besonders betroffen sind auch die charakteristischen Amphibien der Auen. Rotbauchunke, Laubfrosch und verschiedene Molcharten sind auf temporäre Gewässer angewiesen, die durch die Austrocknung immer seltener werden. Wissenschaftler sprechen von einem Rückgang der Amphibienpopulationen um bis zu 80 Prozent in stark betroffenen Gebieten.

Österreich im internationalen Vergleich: Besondere Verantwortung für Donauraumschutz

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern trägt Österreich eine besondere Verantwortung für den Schutz der Donau-Auen. Während Deutschland seine großen Auengebiete entlang von Rhein und Elbe bereits zu großen Teilen verloren hat, verfügt Österreich noch über intakte Auensysteme von kontinentaler Bedeutung. Die Donau-Auen östlich von Wien gelten als das größte zusammenhängende Auengebiet Mitteleuropas.

In der Schweiz wurden ähnliche Probleme bereits früher erkannt und mit umfangreichen Renaturierungsprogrammen bekämpft. Das Projekt „Rhone-Thur" investierte über 500 Millionen Schweizer Franken in die Wiederherstellung natürlicher Flussdynamik. Die dabei gewonnenen Erfahrungen könnten als Vorbild für österreichische Maßnahmen dienen.

Wasserkraft versus Naturschutz: Ein österreichisches Dilemma

Österreich deckt etwa 60 Prozent seines Strombedarfs durch Wasserkraft und gilt als Vorreiter bei erneuerbaren Energien. Gleichzeitig beeinträchtigen Wasserkraftwerke massiv die natürlichen Flusssysteme. An der Donau zwischen Passau und dem Schwarzen Meer unterbrechen über 60 Staustufen den natürlichen Flusslauf. Diese Anlagen reduzieren nicht nur die Wassermenge flussabwärts, sondern verändern auch die Sedimentfracht und die natürlichen Hochwasserzyklen.

Der Konflikt zwischen Klimaschutz durch erneuerbare Energien und dem Schutz aquatischer Ökosysteme stellt Politik und Gesellschaft vor schwierige Entscheidungen. Experten fordern eine ehrliche Abwägung zwischen kurzfristigen energiepolitischen Zielen und langfristigem Ökosystemschutz.

Konkrete Auswirkungen auf Österreichs Bürger

Die Krise der March-Thaya-Auen hat weitreichende Folgen, die weit über den Naturschutz hinausgehen. Für die österreichische Bevölkerung bedeutet das Austrocknen der Auen konkrete Einschränkungen und Risiken in verschiedenen Lebensbereichen.

Der Tourismus in der Grenzregion zu Ungarn und der Slowakei ist stark von intakten Naturräumen abhängig. Jährlich besuchen über 200.000 Menschen die March-Thaya-Auen, um die einzigartige Natur zu erleben. Bootstouren auf der March, Vogelbeobachtung und Naturfotografie generieren einen geschätzten Wirtschaftswert von über 15 Millionen Euro pro Jahr. Mit dem fortschreitenden Niedergang der Auenlandschaft droht ein erheblicher Verlust an touristischen Einnahmen.

Hochwasserschutz in Gefahr

Intakte Auen fungieren als natürliche Hochwasserrückhaltebecken und können Millionen Kubikmeter Wasser zwischenspeichern. Bei extremen Niederschlagsereignissen reduzieren sie die Hochwassergefahr für flussabwärts gelegene Gemeinden erheblich. Wissenschaftliche Modelle zeigen, dass der Verlust der natürlichen Retentionsflächen das Hochwasserrisiko für Gemeinden entlang der Donau um bis zu 30 Prozent erhöhen könnte.

Besonders betroffen wären die Gemeinden im Tullnerfeld und im Wiener Becken, wo bereits heute bei Extremhochwässern kritische Situationen entstehen. Die Kosten für technische Hochwasserschutzmaßnahmen als Ersatz für die natürlichen Funktionen der Auen würden sich auf mehrere hundert Millionen Euro belaufen.

Jurrien Westerhof: Ein Experte mit internationaler Erfahrung

Der Referent des bevorstehenden Vortrags, Dipl.-Ing. Jurrien Westerhof, bringt eine einzigartige Kombination aus wissenschaftlicher Expertise und praktischer Erfahrung mit. Nach seinem Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der renommierten Universität Wageningen in den Niederlanden sammelte er erste Erfahrungen an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien.

Seine berufliche Laufbahn spiegelt die Entwicklung der österreichischen Umwelt- und Energiepolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte wider. Als Kampagnenleiter bei Greenpeace Österreich war er maßgeblich an wichtigen Umweltschutzaktionen beteiligt, bevor er als Geschäftsführer des Dachverbands Erneuerbare Energie Österreich die Energiewende vorantrieb.

Seit 2017 leitet Westerhof die WWF-Arbeit in den Donau-March-Thaya-Auen und hat dabei tiefe Einblicke in die komplexen ökologischen Zusammenhänge des Gebiets gewonnen. Seine niederländische Herkunft bringt wertvolle Perspektiven aus einem Land mit, das jahrhundertelange Erfahrung im Wassermanagement besitzt.

Wissenschaftlich fundierte Lösungsansätze

Westerhofs Arbeit basiert auf umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und internationalen Best-Practice-Beispielen. Der WWF hat unter seiner Leitung mehrere Studien zur Entwicklung der Auenlandschaft durchgeführt und konkrete Renaturierungskonzepte entwickelt. Diese sehen vor allem die Wiederherstellung natürlicher Überschwemmungszyklen und die Reduktion der Sohlenerosion vor.

Ein zentraler Ansatz ist die Schaffung von Seitengewässern und die Reaktivierung alter Flussarme, um die verfügbare Wasserfläche zu vergrößern und das Grundwasser zu stabilisieren. Pilotprojekte in kleineren Bereichen haben bereits vielversprechende Ergebnisse gezeigt: Die Artenvielfalt konnte um bis zu 40 Prozent gesteigert und der Grundwasserspiegel lokal stabilisiert werden.

Zukunftsperspektiven: Zwischen Hoffnung und Realismus

Die Zukunft der March-Thaya-Auen hängt von schnellem und entschlossenem Handeln ab. Klimamodelle prognostizieren für die Region weitere Temperaturanstiege von 2 bis 4 Grad Celsius bis 2100 und eine Reduktion der Niederschläge um 10 bis 20 Prozent. Ohne massive Gegenmaßnahmen droht ein unwiederbringlicher Verlust dieses einzigartigen Ökosystems.

Gleichzeitig bieten moderne Technologien und innovative Finanzierungsmodelle neue Möglichkeiten für großangelegte Restaurationsprojekte. Die Europäische Union hat mit dem Green Deal und dem Biodiversitätsschutzprogramm erhebliche Mittel für solche Vorhaben bereitgestellt. Österreich könnte als Pionier bei der Auenrestaurierung internationale Aufmerksamkeit und Förderungen gewinnen.

Politische Handlungsoptionen

Experten sehen verschiedene politische Instrumente, um die Krise der Auen anzugehen. Eine Ökologische Steuerreform könnte Anreize für naturschonende Landwirtschaft und nachhaltigen Tourismus schaffen. Gleichzeitig wären strengere Auflagen für Wasserkraftbetreiber und verpflichtende ökologische Mindestdurchflüsse in bestehenden Anlagen notwendig.

Die Schaffung eines nationalen Auenschutzfonds nach dem Vorbild des Waldfonds könnte die notwendigen finanziellen Mittel für umfassende Restaurationsmaßnahmen bereitstellen. Erste Schätzungen gehen von einem Finanzbedarf von 200 bis 300 Millionen Euro für eine vollständige Sanierung der österreichischen Auengebiete aus.

Gesellschaftliche Verantwortung und individuelle Handlungsmöglichkeiten

Der Schutz der March-Thaya-Auen ist nicht nur eine Aufgabe für Politik und Wissenschaft, sondern erfordert auch gesellschaftliches Engagement. Österreichische Bürger können durch bewusste Konsumentscheidungen und politische Partizipation einen wichtigen Beitrag leisten.

Der Vortrag von Jurrien Westerhof am 17. März 2026 im Otto-Mauer-Zentrum bietet eine seltene Gelegenheit, sich aus erster Hand über die komplexen Zusammenhänge zu informieren und konkrete Handlungsoptionen zu diskutieren. Interessierte können sich über die Website des Club of Vienna anmelden und direkt mit einem der führenden Experten auf diesem Gebiet ins Gespräch kommen.

Die Veranstaltung verspricht nicht nur wissenschaftliche Einblicke, sondern auch praktische Anregungen für alle, die sich für den Erhalt von Österreichs einzigartigem Naturerbe engagieren möchten. In einer Zeit, in der jede Entscheidung für die Zukunft unserer Ökosysteme von entscheidender Bedeutung ist, bietet dieser Vortrag unverzichtbares Wissen für informierte Bürger und politische Entscheidungsträger.

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