ÖGB erteilt Streikfreigabe nach ergebnislosen Verhandlungen
Nach sechs erfolglosen Verhandlungsrunden drohen erstmals österreichweite Warnstreiks in der IT-Branche. 90.000 Beschäftigte kämpfen um faire Gehälter.
Die österreichische IT-Branche steht vor einem historischen Moment: Erstmals in der Geschichte des Sektors werden zwischen 3. und 4. März österreichweite Warnstreiks stattfinden. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) hat der Gewerkschaft GPA die entsprechende Streikfreigabe erteilt, nachdem die sechste Verhandlungsrunde am 18. Februar erneut ohne Ergebnis endete.
Von den geplanten Arbeitskampfmaßnahmen sind rund 90.000 Angestellte der IT-Branche betroffen. Die Gewerkschaft GPA sieht sich nach monatelangen erfolglosen Verhandlungen zu diesem drastischen Schritt gedrängt. "Wir stehen hinter den Kolleginnen und Kollegen der IT-Branche, die seit Monaten für eine faire Anerkennung ihrer Arbeit kämpfen", erklärt Mario Ferrari, Bundesgeschäftsführer der Gewerkschaft GPA.
Die Entscheidung für Warnstreiks kommt nicht überraschend, da die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern seit Monaten festgefahren sind. Die IT-Beschäftigten warten bereits seit längerer Zeit auf einen neuen Kollektivvertrag, der ihre Gehaltsstrukturen regelt und an die aktuellen Marktgegebenheiten anpasst.
Das aktuelle Angebot der Arbeitgeberseite sieht eine Erhöhung von lediglich 2,5 Prozent für die Mindestgehälter sowie 2,0 Prozent für die IST-Gehaltssumme vor. Aus Sicht der Gewerkschaft GPA ist diese Offerte bei weitem nicht ausreichend, um den gestiegenen Lebenshaltungskosten und der hohen Nachfrage nach IT-Fachkräften gerecht zu werden.
"Die Beschäftigten warten seit Monaten auf ihren Kollektivvertrag. Die Arbeitgeber müssen den Ernst der Lage endlich erkennen und ihre Vorstellung von einem möglichen Kompromiss deutlich nachbessern, damit eine vertretbare Lösung möglich wird", appelliert Sandra Steiner, Verhandlungsleiterin der Gewerkschaft GPA, an die Arbeitgeberseite.
Die IT-Branche hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Österreichs entwickelt. Mit rund 90.000 Beschäftigten trägt der Sektor maßgeblich zur Digitalisierung der heimischen Wirtschaft bei. Die Corona-Pandemie hat die Bedeutung der IT-Dienstleistungen zusätzlich verstärkt, da Unternehmen verstärkt auf digitale Lösungen setzen mussten.
Trotz dieser gestiegenen Bedeutung und der hohen Nachfrage nach qualifizierten IT-Fachkräften am Arbeitsmarkt sehen sich die Beschäftigten mit Gehaltsangeboten konfrontiert, die aus ihrer Sicht nicht der Marktlage entsprechen. Die Gewerkschaft argumentiert, dass die IT-Beschäftigten einen fairen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Unternehmen verdienen.
Sandra Steiner betont, dass die Gewerkschaft den Arbeitgebern immer wieder Chancen für faire Verhandlungen eingeräumt habe: "Wir haben den Arbeitgebern immer wieder Chancen eingeräumt, um faire Verhandlungen zu ermöglichen. Doch auch unsere Geduld hat Grenzen." Die Rückmeldungen aus den Betrieben hätten eindeutig gezeigt, dass die Beschäftigten bereit seien, den nächsten Schritt zu setzen.
Die Gewerkschaftsvertreterin kündigt an, gemeinsam mit den Beschäftigten dafür zu kämpfen, dass endlich eine vertretbare Lösung am Verhandlungstisch erreicht wird. Die Solidarität innerhalb der IT-Branche scheint hoch zu sein, was die Erfolgsaussichten der geplanten Warnstreiks erhöhen könnte.
Die angekündigten Warnstreiks könnten erhebliche Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft haben. Viele Unternehmen sind mittlerweile stark von IT-Dienstleistungen abhängig, und Arbeitsniederlegungen in diesem Bereich könnten zu spürbaren Betriebsstörungen führen. Besonders betroffen könnten Bereiche wie E-Commerce, Online-Banking, digitale Verwaltungsdienstleistungen und die allgemeine IT-Infrastruktur von Unternehmen sein.
Die Warnstreiks sind zeitlich begrenzt und dienen primär dazu, den Druck auf die Arbeitgeberseite zu erhöhen. Sollten jedoch auch nach den Streikmaßnahmen keine Fortschritte bei den Verhandlungen erzielt werden, sind weitere Eskalationsstufen nicht ausgeschlossen.
Trotz der angespannten Situation wurde bereits ein neuer Verhandlungstermin für den 10. März vereinbart. Dieser Termin liegt eine Woche nach den geplanten Warnstreiks und könnte entscheidend für die weitere Entwicklung des Konflikts sein. Die Gewerkschaft hofft, dass die Streikmaßnahmen die Arbeitgeber dazu bewegen werden, mit einem verbesserten Angebot an den Verhandlungstisch zu kommen.
Die Terminierung zeigt, dass beide Seiten trotz des Konflikts weiterhin an einer Lösung interessiert sind. Die Frage wird sein, ob die Warnstreiks ausreichen, um die festgefahrenen Positionen aufzuweichen und einen Kompromiss zu ermöglichen.
Die für Anfang März geplanten Warnstreiks haben historische Dimension, da es sich um die ersten österreichweiten Arbeitskampfmaßnahmen in der IT-Branche handelt. Dies unterstreicht sowohl die Bedeutung, die der Sektor mittlerweile für die österreichische Wirtschaft hat, als auch die Entschlossenheit der Beschäftigten, für ihre Rechte einzustehen.
Die IT-Branche galt lange Zeit als wenig gewerkschaftlich organisiert, doch die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass sich dies geändert hat. Die hohe Streikbereitschaft könnte auch andere Branchen ermutigen, ähnliche Schritte zu unternehmen, wenn sie sich unfair behandelt fühlen.
Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Warnstreiks den erhofften Effekt haben und zu einer Bewegung in den festgefahrenen Verhandlungen führen. Für die österreichische IT-Branche und ihre 90.000 Beschäftigten steht viel auf dem Spiel – nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch für die zukünftige Anerkennung ihrer wichtigen Rolle in der digitalen Transformation des Landes.