Die vierte Gesprächsrunde zum Kollektivvertrag für Hotellerie und Gastronomie blieb ohne Ergebnis. Im Mittelpunkt stehen vier Euro Unterschied, die Mindestlöhne und die Frage, wie stark Beschäftigte an der guten Tourismuskonjunktur beteiligt werden.
Bei der vierten Gesprächsrunde zum Kollektivvertrag für Beschäftigte in Hotellerie und Gastronomie ist zwischen der Gewerkschaft vida und der Wirtschaftskammer Österreich keine Einigung erzielt worden. Laut vida ging es in der jüngsten Runde nur noch um vier Euro Differenz bei der monatlichen Lohnerhöhung in der niedrigsten Beschäftigungsgruppe. Die Gewerkschaft fordert für diese Gruppe eine Anhebung um 73 Euro brutto, die Arbeitgeberseite habe 69 Euro angeboten. Für die höchste Beschäftigungsgruppe geht es laut vida um eine Erhöhung von 65 Euro brutto.
Die Gewerkschaft kritisiert, dass die Wirtschaftskammer den Beschäftigten ein Ultimatum gestellt habe und damit eine rasche Annahme des Angebots erzwingen wolle. vida verweist darauf, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Tourismus in der niedrigsten Lohn- und Verwendungsgruppe eingestuft sei. Genau deshalb sei die unterste Lohngruppe mehr als eine Randfrage: Sie entscheidet darüber, ob die Erhöhung für viele Beschäftigte spürbar oder bloß symbolisch bleibt.
Auf den ersten Blick wirkt eine Differenz von vier Euro pro Monat gering. In einer Kollektivvertragsverhandlung ist sie aber ein Signal. Wenn in einer Branche mit vielen niedrigen Einkommen ausgerechnet bei der untersten Gruppe die letzte Differenz offen bleibt, geht es nicht nur um den absoluten Betrag, sondern um die Frage, wie die Branche Arbeit bewertet. Für Beschäftigte, die bei Miete, Energie, Mobilität und Lebensmitteln nur wenig Spielraum haben, zählt jede dauerhafte Erhöhung, weil sie sich Monat für Monat im Einkommen niederschlägt.
Die vida argumentiert deshalb mit der Kaufkraft und mit der Belastung durch die Teuerung. Nach Angaben der Gewerkschaft lag der Mindestlohn in der Branche seit November 2025 bei 11,70 Euro pro Stunde. Auch wenn die konkreten Beträge je nach Beschäftigungsgruppe, Arbeitszeitmodell und Zulagen unterschiedlich wirken, bleibt der Kern gleich: Der Tourismus ist eine arbeitsintensive Branche, in der Löhne direkt darüber mitentscheiden, ob Stellen attraktiv sind und ob Beschäftigte langfristig bleiben.
Hotellerie und Gastronomie leben von Personal: Küche, Service, Rezeption, Reinigung, Reservierung, Technik und viele weitere Tätigkeiten greifen täglich ineinander. Wenn Löhne als zu niedrig empfunden werden, trifft das die Betriebe nicht erst in der nächsten Verhandlungsrunde, sondern im Alltag. Dienstpläne werden schwieriger, offene Stellen bleiben länger unbesetzt und die Belastung der bestehenden Teams steigt. Eine Kollektivvertragsrunde ist daher immer auch eine Standortfrage für Betriebe, die verlässlich Personal brauchen.
Gleichzeitig stehen Betriebe unter Kostendruck. Energie, Waren, Finanzierung und Investitionen sind für viele Unternehmen teurer geworden. Das erklärt, warum Arbeitgeberseite und Gewerkschaft in KV-Runden häufig unterschiedliche Perspektiven auf denselben Befund haben: Die Gewerkschaft sieht die Lohnentwicklung als Antwort auf Teuerung und Arbeitsbelastung, Betriebe sehen höhere Personalkosten als Teil eines ohnehin angespannten Kostenmixes. Interessant wird die Debatte dort, wo beide Seiten den wirtschaftlichen Kontext anerkennen, daraus aber unterschiedliche Schlüsse ziehen.
Die vida verweist in ihrer Aussendung auf eine erfolgreiche Wintersaison. Solche Verweise sind in KV-Verhandlungen wichtig, weil sie die Frage aufwerfen, ob gute Nachfrage auch bei den Beschäftigten ankommt. Statistik Austria veröffentlicht laufend Nächtigungs- und Ankunftsdaten für die österreichische Beherbergung. Diese Zahlen zeigen, wie stark Tourismusregionen ausgelastet sind, sagen aber allein noch nichts darüber aus, wie Gewinne, Kosten und Löhne innerhalb der Betriebe verteilt sind.
Auch das Wirtschaftsministerium hatte zum Start der Wintersaison 2025/26 auf die Bedeutung des Tourismus für Österreich hingewiesen. Für die KV-Debatte heißt das: Eine starke Branche steht besonders unter Beobachtung, wenn Beschäftigte argumentieren, dass sie an dieser Stärke zu wenig beteiligt werden. Gleichzeitig kann eine starke Nachfrage regional sehr unterschiedlich aussehen. Ein Stadthotel, ein Saisonbetrieb in einem Wintersportort und ein kleiner Familienbetrieb am Land haben nicht dieselben Kostenstrukturen. Genau deshalb sind Kollektivverträge so zentral: Sie setzen branchenweite Mindeststandards, lassen aber betriebliche Unterschiede nicht völlig verschwinden.
Für Beschäftigte geht es in dieser Runde nicht nur um die Erhöhung in einer Tabelle. Entscheidend ist, ob der neue Abschluss das Gefühl stärkt, dass Tourismusarbeit planbar, anerkannt und existenzsichernd ist. Gerade in Berufen mit Wochenend-, Abend- und Saisonarbeit entsteht Attraktivität nicht allein durch den Monatslohn, sondern auch durch Verlässlichkeit: klare Regeln, transparente Einstufung, Zuschläge, gute Dienstplanung und die Aussicht, nicht dauerhaft am unteren Ende der Lohnskala zu bleiben.
Für Betriebe geht es spiegelbildlich um Wettbewerbsfähigkeit am Arbeitsmarkt. Wenn Tourismusunternehmen Personal halten wollen, konkurrieren sie nicht nur mit anderen Hotels oder Restaurants, sondern auch mit Handel, Logistik, Industrie und öffentlichem Dienst. Ein Abschluss, der von Beschäftigten als schwach wahrgenommen wird, kann den Personalmangel verschärfen. Ein Abschluss, der Betriebe finanziell überfordert, kann besonders kleine Unternehmen belasten. Die Kunst liegt daher in einem Ergebnis, das nicht nur rechnerisch stimmt, sondern als fair vermittelbar bleibt.
Die Gewerkschaft fordert eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Das ist mehr als ein taktischer Satz. Wird eine KV-Runde als abgebrochen wahrgenommen, steigen Druck und Emotionalität rasch. Beschäftigte erwarten Klarheit, Betriebe brauchen Planungssicherheit und die Öffentlichkeit schaut bei einer so sichtbaren Branche genauer hin. Hotellerie und Gastronomie sind nicht abstrakt: Fast jeder Mensch kommt mit ihnen als Gast, Kundin, Arbeitnehmer, Unternehmerin oder regionaler Akteur in Kontakt.
Ein weiterer Punkt ist die Signalwirkung für andere Branchen. Kollektivvertragsabschlüsse werden beobachtet, verglichen und politisch eingeordnet. Wenn in einer personalintensiven Branche mit viel öffentlicher Präsenz bereits wenige Euro zum Konflikt werden, zeigt das, wie angespannt die Lohnpolitik nach Jahren hoher Inflation bleibt. Die eigentliche Nachricht ist deshalb nicht nur, dass eine Runde ohne Ergebnis blieb. Die Nachricht ist, dass selbst kleine Differenzen eine große Debatte über Anerkennung, Kaufkraft und Fairness auslösen können.
Was ist ein Kollektivvertrag?
Ein Kollektivvertrag regelt Mindestlöhne, Arbeitszeiten, Zuschläge und weitere Arbeitsbedingungen für eine Branche. Er wird in Österreich üblicherweise zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebervertretungen verhandelt.
Warum ist die unterste Lohngruppe so wichtig?
Wenn viele Beschäftigte in der niedrigsten Gruppe eingestuft sind, wirkt eine Erhöhung dort besonders breit. Sie betrifft nicht nur einzelne Sonderfälle, sondern einen großen Teil der Belegschaft.
Ist die Differenz von vier Euro wirklich relevant?
Der Betrag wirkt klein, ist aber politisch und symbolisch relevant. Er zeigt, wie hart um dauerhafte Einkommenserhöhungen gerungen wird und wie eng die Spielräume in Niedriglohnbereichen wahrgenommen werden.
Was passiert, wenn keine Einigung zustande kommt?
Dann steigt üblicherweise der Druck auf beide Seiten. Möglich sind weitere Verhandlungsrunden, öffentliche Kampagnen oder gewerkschaftliche Maßnahmen. Entscheidend bleibt, ob die Sozialpartner wieder eine gemeinsame Linie finden.