Zwölfteilige Sendereihe "Lob des Alltags" erkundet ab 2. Jänner die Schönheit des Unscheinbaren
Schriftsteller Karl-Markus Gauß präsentiert ab Jänner monatlich literarische Texte, die dem oft geschmähten Alltag seinen verdienten Platz zurückgeben.
Der Alltag genießt keinen guten Ruf. Er gilt als das, was uns vom "eigentlichen Leben" abhält – von der Freiheit, vom Fest, von den besonderen Momenten. Wir warten auf den Feierabend, aufs Wochenende, auf den Urlaub, auf die Pension. Doch was, wenn genau in diesen scheinbar belanglosen Stunden der wahre Reichtum unseres Daseins verborgen liegt? Der renommierte österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß wagt mit einer neuen Ö1-Sendereihe einen Perspektivenwechsel.
Ab dem 2. Jänner 2025 startet im Rahmen des "Ö1 Essay" eine zwölfteilige Reihe unter dem Titel "Lob des Alltags". Jeweils am ersten Freitag jeden Monats um 11.05 Uhr präsentiert Karl-Markus Gauß einen von ihm ausgewählten literarischen Text und versieht diesen mit seinen persönlichen Kommentaren und Einordnungen. Die Reihe erstreckt sich somit über das gesamte Jahr 2025 und bietet Hörerinnen und Hörern monatlich die Gelegenheit, innezuhalten und das vermeintlich Gewöhnliche mit neuen Augen zu betrachten.
Das Konzept ist so einfach wie bestechend: Gauß hat Texte von Schriftstellerkolleginnen und -kollegen zusammengetragen, die sich auf unterschiedliche Weise dem Alltäglichen widmen. Dabei geht es nicht um eine romantische Verklärung des Banalen, sondern um eine aufmerksame, literarisch geschulte Wahrnehmung dessen, was uns täglich umgibt.
"Die Welt alle Tage neu zu entdecken, die Schönheit des Unscheinbaren zu fassen und die Würde des wenig Beachteten zu erfahren" – so beschreibt Karl-Markus Gauß selbst das Anliegen seiner kuratierten Textsammlung. Es ist ein Programm, das gegen die Entwertung des Gewöhnlichen anschreibt und zugleich eine Einladung zur geschärften Aufmerksamkeit darstellt.
Denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Alltag nimmt den überwiegenden Teil unserer Lebenszeit ein. Die besonderen Momente – Feste, Reisen, außergewöhnliche Erlebnisse – mögen in der Erinnerung hervorstechen, doch quantitativ bilden sie nur einen Bruchteil unserer Existenz. Wer den Alltag geringschätzt, entwertet damit einen Großteil des eigenen Lebens.
Die Premiere der Reihe am 2. Jänner widmet sich dem Text "Grenzland Zwischenland" von Ilse Helbich. Die 2023 im Alter von 100 Jahren verstorbene österreichische Autorin war bekannt für ihre präzisen, oft autobiografisch gefärbten Erkundungen des Lebens. Ihr spätes literarisches Debüt – sie veröffentlichte ihr erstes Buch erst mit über 80 Jahren – machte sie zu einer der bemerkenswertesten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur.
Mit "Grenzland Zwischenland" hat Gauß einen Text gewählt, der exemplarisch für das Anliegen der gesamten Reihe steht: Helbichs Erkundungen bewegen sich in jenen Zwischenräumen, die wir im hastigen Durcheilen des Alltags meist übersehen. Es sind literarische Momentaufnahmen, die das scheinbar Nebensächliche ins Zentrum rücken.
Die Wahl von Karl-Markus Gauß als Kurator dieser Reihe ist kein Zufall. Der 1954 in Salzburg geborene Schriftsteller, Essayist und Herausgeber hat sich zeitlebens dem Übersehenen, den Rändern und Randständigen gewidmet. Seine Bücher über die kleinen Völker Europas, über vergessene Minderheiten und vernachlässigte Regionen haben ihm internationales Ansehen eingebracht.
Gauß erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik, den Bruno-Kreisky-Preis und den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Seine essayistische Methode – genau hinzuschauen, wo andere wegschauen, das Besondere im Alltäglichen zu entdecken – prädestiniert ihn geradezu für ein Projekt wie "Lob des Alltags".
Was Gauß in seinen eigenen Werken praktiziert, sucht er nun in den Texten anderer: jene Kunst der Aufmerksamkeit, die das Unscheinbare nicht übersieht, sondern ihm Raum gibt. Es ist eine literarische Haltung, die sich gegen die Beschleunigung und Sensationsgier unserer Zeit stemmt. Nicht das Spektakuläre steht im Mittelpunkt, sondern das Naheliegende – allerdings gesehen mit geschärftem Blick.
Diese Perspektive hat eine lange literarische Tradition. Von den japanischen Haiku-Meistern über die europäischen Flaneure des 19. Jahrhunderts bis zu zeitgenössischen Autorinnen und Autoren: Die Würdigung des Alltäglichen durchzieht die Literaturgeschichte wie ein roter Faden. Gauß knüpft mit seiner Auswahl an diese Tradition an und macht sie für ein heutiges Radiopublikum zugänglich.
Das Sendeformat "Ö1 Essay" bietet den idealen Rahmen für dieses Unterfangen. Der Essay als literarische Form zeichnet sich durch seine Offenheit aus: Er erlaubt Abschweifungen, persönliche Einschübe und überraschende Verbindungen. Anders als wissenschaftliche Abhandlungen muss der Essay nicht beweisen, sondern darf ausprobieren, darf fragen und staunen.
Diese Offenheit nutzt Gauß, indem er die ausgewählten Texte nicht bloß präsentiert, sondern kommentiert. Seine Einordnungen schaffen Kontexte, ziehen Verbindungslinien und laden die Hörerschaft ein, eigene Assoziationen zu entwickeln. So entsteht ein Dialog zwischen den Originaltexten, dem Kurator und dem Publikum – eine Form der literarischen Vermittlung, die dem Medium Radio besonders gut steht.
Die gesellschaftliche Relevanz des Projekts reicht über das Literarische hinaus. In einer Zeit, in der soziale Medien uns ständig mit Highlights aus dem Leben anderer konfrontieren, in der das Außergewöhnliche zur Norm erhoben wird und das Gewöhnliche als defizitär erscheint, setzt "Lob des Alltags" ein bewusstes Gegenzeichen.
Die permanente Konfrontation mit scheinbar aufregenden Erlebnissen anderer Menschen hat nachweislich Auswirkungen auf unsere Zufriedenheit. Psychologische Studien zeigen, dass die ständige Vergleichsspirale zu Unzufriedenheit und dem Gefühl führt, das eigene Leben sei irgendwie mangelhaft. Dabei ist es oft gerade der unspektakuläre Alltag, der Halt und Struktur bietet, der Beziehungen trägt und Sinn stiftet.
Die Frage nach dem Wert des Alltags hat auch philosophische Dimensionen. Denker wie Martin Heidegger haben sich mit der "Alltäglichkeit" beschäftigt – bei ihm allerdings meist in kritischer Absicht, als Zustand der Uneigentlichkeit. Andere Philosophen, etwa im Umfeld der Lebensphilosophie oder der Phänomenologie, haben dem Alltäglichen größere Wertschätzung entgegengebracht.
Karl-Markus Gauß' Ansatz ist weniger philosophisch-systematisch als literarisch-ästhetisch. Es geht ihm nicht um eine Theorie des Alltags, sondern um dessen konkrete Erfahrung, vermittelt durch Sprache und Literatur. Die ausgewählten Texte sollen nicht über den Alltag belehren, sondern ihn erfahrbar machen – in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, seiner Banalität und seiner versteckten Schönheit.
Mit zwölf Sendungen über das gesamte Jahr verteilt, lädt "Lob des Alltags" zu einem längerfristigen Projekt ein. Es ist keine schnell konsumierbare Serie, die man an einem Wochenende durchhört, sondern eine Einladung zur kontinuierlichen Auseinandersetzung. Monat für Monat ein neuer Text, eine neue Perspektive auf das Gewöhnliche – das erfordert und belohnt Geduld.
Diese Struktur spiegelt gewissermaßen das Thema: Auch der Alltag entfaltet seinen Reichtum nicht auf einen Schlag, sondern in der wiederholten, aufmerksamen Begegnung. Wer sich auf "Lob des Alltags" einlässt, trainiert vielleicht auch den eigenen Blick – nicht nur für literarische Texte, sondern für das eigene tägliche Leben.
Der "Ö1 Essay" ist jeweils freitags um 11.05 Uhr zu hören. Die Sendungen der Reihe "Lob des Alltags" werden am jeweils ersten Freitag des Monats ausgestrahlt, beginnend mit dem 2. Jänner 2025. Nach der Erstausstrahlung sind die Beiträge wie gewohnt über die Ö1-Mediathek nachhörbar.
Das vollständige Programm von Ö1 ist unter oe1.orf.at abrufbar. Dort finden sich auch weiterführende Informationen zu den einzelnen Sendungen sowie zu den vorgestellten Autorinnen und Autoren.
Mit Ilse Helbichs "Grenzland Zwischenland" hat Karl-Markus Gauß einen vielversprechenden Auftakt gewählt. Die weiteren elf Texte, die im Laufe des Jahres folgen werden, sind noch nicht bekanntgegeben. Diese Ungewissheit gehört zum Reiz des Projekts: Wie im Alltag selbst weiß man nicht genau, was kommt – aber man darf gespannt sein.
Für alle, die dem neuen Jahr mit einem geschärften Blick fürs Alltägliche begegnen möchten, bietet "Lob des Alltags" einen idealen Einstieg. Es ist eine Einladung, das vermeintlich Bekannte neu zu entdecken – und vielleicht festzustellen, dass das gewöhnliche Leben alles andere als gewöhnlich ist.