Die österreichische Gesundheitspolitik steht vor einem Wendepunkt. Bei der PRAEVENIRE-Jahrespressekonferenz 2026 in Wien haben führende Experten aus Medizin, Sozialversicherung und Wissenschaft ein...
Die österreichische Gesundheitspolitik steht vor einem Wendepunkt. Bei der PRAEVENIRE-Jahrespressekonferenz 2026 in Wien haben führende Experten aus Medizin, Sozialversicherung und Wissenschaft ein deutliches Signal gesendet: Das fragmentierte System muss endlich ganzheitlich reformiert werden. Die Zeit der Einzelmaßnahmen ist vorbei – jetzt braucht es den großen Wurf.
PRAEVENIRE-Präsident Dr. Hans Jörg Schelling eröffnete die Veranstaltung mit dem Appell, die Gesundheitsreform ganzheitlich anzugehen und nicht länger isolierte Einzelmaßnahmen zu diskutieren. „Es ist positiv, dass das Thema Gesundheitsreform endlich auf politischer Ebene angekommen ist. Aber wir dürfen uns nicht in einzelnen Mosaiksteinen verlieren – wir müssen das große Ganze in Angriff nehmen“, so Schelling. Fortschritte sieht er etwa bei Impfprogrammen, der Etablierung von Kinder- und Jugendgesundheitszentren sowie bei der gestiegenen politischen Aufmerksamkeit für Digitalisierung und Telemedizin. Gleichzeitig kritisierte er strukturelle Defizite, insbesondere fehlende einheitliche digitale Systeme, mangelnde Datenverfügbarkeit und eine unzureichende Abstimmung zwischen den Versorgungsbereichen. „Der Patient unterscheidet nicht zwischen intra- und extramuraler Versorgung – wir brauchen eine gemeinsame Planung, eine Finanzierung aus einem Topf und klare Patientenpfade“, betonte Schelling. Auch die Prävention müsse deutlich ausgebaut werden: „Mehr gesunde Lebensjahre sind der Schlüssel zur Entlastung des Systems.“
Bundesministerin Korinna Schumann unterstrich die Reformbemühungen der Bundesregierung und bekannte sich klar zu einem solidarischen Gesundheitssystem: „Unser Ziel ist ein modernes Gesundheitssystem, das allen Menschen unabhängig von Einkommen und Lebenssituation zugutekommt. Dafür setzen wir auf den Ausbau der Primärversorgung, eine Stärkung der Pflege, mehr Prävention und eine sozial gerechte Weiterentwicklung unseres Systems.“ Sie verwies auf laufende Reformpartnerschaften, Maßnahmen zur Absicherung vulnerabler Gruppen sowie auf die geplante Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen.
Die Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger, Mag. Claudia Neumayer-Stickler, hob die Sozialversicherung als tragende Säule gesellschaftlicher Sicherheit hervor und sprach sich für ihre konsequente Stärkung aus. „Die Sozialversicherung ist mehr als Verwaltung – sie ist ein Versprechen auf Sicherheit und Zusammenhalt. Für die Zukunft braucht es eine starke, solidarisch finanzierte Sozialversicherung, mehr Prävention, den Ausbau der Primärversorgung und eine Digitalisierung, die allen zugutekommt – aber keine Leistungskürzungen“, stellte sie klar. Zugleich verwies sie auf Herausforderungen wie die langfristige Finanzierbarkeit, den steigenden Bedarf in der Pflege und die Notwendigkeit, Prävention auch im Arbeitsumfeld stärker zu verankern.
Einen besonderen Schwerpunkt legte die Konferenz auf geschlechtsspezifische Gesundheitsaspekte. Ao. Univ. Prof. Dr. Petra Kohlberger forderte mehr Transparenz und Qualitätskontrolle, insbesondere bei ästhetischen Eingriffen: „Ein nationales Qualitätsregister für ästhetische Behandlungen ist notwendig, um Patientinnensicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig müssen wir Frauen stärken, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen.“
Prof. DDr. Shahrokh F. Shariat sprach sich für ein organisiertes, risikoadaptiertes Prostatakrebs-Screening aus und verwies auf die mögliche Wirksamkeit eines solchen Programms im Vergleich zum derzeit opportunistischen System. Er betonte, dass ein strukturiertes Programm gezielt jene Männer ansprechen könnte, die am meisten profitieren, und forderte dafür politischen Willen.
Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour verwies auf die hohe Krankheitslast von Lungenerkrankungen in Österreich und forderte rasches politisches Handeln. „Lungenerkrankungen zählen zu den häufigsten und zugleich am meisten unterschätzten Gesundheitsproblemen in Österreich. Viele Erkrankungen werden zu spät diagnostiziert, gleichzeitig werden geschlechterspezifische Unterschiede – etwa bei COPD, Asthma oder Lungenkrebs – noch zu wenig berücksichtigt. Wir brauchen daher eine konsequente Präventionsstrategie mit strengerer Tabakpolitik, besserer Luftqualität, einer stärkeren Regulierung von E‑Zigaretten und einem Ausbau der Früherkennung, etwa durch Low‑Dose‑CT‑Screening und bessere Lungenfunktionsdiagnostik in der Primärversorgung. Wer früher erkennt und gezielter handelt, rettet Leben und entlastet langfristig auch das Gesundheitssystem.“
Dr. Georg Psota verwies auf die wachsende Bedeutung psychischer Gesundheit und die Notwendigkeit, insbesondere junge Menschen stärker in den Fokus zu rücken. „Wir müssen Social Media für Gesundheitsaufklärung nutzen und gezielt Angebote für Kinder, Jugendliche sowie rund um Schwangerschaft und frühe Kindheit ausbauen – auf Basis valider Daten und mit Blick auf die demografische Entwicklung“, so Psota.
Dr. Lisa Leutgeb stellte die Tagesmedizin als wichtigen Hebel für mehr Effizienz im System dar: „Tagesmedizin ermöglicht eine gleichbleibend hohe Qualität bei gleichzeitig effizienterer Nutzung knapper Ressourcen und entlastet die Spitäler nachhaltig.“
Die Rolle der Arbeitsmedizin müsse deutlich gestärkt werden, betonte Dr. Eva Höltl. „Wir müssen die Kompetenzen der Arbeitsmedizin erweitern und Menschen direkt am Arbeitsplatz erreichen. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen ist das ein entscheidender Beitrag zur Gesundheitsversorgung.“
Für eine lebensbegleitende Vorsorge im Bereich Hörgesundheit sprach sich Dr. Harald Schlögel aus: „Ein kontinuierliches Hörscreening ab der Geburt und die Enttabuisierung von Hörgeräten sind zentrale Maßnahmen für mehr Lebensqualität.“
Abschließend unterstrich Sebastian Hochreiter die Bedeutung von Innovation und Zukunftsperspektiven: „Österreich muss Innovationen in Medizin und Medizintechnik stärker selbst entwickeln und zugleich junge Perspektiven in gesundheitspolitische Entscheidungen einbinden.“
Die PRAEVENIRE Jahrespressekonferenz 2026 formuliert damit einen klaren Handlungsauftrag: Die Analysen liegen vor, die Lösungsansätze sind evidenzbasiert ausgearbeitet. Nun ist die Politik gefordert, diese konsequent aufzugreifen und die strukturellen Weichen für ein nachhaltiges, leistungsfähiges und gerechtes Gesundheitssystem zu stellen.