Ein ungewöhnliches Bild bot sich heute im Wiener Stephansdom: 1.250 Kindergarten- und Hortpädagogen verschiedenster Religionen und Weltanschauungen kamen zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammen....
Ein ungewöhnliches Bild bot sich heute im Wiener Stephansdom: 1.250 Kindergarten- und Hortpädagogen verschiedenster Religionen und Weltanschauungen kamen zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammen. Erzbischof Josef Grünwidl lud erstmals seit seinem Amtsantritt alle Mitarbeitenden der St. Nikolausstiftung zu einer besonderen Begegnungsfeier ein – ein Signal, das weit über Wien hinaus Beachtung findet. Die Veranstaltung zeigt, wie religiöse Institutionen auf gesellschaftliche Vielfalt reagieren und dabei ihre eigenen Traditionen weiterentwickeln.
Die St. Nikolausstiftung ist eine der bedeutendsten Bildungsträger Wiens und betreut in rund 90 Kindergärten und Horten mehr als 6.000 Kinder. Als katholische Einrichtung steht sie vor der Herausforderung, ihren christlichen Auftrag mit den Realitäten einer multikulturellen Gesellschaft zu verbinden. "Unsere Feier ist ein starkes Signal für ein offenes, vielfältiges Miteinander", erklärt Geschäftsführer Elmar Walter die Motivation hinter der außergewöhnlichen Veranstaltung.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In den Einrichtungen der Stiftung arbeiten Menschen unterschiedlichster Herkunft und religiöser Überzeugung. Neben katholischen Pädagogen sind auch evangelische Christen, orthodoxe Gläubige, Muslime, Menschen jüdischen Glaubens und Konfessionslose beschäftigt. Diese Vielfalt spiegelt die demografische Entwicklung Wiens wider, wo laut Statistik Austria bereits über 40 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben.
Vizebürgermeisterin und Bildungsstadträtin Bettina Emmerling betonte bei der Veranstaltung die gesellschaftliche Bedeutung der frühen Bildung: "Der Kindergarten ist ein Ort des Zusammenhalts, an dem Kinder zum ersten Mal außerhalb der Familie Teil einer Gemeinschaft sind." Diese Aussage verdeutlicht die zentrale Rolle, die Kindergärten bei der Integration und dem gesellschaftlichen Miteinander spielen.
Tatsächlich ist die Elementarbildung – also die Bildung von Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren – ein entscheidender Baustein für spätere Bildungserfolge. Studien des Österreichischen Instituts für Familienforschung zeigen, dass qualitätsvolle Kindergartenbetreuung nicht nur die kognitiven Fähigkeiten fördert, sondern auch soziale Kompetenzen stärkt. Besonders für Kinder mit Migrationshintergrund kann der Kindergarten zum wichtigsten Ort für Spracherwerb und kulturelle Integration werden.
Geschäftsführer Walter verwies bei seiner Ansprache explizit auf das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), das die katholische Kirche grundlegend modernisierte. Dieses Konzil öffnete die Kirche für den Dialog mit anderen Religionen und betonte die Würde aller Menschen unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit. Was damals als theologische Neuausrichtung begann, wird heute in den Kindergärten der St. Nikolausstiftung praktisch umgesetzt.
Die Erklärung "Nostra Aetate" des Konzils formulierte erstmals eine positive Haltung gegenüber anderen Religionen und legte den Grundstein für interreligiösen Dialog. "Wir wissen uns damit in dem klaren Auftrag des 2. Vatikanischen Konzils und damit der katholischen Lehre", so Walter. Diese Berufung auf konziliare Theologie zeigt, dass die Stiftung ihre Offenheit nicht als Abkehr vom katholischen Glauben versteht, sondern als dessen authentische Verwirklichung.
Susanna Haas, pädagogische Leiterin der Stiftung, beschreibt, wie sich diese Haltung im Alltag niederschlägt: "Vielfalt ist für uns kein Schlagwort, sondern gelebte Praxis und sie bereichert unsere Arbeit." Konkret bedeutet das, dass Feste und Feiern im Jahreskreis so gestaltet werden, dass sich alle Kinder und Familien einbezogen fühlen können.
Ein Beispiel: Während traditionell katholische Kindergärten vor allem christliche Feste wie Weihnachten oder Ostern feiern, integrieren die Einrichtungen der St. Nikolausstiftung auch andere religiöse und kulturelle Traditionen. Das Zuckerfest am Ende des Ramadan wird ebenso thematisiert wie das jüdische Chanukka oder das hinduistische Diwali-Fest. Dabei geht es nicht um oberflächliche Folklore, sondern um echtes Verständnis für die Bedeutung dieser Traditionen im Leben der Kinder und Familien.
Die Veranstaltung im Stephansdom ist auch als bewusstes Signal gegen gesellschaftliche Polarisierung zu verstehen. In Zeiten, in denen populistische Bewegungen mit anti-muslimischen oder anti-migrantischen Parolen punkten, setzen die St. Nikolausstiftung und Erzbischof Grünwidl ein Zeichen für Zusammenhalt. "Damit setzen die St. Nikolausstiftung und Erzbischof Josef Grünwidl ein bewusstes Zeichen gegen gesellschaftliche Polarisierung und für ein respektvolles Miteinander", heißt es in der offiziellen Stellungnahme.
Diese Positionierung ist besonders bemerkenswert, weil sie von einer katholischen Institution ausgeht. Während in anderen europäischen Ländern teilweise Spannungen zwischen christlichen Gemeinden und muslimischen Zuwanderern entstehen, demonstriert Wien hier einen anderen Weg. Die Hauptstadt Österreichs hat eine lange Tradition religiöser Vielfalt – bereits 1912 wurde hier die erste offizielle Moschee Mitteleuropas errichtet, und seit 1979 ist der Islam in Österreich als Religionsgemeinschaft anerkannt.
Die Kooperation zwischen der Stadt Wien und der St. Nikolausstiftung zeigt, wie öffentliche und kirchliche Träger gemeinsam Bildungsziele verfolgen können. Wien investiert jährlich rund 600 Millionen Euro in die Kinderbetreuung und ist dabei auf verschiedene Träger angewiesen. Neben städtischen Kindergärten spielen private und kirchliche Einrichtungen eine wichtige Rolle bei der Betreuung der rund 90.000 Kindergartenkinder in Wien.
Die St. Nikolausstiftung erhält für ihre Arbeit öffentliche Förderungen und muss sich dabei an die Bildungsstandards der Stadt halten. Gleichzeitig kann sie ihr eigenes pädagogisches Profil entwickeln. "Die St. Nikolausstiftung ist im Bereich der Elementarbildung eine wichtige Partnerin der Stadt Wien", betonte Stadträtin Emmerling. Diese Partnerschaft funktioniert gerade deshalb so gut, weil beide Seiten das Ziel einer inklusiven, vielfältigen Bildung teilen.
Nicht alle Stimmen in der katholischen Kirche begrüßen diese Form der Öffnung uneingeschränkt. Konservative Kreise sehen in der starken Betonung der religiösen Vielfalt eine Verwässerung der christlichen Identität. Sie argumentieren, dass katholische Einrichtungen primär katholische Werte vermitteln sollten und befürchten einen Verlust des Alleinstellungsmerkmals.
Auch praktische Herausforderungen sind nicht von der Hand zu weisen. Wie geht man mit unterschiedlichen Speisevorschriften um? Wie erklärt man christliche Symbole und Traditionen, ohne andere religiöse Überzeugungen zu verletzen? Wie findet man Personal, das sowohl fachlich qualifiziert als auch für diese Form der interkulturellen Pädagogik geeignet ist?
Die St. Nikolausstiftung begegnet diesen Herausforderungen mit einem umfassenden Fortbildungsprogramm für ihre Mitarbeiter. Interkulturelle Kompetenz und Religionssensibilität sind zentrale Themen in der Weiterbildung. Zudem gibt es Leitfäden für den Umgang mit religiösen und kulturellen Fragen im Kindergarten-Alltag.
Im Vergleich zu anderen österreichischen Bundesländern nimmt Wien eine Vorreiterrolle ein, was die Integration religiöser Vielfalt in kirchliche Bildungseinrichtungen betrifft. In ländlichen Regionen Österreichs, wo die Bevölkerung homogener ist, stellen sich diese Fragen oft nicht in derselben Dringlichkeit. Dort arbeiten katholische Kindergärten noch häufiger nach traditionellen Mustern.
In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Stadt-Land-Gefälle. Während in Großstädten wie Berlin oder Hamburg interreligiöse Projekte in kirchlichen Einrichtungen zunehmen, bleiben ländliche Gebiete oft bei herkömmlichen Konzepten. Die Schweiz geht teilweise noch weiter: In Zürich gibt es bereits Kindergärten, die bewusst multireligiös ausgerichtet sind und von mehreren Religionsgemeinschaften gemeinsam getragen werden.
Für die Kinder und Familien, die von dieser inklusiven Pädagogik profitieren, entstehen konkrete Vorteile. Kinder lernen bereits früh, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion normal und selbstverständlich zusammenleben. Sie entwickeln Toleranz und Empathie als Grundkompetenzen für das Leben in einer pluralen Gesellschaft.
Besonders für Familien mit Migrationshintergrund kann es eine große Entlastung bedeuten, wenn ihr Kind in einem Umfeld betreut wird, das seine kulturellen und religiösen Besonderheiten nicht nur akzeptiert, sondern wertschätzt. Gleichzeitig profitieren auch Kinder aus traditionell österreichischen Familien von der Begegnung mit anderen Kulturen und erweitern ihren Horizont.
Erzbischof Grünwidl brachte diese Perspektive auf den Punkt: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der St. Nikolausstiftung sind in ihrer Vielfalt ein Geschenk. Für die Kinder, die sie in ihrer Entwicklung begleiten und für die Gesellschaft. Denn sie prägen durch ihre Arbeit die Erwachsenen von morgen."
Die Initiative der St. Nikolausstiftung könnte Modellcharakter für andere kirchliche und religiöse Bildungseinrichtungen haben. Wenn es gelingt, religiöse Identität und gesellschaftliche Vielfalt erfolgreich zu verbinden, entstehen neue Wege für den Umgang mit der multikulturellen Realität. Dies ist besonders relevant, weil der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in österreichischen Kindergärten weiter steigt.
Laut Prognosen der Statistik Austria wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen. Schon heute haben in Wien mehr als die Hälfte aller Kindergartenkinder mindestens einen Elternteil, der nicht in Österreich geboren wurde. Bildungseinrichtungen müssen sich darauf einstellen und Konzepte entwickeln, die dieser Realität gerecht werden.
Die Veranstaltung im Stephansdom zeigt einen Weg auf, wie dies gelingen kann, ohne die eigene Identität aufzugeben. Vielmehr wird religiöse und kulturelle Vielfalt als Bereicherung verstanden und aktiv gelebt. Ob sich dieses Modell durchsetzen wird, hängt auch davon ab, wie andere Träger und Institutionen auf diese Initiative reagieren und welche Unterstützung sie aus Politik und Gesellschaft erhält.
Die 1.250 Pädagogen, die heute im Stephansdom zusammenkamen, sind jedenfalls Botschafter für eine Idee, die über den Bildungsbereich hinaus gesellschaftliche Relevanz hat: dass Verschiedenheit nicht trennt, sondern verbindet – wenn man bereit ist, aufeinander zuzugehen und voneinander zu lernen.