ORF-Dokumentation zum Weltfrauentag zeigt eindrucksvolle Lebensgeschichten
Eine bewegende Doku über albanische Frauen, die Männerrollen übernehmen, um patriarchale Strukturen zu umgehen und selbstbestimmt zu leben.
Eine außergewöhnliche Dokumentation zum Weltfrauentag wirft am 1. März 2026 einen eindringlichen Blick auf ein faszinierendes Phänomen: In den Bergen Nordalbaniens leben Frauen, die sich bewusst dafür entschieden haben, als Männer zu leben. Der ORF zeigt um 23:05 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON die Premiere von "Wenn Frauen Männer werden müssen – Burrneshas in Albanien".
Die sogenannten "Burrneshas" – ein Begriff, der auf Albanisch "Burschen" bedeutet – sind Frauen, die in einer streng patriarchalen Gesellschaft eine Männerrolle übernehmen. Diese Tradition existiert seit Jahrhunderten auf dem Balkan und ermöglicht es Frauen, in einer von Männern dominierten Welt zu bestehen. Der Preis dafür ist jedoch hoch: Sie verzichten auf Ehe, Sexualität und die Möglichkeit, Kinder zu bekommen.
Die Regisseurinnen Kristine Nrecaj und Birthe Templin haben sechs dieser außergewöhnlichen Frauen über einen längeren Zeitraum begleitet und dabei bewegende Einblicke in deren Alltag gewonnen. Ihre Geschichten zeigen, dass die Entscheidung, als Mann zu leben, verschiedene Motivationen haben kann – von der Flucht vor Zwangsehen bis hin zur wirtschaftlichen Notwendigkeit, die Familie zu unterstützen.
Die Beweggründe der Burrneshas sind so vielfältig wie ihre Persönlichkeiten selbst. Manche wählten diesen Lebensweg, um arrangierten Ehen zu entkommen, andere sahen darin die einzige Möglichkeit, ihre Familien wirtschaftlich zu unterstützen. Wieder andere strebten schlicht nach einem selbstbestimmten Leben, das in ihrer traditionellen Gesellschaft Frauen normalerweise verwehrt bleibt.
Was alle verbindet, ist der Mut, gesellschaftliche Normen zu durchbrechen und dabei einen hohen persönlichen Preis zu zahlen. Die Dokumentation zeigt auf sensible Weise, wie diese Frauen täglich zwischen Anpassung und Selbstbehauptung navigieren müssen. Ihre Identität wird nicht nur als innere Überzeugung gelebt, sondern als komplexe soziale Konstruktion verhandelt.
Das Leben der Burrneshas folgt strengen Regeln. Kleidung, Gesten und Verhalten müssen männlichen Standards entsprechen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Diese Anerkennung ist jedoch an Bedingungen geknüpft – wer die Regeln bricht, riskiert den sozialen Status zu verlieren. Der Film zeigt diese Gratwanderung ohne zu urteilen und lässt die Protagonistinnen selbst zu Wort kommen.
Was einst eine soziale Notwendigkeit war, hat sich heute zu einem stillen Akt des Widerstandes entwickelt. Die Burrneshas von heute kämpfen gegen tief verwurzelte Ungleichheit und patriarchale Strukturen. Ihre Existenz macht deutlich, dass weibliche Lebenswelten in vielen Teilen der Welt nach wie vor weniger Wertschätzung erfahren und die Freiheit von Frauen oft an Bedingungen geknüpft ist.
Die Dokumentation entstand als vielschichtiges Porträt, das zeigt, wie eng die Lebenswege dieser Frauen mit gesellschaftlichen Erwartungen, familiären Verpflichtungen und traditionellen Ehrvorstellungen verwoben sind. In ruhigen, beobachtenden Bildern entwickelt sich ein authentisches Bild von Menschen, die täglich den Kraftakt vollbringen, Geschlechtergrenzen zu durchbrechen.
Obwohl die Geschichte der Burrneshas spezifisch für die albanischen Bergregionen ist, transportiert der Film eine universelle Botschaft. Er thematisiert grundlegende Fragen nach Identität, Selbstbestimmung und dem Kampf um Gleichberechtigung. Die Geschichten dieser Frauen resonieren weit über die Grenzen Albaniens hinaus und regen zum Nachdenken über Geschlechterrollen und gesellschaftliche Strukturen an.
Die Dokumentation macht auch sichtbar, dass Freiheit oft mit Verzicht verbunden ist. Die Burrneshas haben zwar die Möglichkeit erhalten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, mussten dafür aber andere Aspekte des Frauseins aufgeben. Diese Ambivalenz macht den Film zu mehr als nur einem ethnographischen Porträt – er wird zu einer Reflexion über die Bedingungen weiblicher Emanzipation.
Die Stärke der Dokumentation liegt in ihrer sensiblen Herangehensweise. Anstatt die Burrneshas als Kuriosität zu präsentieren, behandelt der Film sie als komplexe Individuen mit eigenen Geschichten und Motivationen. Die Kamera beobachtet respektvoll und gibt den Protagonistinnen Raum, ihre Erfahrungen in eigenen Worten zu schildern.
Die Ausstrahlung der Dokumentation zum Weltfrauentag ist kein Zufall. Sie fügt sich in den ORF-Schwerpunkt ein, der verschiedene Aspekte weiblicher Lebenserfahrungen beleuchtet. Die Geschichte der Burrneshas zeigt auf eindringliche Weise, wie komplex und vielschichtig der Kampf um Geschlechtergerechtigkeit sein kann.
In einer Zeit, in der Debatten über Geschlechteridentität und -rollen weltweit geführt werden, bietet die Dokumentation eine wichtige Perspektive. Sie zeigt, dass die Frage nach Identität und gesellschaftlicher Anerkennung nicht nur theoretisch, sondern existenziell relevant ist. Die Burrneshas haben Jahrhunderte vor aktuellen Gender-Debatten praktische Lösungen für gesellschaftliche Zwänge gefunden.
"Wenn Frauen Männer werden müssen – Burrneshas in Albanien" ist mehr als nur eine Dokumentation über eine kulturelle Besonderheit. Der Film regt dazu an, über universelle Fragen von Identität, Freiheit und gesellschaftlichen Strukturen nachzudenken. Er zeigt, dass der Kampf um Gleichberechtigung viele Gesichter hat und manchmal unkonventionelle Wege erfordert.
Die Geschichten der sechs Protagonistinnen bleiben dabei im Gedächtnis – als Zeugnisse von Mut, Entschlossenheit und dem menschlichen Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Ihre Lebenswege machen deutlich, dass Emanzipation nicht immer einfach ist und oft schwierige Entscheidungen erfordert.
Für österreichische Zuschauer bietet die Dokumentation die Gelegenheit, über den eigenen kulturellen Tellerrand zu blicken und gleichzeitig universelle Themen zu reflektieren. Sie erinnert daran, dass der Kampf um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung in verschiedenen Formen und an verschiedenen Orten der Welt geführt wird.