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Wiener Landtag: Schwere Vorwürfe gegen Kinder- und Jugendhilfe

24. März 2026 um 13:47
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Heftige Kritik an der Wiener Kinder- und Jugendhilfe, systemische Probleme in der Magistratsabteilung 35 und Verzögerungen bei der Mindestsicherung: Der 46. Bericht der Volksanwaltschaft sorgte am ...

Heftige Kritik an der Wiener Kinder- und Jugendhilfe, systemische Probleme in der Magistratsabteilung 35 und Verzögerungen bei der Mindestsicherung: Der 46. Bericht der Volksanwaltschaft sorgte am Donnerstag im Wiener Landtag für kontroverse Diskussionen. Alle Oppositionsparteien warfen der rot-pinken Stadtregierung vor, seit Jahren bekannte Missstände nicht ausreichend anzugehen. Besonders die Situation von Kindern in städtischen Obhut steht dabei im Fokus scharfer Kritik.

Dramatische Zustände in der Wiener Kinder- und Jugendhilfe

Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) gerät erneut massiv unter Beschuss. Sabine Keri von der ÖVP zeichnete ein erschütterndes Bild der aktuellen Situation: "Wien hat überdurchschnittlich viele Fremdunterbringungen – etwa doppelt so viele wie Oberösterreich", kritisierte die Landtagsabgeordnete. Besonders alarmierend sei der "eklatante Mangel" an stationären Plätzen. Während derzeit nur rund 1.870 Plätze zur Verfügung stehen, liegt der tatsächliche Bedarf deutlich höher.

Die Volksanwaltschaft ist eine unabhängige Kontrolleinrichtung, die Beschwerden von Bürgern gegen die Verwaltung prüft und jährlich über ihre Erkenntnisse berichtet. Sie fungiert als wichtige Kontrollinstanz für die öffentliche Verwaltung und kann bei Missständen Empfehlungen aussprechen. Im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe führte sie im vergangenen Jahr 94 Kontrollbesuche durch – ein deutliches Zeichen für die Problemdichte in diesem sensiblen Bereich.

Besonders kritisch sieht Keri die Überschreitung der vorgesehenen Aufenthaltsdauer in Krisenzentren. Diese Einrichtungen sind eigentlich nur für kurze Übergangszeiten von maximal sechs Wochen konzipiert. In der Realität bleiben Kinder jedoch oft mehrere Monate bis hin zu einem ganzen Jahr dort. "Diese Einrichtungen werden zunehmend als Dauerlösung genutzt", beklagte die ÖVP-Politikerin. Die dauerhafte Überbelegung verschärft die Problematik zusätzlich: Teilweise werden bis zu 14 Kinder statt der vorgesehenen acht betreut.

Systemisches Versagen oder temporäre Schwierigkeiten?

Ursula Berner von den Grünen ging noch einen Schritt weiter und sprach von einem "systemischen Versagen", das in der Verantwortung der zuständigen NEOS-Stadträtin Bettina Emmerling liege. Die durchschnittliche Auslastung der Krisenzentren von rund 120 Prozent sei sowohl für Kinder als auch für das Personal unzumutbar. "Diese Einrichtungen sind nicht dafür gedacht, Kinder langfristig unterzubringen", betonte Berner. Mangels Alternativen würden sie jedoch de facto zu "Wartestationen".

Die Kinder- und Jugendhilfe umfasst alle Maßnahmen zur Unterstützung von Familien, Kindern und Jugendlichen. Dazu gehören präventive Angebote, Beratung, aber auch der Schutz von Kindern vor Gewalt und Vernachlässigung. Wenn Kinder nicht mehr in ihrer Familie bleiben können, werden sie in Pflegefamilien oder Einrichtungen untergebracht. Diese Fremdunterbringung ist immer das letzte Mittel und soll das Kindeswohl sicherstellen. Die hohe Zahl der Fremdunterbringungen in Wien im Vergleich zu anderen Bundesländern wirft Fragen über die präventiven Maßnahmen und die Qualität der Familienarbeit auf.

Die Grünen fordern daher einen verbindlichen Ausbauplan für Betreuungsplätze mit klaren Zielen und öffentlicher Berichtspflicht. Zudem brauche es langfristige Investitionen in spezialisierte Angebote, insbesondere in kleineren Gruppen und gezielt für Mädchen. Ein unabhängiges Monitoring in Zusammenarbeit mit der Volksanwaltschaft soll die Entwicklungen kontinuierlich überwachen.

Mindestsicherung: Lange Wartezeiten und hohe Rückforderungen

Auch im Bereich der Mindestsicherung ortete FPÖ-Mandatar Harald Stark erhebliche Defizite. Die langen Verfahrensdauern seien inakzeptabel, wobei die Stadt diese mit unvollständigen Anträgen begründe. Stark hinterfragte diese Darstellung: "Anträge werden üblicherweise erst bei vollständigen Unterlagen eingebracht."

Die Mindestsicherung ist eine bedarfsorientierte Sozialleistung, die Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen soll, wenn sie ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten können. Sie wurde 2010 österreichweit eingeführt und ersetzte die frühere Sozialhilfe. Die Leistung umfasst sowohl Geldleistungen für den Lebensunterhalt als auch Unterstützung bei Wohnkosten und besonderen Bedürfnissen wie Krankheit oder Behinderung. Das System soll Menschen in schwierigen Lebenssituationen auffangen und ihnen helfen, wieder auf eigene Füße zu kommen.

Besonders problematisch sieht Stark die "kostenintensive Auszahlung" per Postanweisung. Er forderte stattdessen die Einführung einer Sachleistungskarte und betonte, Mindestsicherung müsse "eine vorübergehende Unterstützung bleiben und kein Dauereinkommen". Die jährlichen Rückforderungen von rund 48 Millionen Euro zeigten aus seiner Sicht, dass das System reformbedürftig sei. Seine Fraktion kündigt einen Antrag an, die Auszahlungssysteme zu überprüfen und keine Vorauszahlungen bei Unklarheiten mehr zu leisten.

Pflegeassistenz: Niedrige Stundensätze als Problem

In der Pflegeassistenz sieht Stark ebenfalls Verbesserungsbedarf. Wien zahle niedrigere Stundensätze als andere Bundesländer und lehne gleichzeitig Bundesmodelle mit höheren Sätzen ab. Dies führe zu "problematischen Zuständen" und erschwere die Versorgung pflegebedürftiger Menschen.

Die Pflegeassistenz ist ein wichtiger Baustein der häuslichen Pflege und unterstützt Menschen dabei, trotz Einschränkungen in ihrem gewohnten Umfeld leben zu können. Pflegeassistenten helfen bei alltäglichen Verrichtungen wie Körperpflege, Anziehen oder Haushaltstätigkeiten. Die Finanzierung erfolgt über verschiedene Modelle, wobei die Stundensätze zwischen den Bundesländern variieren können. Niedrige Vergütungen können dazu führen, dass qualifiziertes Personal abwandert oder die Dienste für Betroffene nicht leistbar sind.

MA 35: Integrationsbremse oder überlastete Behörde?

Scharfe Kritik hagelte es auch für die Magistratsabteilung 35, die für Einwanderung und Staatsbürgerschaft zuständig ist. Jaafar Bambouk von den Grünen zeichnete ein "grauenhaftes" Bild der aktuellen Situation und stellte provokant die Frage, ob in diesem Bereich "Schwarz-Blau" regiere.

Die MA 35 ist die Wiener Magistratsabteilung für Einwanderung und Staatsbürgerschaft. Sie bearbeitet Anträge auf österreichische Staatsbürgerschaft, erteilt Aufenthaltstitel für Drittstaatsangehörige und ist für viele andere migrationsbezogene Verfahren zuständig. Die Behörde steht seit Jahren wegen langer Verfahrensdauern in der Kritik. Gesetzlich sind für Staatsbürgerschaftsverfahren sechs Monate vorgesehen, in der Praxis dauern sie oft deutlich länger. Dies kann für Betroffene erhebliche Nachteile haben, etwa bei der Arbeitsplatzsuche oder bei Reisen.

Laut Volksanwaltschaftsbericht kritisiert die Kontrollinstanz die MA 35 wegen massiver Verfahrensverzögerungen. Verfahren würden häufig deutlich länger als die gesetzliche Frist von sechs Monaten dauern, teils über viele Jahre hinweg. Dadurch würden "Lebenswege von Menschen über lange Zeit blockiert". Zudem handle die Behörde oft verspätet oder gar nicht und informiere Betroffene nicht ausreichend über Gründe für Verzögerungen.

Bambouk, der sich selbst als "MA-35-Kind" bezeichnete und auf seinen eigenen Migrationshintergrund verwies, betonte die persönlichen Auswirkungen dieser Verzögerungen. Teilweise würden Betroffene Wien sogar verlassen, um ihre Verfahren in anderen Bundesländern abzuwickeln. Er bezeichnete die MA 35 als "Integrationsbremse", erkannte jedoch auch an, dass das Staatsbürgerschaftsrecht komplex sei und die Mitarbeiter schwierige Arbeit leisteten.

Bundesländervergleich offenbart Wiener Besonderheiten

Ein Vergleich mit anderen Bundesländern zeigt deutliche Unterschiede in der Verwaltungseffizienz. Während Wien bei der Kinder- und Jugendhilfe überdurchschnittlich viele Fremdunterbringungen aufweist, sind in Oberösterreich nur etwa halb so viele Kinder betroffen. Dies könnte auf unterschiedliche Ansätze in der Präventionsarbeit oder verschiedene sozioökonomische Rahmenbedingungen hindeuten.

In Deutschland und der Schweiz werden ähnliche Herausforderungen diskutiert, jedoch mit teilweise anderen Lösungsansätzen. Deutschland setzt verstärkt auf präventive Familienarbeit und hat in den letzten Jahren die Mittel für die Kinder- und Jugendhilfe deutlich erhöht. Die Schweiz verfügt über ein föderales System mit kantonal unterschiedlichen Ansätzen, wobei die Qualitätsstandards generell hoch sind.

Finanzielle Dimension der Probleme

Die finanziellen Aspekte der angesprochenen Problembereiche sind beträchtlich. Allein bei der Mindestsicherung fallen jährlich Rückforderungen von rund 48 Millionen Euro an – ein Indiz für systemische Probleme bei der Antragsprüfung und -bearbeitung. Trotz gestiegenem Budget für die Kinder- und Jugendhilfe kommen die Mittel laut ÖVP-Kritik nicht ausreichend bei den betroffenen Kindern an.

Die Kosten für Fremdunterbringungen sind erheblich: Ein Platz in einer stationären Einrichtung kann mehrere tausend Euro pro Monat kosten. Bei rund 1.870 verfügbaren Plätzen entstehen der Stadt Wien jährliche Ausgaben in dreistelliger Millionenhöhe. Umso wichtiger ist es, dass diese Investitionen auch den gewünschten Erfolg für die betroffenen Kinder und Jugendlichen bringen.

Bürgerperspektive: Konkrete Auswirkungen im Alltag

Für betroffene Wiener Familien bedeuten die beschriebenen Probleme konkrete Belastungen im Alltag. Eltern, die auf Mindestsicherung angewiesen sind, müssen oft wochenlang auf Bescheide warten und leben in Ungewissheit über ihre finanzielle Situation. Dies kann zu existenziellen Ängsten und psychischen Belastungen führen.

Kinder in der Obhut der MA 11 erleben durch die Überbelegung und längeren Aufenthalte in Krisenzentren zusätzliche Traumatisierungen. Statt der erhofften Stabilität und Sicherheit finden sie sich in überfüllten Einrichtungen wieder, die eigentlich nur als kurze Übergangslösung gedacht waren. Die Auswirkungen auf ihre psychische Entwicklung und ihre Zukunftschancen können gravierend sein.

Menschen, die auf die Dienste der MA 35 angewiesen sind, sehen ihre Lebenspläne durch monatelange oder sogar jahrelange Verfahrensdauern blockiert. Eine verzögerte Staatsbürgerschaft kann berufliche Nachteile haben, die Familienzusammenführung erschweren oder Reisen unmöglich machen. Die Unsicherheit über den Verfahrensstand belastet die Betroffenen zusätzlich.

Politische Reaktionen und Verantwortung

Die Kritik der Oppositionsparteien richtet sich hauptsächlich gegen die Untätigkeit der zuständigen Magistratsabteilungen und der verantwortlichen Stadtregierung. Während die ÖVP und FPÖ strukturelle Reformen fordern, setzen die Grünen auf verbindliche Ausbaupläne und unabhängiges Monitoring. Alle Parteien sind sich einig, dass die aktuellen Zustände nicht hinnehmbar sind.

Die Volksanwaltschaft als unabhängige Kontrollinstanz spielt dabei eine wichtige Rolle. Ihre jährlichen Berichte decken systematisch Missstände auf und geben konkrete Verbesserungsempfehlungen. Dass zwischen den Feststellungen der Volksanwaltschaft und den politischen Beratungen teilweise bis zu zwei Jahre liegen, verschärft die Problematik zusätzlich.

Reformvorschläge und Lösungsansätze

Die verschiedenen Parteien haben unterschiedliche Lösungsansätze vorgeschlagen. Die Grünen fordern einen verbindlichen Ausbauplan für Betreuungsplätze mit klaren Zielen und öffentlicher Berichtspflicht. Zudem sollen langfristige Investitionen in spezialisierte Angebote erfolgen, insbesondere in kleineren Gruppen und gezielt für Mädchen.

Die FPÖ möchte bei der Mindestsicherung eine Sachleistungskarte einführen und die Auszahlungssysteme überprüfen. Keine Vorauszahlungen bei Unklarheiten sollen die hohen Rückforderungen reduzieren. Die ÖVP konzentriert sich auf strukturelle Verbesserungen in der Kinder- und Jugendhilfe und fordert mehr Transparenz bei der Mittelverwendung.

Zukunftsperspektiven und notwendige Reformen

Die demografische Entwicklung Wiens wird die beschriebenen Probleme in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter verschärfen. Die Bevölkerung der Bundeshauptstadt wächst kontinuierlich, gleichzeitig steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die auf Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe angewiesen sind. Ohne strukturelle Reformen und ausreichende Kapazitätserweiterungen droht eine weitere Verschlechterung der Situation.

Bei der MA 35 könnte eine Digitalisierung der Verfahren und eine Personalaufstockung zu deutlichen Verbesserungen führ. Andere Bundesländer haben bereits erfolgreich elektronische Aktenführung und Online-Services eingeführt, wodurch sich Bearbeitungszeiten verkürzt haben. Wien könnte von diesen Erfahrungen profitieren und Best-Practice-Beispiele übernehmen.

In der Mindestsicherung wären eine Vereinfachung der Antragsprozesse und eine bessere digitale Vernetzung zwischen den Abteilungen hilfreich. Moderne IT-Systeme könnten Doppelprüfungen vermeiden und die Bearbeitung beschleunigen. Gleichzeitig würde eine proaktive Information der Antragsteller über den Verfahrensstand das Vertrauen in das System stärken.

Die Volksanwaltschaft wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von Missständen spielen. Ihre Empfehlungen sollten jedoch schneller umgesetzt werden, um die Zeitverzögerung zwischen Problemerkennung und Lösungsumsetzung zu reduzieren. Ein regelmäßiges Monitoring der Fortschritte könnte dabei helfen, den Reformprozess zu beschleunigen.

Letztendlich liegt es an der Wiener Stadtregierung, die notwendigen Reformen anzugehen und ausreichende Ressourcen bereitzustellen. Die Oppositionsparteien werden die Entwicklungen weiter kritisch begleiten und bei den nächsten Volksanwaltschaftsberichten prüfen, ob sich die Situation verbessert hat. Für die betroffenen Wienerinnen und Wiener steht dabei viel auf dem Spiel – von der Zukunft ihrer Kinder bis hin zu grundlegenden Lebenschancen.

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