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1,5 Millionen Bäume: Österreichs größte Aufforstungsoffensive

17. März 2026 um 08:48
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Während Spaziergänger die ersten warmen Frühlingstage genießen, beginnt in Österreichs Wäldern ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Österreichischen Bundesforste starten ihre größte Aufforstungsaktion ...

Während Spaziergänger die ersten warmen Frühlingstage genießen, beginnt in Österreichs Wäldern ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Österreichischen Bundesforste starten ihre größte Aufforstungsaktion des Jahres: 1,5 Millionen Jungbäume werden in den kommenden Monaten gepflanzt – eine Operation, die über das Schicksal ganzer Waldgebiete entscheiden wird. Am 21. März, dem Internationalen Tag des Waldes, fiel der symbolische Startschuss für ein Projekt, das weit mehr ist als bloße Schadensbehebung nach Sturmschäden und Borkenkäferbefall.

Waldumbau als Antwort auf den Klimawandel

Die Aufforstungsoffensive 2024 der Bundesforste ist Teil einer langfristigen Strategie, die unter dem Motto "Wald der Zukunft" steht. Auf knapp 800 Hektar – das entspricht etwa 1.120 Fußballfeldern – entstehen neue Waldgebiete, die den extremen Wetterbedingungen der kommenden Jahrzehnte trotzen sollen. Andreas Gruber, Vorstand für Forstwirtschaft und Naturschutz bei den Österreichischen Bundesforsten, erklärt die Notwendigkeit: "Wir müssen Baumarten fördern, die sowohl heute als auch in 100 Jahren mit den klimatischen Bedingungen zurechtkommen."

Diese Herangehensweise markiert einen fundamentalen Wandel in der österreichischen Forstwirtschaft. Während früher hauptsächlich schnellwachsende Fichten dominierte, setzt man heute auf Vielfalt und Widerstandsfähigkeit. Der Begriff Mischwälder beschreibt Waldbestände, in denen verschiedene Baumarten gemeinsam wachsen und sich gegenseitig stützen. Diese Diversität macht das Ökosystem stabiler gegen Klimaextreme, Schädlinge und Krankheiten, da nicht alle Arten gleichzeitig betroffen sind.

Lärche als neuer Hoffnungsträger

Die Zahlen der heurigen Pflanzaktion sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als die Hälfte aller Jungbäume – rund 810.000 Exemplare – sind Lärchen. Diese Baumart gilt als besonders klimaresistent, da sie sowohl extreme Kälte als auch Trockenperioden gut übersteht. Die Lärche verliert als einziger Nadelbaum im Herbst ihre Nadeln, was ihr hilft, Wasser zu sparen und harte Winter zu überstehen.

Im Gegensatz dazu macht die Fichte, einst der "Brotbaum" der österreichischen Forstwirtschaft, nur noch etwa ein Viertel der Neupflanzungen aus. Diese Entwicklung spiegelt die Erfahrungen der letzten Jahre wider: Fichtenwälder waren besonders anfällig für die verheerenden Borkenkäferepidemien, die durch warme, trockene Sommer begünstigt wurden.

40 Baumarten für maximale Biodiversität

Die Artenvielfalt der heurigen Aufforstung ist beeindruckend: 40 verschiedene Baumarten werden gepflanzt, von häufigen bis zu seltenen Arten. Rund 100.000 Tannen bringen mit ihren bis zu 40 Meter tiefen Pfahlwurzeln auch in Trockenzeiten Stabilität. Diese Tiefwurzler können Wasser und Nährstoffe aus Bodenschichten erschließen, die für andere Bäume unerreichbar sind.

Bei den Laubbäumen setzt man verstärkt auf Eichen – insbesondere im klimatisch begünstigten Osten Österreichs werden 75.000 junge Eichen gepflanzt. Diese Baumart kann über 500 Jahre alt werden und trotzt sowohl Hitze als auch Trockenheit. Zusätzlich kommen etwa 25.000 Ahornbäume hinzu, die mit ihrem dichten Kronendach für Schatten und Bodenschutz sorgen.

Für besondere ökologische Akzente sorgen seltene Arten wie Vogelkirsche, Wildbirne, Linde oder Schwarzpappel. Diese Bäume sind nicht nur klimatisch wertvoll, sondern bieten auch Lebensraum für zahlreiche Tierarten. Die Biodiversität – also die Vielfalt an Lebensformen – in solchen Mischwäldern ist um ein Vielfaches höher als in Monokulturen.

Regionale Schwerpunkte der Aufforstung

Die Verteilung der Pflanzungen folgt einer durchdachten Strategie: Oberösterreich führt mit 365.000 Jungbäumen die Liste an. Hier konzentrieren sich die Arbeiten rund um das Steyrtal, in den Forstrevieren Reichraming und Breitenau sowie östlich des Attersees. Diese Gebiete waren in den vergangenen Jahren besonders stark von Sturmschäden betroffen.

In Salzburg werden 320.000 junge Bäume gesetzt, vor allem in den Wäldern rund um Saalfelden und im Kleinarltal. Die Steiermark erhält 250.000 Neupflanzungen, hauptsächlich in den schwer geschädigten Gebieten bei Gußwerk und Mariazell. Niederösterreich bekommt knapp 260.000 neue Bäume, verteilt auf den südlichen Landesteil und das Waldviertel.

Der unsichtbare Feind: Borkenkäfer

Ein zentraler Aspekt der Waldstrategie ist die Bekämpfung des Borkenkäfers, eines winzigen Insekts mit verheerender Wirkung. Dieser nur wenige Millimeter große Käfer bohrt sich unter die Rinde von Fichten und unterbricht damit den lebenswichtigen Saftstrom. Bei günstigen Bedingungen kann er mehrere Generationen pro Jahr entwickeln und ganze Waldbestände zum Absterben bringen.

Der Klimawandel hat dem Borkenkäfer ideale Lebensbedingungen beschert: Warme, trockene Sommer schwächen die Bäume und begünstigen die Vermehrung des Schädlings. Besonders beunruhigend ist, dass der Käfer inzwischen in höhere Lagen bis nahe der Baumgrenze vordringt – Gebiete, die früher als sicher galten.

Die Bekämpfungsstrategie der Bundesforste setzt auf Früherkennung: Monitoring-Fallen mit speziellen Lockstoffen zeigen das Auftreten der Käfer an, bevor sie sichtbare Schäden verursachen. Geschulte Forstarbeiter kontrollieren regelmäßig die Bestände auf Stehendbefall – befallene Bäume, die noch grün aussehen, aber bereits infiziert sind. "Entscheidend ist eine rasche Reaktion", betont Andreas Gruber. "Befallene Bäume müssen frühzeitig erkannt und rasch aus dem Wald gebracht werden."

Millionenschwere Investitionen

Allein für die Borkenkäferbekämpfung investieren die Bundesforste heuer 7 Millionen Euro. Diese Summe fließt in Überwachungstechnik, Personalkosten für intensive Kontrollen und die aufwändige Entfernung befallener Bäume. Insgesamt sind für 2024 über 17 Millionen Euro für die Waldpflege vorgesehen – ein Betrag, der die Dimension der Herausforderung verdeutlicht.

Wasser als entscheidender Erfolgsfaktor

Die Erfolgschancen der heurigen Aufforstung hängen maßgeblich von den Niederschlägen der kommenden Wochen ab. Nach einem viel zu trockenen Dezember und Jänner brachte der Februar überdurchschnittliche Regenfälle, die eine "spürbare Entlastung für die Waldböden" bedeuteten, wie ÖBf-Vorstandssprecher Georg Schöppl erklärt.

"Während sich viele über warme und sonnige Frühlingstage freuen, hoffen wir aus forstlicher Sicht vor allem auf weiteren Niederschlag", so Schöppl. Ausreichend Bodenfeuchtigkeit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass junge Bäume anwachsen können. In den ersten Wochen nach der Pflanzung sind die Setzlinge besonders empfindlich, da ihr Wurzelsystem noch nicht voll entwickelt ist.

Natürliche Verjüngung als Idealfall

Grundsätzlich bevorzugen die Bundesforste die natürliche Verjüngung ihrer Wälder. Dabei säen sich die Bäume selbst aus und wachsen ohne menschliches Zutun nach. Diese Methode hat mehrere Vorteile: Die Jungbäume sind optimal an die lokalen Standortbedingungen angepasst, und die Kosten sind deutlich geringer als bei aktiver Aufforstung.

"Nach größeren Schadereignissen wie Stürmen oder Borkenkäferbefall braucht es jedoch gezielte Aufforstungen, damit sich die Wälder rascher erholen und sich offene Flächen wieder schließen", erläutert Andreas Gruber die Notwendigkeit der aktuellen Pflanzaktionen.

Österreich im internationalen Vergleich

Mit ihrer Aufforstungsstrategie nehmen die Österreichischen Bundesforste eine Vorreiterrolle in Europa ein. Während in Deutschland nach den Dürrejahren 2018 bis 2020 noch immer große Kahlflächen auf Wiederbewaldung warten, setzt Österreich auf proaktive Maßnahmen. Die Schweiz verfolgt einen ähnlichen Ansatz, allerdings in kleinerem Maßstab aufgrund der geringeren Waldfläche.

International betrachtet investiert Österreich überdurchschnittlich viel in den Waldumbau. Die 17 Millionen Euro für 2024 entsprechen etwa 4,25 Euro pro Hektar Staatswald – ein Betrag, der die Priorität des Themas unterstreicht. In den vergangenen fünf Jahren flossen bereits über 70 Millionen Euro in den Waldbau, was die langfristige Ausrichtung der Strategie zeigt.

Auswirkungen auf die österreichische Bevölkerung

Die Aufforstungsoffensive hat direkte Auswirkungen auf das Leben der Österreicherinnen und Österreicher. Gesunde, diverse Wälder sind nicht nur wichtige CO2-Speicher im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch unverzichtbar für den Hochwasserschutz. Intakte Waldböden können bei Starkregen große Wassermengen aufnehmen und langsam wieder abgeben.

Für die österreichische Holzwirtschaft bedeutet der Waldumbau langfristig eine Diversifizierung des Angebots. Während bisher hauptsächlich Fichtenholz verarbeitet wurde, werden künftig auch andere Holzarten eine größere Rolle spielen. Dies erfordert Anpassungen in der Säge- und Möbelindustrie, eröffnet aber auch neue Marktchancen.

Tourismus und Naherholung profitieren ebenfalls von artenreichen Mischwäldern. Diese bieten zu jeder Jahreszeit attraktive Naturerlebnisse: Im Frühjahr blühen verschiedene Baumarten zu unterschiedlichen Zeiten, im Herbst sorgt die Vielfalt der Laubbäume für ein buntes Farbspektakel.

Zukunftsperspektiven und Herausforderungen

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die ehrgeizige Waldumbau-Strategie der Bundesforste erfolgreich ist. Klimamodelle prognostizieren für Österreich steigende Temperaturen und häufigere Extremwetterereignisse. Gleichzeitig werden sich die Niederschlagsmuster ändern: Während die Sommer trockener werden, sind im Winter mehr Starkregen zu erwarten.

Eine besondere Herausforderung stellt die Höhenstaffelung dar. In höheren Lagen verschieben sich die Vegetationszonen nach oben, was neue Baumarten in Gebiete bringt, wo sie bisher nicht heimisch waren. Die Bundesforste experimentieren bereits mit hitzeresistenten Arten aus südlicheren Regionen, die in 50 bis 100 Jahren in österreichischen Wäldern heimisch werden könnten.

Die Digitalisierung spielt eine zunehmend wichtige Rolle bei der Waldüberwachung. Satellitendaten, Drohnenaufnahmen und Sensornetzwerke ermöglichen es, Schäden früher zu erkennen und gezielter zu reagieren. Künstliche Intelligenz hilft bei der Auswertung großer Datenmengen und kann Vorhersagen über die Ausbreitung von Schädlingen treffen.

Gesellschaftlicher Auftrag und Verantwortung

Als größter Naturraumbewirtschafter Österreichs tragen die Bundesforste eine besondere gesellschaftliche Verantwortung. Ihre 850.000 Hektar Wald – das entspricht etwa einem Fünftel der österreichischen Waldfläche – haben Vorbildfunktion für private Waldbesitzer. Die dort entwickelten und erprobten Methoden finden oft Nachahmung in der gesamten Forstwirtschaft.

Georg Schöppl fasst die Motivation zusammen: "Als größter Naturraumbewirtschafter des Landes tragen wir eine besondere Verantwortung. Daher setzen wir seit einigen Jahren alles daran, den Waldumbau unter dem Motto 'Wald der Zukunft' konsequent voranzutreiben und unsere Wälder klimafit zu gestalten."

Die aktuelle Aufforstungsoffensive ist somit weit mehr als eine technische Maßnahme zur Schadensbehebung. Sie ist ein Baustein in der größeren Strategie, Österreichs Wälder für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu rüsten und gleichzeitig ihre vielfältigen Funktionen für Mensch und Umwelt zu erhalten. Der Erfolg wird sich erst in Jahrzehnten zeigen – aber die Weichen werden jetzt gestellt, Baum für Baum, Hektar für Hektar.

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