Mangel an Kinderbetreuung ab zwölf Monaten verstärkt finanzielle Abhängigkeit
Nur 66 von 313 oberösterreichischen Gemeinden bieten Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr an. Das zwingt Mütter in Teilzeit.
Der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Elternzeit gestaltet sich für viele Frauen in Österreich nach wie vor schwierig. Eine aktuelle Sonderauswertung des Kinderbetreuungsatlas 2025 der Arbeiterkammer Oberösterreich zeigt alarmierende Zahlen: Nur 66 von insgesamt 313 Gemeinden in Oberösterreich bieten Betreuungsplätze bereits ab dem zwölften Lebensmonat an. Diese Betreuungslücke hat weitreichende Konsequenzen für die berufliche Zukunft und finanzielle Unabhängigkeit von Frauen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während nur ein Fünftel der oberösterreichischen Gemeinden Betreuung ab dem ersten Lebensjahr anbietet, nehmen 152 Gemeinden – fast die Hälfte aller Gemeinden – Kinder erst ab dem 18. Lebensmonat in ihre Einrichtungen auf. Diese Diskrepanz zwischen dem Ende der Elternzeit und dem verfügbaren Betreuungsangebot stellt insbesondere jene Eltern vor große Herausforderungen, die sich für die einkommensabhängige Variante des Kinderbetreuungsgeldes entschieden haben.
"Wenn Frauen wegen Betreuungspflichten den Arbeitsmarkt verlassen und nicht rechtzeitig zurückkehren können, gehen Arbeitskräfte verloren und die Ungleichheiten verschärfen sich", erklärt AK-Präsident Andreas Stangl die Problematik. Diese Aussage verdeutlicht nicht nur die individuellen, sondern auch die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der mangelnden Kinderbetreuung.
Die Konsequenzen der unzureichenden Kinderbetreuung sind bereits heute deutlich messbar: Mehr als die Hälfte aller Frauen in Österreich – genau 57,1 Prozent – arbeitet in Teilzeit, hauptsächlich um Familie und Beruf vereinbaren zu können. Diese scheinbare Lösung entpuppt sich jedoch als Teufelskreis mit langfristigen negativen Auswirkungen.
Teilzeitbeschäftigung führt zusammen mit längeren Karenzzeiten zu erheblichen finanziellen Nachteilen. Frauen verdienen nicht nur während ihrer Teilzeittätigkeit weniger, sondern leiden auch unter dem sogenannten "Karriere-Knick" – einem langfristigen Verlust an Aufstiegsmöglichkeiten. Diese Einkommensverluste setzen sich bis zur Pension fort und verstärken die bereits bestehende Altersarmut bei Frauen.
Die mangelnde Kinderbetreuung verstärkt die finanzielle Abhängigkeit von Frauen erheblich. Wer länger aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet, riskiert nicht nur den Anschluss an die berufliche Entwicklung zu verlieren, sondern auch eine schlechtere Altersvorsorge aufzubauen. Diese strukturellen Benachteiligungen wirken sich nicht nur auf die betroffenen Frauen aus, sondern haben auch volkswirtschaftliche Konsequenzen.
Qualifizierte Arbeitskräfte gehen dem Arbeitsmarkt verloren, während gleichzeitig die Geschlechterungleichheit perpetuiert wird. In Zeiten des Fachkräftemangels kann sich die österreichische Wirtschaft diesen Verlust an gut ausgebildeten Frauen eigentlich nicht leisten.
Neben der reinen Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen stellen auch unflexible Öffnungszeiten ein erhebliches Hindernis dar. Viele Kinderbetreuungseinrichtungen sind nicht auf die Bedürfnisse berufstätiger Eltern ausgerichtet. Kurze Öffnungszeiten, lange Schließzeiten während der Schulferien oder fehlende Betreuung an Randzeiten zwingen Eltern – meist Mütter – dazu, ihre Arbeitszeit entsprechend anzupassen.
Diese Inflexibilität des Betreuungssystems steht im krassen Gegensatz zu den Anforderungen der modernen Arbeitswelt, die zunehmend Flexibilität und Vollzeitengagement erwartet. Frauen befinden sich somit in einem strukturellen Dilemma zwischen den Anforderungen des Arbeitsmarktes und den Möglichkeiten der Kinderbetreuung.
Angesichts dieser Problematik fordert die Arbeiterkammer Oberösterreich konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation. Im Zentrum der Forderungen stehen zwei wesentliche Punkte:
Erstens soll ein zweites verpflichtendes und kostenloses Kindergartenjahr für alle Kinder eingeführt werden. Diese Maßnahme würde nicht nur die Betreuungssituation verbessern, sondern auch die frühkindliche Bildung stärken und soziale Ungleichheiten reduzieren.
Zweitens fordert die AK einen Rechtsanspruch auf einen qualitätsvollen Betreuungsplatz ab dem zweiten Lebensjahr bis zur achten Schulstufe. Ein solcher Rechtsanspruch würde Planungssicherheit für Familien schaffen und den Wiedereinstieg in das Berufsleben erheblich erleichtern.
Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass andere Länder bereits erfolgreich Lösungen für diese Problematik gefunden haben. Skandinavische Länder wie Schweden oder Norwegen verfügen über gut ausgebaute und bezahlbare Kinderbetreuungssysteme, die eine hohe Erwerbsquote von Frauen ermöglichen. Auch Frankreich hat mit seinem umfassenden Betreuungsangebot bewiesen, dass eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich ist.
Diese internationalen Beispiele zeigen, dass Investitionen in die Kinderbetreuung nicht nur sozial gerecht sind, sondern sich auch volkswirtschaftlich auszahlen. Eine höhere Erwerbsquote von Frauen führt zu höheren Steuereinnahmen, geringeren Sozialausgaben und einer stärkeren Wirtschaftsleistung.
Die Verbesserung der Kinderbetreuung ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein wirtschaftlicher Imperativ. Studien zeigen, dass jeder Euro, der in die frühkindliche Betreuung investiert wird, mehrfach an die Gesellschaft zurückfließt. Höhere Erwerbsquoten von Frauen, bessere Bildungschancen für Kinder und geringere Sozialkosten sind nur einige der positiven Effekte.
Darüber hinaus würde eine bessere Kinderbetreuung dem akuten Fachkräftemangel entgegenwirken. Viele gut ausgebildete Frauen könnten wieder oder verstärkt in den Arbeitsmarkt einsteigen und damit zur Lösung eines der drängendsten wirtschaftlichen Probleme Österreichs beitragen.
Die Verbesserung der Kinderbetreuung ist ein entscheidender Baustein auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Solange Frauen aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten ihre Berufstätigkeit einschränken müssen, wird sich an der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit wenig ändern.
Eine flächendeckende, qualitätsvolle und leistbare Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr würde nicht nur Frauen mehr Wahlfreiheit geben, sondern auch Vätern ermöglichen, sich stärker in die Kinderbetreuung einzubringen. Dies würde zu einer gerechteren Verteilung der Familien- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern führen.
Die Zahlen aus Oberösterreich sind ein Alarmsignal für ganz Österreich. Der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen für unter Dreijährige und die unflexiblen Öffnungszeiten stellen nicht nur ein individuelles Problem dar, sondern haben gesellschaftliche und wirtschaftliche Dimensionen. Die Politik ist gefordert, rasch und umfassend zu handeln.
Ohne eine deutliche Verbesserung der Kinderbetreuungssituation wird Österreich weiterhin auf das Potenzial gut ausgebildeter Frauen verzichten müssen. In Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels kann sich das Land diesen Luxus nicht leisten. Die Investition in eine bessere Kinderbetreuung ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der wirtschaftlichen Vernunft.