Bezirksparlament beschließt Ehrung für Holocaust-Retterin Anna-Maria Haas
Die Bezirksvertretung Hernals stimmt für die Umbenennung des nach einem Antisemiten benannten Platzes. Finale Entscheidung liegt beim Gemeinderat.
Die Bezirksvertretung Hernals hat in ihrer gestrigen Sitzung einen bedeutsamen Schritt in der Wiener Erinnerungskultur gesetzt. Mit den Stimmen von SPÖ, Grünen und NEOS wurde die Initiative zur Umbenennung des Leopold-Kunschak-Platzes in Anna-Maria-Haas-Platz beschlossen. Die finale Entscheidung liegt nun beim Wiener Gemeinderat.
Der Beschluss zur Umbenennung ist das Ergebnis einer längeren Auseinandersetzung mit der problematischen Vergangenheit Leopold Kunschaks. Der christlichsoziale Politiker war ein enger Parteigänger des umstrittenen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger und machte sich durch aggressive antisemitische Rhetorik einen Namen.
Kunschaks politische Aktivitäten umfassten konkrete Gesetzesinitiativen zur systematischen Entrechtung und Ausgrenzung jüdischer Menschen. Besonders gravierend waren seine Forderungen nach Internierung jüdischer Bürger in Lagern - ein Aspekt, der angesichts der späteren Entwicklungen im Nationalsozialismus besonders belastet wirkt. Selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Aufdeckung des Holocaust setzte Kunschak seine antisemitischen Äußerungen fort.
Im krassen Gegensatz zu Kunschak steht die neue Namensgeberin Anna-Maria Haas. Während des Zweiten Weltkriegs versteckte und versorgte sie unter großem persönlichen Risiko jüdische Familien und rettete ihnen damit das Leben. Für diese außergewöhnliche Zivilcourage wurde sie von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet.
Diese Ehrung wird nur an nichtjüdische Personen verliehen, die während des Holocaust ihr Leben riskierten, um Juden zu retten, ohne dabei finanzielle Vorteile zu erwarten. Anna-Maria Haas gehört damit zu einer besonderen Gruppe von Menschen, die in den dunkelsten Zeiten der Geschichte Menschlichkeit und Mut bewiesen haben.
Ein besonderer Bezug zu Hernals besteht durch die Tatsache, dass Anna-Maria Haas in diesem Wiener Bezirk ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Dies unterstreicht die lokale Verbindung und macht die Ehrung durch die Platzbenennung noch bedeutsamer.
Bemerkenswert an der Entscheidung ist die breite politische Unterstützung, die sie erfahren hat. Ursprünglich als NEOS-Initiative gestartet, fand der Vorschlag sowohl bei der SPÖ als auch bei den Grünen Zustimmung. Diese parteiübergreifende Einigkeit zeigt, dass Fragen der Erinnerungskultur und des Umgangs mit historischen Belastungen durchaus konsensfähig sein können.
NEOS-Klubvorsitzender Philipp Pichler betonte die Bedeutung dieser gemeinsamen Entscheidung: "Anna-Maria Haas, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens zahlreiche jüdische Menschen gerettet hat, soll künftig die Namensgeberin für den bislang nach einem Antisemiten benannten Platz sein - ein wichtiges Statement, das wir gemeinsam mit SPÖ und Grünen setzen."
Die geplante Umbenennung steht symbolisch für einen breiteren Wandel im Umgang mit der österreichischen Geschichte. Lange Zeit wurden problematische Aspekte der Vergangenheit verdrängt oder beschönigt. Die kritische Auseinandersetzung mit Persönlichkeiten wie Leopold Kunschak zeigt einen neuen, reflektierteren Umgang mit der eigenen Geschichte.
Gleichzeitig wird durch die Ehrung von Anna-Maria Haas ein positives Gegenbeispiel gesetzt. Statt nur problematische Benennungen zu entfernen, werden bewusst Persönlichkeiten gewählt, die für die Werte stehen, die heute als erstrebenswert gelten: Zivilcourage, Menschlichkeit und die Bereitschaft, für andere einzustehen.
Der Beschluss der Bezirksvertretung Hernals ist jedoch nur der erste Schritt im formalen Verfahren. Die endgültige Entscheidung über die Umbenennung liegt beim Wiener Gemeinderat, der über den Vorschlag abstimmen muss. Pichler zeigte sich optimistisch, dass auch dort die notwendige Unterstützung gefunden werden kann: "Jetzt gilt es, diesen Weg auch im Wiener Gemeinderat konsequent weiterzugehen."
Die geplante Umbenennung fügt sich in eine Reihe ähnlicher Initiativen in Wien ein, bei denen problematische Straßen- und Platznamen überdacht werden. Die österreichische Hauptstadt hat in den vergangenen Jahren verschiedene Schritte unternommen, um ihre Erinnerungskultur zu modernisieren und inklusiver zu gestalten.
Besonders bedeutsam ist dabei die Würdigung von Personen, die während der NS-Zeit Widerstand geleistet oder Verfolgten geholfen haben. Anna-Maria Haas reiht sich damit in eine Gruppe von "Stillen Helden" ein, die erst in den letzten Jahrzehnten die gebührende Anerkennung für ihre mutigen Taten erhalten haben.
Für die Bewohner von Hernals bedeutet die geplante Umbenennung eine konkrete Veränderung in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Der Leopold-Kunschak-Platz ist ein zentraler Ort im Bezirk, und die neue Benennung wird täglich sichtbar sein. Dies kann als Anstoß für weitere Diskussionen über Geschichte und Erinnerung dienen.
Die Initiative zeigt auch, wie lokale Politik konkrete Beiträge zu gesellschaftlichen Diskussionen leisten kann. Was auf Bezirksebene beginnt, kann durchaus Auswirkungen auf die gesamtstädtische und sogar nationale Debatte über den Umgang mit der Vergangenheit haben.
Der Fall der geplanten Umbenennung des Leopold-Kunschak-Platzes steht exemplarisch für den Wandel in der österreichischen Erinnerungskultur. Die kritische Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten der Vergangenheit, gepaart mit der Würdigung positiver Vorbilder, zeigt einen reifen Umgang mit der eigenen Geschichte.
Wenn der Wiener Gemeinderat dem Vorschlag folgt, wird Anna-Maria Haas als Namensgeberin eines öffentlichen Platzes geehrt - eine späte, aber wichtige Anerkennung für eine Frau, die unter schwierigsten Umständen Menschlichkeit und Mut bewiesen hat. Gleichzeitig wird ein Zeichen gesetzt, dass antisemitische Positionen, auch wenn sie aus der Vergangenheit stammen, keinen Platz in der öffentlichen Ehrung haben.
Die parteiübergreifende Unterstützung für diese Initiative macht Hoffnung, dass ähnliche Projekte zur Modernisierung der Wiener Erinnerungskultur auch in Zukunft möglich sein werden. Sie zeigt, dass trotz politischer Unterschiede ein Konsens über grundlegende Werte wie die Ablehnung von Antisemitismus und die Wertschätzung von Zivilcourage möglich ist.