Am 4. März 2026 verwandelte sich das ORF-Landesstudio Oberösterreich in eine Bühne für sprachliche Vielfalt und jugendlichen Redetalent. Beim siebenten Speech Off des mehrsprachigen Redewettbewerbs...
Am 4. März 2026 verwandelte sich das ORF-Landesstudio Oberösterreich in eine Bühne für sprachliche Vielfalt und jugendlichen Redetalent. Beim siebenten Speech Off des mehrsprachigen Redewettbewerbs "Sag's Multi" kämpften Schülerinnen und Schüler aus ganz Oberösterreich um die begehrten Plätze. Die Gewinner stehen nun fest – und zeigen eindrucksvoll, wie multikulturell und vielsprachig die österreichische Jugend heute ist.
Der ORF-Redewettbewerb "Sag's Multi" wurde 2009 ins Leben gerufen und hat sich seitdem zu einem der wichtigsten Sprachförderprogramme Österreichs entwickelt. Das Konzept ist so einfach wie revolutionär: Jugendliche halten Reden zu gesellschaftlich relevanten Themen – und das in zwei Sprachen. Neben Deutsch können die Teilnehmer ihre Erst- oder Familiensprache verwenden, aber auch eine erlernte Fremdsprache wie Englisch, Spanisch oder Französisch.
Diese zweisprachige Herangehensweise macht Sag's Multi zu einem einzigartigen Format in der österreichischen Medienlandschaft. Der Wettbewerb würdigt nicht nur rhetorische Fähigkeiten, sondern auch die kulturelle und sprachliche Vielfalt der jungen Generation. Dabei werden zwei Alterskategorien unterschieden: Die "YoungStars" umfassen Schüler der 7. und 8. Schulstufe, während die "Speech Masters" die 9. bis 13. Schulstufe repräsentieren.
In der Kategorie YoungStars konnte sich Theresa Luger vom BG/BRG Brucknerstraße Wels den ersten Platz sichern. Ihre Rede zum Thema "Meine Generation – HoffnungsträgerInnen oder Sorgenkinder?" hielt sie auf Englisch und traf damit offenbar den Nerv der Jury. Das Thema spiegelt eine zentrale Frage unserer Zeit wider: Wie wird die Generation Z wahrgenommen und welche Rolle spielt sie in der Gesellschaft?
Interessant ist, dass auch der zweite Platz an eine Schülerin derselben Schule ging: Anja Ettl behandelte das identische Thema, ebenfalls auf Englisch. Dies zeigt, wie unterschiedlich ein und dasselbe Thema interpretiert und präsentiert werden kann. Den dritten Platz belegte Ben Wassermann, der sich mit "Online. Offline. Echt?" einem hochaktuellen Thema der Digitalisierung widmete.
Besonders bemerkenswert ist der Sieg von Kamal Multani vom BRG Steyr Michaelerplatz in der Kategorie Speech Masters. Er hielt seine Rede zum Thema "Gerechtigkeit – Ein großes Wort, viele Bedeutungen" auf Punjabi – seiner Erstsprache. Punjabi wird von etwa 100 Millionen Menschen weltweit gesprochen, hauptsächlich in der Region Punjab, die zwischen Pakistan und Indien liegt. In Österreich leben schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Menschen mit Punjabi als Muttersprache.
Multanis Sieg ist ein starkes Signal für die Integration und Anerkennung von Migrationssprachen in Österreich. Er zeigt, dass sprachliche Vielfalt nicht nur toleriert, sondern aktiv gefördert und ausgezeichnet wird. Das Thema Gerechtigkeit, das er wählte, ist universell verständlich und dennoch kulturell geprägt – ein perfektes Beispiel dafür, wie verschiedene Kulturen ähnliche Werte teilen können.
Österreich ist ein mehrsprachiges Land: Neben der Amtssprache Deutsch sind Burgenland-Kroatisch, Slowenisch und Ungarisch als regionale Amtssprachen anerkannt. Darüber hinaus werden durch Migration und Globalisierung über 200 Sprachen im Land gesprochen. Der Mikrozensus 2018 ergab, dass etwa 23 Prozent der österreichischen Bevölkerung zu Hause regelmäßig eine andere Sprache als Deutsch sprechen.
Diese Realität spiegelt sich auch in den Schulen wider: In Wien haben bereits über 50 Prozent der Schüler eine andere Erstsprache als Deutsch. In Oberösterreich liegt dieser Anteil bei etwa 20 Prozent, wobei die Zahlen in städtischen Gebieten wie Linz, Wels und Steyr deutlich höher sind. Hier setzt Sag's Multi an und macht aus der vermeintlichen Herausforderung der Mehrsprachigkeit eine Chance.
Der Österreichische Rundfunk hat mit Sag's Multi ein Format geschaffen, das über einen klassischen Wettbewerb hinausgeht. Es ist ein Instrument der Integrationspolitik und des gesellschaftlichen Dialogs geworden. ORF-Oberösterreich-Landesdirektor Klaus Obereder, der die Preise überreichte, betonte regelmäßig die gesellschaftliche Bedeutung des Formats.
Die mediale Begleitung durch den ORF gibt den jungen Rednern eine Plattform, die weit über die Schulgemeinschaft hinausreicht. Die Aufzeichnungen werden nicht nur im Fernsehen ausgestrahlt, sondern auch online verfügbar gemacht. Dadurch erreichen die Botschaften der Jugendlichen ein breites Publikum und können gesellschaftliche Diskussionen anstoßen.
Sag's Multi hat auch bildungspolitische Auswirkungen. Schulen, deren Schüler erfolgreich teilnehmen, erfahren eine erhöhte Aufmerksamkeit und Wertschätzung ihrer Mehrsprachigkeitsarbeit. Das BG/BRG Brucknerstraße Wels beispielsweise, das gleich drei Plätze in der YoungStars-Kategorie belegte, wird als Beispiel für gelungene Sprachförderung wahrgenommen.
Bildungsexperten sehen in solchen Formaten einen wichtigen Baustein für die Entwicklung von "Global Citizens" – jungen Menschen, die sich in einer vernetzten, mehrsprachigen Welt zurechtfinden. Die Fähigkeit, komplexe Themen in verschiedenen Sprachen zu durchdenken und zu artikulieren, wird als Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts betrachtet.
Die gewählten Redethemen der Gewinner spiegeln die Sorgen und Hoffnungen der jungen Generation wider. "Meine Generation – HoffnungsträgerInnen oder Sorgenkinder?" war ein beliebtes Thema, das sowohl von Theresa Luger als auch von Anja Ettl und Marc Ehrensperger gewählt wurde. Diese Themenwahl zeigt, dass sich Jugendliche intensiv mit ihrer gesellschaftlichen Rolle auseinandersetzen.
Ben Wassermanns Thema "Online. Offline. Echt?" reflektiert die Herausforderungen der Digitalisierung und die Frage nach Authentizität in sozialen Medien. Luna Thya Rambert Hoppes Rede zu "Zukunft Europa" verdeutlicht das Bewusstsein der Jugend für europäische Politik und ihre Bereitschaft zur Mitgestaltung.
Diese Themenauswahl ist nicht zufällig. Sie entspricht den Ergebnissen der österreichischen Jugendstudie 2023, die Klimawandel, Digitalisierung, Europa und Generationengerechtigkeit als zentrale Anliegen junger Menschen identifiziert. Sag's Multi bietet diesen Anliegen eine Bühne und verstärkt dadurch die Stimme der Jugend in der öffentlichen Debatte.
Besonders bemerkenswert ist Kamal Multanis Fokus auf Gerechtigkeit. Dieses Thema verbindet seine persönliche Migrationserfahrung mit universellen Werten und zeigt, wie Integration durch gemeinsame Wertevorstellungen gelingen kann. Seine Rede auf Punjabi unterstreicht dabei, dass verschiedene Kulturen ähnliche Gerechtigkeitsvorstellungen teilen können.
Aus wirtschaftlicher Sicht ist Mehrsprachigkeit ein bedeutender Standortvorteil für Österreich. Unternehmen suchen verstärkt nach Mitarbeitern, die mehrere Sprachen beherrschen und interkulturelle Kompetenz mitbringen. Eine Studie der Wirtschaftskammer Österreich aus 2024 zeigt, dass mehrsprachige Arbeitskräfte im Durchschnitt 15 Prozent höhere Gehälter erzielen.
Oberösterreich als Industriestandort profitiert besonders von mehrsprachigen Fachkräften. Internationale Konzerne wie Voestalpine, Facc oder Engel haben Niederlassungen in über 50 Ländern und benötigen Mitarbeiter, die mit verschiedenen Kulturen und Sprachen umgehen können. Die Förderung von Mehrsprachigkeit durch Formate wie Sag's Multi trägt damit zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts bei.