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Asbest-Skandal erreicht Niederösterreich: Gefährliche Fasern in Krumbach und Kirchschlag entdeckt

24. März 2026 um 05:18
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Die Asbestbelastung aus dem burgenländischen Steinbruch Pilgersdorf hat nun auch Niederösterreich erreicht. Neue Untersuchungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace zeigen erschreckende Ergebnis

Die Asbestbelastung aus dem burgenländischen Steinbruch Pilgersdorf hat nun auch Niederösterreich erreicht. Neue Untersuchungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace zeigen erschreckende Ergebnisse: In Krumbach und Kirchschlag in der Buckligen Welt sowie in Wiener Neustadt wurden hohe Konzentrationen des krebserregenden Minerals nachgewiesen. Die Laboranalysen offenbaren Asbestgehalte von bis zu 20 Prozent in Materialproben und bis zu 170 Fasern pro Quadratzentimeter in Staubproben – Werte, die eine akute Gesundheitsgefährdung darstellen.

Was ist Asbest und warum ist es so gefährlich?

Asbest ist ein natürlich vorkommendes Silikatmineral, das aus extrem feinen, nadelförmigen Fasern besteht. Diese Fasern sind so winzig, dass sie mit bloßem Auge nicht sichtbar sind – ein Haar ist etwa 1.200 Mal dicker als eine Asbestfaser. Die große Gefahr liegt in der Unvergänglichkeit dieser Fasern: Einmal eingeatmet, können sie jahrzehntelang in der Lunge verbleiben und dort schwerwiegende Erkrankungen verursachen. Dazu zählen Asbestose (eine Vernarbung der Lunge), Lungenkrebs und das besonders aggressive Mesotheliom, ein Krebs des Rippenfells. Die Erkrankungen treten oft erst 20 bis 40 Jahre nach der Exposition auf, was die Gefahr besonders heimtückisch macht. In Österreich ist die Verwendung von Asbest seit 1990 verboten, doch Altlasten bereiten weiterhin massive Probleme.

Alarmierende Messwerte in niederösterreichischen Gemeinden

Die von Greenpeace durchgeführten Laboruntersuchungen nach strengen wissenschaftlichen Vorgaben brachten beunruhigende Resultate zutage. In Krumbach und Kirchschlag wurden sowohl Materialproben als auch Staubabdruckproben entnommen und von einem spezialisierten Labor analysiert. Alle vier Materialproben enthielten zwischen fünf und 20 Prozent Asbest – ein Wert, der weit über dem liegt, was als unbedenklich gilt. Besonders alarmierend sind die Staubproben: Zwei der vier Proben wiesen bis zu 170 Fasern pro Quadratzentimeter auf, was eindeutig belegt, dass sich eine beträchtliche Menge an Asbestfasern in der Luft befunden hat.

Der dramatischste Fall wurde in Kirchschlag dokumentiert: Das sandige Füllmaterial der örtlichen Boccia-Bahn enthielt bis zu 20 Prozent Asbest. Diese Freizeitanlage, die von Bürgern jeden Alters genutzt wird, stellte eine akute Gesundheitsgefährdung dar. Der örtliche Bürgermeister reagierte nach der Benachrichtigung durch Greenpeace umgehend und verfügte die sofortige Schließung der Anlage. Zusätzlich kündigte er Maßnahmen bezüglich des ebenfalls belasteten Straßenbanketts in seiner Gemeinde an.

Wirtschaftliche Folgen für Unternehmen

Auch die Wirtschaft ist massiv betroffen: Ein mittelständisches Unternehmen im niederösterreichischen Industrieviertel muss nun große Mengen verunreinigten Schotters auf eigene Kosten entsorgen. Die Sanierungsmaßnahmen wurden sofort eingeleitet, doch der bereits entstandene finanzielle Schaden ist nach Greenpeace-Angaben enorm. Solche Fälle zeigen, dass der Asbest-Skandal nicht nur gesundheitliche, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen hat.

Der Ursprung: Steinbruch Pilgersdorf im Burgenland

Das kontaminierte Material stammt höchstwahrscheinlich aus dem mittlerweile gesperrten Steinbruch Pilgersdorf im Burgenland. Dieser wird von der Firma Zöchling betrieben und steht im Eigentum der Fürst Esterházy'schen Privatstiftung Lockenhaus. Das dort abgebaute Material ist extrem brüchig und feinfaserig – bereits bei geringsten Belastungen gelangen Asbestfasern in die Luft und können eingeatmet werden.

Besonders problematisch ist die historische Entwicklung: Die burgenländische Landesregierung hatte im Landesamtsblatt 2014 die Erweiterung des Steinbruchs und die Genehmigung des Abbaus des Gesteins „(Chrysotil-Lizardit-)Serpentinits" verlautbart. Bei Chrysotil handelt es sich um krebserregenden Weißasbest – eine Tatsache, die den Behörden bekannt war. Diese Genehmigung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Gefährlichkeit von Asbest längst wissenschaftlich belegt und der Umgang damit streng reguliert war.

Österreichweite Dimension des Skandals

Niederösterreich ist nicht das erste Bundesland, das von der Asbestbelastung aus dem Burgenland betroffen ist. Bereits zuvor wurden massive Asbestfunde im Burgenland selbst und in der Steiermark dokumentiert. Die aktuelle Untersuchung zeigt, dass sich das Problem über Bundesländergrenzen hinweg ausgebreitet hat. Stefan Stadler, wissenschaftlicher Experte bei Greenpeace Österreich, warnt: „Spätestens jetzt ist klar: Auch Niederösterreich wurde nachweislich Opfer des burgenländischen Asbest-Skandals – mit allen potenziellen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Die uns vorliegenden Laborergebnisse sind nur die Spitze des Eisbergs."

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zeigt sich, dass Österreich mit diesem Problem nicht alleine steht. In Deutschland wurden ähnliche Fälle von Asbestbelastung durch kontaminierte Baustoffe dokumentiert, wobei dort bereits umfassende Sanierungsprogramme etabliert wurden. Die Schweiz hat ebenfalls strenge Kontrollen und Sanierungsvorschriften für Asbestfunde eingeführt. Diese internationalen Erfahrungen zeigen, dass schnelles und entschlossenes Handeln entscheidend ist, um weitere Gesundheitsschäden zu verhindern.

Gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung

Die Asbestbelastung in Niederösterreich hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung. Besonders gefährdet sind Menschen, die sich regelmäßig in den kontaminierten Bereichen aufhalten. Dazu zählen Anwohner, Spaziergänger, Sportler und Kinder, die in den betroffenen Bereichen spielen. Die Boccia-Bahn in Kirchschlag war beispielsweise ein beliebter Treffpunkt für Senioren, die dort regelmäßig Sport trieben und dabei unwissentlich krebserregende Fasern einatmeten.

Medizinische Experten warnen, dass selbst kurze Expositionen gegenüber Asbestfasern gesundheitliche Folgen haben können. Da die Erkrankungen oft erst Jahrzehnte später auftreten, ist die wahre Dimension des Gesundheitsschadens noch nicht absehbar. Betroffene Personen sollten sich an ihren Hausarzt wenden und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen durchführen lassen. Eine frühzeitige Erkennung von Asbesterkrankungen kann die Behandlungsmöglichkeiten verbessern.

Rechtliche Konsequenzen und Verantwortlichkeiten

Die aktuellen Funde werfen auch rechtliche Fragen auf. Wer ist verantwortlich für die Verbreitung des asbesthaltigen Materials? Können Geschädigte Schadenersatz fordern? Die Fürst Esterházy'sche Privatstiftung als Eigentümerin des Steinbruchs und die Firma Zöchling als Betreiberin stehen im Fokus. Auch die burgenländische Landesregierung, die 2014 die Erweiterung des Steinbruchs genehmigte, obwohl die Asbestproblematik bekannt war, könnte zur Verantwortung gezogen werden.

Rechtsexperten erwarten eine Welle von Klagen betroffener Gemeinden, Unternehmen und Privatpersonen. Die Sanierungskosten allein gehen bereits in die Millionenhöhe, hinzu kommen mögliche Gesundheitsschäden und deren Folgekosten. Das österreichische Rechtssystem sieht bei Umweltschäden eine strenge Haftung vor, die auch fahrlässiges Verhalten einschließt.

Greenpeace-Aktionsplan: Sofortmaßnahmen gefordert

Greenpeace hat einen detaillierten Asbest-Aktionsplan entwickelt, der umgehende Maßnahmen zur Bewältigung der Krise vorsieht. Der Plan umfasst mehrere Säulen: Erstens eine landesweite Kartierung aller potenziell betroffenen Gebiete, zweitens die sofortige Sperrung kontaminierter Bereiche, drittens professionelle Sanierungsmaßnahmen nach strengen Sicherheitsstandards und viertens ein Gesundheitsmonitoring für betroffene Personen.

Stefan Stadler betont die Dringlichkeit: „Der niederösterreichischen Landesregierung raten wir dringend, so rasch wie möglich die Situation in Niederösterreich umfassend zu prüfen und an betroffenen Orten Sofortmaßnahmen nach dem von Greenpeace erstellten Asbest-Aktionsplan einzuleiten." Der Plan sieht auch vor, dass alle Sanierungsarbeiten nur von zertifizierten Spezialfirmen durchgeführt werden dürfen, um eine weitere Freisetzung von Asbestfasern zu verhindern.

Politische Reaktionen und Forderungen

Die niederösterreichische Landesregierung steht nun unter Zugzwang. Umweltschutzorganisationen und Oppositionsparteien fordern eine umfassende Untersuchung aller potenziell betroffenen Gebiete im Bundesland. Es wird erwartet, dass in den kommenden Tagen weitere Details über das Ausmaß der Kontamination bekannt werden.

Die politischen Forderungen gehen über Niederösterreich hinaus: Es wird eine bundesweite Strategie zur Bewältigung von Asbestaltlasten gefordert. Österreich hinkt in diesem Bereich anderen EU-Ländern hinterher, die bereits umfassende Programme zur Sanierung von Asbestbelastungen etabliert haben. Ein nationales Asbestkataster, wie es in den Niederlanden existiert, könnte helfen, weitere Fälle frühzeitig zu erkennen.

Präventionsmaßnahmen für die Zukunft

Der aktuelle Skandal zeigt deutlich, dass das bestehende System der Überwachung und Kontrolle versagt hat. Experten fordern strengere Kontrollen bei der Vergabe von Abbaugenehmigungen und eine regelmäßige Überprüfung bestehender Steinbrüche auf Schadstoffbelastungen. Zudem sollten alle Baustoffe vor ihrer Verwendung auf Asbestgehalt getestet werden.

Für Privatpersonen gilt: Bei Renovierungsarbeiten an Gebäuden, die vor 1990 errichtet wurden, sollte grundsätzlich eine Asbestuntersuchung durchgeführt werden. Auch bei der Gartengestaltung mit Schotter oder Sand ist Vorsicht geboten – das Material sollte nur von vertrauenswürdigen Händlern bezogen werden, die entsprechende Unbedenklichkeitsbescheinigungen vorlegen können.

Internationale Vergleiche und Best Practices

Ein Blick über die Grenzen zeigt, wie andere Länder mit der Asbestproblematik umgehen. Die Niederlande haben ein nationales Asbestkataster entwickelt, das alle bekannten Asbest-Standorte erfasst und regelmäßig aktualisiert wird. Deutschland hat ein umfassendes Sanierungsprogramm aufgelegt, das sowohl private als auch öffentliche Gebäude umfasst. Frankreich wiederum hat strenge Meldepflichten für Asbestfunde eingeführt und unterstützt Betroffene bei Sanierungsmaßnahmen finanziell.

Diese internationalen Erfahrungen zeigen, dass eine erfolgreiche Bewältigung der Asbestproblematik nur durch koordinierte Anstrengungen aller beteiligten Akteure möglich ist. Österreich könnte von diesen Best Practices lernen und ein eigenes, an die nationalen Gegebenheiten angepasstes Programm entwickeln.

Zukunftsperspektive: Langfristige Sanierung notwendig

Die Bewältigung des Asbest-Skandals wird Jahre dauern und erhebliche finanzielle Mittel erfordern. Experten schätzen, dass allein in Niederösterreich Sanierungskosten im zweistelligen Millionenbereich entstehen könnten. Die Kosten werden sich auf verschiedene Akteure verteilen: Verursacher, öffentliche Hand und in manchen Fällen auch Betroffene selbst.

Langfristig ist eine Neuorganisation der Aufsichts- und Kontrollstrukturen notwendig. Es braucht schärfere Gesetze, bessere Kontrollen und härtere Strafen für Verstöße. Nur so kann verhindert werden, dass sich ähnliche Skandale in Zukunft wiederholen. Die Gesundheit der Bevölkerung muss oberste Priorität haben – auch wenn dies mit erheblichen Kosten verbunden ist.

Die aktuellen Funde in Niederösterreich sind ein Weckruf für ganz Österreich. Sie zeigen, dass Umweltschutz und Gesundheitsvorsorge nicht vernachlässigt werden dürfen und dass schnelles Handeln erforderlich ist, um weitere Schäden zu verhindern. Die Verantwortlichen sind nun gefordert, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und ein wirksames System zum Schutz der Bevölkerung zu etablieren. Nur so kann das Vertrauen der Bürger in die Fähigkeit des Staates, sie vor Gesundheitsgefahren zu schützen, wiederhergestellt werden.

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