Ausgleichstaxfonds unter Druck - Besonders junge Menschen betroffen
Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen ist um 13,9% gestiegen - dreimal stärker als im Gesamtdurchschnitt. Der Ausgleichstaxfonds steht vor Finanzierungsproblemen.
Die Zahlen sind alarmierend: Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen ist im Jänner 2026 um 13,9 Prozent gestiegen - das ist 3,6-mal stärker als im Gesamtdurchschnitt aller Arbeitssuchenden. Insgesamt waren 17.130 Menschen mit Behinderungen arbeitslos gemeldet, das sind über 2.000 mehr als im Vorjahr. Diese Entwicklung zeigt, dass Österreich bei der beruflichen Inklusion von Menschen mit Behinderungen vor großen Herausforderungen steht.
Besonders dramatisch ist die Situation für junge Menschen mit Behinderungen. Laut Statistik Austria gibt jede vierte Person mit Behinderung zwischen 15 und 24 Jahren an, weder in Ausbildung noch in Beschäftigung zu sein. Diese Zahlen verdeutlichen, dass bereits der Übergang von der Schule ins Berufsleben für viele junge Menschen mit Behinderungen eine nahezu unüberwindbare Hürde darstellt.
"Diese Entwicklung ist nicht nur aus sozialpolitischer Sicht problematisch, sondern auch volkswirtschaftlich bedenklich", erklärt der Verein Witaf, der seit 1865 im Dienste gehörloser Menschen tätig ist. "Wenn ein Viertel der jungen Menschen mit Behinderungen keine Perspektive am Arbeitsmarkt hat, verschenkt die Gesellschaft enormes Potenzial."
Unter den Menschen mit Behinderungen sind gehörlose Menschen in besonderem Maß von strukturellen Hürden betroffen. In Österreich leben schätzungsweise 8.000 bis 10.000 gehörlose Menschen, die in Österreichischer Gebärdensprache barrierefrei kommunizieren. Diese Zahlen basieren auf Angaben des Österreichischen Gehörlosenbunds (ÖGLB), der Mikrozensus-Erhebung der Statistik Austria sowie des BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben.
Für gehörlose Menschen sind fehlende barrierefreie Informationen, Kommunikationsbarrieren und strukturelle Benachteiligungen die Haupthindernisse beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele Arbeitgeber sind unsicher im Umgang mit gehörlosen Mitarbeiter:innen und wissen nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt.
Der Ausgleichstaxfonds (ATF) steht als zentrales Finanzierungsinstrument der beruflichen Inklusion vor erheblichen strukturellen Herausforderungen. Über diesen Fonds werden österreichweit mehr als 210 NEBA-Projekte (Netzwerk Berufliche Assistenz) sowie ergänzende Angebote des Sozialministeriumservice finanziert.
Die Dimensionen sind beeindruckend: Rund 2.800 Fachkräfte begleiten in diesem Rahmen jährlich etwa 110.000 Teilnehmer:innen auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit. Der wachsende Unterstützungsbedarf übersteigt jedoch zunehmend die verfügbaren Einnahmen des Fonds - eine Entwicklung, die die Finanzierung der wichtigen Inklusionsmaßnahmen gefährdet.
Der Ausgleichstaxfonds finanziert sich hauptsächlich durch die Ausgleichstaxe, die Unternehmen zahlen müssen, wenn sie nicht die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl von Menschen mit Behinderungen beschäftigen. In Österreich sind Betriebe ab 25 Mitarbeiter:innen verpflichtet, auf je 25 Arbeitsplätze eine Person mit Behinderung zu beschäftigen. Tun sie das nicht, müssen sie für jeden nicht besetzten Pflichtplatz monatlich Ausgleichstaxe zahlen.
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen belegen aktuelle Zahlen die hohe Wirksamkeit der über den Ausgleichstaxfonds finanzierten Maßnahmen. Im Zeitraum von 1. Jänner bis 31. August 2025 führten 86 Prozent der durch Arbeitsassistenz begleiteten Vermittlungen zu einer Beschäftigungsaufnahme am ersten Arbeitsmarkt. 85 Prozent der unterstützten Arbeitsverhältnisse konnten nachhaltig gesichert werden.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Effektivität der eingesetzten Mittel sowie die professionelle Arbeit der beteiligten Fachkräfte. Sie zeigen auch, dass Menschen mit Behinderungen bei entsprechender Unterstützung durchaus erfolgreich am Arbeitsmarkt teilhaben können.
Ein wichtiges Angebot für gehörlose und schwerhörige Menschen sind die NEBA-Projekte des Vereins Witaf. Die Mitarbeiter:innen unterstützen bei allen Fragen rund um Arbeit und Ausbildung - von der Jobsuche über die Begleitung zu Terminen beim AMS bis hin zu Einschulung, Arbeitsplatzadaptierung und arbeitsrechtlicher Beratung.
"Für viele gehörlose Menschen ist dieses Angebot der entscheidende Schlüssel zu Ausbildung, Beschäftigung und beruflicher Stabilität", erklären die Fachkräfte von Witaf. Die Beratung erfolgt in Österreichischer Gebärdensprache, wodurch echte Barrierefreiheit in der Kommunikation gewährleistet wird.
Die Unterstützung durch spezialisierte Arbeitsassistenz umfasst verschiedene Bereiche:
Mit der Ratifikation der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich Österreich völkerrechtlich verpflichtet, Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen und entsprechende Unterstützungsleistungen bereitzustellen. Diese Konvention ist nicht nur eine politische Absichtserklärung, sondern rechtlich bindend.
Für gehörlose Menschen bedeutet dies insbesondere den Anspruch auf barrierefreie Kommunikation in Österreichischer Gebärdensprache, zugängliche Informationen, geeignete technische Hilfsmittel sowie individuell angepasste arbeitsmarktpolitische Maßnahmen.
Die durch den Ausgleichstaxfonds finanzierten Instrumente - darunter spezialisierte Arbeitsassistenz, Jobcoaching, technische Arbeitsassistenz und Beratung in Gebärdensprache - leisten zur Umsetzung dieser völkerrechtlichen Verpflichtungen einen wesentlichen Beitrag. Sie tragen dazu bei, strukturelle Kommunikationsbarrieren abzubauen und die rechtlichen Verpflichtungen Österreichs in der Praxis wirksam umzusetzen.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass trotz bestehender Unterstützungsstrukturen noch erheblicher Handlungsbedarf besteht. Die steigenden Arbeitslosenzahlen bei Menschen mit Behinderungen deuten darauf hin, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um den wachsenden Herausforderungen gerecht zu werden.
Experten sehen mehrere Ansatzpunkte für Verbesserungen:
Dabei darf nicht übersehen werden, dass die berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderungen nicht nur eine gesellschaftliche Verpflichtung, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Studien zeigen, dass Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen, von deren Motivation, Loyalität und besonderen Fähigkeiten profitieren.
Die hohen Erfolgsquoten der Arbeitsassistenz-Programme belegen zudem, dass die Investition in entsprechende Unterstützungsmaßnahmen nachhaltige positive Effekte hat - sowohl für die betroffenen Menschen als auch für die Gesellschaft insgesamt.
Die aktuellen Zahlen zur Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderungen sind ein Weckruf. Sie zeigen, dass Österreich bei der Umsetzung einer inklusiven Arbeitswelt noch einen weiten Weg vor sich hat. Gleichzeitig beweisen die Erfolge der bestehenden Programme, dass dieser Weg durchaus erfolgreich beschritten werden kann - wenn die entsprechenden Ressourcen und der politische Wille vorhanden sind.