Ensemo aus Tulln revolutioniert Saatgutbehandlung mit biologischer Injektion
Das AIT-Spin-off Ensemo erhält als einziges österreichisches Unternehmen eine prestigeträchtige EIC-Förderung für nachhaltige Landwirtschaft.
Ein österreichisches Start-up aus dem Agrartech-Bereich hat einen beachtlichen Erfolg auf europäischer Ebene erzielt: Ensemo, ein Spin-off des renommierten AIT Austrian Institute of Technology mit Sitz in Tulln, wurde als einziges Unternehmen aus Österreich im aktuellen Call des EIC Accelerator mit einer Förderung in Millionenhöhe ausgezeichnet. Diese Auszeichnung stellt einen wichtigen Meilenstein für die österreichische Innovationslandschaft dar und unterstreicht das Potenzial heimischer Deep-Tech-Unternehmen auf internationalem Parkett.
Der European Innovation Council (EIC) Accelerator zählt zu den renommiertesten und selektivsten Förderinstrumenten für Deep-Tech-Unternehmen in der Europäischen Union. In der aktuellen Förderrunde wurden lediglich 61 Start-ups und kleine bis mittlere Unternehmen aus 17 Ländern ausgewählt, wobei das Gesamtvolumen der Förderungen beeindruckende 467 Millionen Euro beträgt. Das Besondere am EIC Accelerator ist sein "blended finance"-Ansatz, der sowohl Zuschüsse als auch Beteiligungskapital kombiniert und damit eine umfassende Unterstützung für innovative Unternehmen in der kritischen Skalierungsphase bietet.
Die Auswahl durch den EIC Accelerator bedeutet für Ensemo nicht nur eine erhebliche finanzielle Unterstützung, sondern auch eine internationale Anerkennung der Technologie und des Geschäftsmodells. Diese Förderung öffnet dem Tullner Start-up die Türen zu strategischen Partnerschaften und internationalen Märkten.
Im Zentrum von Ensemos Geschäftstätigkeit steht die revolutionäre "SeedJection"-Technologie, die einen völlig neuen Ansatz in der Saatgutbehandlung darstellt. Während herkömmliche Methoden oft auf den zusätzlichen Einsatz von Chemikalien setzen, verfolgt Ensemo einen biologischen Ansatz durch die gezielte Verwendung nützlicher Mikroorganismen.
Die Landwirtschaft steht heute vor der enormen Herausforderung, gleichzeitig produktiver und nachhaltiger zu werden. Der Einsatz von Mikroorganismen gilt als vielversprechender Weg, um den Verbrauch von Pflanzenschutz- und Düngemitteln deutlich zu reduzieren, ohne dabei Ertragseinbußen hinnehmen zu müssen. Das Problem lag bisher jedoch in der Zuverlässigkeit: Mikroorganismen müssen standardisiert, in ausreichender Menge und zum optimalen Zeitpunkt genau dort ankommen, wo sie benötigt werden.
Hier setzt die innovative SeedJection-Plattform von Ensemo an. Das Verfahren ist so elegant wie effektiv: Die Samen werden zunächst vorsichtig geöffnet, dann mit einer speziell entwickelten biologischen Lösung behandelt und anschließend mit einem biologisch abbaubaren Klebstoff wieder versiegelt. Diese Schutzschicht gewährleistet, dass die eingebrachten Mikroorganismen in einer stabilen Umgebung verbleiben und ihr volles Potenzial während des Pflanzenwachstums entfalten können.
Die Methode zielt insbesondere darauf ab, die natürliche Stickstoffbindung der Pflanzen zu verbessern. Stickstoff ist einer der wichtigsten Nährstoffe für das Pflanzenwachstum, und seine effiziente Aufnahme kann die Abhängigkeit von synthetischen Düngemitteln erheblich reduzieren. Gleichzeitig trägt das Verfahren zur Sicherung stabiler und nachhaltiger Erträge bei.
Die Wirksamkeit der SeedJection-Technologie wurde bereits in umfangreichen Feldversuchen unter Beweis gestellt. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Ertragssteigerungen zwischen drei und 19 Prozent konnten erzielt werden, und das bei gleichzeitig reduziertem Einsatz synthetischer Dünger. Diese Zahlen zeigen das enorme Potenzial der Technologie für eine nachhaltigere und gleichzeitig produktivere Landwirtschaft.
Besonders bemerkenswert ist, dass diese Verbesserungen nicht auf Kosten der Umwelt gehen, sondern im Gegenteil zu einer Reduzierung des chemischen Fußabdrucks beitragen. In Zeiten des Klimawandels und wachsenden Umweltbewusstseins stellt dies einen entscheidenden Vorteil dar.
Die wissenschaftlichen Grundlagen für diese bahnbrechende Technologie wurden im Bioresources-Team des AIT in Tulln entwickelt. Das Forschungsteam konzentriert sich auf Mikrobiome und pflanzenassoziierte Mikroorganismen, insbesondere auf sogenannte Endosymbionten – Mikroorganismen, die in einer symbiotischen Beziehung mit ihren Wirtspflanzen leben.
Angela Sessitsch, Leiterin des Center for Health & Bioresources am AIT, betont die Bedeutung dieser Entwicklung: "Ensemo zeigt eindrucksvoll, wie exzellente Mikrobiom-Forschung in konkrete Anwendungen für eine nachhaltigere Landwirtschaft überführt werden kann. Die EIC-Förderung ist eine starke Bestätigung für die wissenschaftliche Qualität und das Innovationspotenzial des Teams."
Die erfolgreiche Ausgründung von Ensemo ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines strukturierten Spin-off- und Entrepreneurship-Programms des AIT. Dieses Programm begleitet Forscherinnen und Forscher systematisch auf dem Weg von der wissenschaftlichen Idee bis zum marktfähigen Unternehmen.
Alexander Svejkovsky, Managing Director des AIT Austrian Institute of Technology, erklärt den strategischen Ansatz: "Die Auswahl von Ensemo im EIC Accelerator bestätigt unseren Anspruch, Forschung systematisch in marktfähige Lösungen zu überführen. Spin-offs sind für das AIT ein zentraler Hebel, um technologische Exzellenz in unternehmerische Wirkung zu übersetzen."
Das AIT-Entrepreneurship-Programm erstreckt sich über die gesamte "Founder's Journey" – von der frühen Exploration über die Incubation bis hin zur Skalierung. Dieser ganzheitliche Ansatz schafft die Voraussetzungen für internationale Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Deep-Tech-Unternehmen.
Der Erfolg von Ensemo ist auch das Ergebnis einer erfolgreichen Zusammenarbeit verschiedener Akteure im österreichischen Innovationsökosystem. Neben dem AIT als wissenschaftlichem Partner spielen auch die aws Austria Wirtschaftsservice GmbH und der accent Inkubator des Landes Niederösterreich wichtige Rollen.
Ensemo ist am accent Makerspace angesiedelt, der als Teil des Innovationsökosystems in Niederösterreich jungen Unternehmen optimale Rahmenbedingungen bietet. Diese Vernetzung verschiedener Förderinstitutionen und Inkubatoren zeigt, wie ein starkes Spin-off-Ökosystem durch gemeinsames Handeln entstehen kann.
Mit der prestigeträchtigen EIC-Förderung im Rücken plant Ensemo nun die nächsten entscheidenden Schritte. Die Mittel sollen dazu verwendet werden, die SeedJection-Plattform weiter zu industrialisieren und für den großflächigen Einsatz zu optimieren. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Ausbau strategischer Partnerschaften, insbesondere mit etablierten Unternehmen der Saatgut- und Agrochemie-Branche.
Die internationale Marktexpansion steht ebenfalls im Mittelpunkt der Wachstumsstrategie. Die europäische Landwirtschaft zeigt bereits großes Interesse an nachhaltigen Lösungen, und auch in anderen Regionen der Welt wächst das Bewusstsein für umweltschonende Anbaumethoden.
Der Erfolg von Ensemo hat auch eine wichtige symbolische Bedeutung für Österreich als Innovationsstandort. In einer Zeit, in der Deep-Tech-Unternehmen zunehmend im internationalen Wettbewerb stehen, zeigt das Tullner Start-up, dass österreichische Forschung und Entwicklung durchaus mit den besten der Welt mithalten können.
Die Tatsache, dass Ensemo als einziges österreichisches Unternehmen in dieser EIC-Runde ausgewählt wurde, unterstreicht sowohl die Qualität der heimischen Forschung als auch die Effektivität der Unterstützungsstrukturen für innovative Unternehmen.
Die Technologie von Ensemo kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Landwirtschaft steht unter enormem Druck, nachhaltiger zu werden, ohne dabei die Versorgungssicherheit zu gefährden. Gleichzeitig führen Klimawandel und regulatorische Änderungen zu neuen Herausforderungen für Landwirte weltweit.
Biologische Lösungen wie die SeedJection-Technologie könnten einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieser Herausforderungen leisten. Sie bieten die Möglichkeit, die Produktivität zu steigern und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck der Landwirtschaft zu reduzieren.
Der Erfolg von Ensemo zeigt eindrucksvoll, wie europäische Innovationsförderung gezielt zur Skalierung nachhaltiger Deep-Tech-Lösungen beitragen kann. Das AIT fungiert dabei als wichtige Brücke zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und wirtschaftlicher Umsetzung – ein Modell, das auch für andere Forschungseinrichtungen und potenzielle Spin-offs wegweisend sein könnte.