Zurück
OTS-MeldungAbwärme Fernwärme/Energie

Manner-Schnitten heizen seit 10 Jahren 600 Wiener Haushalte

8. März 2026 um 08:52
Teilen:

Süße Wärme für Wien: Was nach einem kuriosen Marketing-Gag klingt, ist seit zehn Jahren gelebte Realität in der österreichischen Hauptstadt. Die berühmten Manner-Schnitten produzieren nicht nur Gen...

Süße Wärme für Wien: Was nach einem kuriosen Marketing-Gag klingt, ist seit zehn Jahren gelebte Realität in der österreichischen Hauptstadt. Die berühmten Manner-Schnitten produzieren nicht nur Genuss für Millionen von Naschkatzen weltweit, sondern heizen seit 2016 auch 600 Haushalte in den Wiener Bezirken Ottakring und Hernals. Am 23. Dezember 2024 feiert diese außergewöhnliche Kooperation zwischen Wien Energie und dem Traditionsbetrieb Manner ihr zehnjähriges Bestehen.

Wie Waffelproduktion zur Wärmequelle wird

Das Prinzip hinter der sogenannten "Schnitten-Heizung" ist so einfach wie genial: Beim Backen der weltbekannten Rosa-Waffeln entstehen Temperaturen von mehreren hundert Grad Celsius. Diese Abwärme, die früher ungenutzt über Kamine in die Atmosphäre entwich, wird nun systematisch gesammelt und ins lokale Fernwärmenetz eingespeist. Ein ausgeklügeltes Rohrsystem fängt die heiße Abluft der Waffelöfen ein und transportiert sie über Ventilatoren aufs Dach der Fabrik. Dort erhitzt die warme Luft Wasser, das die Wärmeenergie aufnimmt und diese über das Fernwärmenetz direkt zu den Haushalten weiterleitet.

Die Fernwärme bezeichnet ein Heizsystem, bei dem Wärme zentral erzeugt und über ein Leitungssystem an verschiedene Gebäude verteilt wird. Im Gegensatz zu individuellen Heizanlagen in jedem Haushalt wird die Wärme an einem zentralen Ort produziert und durch isolierte Rohrleitungen zu den Verbrauchern transportiert. Dieses System bietet mehrere Vorteile: Es ist effizienter als einzelne Heizsysteme, reduziert Emissionen durch zentrale Filteranlagen und ermöglicht die Nutzung verschiedener Energiequellen, einschließlich erneuerbarer und Abwärmequellen. In Wien versorgt das Fernwärmenetz bereits 44 Prozent aller Wohnungen, was etwa 479.000 Haushalten entspricht.

Ein Megawatt Leistung aus dem Waffelofen

Mit einer Leistung von einem Megawatt deckt die Manner-Abwärme den kompletten Wärmebedarf von 600 durchschnittlichen Wiener Haushalten ab. Das entspricht einer jährlichen Energiemenge, die normalerweise mehrere tausend Kubikmeter Erdgas benötigen würde. "Die Schnitten-Heizung ist die süßeste Wärmeversorgung Wiens", betont Ulli Sima, die zuständige Stadträtin für die Wiener Stadtwerke. "Manner ist eines der bekanntesten Wiener Unternehmen, das seine Wärme direkt in das Wiener Fernwärmenetz einspeist."

Die Bedeutung solcher Projekte geht weit über die reine Wärmeversorgung hinaus. Sie sind ein wesentlicher Baustein der "Raus-Aus-Gas-Gesamtstrategie" der Stadt Wien, die bis 2040 die komplette Klimaneutralität der Hauptstadt zum Ziel hat. Diese Strategie umfasst die schrittweise Ablöse fossiler Brennstoffe durch erneuerbare Energiequellen und die intelligente Nutzung bisher ungenutzter Energiepotenziale.

Abwärme-Pioniere in der österreichischen Energiewende

Das Manner-Projekt war bei seinem Start 2016 wegweisend für die österreichische Energielandschaft. Abwärme bezeichnet die bei industriellen oder gewerblichen Prozessen entstehende überschüssige Wärmeenergie, die traditionell als "Abfallprodukt" ungenutzt in die Umgebung abgegeben wird. Diese Energie systematisch zu erfassen und für Heizzwecke zu nutzen, stellt einen wichtigen Schritt zur Steigerung der Energieeffizienz dar. In Österreich fallen jährlich mehrere Terawattstunden an ungenutzter Abwärme an, die theoretisch Millionen von Haushalten beheizen könnte.

Vergleichbare Projekte entstehen mittlerweile in ganz Österreich: In Salzburg nutzt die Brauerei Stiegl ihre Brauereiabwärme, in Oberösterreich speist die voestalpine Abwärme aus der Stahlproduktion ins Fernwärmenetz ein. Auch in Deutschland und der Schweiz setzen immer mehr Kommunen auf industrielle Abwärmenutzung. Hamburg beispielsweise nutzt Abwärme aus einem Kupferwerk, Basel die Wärme einer Abfallverbrennungsanlage.

Wien als Vorreiter der urbanen Wärmewende

Wien nimmt bei der Nutzung unterschiedlicher Abwärmequellen eine internationale Spitzenposition ein. Neben der Manner-Schnitten-Heizung speisen weitere innovative Projekte Wärme ins Netz ein: Die Therme Wien versorgt mit ihrer Thermalwasser-Abwärme 1.900 Haushalte, die Großwärmepumpe bei der EBS-Kläranlage heizt sogar 56.000 Haushalte. Das Digital Realty Rechenzentrum nutzt seine Serverabwärme zur Beheizung der Klinik Floridsdorf. Diese Vielfalt der Wärmequellen macht Wien weniger abhängig von einzelnen Energieträgern und erhöht die Versorgungssicherheit erheblich.

"Schon vor 10 Jahren haben wir gemeinsam mit Manner gezeigt, wie wir vorhandene Abwärme effizient für die Wienerinnen und Wiener nutzen können", erklärt Alma Kahler, Geschäftsführerin von Wien Energie. "Die Wiener Fernwärme wird mit innovativen Lösungen schrittweise unabhängiger von fossilen Energieträgern wie Erdgas."

Manner: Tradition trifft Innovation

Für das 1890 gegründete Unternehmen Manner war die Kooperation mit Wien Energie Teil einer umfassenden Modernisierungsstrategie. Zwischen 2012 und 2016 investierte der Schnittenfabrikant insgesamt 40 Millionen Euro in die Erneuerung und den Ausbau seines Stammsitzes im 17. Wiener Gemeindebezirk Hernals. Die Investitionen umfassten nicht nur neue Produktionsanlagen, sondern auch energieeffiziente Technologien und eben die Abwärmenutzung.

"Seit über 135 Jahren steht Manner für Süßwarenqualität und Wiener Tradition", betont Manner-CEO Dieter Messner. "Die Investitionen in den Ausbau und die Modernisierung unseres Stammsitzes in Hernals sind ein klares Bekenntnis zur regionalen Produktion in Wien." Diese Strategie ist bemerkenswert, da viele internationale Lebensmittelkonzerne ihre Produktion in kostengünstigere Länder verlagern.

Doppelnutzung der Abwärme maximiert Effizienz

Besonders intelligent ist die zweifache Nutzung der Abwärme bei Manner: Ein Teil der Wärmeenergie wird direkt im Werk genutzt, wo aus der Wärme über Absorptionskältemaschinen Kälte für betriebliche Kühlzwecke erzeugt wird. Diese Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung ist ein hocheffizientes Verfahren, bei dem aus einem Energiestrom mehrere nutzbare Formen entstehen. Dadurch steigt der Wirkungsgrad der ursprünglich eingesetzten Energie erheblich an, während der CO2-Ausstoß pro produzierter Einheit sinkt.

Die Manner-Fabrik in Hernals beherbergt einen der weltweit größten Waffelbacköfen, der täglich Millionen der charakteristischen Rosa-Schnitten produziert. Die dabei entstehende Wärmemenge ist beträchtlich: Sie entspricht etwa dem Energieinhalt von mehreren hundert Litern Heizöl pro Tag, die nun sinnvoll genutzt statt verschwendet werden.

Politische Unterstützung für nachhaltige Energieprojekte

Die "Schnitten-Heizung" erhält auch politische Anerkennung über Parteigrenzen hinweg. NEOS-Klubobfrau Selma Arapović gratulierte zum zehnjährigen Jubiläum und hob die Vorreiterrolle Wiens hervor: "Die Schnitten-Heizung zeigt, wie gut Wiener Tradition und Innovation zusammenpassen. Was hier seit Generationen entsteht, wird heute doppelt genutzt: zuerst für beste Waffeln für die ganze Welt, dann für saubere Wärme in der Nachbarschaft."

Josef Taucher, Vorsitzender des Unterausschusses Wiener Stadtwerke, sieht in dem Projekt ein Vorbild für andere Wiener Betriebe: "Wien soll bis 2040 klimaneutral sein, dafür braucht es einen engen Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft. Nur gemeinsam können wir die Transformation – raus aus Gas, hin zu einer nachhaltigen, klimaneutralen und unabhängigen Energieversorgung – erfolgreich stemmen."

Fernwärme-Ausbau als Schlüssel zur Klimaneutralität

Die Wiener Fernwärme spielt eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung der Stadt. Derzeit versorgt das 1.350 Kilometer lange Leitungsnetz 44 Prozent aller Wiener Wohnungen mit Wärme. Bis 2040 soll dieser Anteil auf 56 Prozent steigen, was zusätzliche hunderttausende Haushalte umfasst. Diese Expansion erfordert massive Investitionen sowohl in die Infrastruktur als auch in neue Wärmequellen.

Die Geschichte der Wiener Fernwärme reicht bis 1964 zurück, als erstmals Wohnungen mit zentral erzeugter Wärme versorgt wurden. Damals ging auch am Flötzersteig die erste Müllverbrennungsanlage in Regelbetrieb – ein früher Schritt zur Nutzung alternativer Energiequellen. Seitdem entwickelte sich Wien zu einem der größten Fernwärmenetze Europas.

Tiefengeothermie als größter Hoffnungsträger

Das größte Zukunftspotenzial für die Wiener Wärmeversorgung liegt in der Tiefengeothermie. Dabei wird die natürliche Erdwärme aus Tiefen von 3.000 Metern und mehr genutzt. In diesen Tiefen herrschen Temperaturen von über 100 Grad Celsius, die durch das Bohren von Tiefbrunnen erschlossen werden können. Wien Energie errichtet gemeinsam mit der OMV derzeit die erste Anlage in der Seestadt Aspern, die ab 2028 20.000 Haushalte mit Erdwärme versorgen soll.

Bis 2040 planen Wien Energie und OMV bis zu sieben solcher Tiefengeothermie-Anlagen, die zusammen 200.000 Wiener Haushalte versorgen könnten. Diese Technologie bietet den Vorteil einer praktisch unerschöpflichen und wetterunabhängigen Energiequelle direkt unter der Stadt. Andere europäische Städte wie München, Straßburg oder Reykjavik nutzen Geothermie bereits erfolgreich für ihre Fernwärmeversorgung.

Großwärmepumpen als weitere Säule der Energiewende

Großwärmepumpen stellen eine weitere wichtige Technologie für die Wärmewende dar. Diese Anlagen funktionieren nach dem gleichen Prinzip wie Haushalts-Wärmepumpen, aber in viel größerem Maßstab. Sie entziehen der Umgebung – meist Grund-, Ober- oder Abwasser – Wärme und "pumpen" diese auf ein höheres Temperaturniveau. Wien Energie betreibt bereits drei solcher Großanlagen: bei der Spittelau (16.000 Haushalte), im Kraftwerk Simmering (25.000 Haushalte) und bei der Kläranlage ebswien (56.000 Haushalte).

Zusammengerechnet können diese drei Großwärmepumpen 97.000 Wiener Haushalte mit Wärme versorgen – das entspricht fast einem Zehntel aller Wiener Wohnungen. Der Vorteil von Wärmepumpen liegt in ihrer hohen Effizienz: Sie können aus einer Einheit elektrischer Energie drei bis vier Einheiten Wärmeenergie erzeugen. Wenn der verwendete Strom aus erneuerbaren Quellen stammt, arbeiten sie praktisch CO2-neutral.

Herausforderungen und Chancen für österreichische Unternehmen

Das Manner-Beispiel zeigt, welche Möglichkeiten sich für österreichische Industriebetriebe ergeben. Viele Produktionsprozesse erzeugen Abwärme, die bisher ungenutzt verpufft. Eine systematische Erfassung und Nutzung könnte nicht nur Energiekosten sparen, sondern auch neue Einnahmequellen erschließen. Unternehmen können ihre Abwärme an Energieversorger verkaufen oder bei größeren Mengen sogar eigene Nahwärmenetze für Gewerbeparks oder Wohnsiedlungen aufbauen.

Gleichzeitig verbessern solche Projekte die Umweltbilanz der Betriebe erheblich. In Zeiten strenger werdender EU-Klimavorgaben und steigender CO2-Preise kann die effiziente Energienutzung zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden. Zudem steigt das Bewusstsein der Konsumenten für nachhaltig produzierende Unternehmen kontinuierlich.

Auswirkungen auf die Haushalte

Für die 600 mit Manner-Wärme versorgten Haushalte in Ottakring und Hernals bedeutet die Schnitten-Heizung konkret: Sie müssen sich keine Gedanken über Gaspreisschwankungen machen, haben eine zuverlässige Wärmeversorgung und leisten einen Beitrag zum Klimaschutz. Die Fernwärmepreise sind in Wien reguliert und entwickeln sich stabiler als die volatilen Gaspreise am Weltmarkt.

Ein durchschnittlicher Wiener Haushalt benötigt jährlich etwa 15.000 bis 20.000 Kilowattstunden für Heizung und Warmwasser. Würde diese Energie durch Erdgas bereitgestellt, entstünden dabei rund vier Tonnen CO2 pro Jahr. Durch die Nutzung der Manner-Abwärme werden diese Emissionen komplett vermieden – bei 600 Haushalten ergibt das eine jährliche CO2-Einsparung von etwa 2.400 Tonnen.

Internationale Vorbildwirkung und Zukunftsperspektiven

Das Wiener Modell der industriellen Abwärmenutzung findet internationale Beachtung. Delegationen aus anderen europäischen Städten besuchen regelmäßig Wien, um sich über die verschiedenen Fernwärme-Konzepte zu informieren. Besonders interessant ist die Kombination verschiedener Wärmequellen: von der kleinen Manner-Anlage über Großwärmepumpen bis hin zur geplanten Tiefengeothermie.

In den kommenden Jahren wird die Bedeutung solcher Projekte weiter steigen. Die EU hat mit dem European Green Deal ehrgeizige Klimaziele gesetzt, die nur durch innovative Energielösungen erreichbar sind. Städte wie Wien, die früh auf diversifizierte und erneuerbare Wärmequellen gesetzt haben, werden dabei im Vorteil sein.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob weitere Wiener Unternehmen dem Manner-Beispiel folgen. Potenzial gibt es reichlich: Von Brauereien über Bäckereien bis hin zu Industriebetrieben – viele Produktionsstätten in Wien könnten ihre Abwärme sinnvoll nutzen. Wien Energie steht bereit, solche Kooperationen zu unterstützen und das Fernwärmenetz entsprechend zu erweitern.

Die "Schnitten-Heizung" mag auf den ersten Blick wie eine kleine, fast kuriose Randnotiz der Energiewende erscheinen. Tatsächlich aber steht sie für einen fundamentalen Wandel im Umgang mit Energie: Weg von der linearen Verschwendung, hin zur zirkulären Mehrfachnutzung. In einer Zeit, in der jede eingesparte Tonne CO2 zählt, zeigt die süße Wärme aus Hernals, dass auch scheinbar kleine Beiträge in der Summe Großes bewirken können.

Weitere Meldungen

OTS
Abwärme Fernwärme

Schnitten-Heizung feiert zehnten Geburtstag in Wien

8. März 2026
Lesen
OTS
Außenministerium

1.400 Österreicher aus Nahost-Krisengebiet evakuiert

8. März 2026
Lesen
OTS
Österreich

Wien: Zehn Religionen vereinen sich für historische Friedenserklärung

8. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen