Umfassende Reform soll Kosten senken und Verfahren vereinfachen
Die modernste Bauordnung Österreichs tritt am 1. März 2026 in Niederösterreich in Kraft und verspricht einfachere Verfahren und günstigeres Bauen.
Niederösterreich erhält ab 1. März 2026 eine vollständig überarbeitete Bauordnung, die das Bauen und Sanieren im Bundesland revolutionieren soll. Die umfassende Novelle der Niederösterreichischen Bauordnung 2014 zielt darauf ab, Bauverfahren zu vereinfachen, mehr Rechtssicherheit zu schaffen und die Entwicklung von Wohn- und Gewerbebauten zu erleichtern.
"Unser Ziel war es, dass Bauen und Sanieren einfacher und vor allem günstiger werden", erklärt Christiane Teschl-Hofmeister, Landesobfrau des Niederösterreichischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbundes (NÖAAB). Die zusätzlichen Kosten durch Bauauflagen würden das Bauen und somit die Miet- und Eigentumskosten für Bewohner erheblich beeinflussen.
Die Reform, die auch als "Sanierungsvereinfachungsgesetz" bezeichnet wird, soll nach Angaben der Verantwortlichen die modernste Bauordnung aller neun Bundesländer schaffen. Gleichzeitig wird erwartet, dass die neue Umbauordnung Ortskerne stärkt und den Flächenverbrauch reduziert.
Martin Schuster, Obmann der NÖ Bau- und Siedlungsgenossenschaft (NBG), hebt besonders eine Neuerung hervor: "Für uns als Wohnbauträger ist vor allem jene Änderung von Bedeutung, dass das geringfügige Überbauen der Gebäudehöhe erlaubt wurde, um mehr Flexibilität zu ermöglichen." Dadurch könnten verbaute Flächen besser ausgenutzt und zusätzlicher Bodenverbrauch verhindert werden.
Diese Flexibilisierung ist besonders vor dem Hintergrund der angespannten Wohnungsmarktsituation in Österreich von Bedeutung. Wohnbauträger erhalten durch die neuen Regelungen mehr Spielraum bei der effizienten Nutzung bereits erschlossener Flächen.
Eine der weitreichendsten Änderungen betrifft das Bewilligungsverfahren selbst. Das bisherige Anzeigeverfahren wird vollständig abgeschafft. Stattdessen gelten künftig verbindliche Bescheide, die Planungs- und Bauprozesse transparenter und vorhersehbarer gestalten sollen.
Diese Änderung bringt mehr Rechtssicherheit für Bauherren, Planer und ausführende Unternehmen. Verbindliche Bescheide reduzieren das Risiko von nachträglichen Änderungen oder Auflagen, die oft zu Verzögerungen und Kostensteigerungen führen.
Besonders für die Sanierung und Erweiterung bestehender Gebäude bringt die neue Bauordnung erhebliche Vereinfachungen. Vertikale Zubauten oder Nutzungsänderungen bei Gebäuden, die vor dem 1. Februar 2015 genehmigt wurden, sind von bestimmten technischen Anforderungen ausgenommen.
Diese Regelung ist besonders relevant für die Revitalisierung von Ortskernen und älteren Gebäudebeständen. Eigentümer können ihre Immobilien leichter an moderne Nutzungsanforderungen anpassen, ohne dabei von neuen technischen Standards eingeholt zu werden, die bei der ursprünglichen Errichtung noch nicht galten.
Die Reform umfasst auch eine Lockerung verschiedener Bauvorschriften. Änderungen betreffen unter anderem Bauabstände, Flachdachregelungen und Stellplatzpflichten. Diese Anpassungen sollen flexiblere Nutzungsmöglichkeiten schaffen und innovative Baukonzepte ermöglichen.
Besonders die Neuerungen bei Stellplatzpflichten könnten in urbanen Gebieten zu kostengünstigerem Wohnbau beitragen. Weniger strenge Anforderungen bei der Schaffung von Parkplätzen können die Baukosten pro Wohneinheit deutlich reduzieren.
Die neue Bauordnung kommt zu einem Zeitpunkt, in dem leistbares Wohnen eine der größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen darstellt. Durch die Vereinfachungen und Kostensenkungen sollen mehr Wohnbauprojekte realisiert werden können, was letztendlich zu einem größeren Angebot und stabileren Preisen führen könnte.
Experten erwarten, dass besonders die Erleichterungen bei Bestandsgebäuden zu einer verstärkten Sanierungstätigkeit führen werden. Dies könnte sowohl dem Klimaschutz als auch der Ortskernbelebung zugutekommen.
Ein wichtiger Aspekt der Reform ist die Förderung einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Durch die Erleichterungen bei der Nachverdichtung und Aufstockung bestehender Gebäude soll der Flächenverbrauch reduziert werden. Dies entspricht den Zielen der österreichischen Raumordnungspolitik, die eine Begrenzung der Bodenversiegelung anstrebt.
Gleichzeitig sollen die Maßnahmen zur Stärkung der Ortskerne dazu beitragen, die Zersiedelung der Landschaft zu begrenzen und bestehende Infrastruktur effizienter zu nutzen.
Trotz der positiven Erwartungen gibt es auch Herausforderungen bei der Umsetzung der neuen Bauordnung. Bauämter und Sachverständige müssen sich auf die neuen Verfahren einstellen, was eine entsprechende Schulung und Vorbereitung erfordert.
Auch für Planer, Architekten und Bauunternehmen bedeutet die Reform eine Anpassung ihrer Arbeitsweise. Die neuen Möglichkeiten müssen erst in der Praxis erprobt werden, um ihr volles Potenzial zu entfalten.
Die niederösterreichische Bauordnungsnovelle könnte Vorbildwirkung für andere Bundesländer haben. Wenn sich die erhofften Effekte einstellen, ist zu erwarten, dass auch andere Länder ähnliche Vereinfachungen vornehmen werden.
Die Bewertung als "modernste Bauordnung Österreichs" ist ein ehrgeiziger Anspruch, der sich erst in der praktischen Anwendung bewähren muss. Die Kombination aus Vereinfachung, Kostensenkung und nachhaltiger Entwicklung stellt jedoch einen vielversprechenden Ansatz dar.
Bis zum Inkrafttreten am 1. März 2026 haben alle Beteiligten noch ausreichend Zeit, sich auf die neuen Regelungen vorzubereiten. Bauvorhaben, die bis zu diesem Zeitpunkt bereits in Planung sind, können möglicherweise noch von den neuen Bestimmungen profitieren.
Die Landesregierung plant weitere Informationsveranstaltungen und Schulungen, um eine reibungslose Umsetzung der neuen Bauordnung zu gewährleisten. Dabei sollen insbesondere kleinere Gemeinden und deren Bauämter unterstützt werden.
Die neue Bauordnung stellt einen wichtigen Schritt in Richtung effizienteres und kostengünstigeres Bauen dar. Ob sie tatsächlich zu den erhofften Verbesserungen führt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Weichen für eine moderne und flexible Baupolitik in Niederösterreich sind jedenfalls gestellt.