Heftige Turbulenzen erschüttern den renommierten KHM-Museumsverband: Nach öffentlichen Mobbing-Vorwürfen der Direktorin von Schloss Ambras Innsbruck, Veronika Sandbichler, sieht sich Österreichs gr...
Heftige Turbulenzen erschüttern den renommierten KHM-Museumsverband: Nach öffentlichen Mobbing-Vorwürfen der Direktorin von Schloss Ambras Innsbruck, Veronika Sandbichler, sieht sich Österreichs größter Museumsverband zu einer außergewöhnlichen Pressekonferenz gedrängt. Generaldirektor Jonathan Fine weist die Anschuldigungen entschieden zurück und spricht von "befremdlichen" Vorwürfen, die erst nach gescheiterten Vergleichsverhandlungen öffentlich wurden.
Die Kontroverse nahm ihren Ausgang in einem Fernsehbericht der "ZiB 2", der eine Lawine von Medienanfragen auslöste. "Wir haben Sie heute eingeladen, weil es nach dem gestrigen Bericht zahlreiche Anfragen gab und wir diesen nun Rede und Antwort stehen wollen", erklärte Generaldirektor Jonathan Fine zu Beginn der hastily einberufenen Pressekonferenz in Wien. Eine solche defensive Reaktion ist für den normalerweise zurückhaltenden Museumsverband höchst ungewöhnlich.
Besonders pikant: Laut Fine hatte Sandbichler Ende Jänner selbst um eine einvernehmliche Auflösung ihres Dienstverhältnisses gebeten. Noch Ende Februar sollen Vergleichsverhandlungen zwischen den jeweiligen Anwälten stattgefunden haben. "Umso befremdlicher ist es, dass nun öffentlich Mobbingvorwürfe erhoben werden und uns ein sogenanntes 'toxisches Arbeitsklima' unterstellt wird", so Fine wörtlich.
Mobbing am Arbeitsplatz ist in Österreich ein ernst zu nehmendes arbeitsrechtliches Problem, das sowohl zivilrechtliche als auch strafrechtliche Konsequenzen haben kann. Unter Mobbing versteht man systematische, über einen längeren Zeitraum andauernde feindselige Handlungen gegen eine Person am Arbeitsplatz. Diese können von sozialer Isolation über Verweigerung notwendiger Informationen bis hin zu gezielter Schikane reichen. Das Gleichbehandlungsgesetz schützt Arbeitnehmer vor Belästigung und Diskriminierung, während das Arbeitnehmerschutzgesetz die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers definiert. Bei nachgewiesenem Mobbing können Betroffene Schadenersatz, Schmerzensgeld und sogar die vorzeitige Auflösung des Arbeitsverhältnisses geltend machen.
Schloss Ambras Innsbruck, wo Veronika Sandbichler als Direktorin tätig war, gilt als eines der bedeutendsten Renaissanceschlösser Österreichs. Das im 16. Jahrhundert von Erzherzog Ferdinand II. errichtete Schloss beherbergt weltberühmte Kunstsammlungen, darunter die Porträtgalerie, die Rüstkammer und die berühmte Kunst- und Wunderkammer. Als Teil des KHM-Museumsverbands zieht Schloss Ambras jährlich hunderttausende Besucher an und trägt wesentlich zur touristischen Attraktivität Tirols bei. Die Position der Direktion ist daher nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich von enormer Bedeutung für die Region.
Der KHM-Museumsverband, zu dem neben dem Kunsthistorischen Museum Wien auch das Naturhistorische Museum, die Kaiserliche Schatzkammer, das Weltmuseum Wien, das Theatermuseum und eben Schloss Ambras gehören, befindet sich in einer paradoxen Situation. Einerseits verweist der Verband auf "sehr erfolgreiches Fundament" mit steigenden Besucherzahlen und positiver internationaler Resonanz. Die Zahlen geben ihm recht: 2023 verzeichnete der KHM-Verband insgesamt über 1,5 Millionen Besucher, ein deutlicher Anstieg gegenüber den Corona-Jahren.
Andererseits kämpft die Institution wie viele österreichische Kultureinrichtungen mit "erheblichem Spardruck der öffentlichen Hand". Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer Konsolidierungsbemühungen auch den Kulturbereich nicht verschont. Für 2024 wurden die Budgets mehrerer Kulturinstitutionen gekürzt, was zu organisatorischen Umstrukturierungen und Personalentscheidungen führt. Diese Entwicklung erklärt möglicherweise die angespannte Atmosphäre, die zu den aktuellen Vorwürfen geführt hat.
Die Situation des KHM-Verbands spiegelt eine breitere Problematik in der österreichischen Museumslandschaft wider. Während die großen Wiener Häuser noch relativ stabil dastehen, kämpfen kleinere Institutionen und Außenstellen mit Finanzierungsengpässen. Im Vergleich zu Deutschland, wo die Kulturfinanzierung stärker föderalisiert ist, sind österreichische Bundesmuseen direkter von politischen Entscheidungen betroffen. Die Schweiz hingegen setzt verstärkt auf private Mäzenate und Stiftungen, was den Institutionen mehr Unabhängigkeit verschafft.
Besonders scharf kritisierte Fine die Methodik der Vorwürfe. Der Anwalt von Sandbichler hatte angeblich weitere betroffene Mitarbeiter ins Spiel gebracht, ohne jedoch konkrete Namen oder Fälle zu nennen. "An uns ist niemand konkret herangetreten – weder direkt noch über den Betriebsrat oder über die Gleichbehandlungsbeauftragte oder unsere Whistleblower-Hotline", stellte Fine klar. Diese Aussage ist durchaus bemerkenswert, da moderne Organisationen wie der KHM-Verband über mehrere Kanäle für Beschwerden verfügen.
Die Whistleblower-Hotline beispielsweise ist ein relativ neues Instrument, das nach EU-Richtlinien auch in österreichischen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen implementiert wurde. Sie soll Mitarbeitern ermöglichen, Missstände anonym zu melden, ohne Vergeltungsmaßnahmen befürchten zu müssen. Gleichbehandlungsbeauftragte sind in größeren Organisationen gesetzlich vorgeschrieben und dienen als erste Anlaufstelle bei Diskriminierungs- oder Mobbingvorwürfen.
Betriebsräte spielen in österreichischen Unternehmen eine zentrale Rolle beim Arbeitnehmerschutz. Sie haben das Recht und die Pflicht, bei arbeitsrechtlichen Problemen zu vermitteln und ihre Kollegen zu unterstützen. Dass laut Fine auch über den Betriebsrat keine entsprechenden Beschwerden eingegangen sind, schwächt die Position der Beschuldigenden erheblich. Allerdings ist auch denkbar, dass Betroffene aus Angst vor Repressalien den offiziellen Weg scheuen – ein klassisches Dilemma in Mobbingfällen.
Einen bemerkenswert persönlichen Ton schlug Fine an, als er erklärte: "Es tut mir persönlich leid zu hören, dass es Frau Sandbichler gesundheitlich nicht gut geht. Das nehmen wir ernst." Diese Aussage deutet darauf hin, dass die Auseinandersetzung möglicherweise gesundheitliche Folgen für die ehemalige Schloss Ambras-Direktorin hatte. Arbeitsbedingte Erkrankungen, insbesondere psychische Belastungen, sind ein zunehmendes Problem in der modernen Arbeitswelt.
Gleichzeitig betonte Fine die Verpflichtung gegenüber "dem Publikum und den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern", die "hohe Qualität und internationale Wettbewerbsfähigkeit des KHM-Verbandes nicht nur zu sichern, sondern weiter auszubauen". Diese Formulierung macht den Spagat deutlich, den Kulturinstitutionen heute bewältigen müssen: Einerseits sollen sie als Arbeitgeber soziale Verantwortung übernehmen, andererseits müssen sie unter verschärften Bedingungen Exzellenz liefern.
Im internationalen Vergleich steht Österreich bei der Behandlung von Mobbing-Vorwürfen gut da. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind klar definiert, und es gibt etablierte Verfahren für Beschwerden. In Deutschland sind ähnliche Strukturen vorhanden, allerdings mit stärkerer Gewichtung der Länderebene. Die Schweiz setzt verstärkt auf Mediation und außergerichtliche Lösungen, was oft zu schnelleren und diskreteren Konfliktbeilegungen führt.
Besonders interessant ist der Vergleich mit britischen oder amerikanischen Museen, wo externe Beratungsunternehmen regelmäßig Arbeitsklima-Analysen durchführen. Diese proaktive Herangehensweise könnte auch für österreichische Institutionen ein Modell darstellen, um Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu lösen.
Die öffentliche Auseinandersetzung dürfte kurzfristig negative Auswirkungen auf das Image des KHM-Verbands haben. Studien zeigen, dass institutionelle Krisen das Vertrauen der Öffentlichkeit nachhaltig erschüttern können. Für Schloss Ambras, das stark vom Tourismus abhängt, könnte dies besonders problematisch werden. Internationale Besucher, die oft hohe Erwartungen an österreichische Kultureinrichtungen haben, könnten verunsichert reagieren.
Längerfristig könnte der Konflikt jedoch auch positive Effekte haben, wenn er zu einer verbesserten internen Kommunikation und professionelleren Konfliktlösung führt. Transparenz und proaktive Aufarbeitung von Problemen werden in der modernen Kulturvermittlung zunehmend geschätzt.
Die aktuelle Kontroverse zeigt exemplarisch die Herausforderungen auf, denen österreichische Kulturinstitutionen gegenüberstehen. Der Druck, bei reduzierten Budgets höchste Qualität zu liefern, führt unweigerlich zu Spannungen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an moderne Arbeitsplatzkultur kontinuierlich.
Experten fordern daher eine Professionalisierung des Personalmanagements in Kultureinrichtungen. Regelmäßige Mitarbeiterbefragungen, externe Supervision und präventive Konfliktberatung könnten helfen, ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden. Auch eine stärkere Vernetzung zwischen den Institutionen könnte zum Erfahrungsaustausch und zur Entwicklung von Best Practices beitragen.
Der KHM-Verband steht nun vor der Aufgabe, das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen und gleichzeitig interne Strukturen zu überprüfen. Wie diese Gratwanderung gelingt, wird nicht nur für die Beteiligten, sondern für die gesamte österreichische Kulturlandschaft von Bedeutung sein. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob eine sachliche Aufarbeitung möglich ist oder ob sich der Konflikt weiter verschärft.