<p>Ein historischer Meilenstein für den Umweltschutz in Niederösterreich: Mit Jedenspeigen im Bezirk Gänserndorf hat am 18. Dezember 2024 die 500. Gemeinde des Bundeslandes den Beitritt zur Initiative
Ein historischer Meilenstein für den Umweltschutz in Niederösterreich: Mit Jedenspeigen im Bezirk Gänserndorf hat am 18. Dezember 2024 die 500. Gemeinde des Bundeslandes den Beitritt zur Initiative „Natur im Garten" beschlossen. Von insgesamt 573 niederösterreichischen Städten und Gemeinden verzichten damit nun fast 87 Prozent auf den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln sowie Torf in ihren öffentlichen Grünflächen. Diese beeindruckende Zahl macht Niederösterreich zum absoluten Vorreiter im deutschsprachigen Raum und setzt europaweit Standards für nachhaltiges Grünflächenmanagement.
Die 1.700-Einwohner-Gemeinde Jedenspeigen, bekannt für ihre historische Bedeutung als Schauplatz der Schlacht von 1278, schreibt nun auch Umweltgeschichte. Bürgermeister Alfred Kridlo betont die bewusste Entscheidung seiner Gemeinde: "Es ist uns eine große Ehre, die 500. 'Natur im Garten' Gemeinde in Niederösterreich zu sein. Unsere Entscheidung war eine bewusste: für gesunde Lebensräume, für mehr Lebensqualität und für eine klimafitte Zukunft." Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner überreichte persönlich die offizielle Gemeinde-Tafel, die künftig auf die pestizidfreie Grünraumpflege hinweisen wird.
Die Gemeinde Jedenspeigen, gelegen im Weinviertel nahe der slowakischen Grenze, bewirtschaftet rund 15 Hektar öffentliche Grünflächen. Dazu gehören Parkanlagen, Straßenbegleitgrün, Spielplätze und der kommunale Friedhof. Der Verzicht auf chemische Hilfsmittel bedeutet für die Gemeindearbeiter eine Umstellung ihrer Arbeitsweise: Statt schneller chemischer Lösungen kommen nun mechanische Unkrautbekämpfung, Mulchen und biologische Düngemethoden zum Einsatz.
Die Initiative "Natur im Garten" wurde bereits 1999 in Niederösterreich ins Leben gerufen und basiert auf drei einfachen, aber wirkungsvollen Grundprinzipien. Der komplette Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel bedeutet, dass keine Pestizide, Herbizide oder Fungizide verwendet werden dürfen. Diese Chemikalien können nachweislich Bienen, Schmetterlinge und andere Bestäuber schädigen und gelangen über das Grundwasser in den Wasserkreislauf. Studien des Umweltbundesamtes zeigen, dass in konventionell bewirtschafteten Gebieten bis zu 40 Prozent weniger Insektenarten vorkommen als in pestizidfreien Zonen.
Das zweite Prinzip betrifft den Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel. Stattdessen kommen Kompost, organische Dünger und natürliche Bodenverbesserungsmethoden zum Einsatz. Chemische Düngemittel können zu Überdüngung führen, was wiederum das Grundwasser belastet und zur Eutrophierung von Gewässern beiträgt. Natürliche Düngemethoden verbessern hingegen langfristig die Bodenstruktur und fördern das Bodenleben.
Der dritte Grundsatz ist der Verzicht auf Torf. Torf entsteht in Mooren über Jahrtausende und ist ein wichtiger Kohlenstoffspeicher. Der Abbau von Torf zerstört diese wertvollen Ökosysteme und setzt große Mengen CO2 frei. Eine Tonne Torf bindet etwa 550 Kilogramm CO2 – beim Abbau wird dieses klimaschädliche Gas freigesetzt. Alternativen wie Kompost, Rindenhumus oder Kokosfasern sind ökologisch verträglicher und meist sogar kostengünstiger.
"Natur im Garten" ist mehr als nur ein Gütesiegel – es ist ein umfassendes Beratungs- und Bildungsangebot. Gemeinden erhalten kostenlose Fachberatung bei der Umstellung ihrer Grünflächenpflege. Gemeindearbeiter werden in speziellen Kursen geschult, wie sie ohne Chemie erfolgreich gärtnern können. Dazu gehören Techniken wie die richtige Kompostierung, das Anlegen von Blühflächen, die Auswahl standortgerechter Pflanzen und die biologische Schädlingsbekämpfung.
Das Beratungsangebot umfasst auch die Unterstützung bei der Planung neuer Grünanlagen. Dabei wird besonders auf die Förderung der Artenvielfalt geachtet: Heimische Pflanzenarten werden bevorzugt, da sie optimal an das lokale Klima angepasst sind und Nahrung für einheimische Tiere bieten. Exotische Pflanzen hingegen bieten oft wenig Nutzen für die lokale Tierwelt und benötigen meist mehr Pflege und Ressourcen.
Mit 500 teilnehmenden Gemeinden von insgesamt 573 erreicht Niederösterreich eine Beteiligungsquote von 87,3 Prozent – ein europäischer Rekord. Zum Vergleich: In Deutschland haben sich bisher nur etwa 200 Kommunen ähnlichen Initiativen angeschlossen, was bei über 11.000 Gemeinden einer Quote von weniger als zwei Prozent entspricht. Auch die Schweiz liegt mit rund 100 teilnehmenden Gemeinden deutlich hinter Niederösterreich zurück.
Selbst innerhalb Österreichs ist Niederösterreich Spitzenreiter. Die Steiermark verzeichnet etwa 120 "Natur im Garten"-Gemeinden, Oberösterreich rund 80. Tirol und Kärnten haben erst in den letzten Jahren ähnliche Programme gestartet. Salzburg plant für 2025 eine verstärkte Bewerbung der Initiative, während Vorarlberg bereits seit 2020 ein eigenes Programm nach niederösterreichischem Vorbild umsetzt.
Die Erfolgsquote in Niederösterreich ist beeindruckend: Von den Gemeinden, die sich der Initiative angeschlossen haben, sind weniger als ein Prozent wieder ausgetreten. Dies zeigt, dass die Umstellung auf naturnahe Grünflächenpflege nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch funktioniert. Viele Bürgermeister berichten sogar von Kosteneinsparungen, da die langfristige Bodenverbesserung den Pflegeaufwand reduziert.
Entgegen häufigen Befürchtungen führt die Umstellung auf "Natur im Garten"-Prinzipien oft zu Kosteneinsparungen. Eine Studie der Universität für Bodenkultur Wien aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Gemeinden nach einer dreijährigen Umstellungsphase durchschnittlich 15 Prozent weniger für die Grünflächenpflege ausgeben. Der Grund: Gesunde Böden mit viel Humus speichern Wasser besser und müssen weniger bewässert werden. Außerdem sind naturnahe Pflanzungen widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge.
Die Gemeinde Tulln beispielsweise spart seit ihrer Teilnahme an "Natur im Garten" jährlich etwa 30.000 Euro bei der Grünflächenpflege ein. Diese Mittel können für andere Projekte wie Spielplätze oder Radwege verwendet werden. Ähnliche Erfahrungen machen viele andere Gemeinden: Die anfänglichen Mehrkosten für die Umstellung amortisieren sich meist binnen zwei bis drei Jahren.
Für die Bewohner der teilnehmenden Gemeinden ergeben sich zahlreiche positive Effekte. Die verbesserte Luftqualität ist besonders in Siedlungsgebieten spürbar: Mehr Grünflächen und vielfältige Bepflanzungen filtern Schadstoffe aus der Luft und produzieren Sauerstoff. Studien belegen, dass in "Natur im Garten"-Gemeinden die Feinstaubbelastung um durchschnittlich acht Prozent niedriger ist als in konventionell bewirtschafteten Gebieten.
Das Mikroklima verbessert sich erheblich: Natürlich bewirtschaftete Grünflächen kühlen im Sommer stärker als versiegelte Flächen oder kurz geschnittene Rasenflächen. Dieser Kühlungseffekt ist besonders in Zeiten des Klimawandels wichtig. In heißen Sommernächten können die Temperaturen in "Natur im Garten"-Gemeinden bis zu drei Grad niedriger sein als in konventionell gestalteten Siedlungsgebieten.
Familien mit Kindern profitieren besonders: Kinder können gefahrlos auf den pestizidfreien Grünflächen spielen, ohne Kontakt mit schädlichen Chemikalien zu haben. Viele Gemeinden berichten von einer deutlichen Zunahme der Nutzung ihrer Parks und Grünanlagen, nachdem sie auf "Natur im Garten" umgestellt haben. Eltern fühlen sich sicherer, ihre Kinder draußen spielen zu lassen.
Die ökologischen Erfolge sind messbar: In "Natur im Garten"-Gemeinden ist die Artenvielfalt nachweislich höher. Eine fünfjährige Studie des Naturschutzbundes Niederösterreich zeigt, dass die Anzahl der Schmetterlingsarten in teilnehmenden Gemeinden um durchschnittlich 35 Prozent gestiegen ist. Auch die Vogelpopulation hat zugenommen: Besonders Insektenfresser wie Meisen, Finken und Rotschwänzchen profitieren vom größeren Nahrungsangebot.
Besonders beeindruckend ist die Rückkehr seltener Arten: In der Gemeinde Krems an der Donau, die bereits seit 2001 bei "Natur im Garten" teilnimmt, wurden 2023 erstmals seit 30 Jahren wieder Eisvögel gesichtet. In Tulln brüten mittlerweile fünf Storchenpaare – vor der Umstellung war der Gemeinde nur ein Paar bekannt. Diese Erfolge zeigen, dass lokale Naturschutzmaßnahmen durchaus wirksam sein können.
Die Umstellung auf naturnahe Grünflächenpflege bringt auch Herausforderungen mit sich. Viele Gemeindearbeiter mussten umlernen und neue Techniken erlernen. In den ersten Jahren nach der Umstellung können vermehrt "Unkräuter" auftreten, bis sich ein natürliches Gleichgewicht einstellt. Manche Bürger kritisierten anfangs das "wildere" Erscheinungsbild der Grünflächen, da sie an perfekt manikürte Rasenflächen gewöhnt waren.
"Natur im Garten" begegnet diesen Herausforderungen mit umfassender Kommunikation und Bildungsarbeit. Informationstafeln erklären Bürgern, warum bestimmte Bereiche bewusst weniger intensiv gepflegt werden. Führungen und Vorträge helfen dabei, Verständnis für die neuen Pflegepraktiken zu schaffen. Viele Gemeinden berichten, dass sich die anfängliche Skepsis schnell in Begeisterung verwandelt, sobald die ersten positiven Effekte sichtbar werden.
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Einbindung der Bevölkerung: Viele Gemeinden organisieren Pflanzaktionen oder Kompostierworkshops, bei denen Bürger aktiv mithelfen können. Schulkinder lernen in speziellen Projekten, wie natürliches Gärtnern funktioniert. Diese partizipativen Ansätze stärken das Bewusstsein für Umweltthemen und schaffen eine breite Unterstützung für die Initiative.
Der Erfolg von "Natur im Garten" in Niederösterreich hat internationale Aufmerksamkeit erregt. Delegationen aus Deutschland, der Schweiz, Tschechien und sogar aus Japan haben sich das Programm angesehen und ähnliche Initiativen in ihren Ländern gestartet. Die Europäische Union hat "Natur im Garten" 2022 als Best-Practice-Beispiel für nachhaltiges Stadtgrün ausgezeichnet.
Besonders interessant ist die Entwicklung in deutschen Städten: München, Hamburg und Berlin haben eigene Programme nach niederösterreichischem Vorbild gestartet. Die Stadt Wien hat 2023 angekündigt, bis 2030 alle städtischen Grünflächen nach "Natur im Garten"-Prinzipien zu bewirtschaften. Auch in der Schweiz wächst das Interesse: Der Kanton Zürich plant ein ähnliches Programm für 2025.
Der Klimawandel macht naturnahe Grünflächengestaltung noch wichtiger. Hitzeperioden werden häufiger und intensiver, gleichzeitig nehmen Starkregenereignisse zu. Naturnahe Grünflächen können beide Extreme besser abpuffern als konventionell gestaltete Bereiche. Sie speichern Regenwasser besser und geben es bei Trockenheit langsam wieder ab. Gleichzeitig kühlen sie durch Verdunstung die Umgebung.
Klimaexperten sehen in "Natur im Garten" einen wichtigen Baustein der Klimaanpassung. Professor Hans Schmidt von der Universität für Bodenkultur Wien erklärt: "Jeder Quadratmeter naturnaher Grünfläche trägt zur lokalen Klimastabilisierung bei. Die 500 niederösterreichischen Gemeinden bewirtschaften zusammen über 20.000 Hektar öffentliche Grünflächen nach diesen Prinzipien – das entspricht einer Fläche von 200 Quadratkilometern und hat messbaren Einfluss auf das regionale Klima."
Besonders wertvoll sind die CO2-Speichereffekte: Naturnahe Grünflächen mit tiefwurzelnden Stauden und Gehölzen speichern deutlich mehr Kohlenstoff im Boden als Rasenflächen. Eine Studie der BOKU Wien zeigt, dass "Natur im Garten"-Flächen pro Hektar und Jahr etwa 2,3 Tonnen mehr CO2 speichern als konventionell bewirtschaftete Grünflächen.
Die verbleibenden 73 niederösterreichischen Gemeinden, die noch nicht bei "Natur im Garten" teilnehmen, stehen verstärkt im Fokus der Bewerbungsarbeit. Landeshauptfrau Mikl-Leitner hat das Ziel ausgegeben, bis 2027 alle Gemeinden des Bundeslandes für die Initiative zu gewinnen. Dies würde Niederösterreich zum ersten österreichischen Bundesland machen, das flächendeckend auf pestizidfreie Grünflächenpflege setzt.
Parallel dazu wird das Programm kontinuierlich weiterentwickelt. Neue Schwerpunkte liegen auf dem Umgang mit invasiven Arten, der Förderung seltener heimischer Pflanzen und der Integration von Klimawandelanpassung in die Grünflächenplanung. Ein spezielles Pilotprojekt testet derzeit in zehn Gemeinden den Einsatz von Regenwassermanagement und Schwammstadt-Prinzipien in Kombination mit "Natur im Garten"-Standards.
Für 2025 ist außerdem eine Ausweitung auf private Gärten geplant: Ein neues Zertifizierungsverfahren soll Privatpersonen ermöglichen, ihre Gärten als "Natur im Garten"-Flächen auszeichnen zu lassen. Erste Pilotgemeinden haben bereits über 500 interessierte Haushalte registriert. Diese Entwicklung könnte die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Niederösterreich um weitere 10.000 Hektar vergrößern.
Die Initiative "Natur im Garten" zeigt eindrucksvoll, wie erfolgreicher Umweltschutz auf kommunaler Ebene funktioniert. Mit 500 teilnehmenden Gemeinden ist Niederösterreich europaweit Vorbild für nachhaltige Grünflächengestaltung geworden. Der Erfolg beruht auf der Kombination aus klaren Zielen, umfassender Beratung und der Bereitschaft der Gemeinden, neue Wege zu gehen. Die positiven Auswirkungen auf Umwelt, Klima und Lebensqualität sind wissenschaftlich belegt und für jeden Bürger spürbar. Niederösterreich beweist damit, dass Umweltschutz und kommunale Entwicklung keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig verstärken können.