ÖAW-Preisfrage: Essays zum Einfluss von KI auf Wissenschaft
170 Einreichungen; Uni Graz-Forscher mit Beitrag zu AlphaFold gewinnen
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat die Gewinner der Preisfrage zur Rolle von KI in der Wissenschaft gekürt. Platz eins für Gruber und Müller.
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat die Gewinner ihrer aktuellen Preisfrage zum Thema Künstliche Intelligenz bekanntgegeben. Unter dem Titel „Wie verändert Künstliche Intelligenz Ihr wissenschaftliches Fach?“ waren Forscher aus allen Disziplinen eingeladen, einen Essay einzureichen; insgesamt gingen 170 Einreichungen ein.
Die Beiträge reichten laut Aussendung thematisch breit von der Strukturbiologie über die Geschichtswissenschaft bis zur Teilchenphysik und zeigten, dass kaum ein Fach von Künstlicher Intelligenz unberührt bleibt. Eine interdisziplinär zusammengesetzte Jury aus Forschern, Wissenschaftsjournalisten und Mitgliedern des ÖAW-Präsidiums wählte auf Basis anonymisierter Texte vier Preisträger aus.
Preisfrage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Überblick
Die Fragestellung der Preisfrage lautete laut Aussendung: „Wie verändert Künstliche Intelligenz Ihr wissenschaftliches Fach?“. Die ÖAW erhielt demnach 170 Essays, die eine Vielzahl fachlicher Perspektiven abdeckten. Die Beiträge wurden anonymisiert bewertet; die Jury setzte sich aus Forschern, Wissenschaftsjournalisten sowie Mitgliedern des ÖAW-Präsidiums zusammen.
Vier Einreichungen wurden prämiert. Den ersten Platz und ein Preisgeld in Höhe von 8.000 Euro erhielten Christian C. Gruber und Mario Müller für ihren gemeinsam verfassten Beitrag. Den zweiten Platz und 6.000 Euro belegte Zsófia Turóczy. Den dritten Platz erhielten ex aequo Christoph Gleich und Claudius Krause; beide erhalten jeweils ein Preisgeld von 1.000 Euro.
ÖAW-Präsident Heinz Faßmann wird in der Aussendung mit den Worten zitiert: „Die hohe Resonanz auf unsere Preisfrage zeigt, dass wir mit dem Thema einen Nerv getroffen haben. KI verändert Wissenschaft und Forschung in vielen Bereichen massiv. Es liegt in unserer Hand, diesen Wandel positiv zum Wohle der Wissenschaft und Gesellschaft zu gestalten. Allen Gewinner:innen der Preisfrage gratuliere ich sehr herzlich.“
Das siegreiche Essay „Molekulare Architekten" von Gruber und Müller
Der mit 8.000 Euro dotierte Beitrag von Christian C. Gruber (Innophore GmbH) und Mario Müller (Universität Graz) trägt den Titel „Molekulare Architekten“. Darin beschreiben die Autoren laut Aussendung, wie KI-Systeme wie AlphaFold die Strukturbiologie von einer beobachtenden in eine „vorhersagende und gestaltende Disziplin“ verwandeln.
Im Essay führen Gruber und Müller sogenannte „Catalophores“ an – nach ihren Angaben KI-erkannte Muster in Proteinhohlräumen, die verraten, wo chemische Reaktionen stattfinden. Die Autoren vergleichen diesen Vorgang mit einer Google-Suche für Enzyme. Gleichzeitig schreiben sie, dass das Labor nicht überflüssig werde, sondern die Validierung computergenerierter Hypothesen übernehme.
Gruber und Müller mahnen laut Text auch zur Vorsicht: Reine Mustererkennung könne physikalisch unmögliche Moleküle erzeugen, weshalb es ihrer Darstellung nach eine „Physics-based AI“ brauche, die Naturgesetze fest in die Modelle einbaut; andernfalls drohe eine „Blackbox-Wissenschaft“ ohne echtes Verständnis der Biochemie. Die Autoren legen offen, mehrere KI-Modelle zur Recherche und für einen ersten Textentwurf genutzt zu haben und betonen, dass jede einzelne Aussage von ihnen auf Richtigkeit und Quellenbelege geprüft worden sei. Konzeption, Thesen und Literaturangaben stammen laut Aussendung von Gruber und Müller selbst.
Weitere prämierten Essays: Turóczy, Gleich und Krause
Zsófia Turóczy, Historiker am Institut für Geschichte der Universität Graz, belegte den zweiten Platz. In ihrem Essay schildert sie laut Aussendung ein KI-generiertes Bild von Lenin neben dem jungen Tito – zwei Männern, die sich in Wirklichkeit nie begegnet sind – und diskutiert daraus resultierende Probleme für die Geschichtswissenschaft, gerade in Regionen mit fragmentierten oder politisch umkämpften Archiven. Turóczy warnt demnach vor einer „algorithmischen Peripherisierung“ des historischen Wissens: KI lerne aus vorhandenen, aber ungleich verteilten Daten, sodass unterrepräsentierte Inhalte auch aus den Antworten der KI verschwinden könnten. Sie schreibt weiter, dass sich die zentrale Kompetenz von Historikern weg vom Informationsbesitz und hin zur Fähigkeit verschiebe, Unsicherheit auszuhalten und dort Fragen zu stellen „wo KI bereits Antworten produziert“.
Christoph Gleich, freier Journalist, Radiomacher und Kulturhistoriker in Wien, erhielt einen der dritten Plätze. In seinem Beitrag „Die Maschine, die nicht lügt. Oder doch?“ argumentiert Gleich laut Aussendung pointiert-kritisch, dass KI die Entwicklung der Wissenschaft hin zu reinem Output verstärke. Unter Publikationsdruck werde KI nicht als Kontrollinstanz, sondern als „Produktionsbeschleuniger“ eingesetzt; das Ergebnis, zitiert die Aussendung, sei „Bessere Versionen von schlechter Forschung. Schneller. Glatter.“ Gleich verweist zudem auf die Tatsache, dass vier US-Konzerne die KI-Infrastruktur kontrollieren, auf der die globale Wissenschaft aufbaue, und plädiert für wissenschaftliche Souveränität in Europa sowie für verpflichtende Transparenz über die verwendeten Modelle.
Claudius Krause vom Marietta-Blau-Institut für Teilchenphysik der ÖAW beschreibt in seinem Essay laut Aussendung drei aufeinanderfolgende „Wellen“ des maschinellen Lernens in der Teilchenphysik: von Boosted Decision Trees rund um die Entdeckung des Higgs-Bosons über tiefe neuronale Netze bis zu aktuell entstehenden agentischen KI-Systemen, die autonome Analyse-Workflows planen. Krause begegnet der Blackbox-Kritik mit Fehlerbalken und Interpretierbarkeitsanalysen und zitiert: „As physicists we know how to open and study black boxes.“ Er schließt laut Text optimistisch, dass maschinelles Lernen die Theorie nicht ersetzt habe, sondern das Band zwischen Theorie und Daten enger geknüpft habe, „ähnlich einem Teleskop, das die Reichweite physikalischer Fragen erweitert, ohne die Wissenschaftler:innen selbst zu ersetzen.“
Begriffe aus den prämierten Essays erklärt
AlphaFold
AlphaFold wird in der Aussendung als Beispiel für ein KI-System genannt, das in der Strukturbiologie eingesetzt wird und dabei helfen kann, von beobachtender in vorhersagende Forschung vorzustoßen. Im Artikel wird AlphaFold nicht weiter technisch erläutert; die Erwähnung dient als konkretes Beispiel für KI-Anwendungen in den Lebenswissenschaften.
Catalophores
Der Begriff „Catalophores“ wird im siegreichen Essay als „KI-erkannte Muster in Proteinhohlräumen“ beschrieben, die Hinweise darauf geben sollen, wo chemische Reaktionen stattfinden. Gruber und Müller nutzen den Begriff demnach, um zu veranschaulichen, wie KI bei der Identifikation relevanter Strukturelemente unterstützen kann.
Physics-based AI
„Physics-based AI“ wird in der Aussendung als Ansatz genannt, bei dem Naturgesetze fest in die Modelle eingebaut werden, um nach Ansicht der Autoren physikalisch unmögliche Vorhersagen zu vermeiden. Der Ausdruck steht in dem Text als Gegenentwurf zu rein datengetriebener Mustererkennung.
Algorithmische Peripherisierung
Der Begriff stammt aus dem Essay von Zsófia Turóczy und beschreibt laut Aussendung das Risiko, dass KI auf Basis ungleich verteilter Daten Bereiche des Wissens marginalisiert; was in den Trainingsdaten unterrepräsentiert ist, drohe auch in den KI-Antworten zu verschwinden.
Boosted Decision Trees und agentische KI-Systeme
Claudius Krause nennt Boosted Decision Trees als eine frühe Welle des maschinellen Lernens in der Teilchenphysik und führt agentische KI-Systeme als eine gegenwärtig entstehende Welle an, bei der Systeme autonome Analyse-Workflows planen. Beide Begriffe dienen im Essay als Beschreibung technologischer Entwicklungen innerhalb eines Fachs.
Welche Debatten die Preisfrage aufwarf
Die prämierten Essays laut Aussendung bündeln mehrere Diskussionslinien: die Verschiebung wissenschaftlicher Arbeit durch prädiktive KI-Modelle, Fragen nach Validierung und Nachvollziehbarkeit, Bedenken gegenüber einer rein datengetriebenen Mustererkennung sowie institutionelle Fragen wie Transparenz der Modelle und Kontrolle über KI-Infrastruktur. Einige Autorenn, so die Aussendung, plädieren für stärkeres Augenmerk auf Modelltransparenz und wissenschaftliche Souveränität.
Gleichzeitig zeigt der Gewinnertext laut ÖAW-Aussendung, dass Autoren offenlegen können, wie sie KI-Tools in Recherche und Entwurf genutzt haben, und dass in diesem Fall alle Aussagen von den Forschern auf Richtigkeit und Quellen belegt wurden. Damit rücke die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine als konkreter Arbeitsmodus in den Mittelpunkt der Debatte.
FAQ zur Preisfrage und den prämierten Beiträgen
Wie lautete die Frage der Preisfrage?
Die Fragestellung laut Aussendung war: „Wie verändert Künstliche Intelligenz Ihr wissenschaftliches Fach?“. Forschern aus allen Disziplinen war demnach die Teilnahme per Essay offen.
Wie viele Einreichungen gab es?
Die ÖAW berichtet von 170 Einreichungen für die Preisfrage 2026. Diese Zahl nennt die Aussendung als Indiz für hohe Resonanz.
Wer erhielt die Preise und wie hoch waren die Preisgelder?
Den ersten Platz belegten Christian C. Gruber und Mario Müller und erhielten 8.000 Euro. Den zweiten Platz belegte Zsófia Turóczy mit 6.000 Euro. Die dritten Plätze gingen ex aequo an Christoph Gleich und Claudius Krause; beide erhielten jeweils 1.000 Euro.
Wurden KI-Tools bei der Erstellung der Essays eingesetzt?
Laut Aussendung legten die Gewinner Gruber und Müller offen, dass sie mehrere KI-Modelle zur Recherche und für einen ersten Textentwurf genutzt haben. Die Autoren betonten demnach, jede einzelne Aussage auf Richtigkeit und Quellenbelege geprüft zu haben; Konzeption, Thesen und Literaturangaben stammen laut Text von den Autoren selbst.
Wie setzte sich die Jury zusammen?
Die Jury war nach Angaben der ÖAW interdisziplinär zusammengesetzt und bestand aus Forschern, Wissenschaftsjournalisten sowie Mitgliedern des ÖAW-Präsidiums. Die Bewertungen erfolgten auf Basis anonymisierter Einreichungen.
Wo finde ich Fotos der Preisträger?
Pressefotos der Preisträger stellt die ÖAW laut Aussendung auf ihrer Website zur Verfügung; die Aussendung verweist auf die entsprechende Seite auf oeaw.ac.at.
Quellen und Kontakt
Quelle: Aussendung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Pressefotos und weitere Informationen finden sich auf der Website der ÖAW: www.oeaw.ac.at
Kontakt laut Aussendung:
Phuong Duong, Öffentlichkeit & Kommunikation, Österreichische Akademie der Wissenschaften
+43 1 51581-1335
E-Mail: phuong.duong [at] oeaw.ac.at
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